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Kultur : Gustav Mahler, der Fremde - Anmerkungen zum 100. Todestag

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"Die Musik ist eben nicht eine allgemeine überzeitliche Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt hat, sondern entspricht genau einem Gefühls-, Wärme- und Zeitmaß, welches eine ganz bestimmte einzelne, zeitlich und örtlich gebundene Kultur als inneres Gesetz in sich trägt. "

Friedrich Nietzsche; Menschliches, Allzumenschliches

Heute zu Gustav Mahlers 100. Todestag ist es wieder überall zu lesen. Wie modern und aktuell Mahler geblieben sei und wie nahe er uns doch stehe. Das ist alles ein riesen Missverständnis. Tatsächlich steht Mahler für eine Zeit und ein Lebensgefühl, das uns denkbar ferne gerückt ist.

Dabei ist nicht zu leugnen, dass Mahler in den Konzertsälen nach wie vor Hochkonjunktur hat, ja man könnte tatsächlich sagen, dass Mahler heute den Stellenwert einnimmt, den vor 50 Jahren noch Beethoven eingenommen hat. Die großen Sinfonieorchester und Dirigenten konstituieren und profilieren sich heute stärker über Mahler Zyklen als über Beethoven Zyklen.

Das mag verschiedene Gründe haben. Zum einen ist diese Musik für Dirigent und Orchester sehr dankbar. Man kann zeigen, was man kann. Es gibt spektakuläre Kulminationen und berückende Klangmagie. Überhaupt steht uns die Klanglichkeit des Mahlerschen Sinfonieorchester, die auch in der Filmmusik des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterlassen hat, viel näher als das inzwischen eher als spröde empfundene Klangbild Beethovens.

Doch das alleine kann es nicht sein. Worin durchaus eine Verbindung und Verwandtschaft unserer Zeit mit der sonst so fernen Zeit Mahlers besteht, ist das Gefühl einer hedonistischen Müdigkeit. Die grellen Effekte und die dick aufgetragene Klanglichkeit ist gerade Recht unseren müden und überreizten Sinnen noch etwas entgegenzusetzen. Dass die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts eine magere Zeit für die Mahler-Rezeption waren, hat sicher weniger mit den Folgen des Nazibannes zu tun, wie es meistens heißt, sondern damit, dass die Nüchternheit der Aufbaujahre sich wenig mit Mahler vertrug. Erst die 60er Jahre hatten wieder jenen Grad der Sättigung wiederhergestellt, der das rechte Klima für diese Musik ist.

Doch geht es mir darum, klar zu stellen, wie fern uns Mahler eigentlich steht. Vor allem das existenzielle Pathos Mahlers ist das einer fremden Welt. Eine Aufführung der 8. Sinfonie von Mahler ist ob des schieren Aufwands auch heute noch ein Event. Doch die Rezeptionshaltung ist heute ja eine völlig andere. Das heutige Publikum rezipiert das Stück eher als lxuriöse Ausstattungsorgie als als das, was es eigentlich gemeint ist. Ein pathetisches Gründungsmanifest einer Kunstreligion Niezscheanischer Prägung.

Der Bann der Nazis hat Gustav Mahler und Arnold Schönberg gegen jeden Verdacht einer Nähe zum Nazionalsozialismus impägniert, doch das täuscht oft darüber hinweg wie gefährlich nahe beide ideologisch der nationalkonservativen Bewegung in Deutschland waren. Der Naturkult Mahlers, den naive Kommentatoren gerne mit der heutigen Ökobewegung in Verbindung bringen, ist in Wahrheit viel näher am präkeren elitären Reinigungskult eines Zarathustra, von dem es widerum nicht weit ist zur rassisch gefärbten Naturkult der Nazis.

Überhaupt identifiziert sich Mahler stark mit Zarathustra und der Philosophie Nietzsches. Während Richard Strauss' Zarathustra eher die naive Größenwahnfantasie eines begabten Jugendlichen ist, adaptierte Mahler auch das Leidenspathos Nietzsches. Mahler sah sich selbst, ähnlich wie Nietzsche, als Christus Figur. Insbesondere in den Sinfonien 5 bis 7 wird die eigene Biographie zum Leidensweg eines Künstlerheroen stilisiert, der das Schicksal seiner Zeit auf sich nimmt. Nicht zufällig ist das dieselbe Formulierung, die auch Thomas Mann in Bezug auf den Helden seines Romans "Doktor Faustus" gebraucht. Mehr dazu hatte ich bereits in einem anderen Artikel zum 150. Geburtstag formuliert: community.zeit.de/user/thomasw70/beitrag/2010/07/07/flucht-nach-vorne-gedanken-zum-150-geburtstag-von-gustav-mahler

Diese zentralen Aspekte Mahlers werden, man muss eigentlich sagen Gott sei Dank, eigentlich überhaupt nicht mehr rezipiert. In gewisser Weise wird Mahler dadurch verharmlost und ästhetisch umgedeutet. Die pathetische Kunstreligion wird in einen freundlichen Pantheismus umgedeutet. Die heroische Selbststilisierung, das opferrituelle offensive Ausstellen der eigenen Zerissenheit in ein modernes Gefühl der Fragmentierung.

Missverständnisse und ästhetische Umdeutungen gehören zur Kunstgeschichte konstituierend dazu, auch die Bach Renaissance im 19. Jahrhundert war keine Rennaissance sonder eine Umdeutung und Neuformatierung. Insofern ist das, was mit Mahler passiert als sekundäres Phänomen auch ein normaler und natürlicher Prozess. Trotzdem ist der 100. Todestag doch noch mal eine Gelegenheit sich der Wurzeln zu erinnern, bevor die völlige Überwucherung beginnt.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.