Berlin-Pankow, den 8.2.2012
Bericht vom Auftakt-Treffen des Offenen Seminars „Melancholie und Apokalypse“ am Mi, 1.2.2012
Liebe Mitlesenden und Interessierten,
die Leitfragen, die über dem gesamten Seminarverlauf stehen, lauten:
- Worin liegt die Faszinationskraft der Apokalypse – als weltverändernde Denkfigur und als Paradigma, als Bilderwelt und als Erzählung von Untergang und Anderem Anfang?
- Worin liegt das Geheimnis, das über Jahrtausende hinweg Abermillionen Menschen zu sozialrevolutionären Bewegungen ermutigen konnte? Was sagt dieses Paradigma der Erlösung aus, dass Abermillionen hierfür sich aufopferten, Folter, Leiden und Verletzungen ertrugen, ja sogar in den sicheren Tod gingen.
Und: Warum fasziniert (mich) in der Spät- oder gar Postmoderne die Denkfigur und Bilderwelt der „kupierten“ Apokalypse – also des Untergangs (scheinbar!) ohne anderen Anfang?
Würden wir heute in Berlin eine Meinungsumfrage machen, was die Befragten mit dem Begriff „Apokalypse“ assoziieren, dann käme in (mindestens) 95 von 100 Fällen heraus: Untergang, Chaos, das Ende der Geschichte. Aus und Vorbei mit allem. Und ApokalyptikerInnen würde man bestenfalls als „Pessimisten“ bezeichnen.
Soviele sich aber entsetzt abwenden würden, so wenige hörten fasziniert hin.
Und dennoch zeigt sich in der Deutung „Apokalypse = Untergang“ nicht nur die halbe Wahrheit; sie ist schlichtweg falsch – grob falsch sogar: Apokalypse bezeichnet nämlich seit 3.500 Jahren exakt das Gegenteil:
Den Untergang der alten unvollkommenen und den Anfang einer vollkommenen Welt - in alle Ewigkeit! Amen (= So sei es, und so ist es)
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Im ersten Treffen ging es darum, eine vorläufige Bestimmung dessen zu erarbeiten, was „Apokalypse“ bedeutet, und zwar zuvörderst in seiner einfachen, schlichten Form.
Diese einfache Apokalypse wird durch die jüdische und vor allem durch die christliche Apokalypse zu einer komplexen Geschichtsschau des zukünftigen Gangs der Erlösung verzweigt. Erst diese komplexen Apokalypsen werden zu den geschichtsmächtigen Paradigmen, die Welt und Erde umgestalten konnten. Davon später mehr.
Die einfache, schlichte vollständige Apokalypse besteht aus vier Strukturmerkmalen:
(1) Ursprung und erster Anfang – Beginn der Zeit und damit der Menschheitsgeschichte.
(2) Die Alte Zeit als verfehlte Schöpfung und schlechte Welt.
(3) Zwischenzeit – Auftreten des Propheten, der den Untergang der alten und den Aufgang der Neuen Zeit verkündet.
4) Zweiter, anderer Anfang, die Neue Zeit als vollkommene Schöpfung, die ewig dauert. Ende der Geschichte und der Zeit.
Alle Apokalypsen sprechen vom Geschichtsverlauf der Welt als Ganzes, in der die Völker und die Menschen in ihrer Vielzahl ihre Rollen spielen. Die alte Welt geht als Ganzes unter. Der Andere Anfang begründet eine Welt als Ganzes. Es gibt keine individuellen Apokalypsen, die vom Untergang und Anderen Anfang eines Individuums sprechen. Das Individuum erscheint zwar in den Apokalypsen, kann aber nur eingebettet in das Kollektiv eines Volkes oder „der Gerechten“ erlöst werden.
Die Faszinationskraft auch dieser schlichten vierteiligen Form liegt darin begründet,
- dass sie eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Sinn je-meines Daseins in der Welt: Warum lebe ich? Woraufhin lebe ich? Warum sterbe ich?
- zweitens wird der Sinn der Geschichte als Heil(ung)sgeschichte enthüllt - mit der Gewissheit der Erlösung von allen Übeln in alle Ewigkeit.
„Anschlussfähige“ Stimmungen
Betrachtet man die „Melancholie“ als Stimmung, die das Wesen einer Epoche im Ganzen ausdrückt, dann stellt sich die Frage, welche Stimmungen die vier Abschnitte von Ursprung, Untergang, Zwischenzeit und Anderen Anfang durchwalten.
Die Alte Zeit der schlechten Welt durchherrscht Furcht vor dem Mangel, vor Hunger Verletzungen, Krankheiten, Seuchen, Krieg, Furcht vor dem vorzeitigen Tod und Angst vor dem Tod und dem Untergang des Mikrokosmos, in dem man lebt. Dazu kommt die Trauer über das Verlorene und Vernichtete.
Aus dieser Furcht und Angst und Trauer entsteht die Sehnsucht nach Erlösung von allen diesen Übeln, nach Erlösung von dem Bösen, insbesondere die Sehnsucht nach Erlösung vom Tod.
In der Jetztzeit und Zwischenzeit, in der die nahende Erlösung vorausgesagt wird, herrscht die Stimmung der freudigen Erwartung. Die Probleme des Alltags treten zurück, weil die Erlösung nahe herbeigekommen ist.
Im Anderen Anfang einer auf Ewigkeit gestellten vollkommenen Welt herrscht die überschäumende Freude, der Jubel und die Glückseligkeit der Erlösten.
Von Melancholie keine Spur! – allenfalls Ansätze in der Trauer über die Verwüstungen der verfehlten Schöpfung.
Die Melancholie ist die Stimmung der kupierten Apokalypse. Warum?
Weil die sichere Erwartung der Erlösung nach dem Untergang sich verflüchtigt hat. Nach dem Untergang wird es keinen Anderen Anfang geben. Wo freudige Erwartung war, breitet sich Melancholie aus. Aber daneben auch Verzweiflung und Todesangst.
Aus dem Gesagten ergibt sich ein Frageraster, mit dessen Hilfe Bilder, Erzählungen, Texte als Apokalypsen erkannt und Unterschiede zwischen Apokalypsen festgestellt werden können:
1. Wer oder was begründet den Ur-Sprung?
2. Wer oder was „lenkt“ die alte schlechte Welt?
3. Wer spricht als Prophet oder Prophetin
4. In wessen Namen oder Auftrag spricht die Prophetin oder der Prophet?
5. Wer oder was geht unter und mit welcher Begründung?
6. Wann kommt der Andere Anfang?
7. Was wird anders im Anderen Anfang?
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Befragen wir also den Film „Melancholia“ von Lars von Trier?
Zu 1. Der Film erzählt keine Ur-Sprungs-Geschichte. Die Erde ist so, weil sie so ist.
Zu 2: Die Erde ist schlecht, weil sie schlecht ist.
Zu 3: Justine spricht als eine Frau, die „weiß“, dass, wenn die Erde untergeht, es nirgendwo einen Anderen Anfang mehr geben kann, weil es nämlich im gesamten Universum kein Leben gibt.
Zu 4: Justine weiß, weil sie im Wissen steht. Sie spricht als Prophetin der Weisheit. Sie weiß „es“, weil sie „es“ weiß.
Mögliche Auslegung: In der jüdisch-christlichen Denktradition gibt es eine Gestalt, die „Weisheit“ genannt wird.
Ich zitiere aus der Bibel, Altes Testamen, Sprüche Salomos, Kapitel 8, Verse 22-31:
Die Weisheit als Gottes Liebling
22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
Da Lars von Trier in Bildern und Denkfiguren der Apokalyptik denkt und filmt, kann angenommen werden, dass er auch die Figur der Weisheit, in der Justine steht, dieser Tradition entnommen hat. Dann würde nach dem Untergang der Erde die Weisheit übrig bleiben, aus der heraus eine neue, andere Erde entstehen könnte.
Wir kamen überein, bei Lars von Trier nachzufragen, ob diese Auslegung zutrifft.
Zu 5: In der herkömmlichen Apokalypse geht nur die Welt (also die vom Sein geschickte Ordnungsganzheit des Daseins) unter. Auch in der kupierten Apokalypse ist das so. Die Welt geht unter, aber die Erde (auch Tiere, Pflanzen) „überlebt“ den Untergang. Nur für den Menschen gibt es keinen Anderen Anfang. Lars von Trier übersteigert nunmehr dieses Szenario, indem er die Erde untergehen lässt. Nichts Lebendes bleibt. Sie geht unter, weil sie schlecht ist. Der Film zeigt die Schlechtheit der Erde am Beispiel der Hochzeitsgesellschaft, die in ihrem Hergang nicht übertrieben dekadent, verwahrlost, gierig, nihilistisch, ungerecht oder asozial gefilmt wird. Man sieht nur den durchschnittlichen Verfall von zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber gerade diese „Normalität“ wirkt grauen-haft.
Warum aber sind auch Pflanzen und Tiere, ja sogar das Wasser und das Anorganische schlecht, so dass wir über deren Untergang nicht zu trauern brauchen?
Unsere Auslegung: Weil aus der 3.500 Millionen Jahre dauernden Kette der Evolution, die aus Cyanobakterien herrührt, über alle Stufen hinweg der Mensch entstanden ist.
Zu 6: Es gibt keinen Anderen Anfang. Es sei denn, die obige Auslegung zu 4. ist richtig. Dann nämlich bewirkt „die Weisheit“ eine andere Erde.
Zu 7: Es gibt keine Andere Erde. Aber selbst wenn es –als Schöpfung der Weisheit- eine Andere Erde geben würde, verspricht Lars von Trier keine Erlösung von den Übeln der ersten, schlechten Erde.
Die Melancholie als Stimmung des Untergangs ohne Anderen Anfang?
Der Film zeigt, wie unter dem Einfluss des herannahenden Planeten Melancholia die depressive Justine sich in eine melancholische Justine verwandelt. Der Verwandlungsprozess beginnt, als Justine „bewusst“ wird, dass sich der Planet nähert.
Kirsten Dunst spielt diese Verwandlung geradezu genialisch. Die erstarrte Frau, die nicht einmal mehr in die Badewanne steigen kann, wird zu Frau, die in den letzten Stunden ohne Furcht und Todesangst eine neue Gemeinschaft mit ihrer Schwester Claire und deren Sohn Leo stiftet. Man „weiß“ nun, was Melancholie „ist“,weil man sie sah, kann dieses Wissen aber nicht abschließend begrifflich fassen.
Die Faszinationskraft des Films speist sich zum Gutteil aus dieser Verwandlung von Justine, die offen-sichtlich die uralte Sehnsucht nach Erlösung bedient, die immer schon alle Apokalypsen zu Faszinosa macht. Erlösung aber heisst im Film, melancholisch werden können! - damit es gelingt, nicht traurig zu sein über den sicheren Untergang des Schlechten; damit es gelingt, im Untergang eine neue „gute“ Gemeinschaft zu stiften zu können.
Deshalb kann behauptet werden, dass der Film die Erlösungsfigur des Anderen Anfangs vor dem Untergang platziert hat. Ein Platztausch also, der das alte apokalyptische Schema bewahrt, und zwar durch Integration des Anderen Anfangs in den sicheren Untergang – wenn auch nur für kurze Zeit.
Wir werden am Ende des Offenen Seminars auf diese vorläufige Auslegung des Films „Melancholia“ zurückkommen, um sie kritisch zu überprüfen.
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Organisatorisches
Martin und Katharina stellten Referate in Aussicht, die einerseits im Säkularisierungs- und Zähmungsprozess der jüdisch-christlichen Apokalypsen, andererseits im vierten Themenkreis der (post-)modernen „Kupierten Apokalypse“ zu Hause sein werden.
Vorschau: Ex oriente lux!
Im zweiten Treffen geht es um den Ursprung der Apokalypse, Teil 1: Die vor-apokalyptische Zeit. Über die Weltsicht der Ägypter (ab 3.000 v.u.Z.)
Wir werden nicht religionswissenschaftlich herangehen, sondern versuchen,
- einerseits die Struktur des vorapokalyptischen Denkens zu begreifen;
- andererseits die Einfallstore des apokalyptischen Denkens aufzuzeigen, durch die dann um ca 1.500 v.u.Z. oder später der Prophet Zarathustra gehen konnte.
Darüberhinaus wird sich ergeben, dass die Apokalyptik, deren weltverändernde Kraft das Abendland stark machte, im Orient wurzelt.
Zeit: Mittwoch, den 15. Februar 2012, 18:00 bis 20:00 Uhr
Ort: Seminargebäude der Humboldt-Universität, Invalidenstrasse 110 / Ecke Chausseestrasse (Eingang gegenüber U6-Bf Naturkundemuseum)
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