Kultur

Kino | 11.04.2008 00:00 | Andreas Busche

Tödliche Entscheidung von Sidney Lumet

Als Sidney Lumet 2005 einen Oscar für sein Lebenswerk bekam, stand der Hollywood-Veteran bei niemandem mehr auf der Rechnung. Der so genannte ...

Als Sidney Lumet 2005 einen Oscar für sein Lebenswerk bekam, stand der Hollywood-Veteran bei niemandem mehr auf der Rechnung. Der so genannte Ehren-Oscar ist eigentlich nicht mehr als ein Trostpreis. Wer ihn erhält, ist in Hollywood entweder übersehen worden oder bereits hochbetagt. Henry Fonda ist es einmal gelungen, mit dem Ehren-Oscar ausgezeichnet zu werden, bevorÊerÊseinen erstenÊrichtigen gewann. Zur Verleihung hat er es nicht mehr geschafft. Er starb kurz darauf.

Sidney Lumet ist 84 Jahre alt, und man kann bei allem Respekt sagen, dass seine besten Jahre eine Weile zurückliegen. Die Siebziger waren Lumets großes Jahrzehnt. Unter den jungen Wilden New Hollywoods zählte der Fernsehpionier schon zum alten Eisen; viele von ihnen hat er dennoch überlebt. In den zurückliegenden Jahren war es ruhig um ihn geworden - und die Auszeichnung ein Zeichen dafür, dass auch Hollywood den Glauben an ihn verloren hatte. Nicht nur deshalb wirkt sein neuer Film Tödliche Entscheidung (im Original Before the Devil knows you´re dead) wie eine Wiederauferstehung. Lumets möglicherweise letzter großer Streich vereint alle Eigenschaften, für die er seit je gerühmt wurde: unaufdringliche, äußerst präzise Inszenierung, phänomenale Schauspielerführung und ein sicheres Händchen für dramatische Stoffe. Die Ruhe und Bestimmtheit, mit der er und Autor Kelly Masterson in Tödliche Entscheidung ihre Figuren einkreisen, bis denen jeder Rückzugsweg abgeschnitten ist, sind schulbuchmäßig - als hätte Lumet jede Regel seines Standardwerks Making Movies aufs Penibelste befolgt.

Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke spielen zwei Brüder, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Hoffmans Andy ist ein äußerlich hochkontrollierter Macher, der sich in seiner Firma mühsam nach oben arbeiten musste. Für das Leben, das er seiner Frau (Marisa Tomei) versprochen hat, reicht es dennoch nicht. Sein jüngerer Bruder Hank ist das komplette Gegenteil: ein kleiner Träumer mit Hundeblick, dem alles in die Wiege gelegt wurde und der sein Leben dennoch konsequent verbockt hat. Die Ex-Frau liegt ihm wegen ausstehender Alimente in den Ohren, und mit der Frau seines Bruders hat er eine Affäre. Um sich aller Geldsorgen zu entledigen, überredet Andy den willensschwachen Hank, den Juwelierladen ihrer Eltern zu überfallen. Eine ganz sichere Sache, die Versicherung trägt sogar den Schaden. Alle gewinnen. Doch dann läuft etwas schrecklich schief, und plötzlich sehen sich die Brüder mit einer Verkettung von Katastrophen konfrontiert, deren Erschütterungen bis tief ins Herz der Familie wirken.

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Lumet hat die relativ konventionelle Geschichte in elliptische Fragmente aufgeteilt, die immer wieder zu kurzer Überlagerung kommen. Innovativ ist das gewiss nicht, aber im Gegensatz zu jüngeren Kollegen, bei denen die nicht-lineare Erzählweise zum narrativen Gimmick verkommen ist, gelingt es Lumet mit jedem Sprung, das dramatische Konstrukt etwas mehr zum Knirschen zu bringen. Unaufhaltsam nimmt die Familientragödie ihren Lauf. Am Ende entpuppt sich Tödliche Entscheidung als niederschmetternde Demontage des amerikanischen Männlichkeitsbildes. Hoffman allein ist schon eine spektakuläre Erscheinung. Unter seiner fleischigen Blässe scheint ein ganzes Kraftwerk zu arbeiten; man kann die angestauten Frustrationen spüren. Druck baut er mit regelmäßigen Besuchen im Luxus-Apartment eines schwulen Pushers ab, das ihm als Refugium für seine Herointrips dient.

Hier zeigt sich die Klasse Lumets, der trotz aller formalen Virtuosität nie das Erzählen mit Bildern vergisst. Jedes noch so beiläufige Detail wird bei Hoffmans nervösem Wandeln durch die Räume des Apartments mit geduldiger Aufmerksamkeit registriert. Niemand versteht es besser als Lumet, ein Gefühl für die Verlorenheit der Menschen mit filmischen Mitteln zu erzeugen. Tödliche Entscheidung ist in dieser Hinsicht ein besonderes Prachtexemplar. "Die einzelnen Teile meiner Selbst fügen sich nicht mehr zu einem Ganzen", muss Andy irgendwann erkennen. Lange nicht mehr hat ein Regisseur derart rigoros einen Keil in die amerikanische Kernfamilie getrieben.

 
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