Kultur

Im Kino | 06.11.2008 00:00 | Tilman Vogt

Urangst des Soldaten

Ari Folman sucht in "Waltz with Bashir" nach der Erinnerung an den Krieg

Ari Folman hat als junger Soldat für Israel im Libanonkrieg von 1982 gekämpft. Während seine Kollegen von einst sich heute mit Albträumen plagen, sind Ari jegliche Bilder der Mission abhanden gekommen. Um diese wiederzugewinnen, befragt er für seinen Film Waltz with Bashir alte Freunde und Kombattanten über ihre damaligen Erlebnisse, wodurch Schritt für Schritt Fragmente seiner eigenen Vergangenheit freigelegt werden. Immer wieder erwähnt Ari, er habe die erlebten Ereignisse "nicht im System". Präsent sind ihm lediglich die durch Medien und Unterhaltungen im Nachhinein hinzufügten Erzählungen über den Krieg, der als Phase tödlicher Distanziertheit nicht nur dem Leben anderer, sondern auch dem eigenen gegenüber charakterisiert wird. Die Innovation von Waltz with Bashir besteht darin, das weniger durch inhaltlichen Aussagen als in der Form des Filmes selbst zum Ausdruck zu bringen.

Ari Folman hat keinen konventionellen Dokumentarfilm gedreht, sondern seine Geschichte durch Computeranimationen visualisiert. Die Tricktechnik ermöglicht eine Darstellung der surrealen soldatischen Wahrnehmungswelten: Manche Szenen sind elegische Bilder, aus denen plötzlich eine Person herausgeschnitten wird und in Abgrenzung zum Hintergrund ein Eigenleben beginnt. Andere Szenen zeichnen sich durch Verzerrung und Rasanz aus und sind mit einem fulminanten Soundtrack unterlegt.

Nicht zufällig entlehnt Folman den Stil seiner Animation bei dem beliebten Videospiel Grand Theft Auto, das die Spieler in einem teilweise durchaus stimmungsvollen, Geschwindigkeitsrausch rücksichtslos durch Großstädte rasen und nach Lust und Laune um sich schießen lässt. Denn wie beim Computerspiel herrscht auch im modernen Krieg eine Distanz zum realen Geschehen.

Der Zwang zum kaltblütigen Danebenstehen, der aus der Logik des Krieges resultiert, bildet den Rahmen von Folmans Film. Zunächst im subjektiven Erleben des einzelnen Soldaten, schließlich in seiner objektiven, tödlichen Konsequenz: Als Ergebnis der Rekonstruktion erinnert sich Ari an seine Stationierung bei Sabra und Schatila. Während dieser Zeit ließen die israelischen Truppen bekanntlich christliche Falangisten gewähren, als diese, zur Vergeltung des Attentats auf ihren Anführer Bashir Gemayel, ein Massaker an palästinensischen Flüchtlingen verübten, das 2.000 Opfer forderte. Das Massaker, in Folge dessen der israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon zurücktreten musste, bildet den Fluchtpunkt der Aufarbeitung Folmans.

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Während die meisten Kriegsfilme aus der Perspektive der militärisch überlegenen Macht dem Rausch des Heroismus verfallen, stellt Waltz with Bashir die Verletzlichkeit der einzelnen Subjekte in den Mittelpunkt. Die Urangst der Soldaten ist trotz Kampfverband und Panzerung das Alleingelassenwerden, das sich bei fast allen von Folmans Gesprächspartnern zum Trauma herausgebildet hat. Trotz solcher einfühlsamen Darstellung der Nöte israelischer Soldaten meistert Folmans Film bravourös den Drahtseilakt, damit nicht die Opfer der Militärmaschinerie und das Leiden der palästinensischen und libanesischen Zivilbevölkerung zu überblenden. Durch die Zuspitzung im Massaker von Sabra und Schatila werden sie gar in den Vordergrund gestellt.

Dass dabei öfter auch der Holocaust zum Vergleich herangezogen wird, sollte nicht zu falschen Schlussfolgerungen führen. In Israel, durch die Erfahrung der Judenvernichtung tief in die Staatsraison eingeprägt ist, wird der Holocaust als Referenz von jeder politischen Seite benutzt und als Erklärungsmuster - mal mehr, mal weniger treffsicher - gebraucht. Zwar wirft Waltz with Bashir kein rühmliches Bild auf die israelische Außenpolitik, dennoch adelt das Hervorbringen eines solch selbstkritischen Filmes die israelische Gesellschaft. In keinem der angrenzenden Länder wäre so etwas denkbar.

 
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