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Politik : MELANCHOLIA

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Wir erinnern uns an Heideggers „Denkfigur“ des Anderen Anfangs (vgl. Band 65, Vom Ereignis). Ich verkürze: Im ersten Anfang entbarg sich das Sein als vielfältig Seiendes und in einem besonderen Seienden mit dem Namen Mensch. Dieser „erste Mensch“ staunte über das Seiende und vergaß in diesem Staunen das Sein, das sich im Seienden und als Dasein in ihm als Menschen gelichtet und entborgen hatte.

In dieser Seinsvergessenheit meinte der Mensch, sich als Bezugsmitte (subjektum) des Seienden als solchem entwerfen zu können. Dieser seinsvergessene Subjekt-Mensch schuf Kollektiv-Subjekte, Dispositive und Betriebe, die sich in immer riesenhafteren Kollektiv-Subjektivitäten (Staat, Nation, Klasse, Rasse) oder als „Weltdispositiv“ des Kapitalismus finalisierten; zuletzt im Internet als bis dato monströsestes, totalitäres Subjektivitäts-Dispositiv. Kein Mensch und keine Institution kann diese überkomplexen technischen Verhältnisse steuern und beherrschen; umgekehrt: Die technischen Verhältnisse beherrschen den Menschen. Der Subjekt-Mensch, der sich selbst als Bezugsmitte des Seienden sieht, wird paradoxerweise zum „An-gestellten“ und Anhängsel, zum Knecht und zur Magd der technischen Verhältnisse: Man hängt am und im Netz. Und mit Welt und Erde verüsten die technischen Verhältnisse auch den Menschen. Heideggers Hoffnung war: Im Untergang des ersten Anfangs wird sich die Erscheinung Gottes ereignen, und mit ihr wird sich der andere Anfang entfalten. Noch 1948 sagte Heidegger: „Meine Philosophie ist ein Warten auf Gott.“ Aber Gott kam nicht bis Freiburg im Breisgau.

1966, zehn Jahre vor seinem Tod, sprach Heidegger im Spiegel-Gespräch den verzweifelt-klingenden denkwürdigen Satz: „Nur noch ein Gott kann uns retten. Die einzige Möglichkeit einer Rettung sehe ich darin, im Denken und Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder für die Abwesenheit des Gottes im Untergang: dass wir nicht, grob gesagt, <verrecken>, sondern wenn wir untergehen, im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen.“ - Heidegger denkt 1966 zum ersten Mal die Möglichkeit eines Untergangs ohne rettendes Ereignis.

2011 zeigt uns Lars von Trier einen Untergang ohne rettendes Ereignis. Und dieses Ereignis hat einen Namen: Melancholia. Die Menschen bereiten im Film die Bereitschaft der Erwartung der Ankunft der Melancholia vor. Sie ist ein Planet, der für Menschen unsichtbar „hinter der Sonne(!)“ kreiste, um dann quer durch die Umlaufbahnen von Merkur und Venus direkt auf die Erde zuzuschweben, ein bestechend schöner und faszinierender Planet, der in seinem Herannahen den Menschen des Nachts am Himmel als zweiter Mond scheint. Melancholia fliegt nicht –wie von Wissenschafts-Menschen berechnet- knapp an der Erde vorbei. Während der Wissenschaftler-mensch seine Familie verlässt und sich feige tötet, bereitet sich die Restfamilie auf den Untergang vor. Die unvergeßliche Schlußszene (die ich nicht verrate) endet in großer Stille. Richard Wagners Prelude zum Musikdrama „Tristan und Isolde“, die Melancholias Ankommen begleitet, erstirbt. (Fundstelle: www.youtube.com/watch?v=fktwPGCR7Yw )Der Aufprall von Melancholia beendet alles Leben (das Sein „ist“ nicht mehr im Menschen da). Im Untergang entfaltet sich kein anderer Anfang!

Man wankt grundstürzend-erschüttert aus der Preview im Kino „Babylon“ (!) und denkt: Ein Untergang, in dem sich ein anderer Anfang verbirgt, braucht keinen Aufhalter (katéchon). Den Untergehenden geht es darum, den Untergang auszuhalten.

Aber durch „Melancholia“ ereignet sich die Ankunft des Seins als nichtendes Nichts. Und diese Ankunft kommt ebenso unaufhaltsam wie die Ankunft des ersten Anfangs. Kann es ein Seinsdenken geben ohne einen anderen Anfang? Kann es eine Seinspolitik geben ohne den Hoffnungshorizont eines anderen Anfangs?

Wenn ja, „weiß“ eine Seinspolitik nie, was sie gestaltet: Die Inobhutnahme des Seins im Unter-gang zum Ereignis des anderen Anfangs oder die Inobhutnahme des Seins während der unbekannten Zeitspanne bis zur Ankunft des nichtenden Ereignisses, dasswir nicht verrecken, sondern im Angesicht des abwesenden Seins untergehen. Seinsdenken könnte somit gleichursprünglich und ununterscheidbar beides vernehmen: das Da-Sein des Seins als Lichtung oder als Nichtung.

Der Abschied von Hoffnungshorizonten schmeckt bitter und schwärzt die Seele. Trostsuchend erinnert man sich der Worte des Byung-Chul Han: „Du sollst Dich nicht identifizieren mit irgendeiner Denkfigur!“ Ein hilfreicher Hinweis; doch der Abgrund bleibt offen und starrt einem an.

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Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.