Kultur

Medientagebuch | 01.10.2009 05:00 | Klaus Ungerer

Die Terrorexperten

Woher stammt diese merkwürdige Spezies? Was treibt sie an? Wieviele dieser selbsternannten Experten gibt es inzwischen in der deutschen Medienlandschaft?

Dieser Text ist unter äußersten Gefahren für Leib, Geist und ­Leben entstanden, und er hat den Freitag auf geheimen Wegen erreicht. Er ist nach dem Lesen sofort zu vernichten. Was er enthält, kann man nicht genau sagen. Viele Experten, ­unter ihnen der Autor selbst, vermuten, dass er neben seinem scheinbaren ­Inhalt auch versteckte Botschaften an versteckte Terrorexperten enthält. Einige Namen kennt man: Ulfkotte, Tamm, Theveßen... Aber sie bilden nur die Spitze des Eisbergs. Wie viele Terrorexperten sich in Deutschland noch unentdeckt aufhalten, ist unbekannt. Seriöse Schätzungen gehen von Tausenden aus. Unseriöse auch. Nimmt man hiervon einen Mittelwert, so ist immer noch von zirka drei Dutzend Terrorexperten auszugehen – Tendenz steigend. Denn, um es ganz klar zu sagen: Dieser Text ist in einem Terrorexperten-Ausbildungscamp entstanden, also vielleicht in der Wohnung über Ihnen, wo es immer so komische Geräusche macht. Skrupellose Informationsbearbeiter aus dem gesamten Bundesgebiet sind hier von einer Art geheimnisvollem Netzwerk zusammengezogen worden. Das Ziel der Auszubildenden: Krawatten tragen. Talkshows mit Wortgewalt erstürmen. Interviewplätze kapern. Oder auch mal für die Bild-Zeitung Terrorvideos analysieren („Eine Drohbotschaft ohne Kalaschnikow ist undenkbar“). Das Training ist beinhart. Tagelang wird an Warnungen und Beo­bachtungen und an der richtigen Betonung gefeilt. „Die Gefahrenlage ist nach wie vor hoch“, murmelt manch einer noch im Schlaf, während er sich unruhig auf dem kargen Feldbett wälzt, und mantrisch antwortet die Nachtwache: „Entwarnung kann nicht gegeben werden.“ Wer gar nicht schlafen kann, schaut im Nebenzimmer Aufzeichnungen älterer Terrorexperten-Talk­runden an. Oder liest im eigenen Buch. Oder gründet schnell noch ein Terrorinstitut mit richtigem Briefkasten außen am Haus. Huh – wenn da jetzt einer eine Bombe reinwirft! Ein Terrorist vielleicht! Oder die Nachbarn. Oder wenn da Bewerbungen kommen! Von jungen, schreibfähigen Männern, zu jeder medialen Schandtat bereit. Dann wird das Terrorexpertennetzwerk wieder weiter anwachsen, niemand kann diese Leute stoppen. Niemand hält einen Terror­experten auf, der ein Buch draußen hat. Und niemand, der den Terror im Fernsehen gesehen hat, kann sich seiner morbiden Faszination entziehen: „New York, Madrid, London – könnte es nicht sein, dass Bünde in Westfalen der nächste Schauplatz furchtbarer Anschläge wird?“ „Kann nicht ausgeschlossen werden! Kann nicht ausgeschlossen werden!“

 
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