Kultur

Im Kino | 29.10.2004 00:00 | Mathias Heybrock

Vorrevolutionär

Walter Salles´ freundlicher Spielfilm über "Die Reise des jungen Che"

Keine Zigarre, keine Baskenmütze, kaum Bart: Der Ernesto "Che" Guevara, den uns der brasilianische Regisseur Walter Salles (Hinter der Sonne, 2001) in seinem neuen Film präsentiert, ist nicht der Che, dessen Bild durch die Fotografien von Rene Burri und Alexander Korda geprägt wurde. Stolz, Selbstbewusstsein, Eloquenz und das Wissen um den eigenen Sex-Appeal spricht aus den Aufnahmen der beiden Magnum-Fotografen. Sie schufen das Image von Che; seinen Status als Ikone der Protestkultur der 1970er Jahre. Und seinen gegenwärtigen Status als Ikone der Popkultur; als Markenzeichen im Kapitalismus, das auf T-Shirts, Kaffeetassen, Unterwäsche und selbst noch auf dem tätowierten Oberarm des Fußballers Maradona die diffus rebellischen Bedürfnisse einer breiten Konsumentenschicht anspricht.

Gespielt von Gael García Bernal (La mala educación), dem neuen Star des hispanischen Kinos, ist dem Ernesto Guevara dieses Films am ehesten noch ein Bewusstsein seiner eigenen Schönheit präsent. Ansonsten sehen wir einen ernsten jungen Mann; freundlich, aber etwas schüchtern. Bürgerliches Elternhaus, liebevolle Mutter. Auf gesellschaftlichem Parkett eher ungeübt, ein lausiger Tänzer und schwerer Asthmatiker. Es ist Che, bevor er Che wurde - wie Ernesto Guevaras Sohn Camillo gesagt hat. Es ist ein Versuch, den Revolutionär aus seiner Erstarrung als Ikone der Protest- und Konsumkultur zu lösen, in dem man etwas über seine vorrevolutionäre Geschichte mitteilt.

Gestützt auf Guevaras eigene Memoiren und ein Erinnerungsbuch seines Freundes Alberto Granado (gespielt von Rodrigo de la Serna) zeichnet Salles eine Reise nach, die beide Männer gemeinsam im Jahr 1952 unternommen haben. Sie unterbrachen das Medizinstudium, um für acht Monate mit dem Motorrad, einer betagten Norton 500, quer durch Lateinamerika zu fahren; von Argentinien über Chile und Peru bis nach Venezuela.

Die überraschend spritzige Inszenierung präsentiert uns junge Kerle, die sich auf ihrem Gefährt übermütig in jede Kurve legen und so manches Mal auf die Nase fallen. Die an jedem Halt den Dorfschönheiten hinterher pfeifen und sich dabei manchen Ärger einhandeln. Die Reise des jungen Che ist ein klassisches Roadmovie, dass sich an den Abenteuern seiner Helden berauscht; das in den prächtigen Landschaften schwelgt, die durchquert werden: Die endlosen Weiten Argentiniens, die schneebedeckten Anden, die Ruinen der Inkastädte in Peru, die glühende Atacama-Wüste Chiles.

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Spätestens in Chile wird der ungestüm vorwärtsdrängende Erzählfluss ein wenig ruhiger, denn Ernesto und Alberto sind nicht mehr allein mit der Schönheit, sondern auch mit dem Elend Südamerikas konfrontiert. Sie begegnen Minenarbeitern, die gnadenlos ausgebeutet werden, bettelarmen Indios und Bauern, die von den Großgrundbesitzern ohne viel Federlesen von dem kleinen Stück Land vertrieben werden, das sie zum Überleben dringend benötigen. Am Ende der Reise steht ein längerer Aufenthalt auf einer Station für Leprakranke in Venezuela. Hier vollendet sich schließlich eine Art Übergangsritus, der aus jugendlichen Abenteuern sozial verantwortungsbewusste Erwachsene macht. Insbesondere in Ernesto reift der Entschluss, sich zukünftig ganz in den Dienst der Armen und Entrechteten zu stellen. Zum ersten Mal entdeckt er sein Talent als Redner.

Manchmal ist man erstaunt, wie sehr dieser Film über die Jugendjahre eines Revolutionärs dem Mainstream folgt: der touristische Sinn für schöne Landschaften; das austarierte Gleichgewicht aus beschwingten und besinnlichen Momenten; die Kassenschlagerdramaturgie, die sich und uns keinerlei Fragen über den weiteren Lebensweg des Revolutionärs stellt. Schon gar keine kritischen, die angebracht sein könnten angesichts einer kubanischen Gesellschaft, in der die Revolution ihren Glanz verloren hat und Kritiker Castros für zwanzig Jahre hinter Gitter müssen. Vielleicht ist es verständlich, dass ein Spielfilm über die frühen Jahre Guevaras an diese Thematik nicht rührt. Aber es fehlen auch alle Hinweise auf die Widersprüchlichkeit des späteren Che: sein Idealismus, die Empörung über soziale Missstände und seine grausame Verachtung für alle, die seiner Überzeugung nicht beipflichten wollten. Salles schildert nicht mehr und nicht weniger als die Reise eines jungen Mannes, von dem am Ende im Abspann mitgeteilt wird, das er später einmal ein großer Revolutionär sein wird. Es bleibt die Frage, ob diese Vorgeschichte nun am mythischen Bild Ernesto Che Guevara rüttelt oder es vielmehr nicht noch stärker befestigt.

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