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Berlin-Pankow, den 2.2.2012

Die „Menschheitsdämmerung“ wird künftig das Offene Seminar „Melancholie und Apokalypse“ begleiten. Zwei Vorteile:

- Wer in der Ferne wohnt, kann mitstudieren und mitdiskutieren.

- Wer später hinzukommt, kann das bislang Erdachte und Diskutierte nachlesen und seine Kenntnisse auf den neuesten Stand bringen.

Ständiges Inhaltsverzeichnis der „Menschheitsdämmerung“:

1 - Bericht vom Offenen Seminar

2 - Möglichkeit einer Debatte zwischen den 14täglichen Terminen

3 - Ereignisse und Veröffentlichungen zum Themenkreis Melancholie und Apokalypse

4 – Apokalypse Now? Anzeichen des Untergangs und des Anderen Anfangs

5 – Nachdenken über eine Politik des Anderen Anfangs

Zu 1. „Bericht von der Auftaktveranstaltung am Mittwoch, den 1.2.2012:

„O sink hernieder, Nacht der Liebe,

gib Vergessen, dass ich lebe;

nimm mich auf in deinen Schoß,

löse von der Welt mich los!

So stürben wir, um ungetrennt –

ewig einig, ohne End’,

ohn’ Erwachen – ohn’ Erbangen –

namenlos in Lieb’ umfangen,

ganz uns selbst gegeben,

der Liebe nur zu leben!

Ohne Nennen, ohne Trennen,

neu Erkennen, neu Entbrennen;

ewig endlos, ein-bewusst:

heiß erglühter Brust

höchste Liebeslust!“

(In: Richard Wagner: Tristan und Isolde. Zweiter Aufzug)


Das Experiment „Melancholie und Apokalypse“ begann unter den erhebenden Klängen des Vorspiels zu Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Elf Minuten lang riss die Musik die Erduntergangsbilder aus unser aller Gedächtnis. Wir „sahen“ vor unseren „geistigen Augen“, wie sich der riesige Planet Melancholia dem Raum 293 näherte – zuerst als „zweiter Mond“, dann in gewaltiger, verstörend-betörender und faszinierender Monströsität. Und wie er dann die kleine Erde schluckte. Aus. Stille.

Und neben der Musik stand die beleuchtete Erde und ging nicht unter.

Eine Darstellung der Diskussion unseres ersten Treffens folgt in den nächsten Tagen.

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Vorausschau:

Das Offene Seminar wird nach der Auftaktveranstaltung vier Themenkreise durchschreiten:

2. Treffen, 15.2.2012: Erster Themenkreis: Die religiösen Apokalypsen:

Wir springen zurück in die Zeiten des Ursprungs der apokalyptischen Geschichtsdeutung, wo zum ersten Mal jener Gedanke gedacht wurde, der alles Sein in der Welt als allmähliche Umsetzung eines göttlichen Plans begriff. Es war der Prophet Zarathustra, der wohl zwischen 1.500 und 1200 v.u.Z. diesen „kulturrevolutionären“ Gedanken dachte, und der auch die letztendliche Erfüllung dieses Plans voraussagte, „eine herrliche Vollendung der Welt, bei der alle Dinge ein für allemal vollkommen werden sollten.“ (Cohn, 124)

Um aber die Bedeutung dieses fundamentalen Bruchs zu begreifen, müssen wir wenigstens eine der maßgeblichen altorientalischen Weltsichten kennenlernen: die ägyptische Weltsicht, die ab ca. 3.000 v.u.Z. um sich griff. Dazu kämen bei ausführlicher Betrachtung auch die mesopotamische (ab 3.000 v.u.Z.) und die Sicht der vedischen Inder (ab 2.000 v.u.Z.).

Das 3. Treffen am 29.2.2012 stellt den oben genannten zoroastrischen Bruch in den Mittelpunkt der Diskussion.

Ab dem vierten Treffen am 14.3.2012 wenden wir uns der Entfaltung der zoroastrischen Apokalyptik durch das jüdische und christliche Denken zu.

- Im Sommersemester 2012 geht esum den zweiten Themenkreis, um den langen Prozess der Verweltlichung der Apokalypsen bis hin zu den Höhepunkten der globalen Wirksamkeit apokalyptischer Realpolitik in den Weltanschauungen des Kommunismus, Nationalsozialismus und Amerikanismus.

- Dann folgt der dritte Themenkreis: Die Philosophie der Apokalypse. Zuvörderst befassen wir uns mit Martin Heideggers Denken von Untergang und Anderem Anfang. Dann mit Byung-Chul Han’s Denken des Untergangs der Leistungsgesellschaft in einer Müdigkeitsgesellschaft. Und schließlich lesen wir in Ulrich Horstmanns Schrift „Das Untier“. Horstmann ist insofern der philosophische Wegbereiter der „kupierten Apokalypse“, weil er die Befreiung der Erde vom Menschen als erlösenden Anderen Anfang denkt: „Der wahre Garten Eden – das ist die Öde. Das Ziel der Geschichte – das ist das verwitterte Ruinenfeld.“ (Horstmann, 8)

Im vierten Themenkreis befassen wir uns ausführlich mit der modernen und postmodernen Denkfigur der kupierten Apokalypse, und zwar anhand literarischer Texte und wichtiger Filme. Die einzelnen Filme und Texte werden wir noch festlegen.

U.U. befassen wir uns mit Marlen Haushofer: Die Wand; Corman McCarthy: Die Straße (auch als Film); Frank Schätzing: Der Schwarm u.v.m..

Als aktuelle Filme kämen zusätzlich zu „Melancholia“ von Lars von Trier in Frage: - "Hell" (2011) von Tim Fehlbaum; "The Road" (2009) von John Hillcoats; "4:44 Last Day on Earth" (2011) von Abel Ferrara; "Die kommenden Tage" von Lars Kraume; "Take Shelter - Ein Sturm zieht auf“ von Jeff Nichols (Empfehlung von Gisela)

Natürlich kann dieser Denkweg jederzeit abgeändert oder modifiziert werden.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, zum 2. Treffen am 15. Februar 2012 zu kommen. Ort: Seminargebäude der Humboldt-Universität, Invalidenstrasse 110/ Ecke Chausseestrasse (Eingang gegenüber U6-Bf Naturkundemuseum) - Raum 293 (ausgeschildert)

Kontakt: autonomes.seminar@t-online.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.