Kultur

Unis | 11.12.2009 12:10 | Frank Hoffmann

Wissen unterliegt keinem Denkmalschutz

Den streikenden Studenten wollen die universelle Bildung retten. Die Reaktion der Frankfurter Goethe- Universität darauf darf keine Schule machen

In Athen, Wien, München, Tübingen, Paris, in ganz Europa haben sich die Studenten erhoben, um gegen eine Studienreform, den so genannten ­Bologna- Prozess, zu protestieren, dessen bürokratischer Unsinn allenfalls von den für diese Neuregelung Verantwortlichen abgestritten wird. An der Frankfurter Goethe-Universität hatten Studenten das Casino im IG-Farben-Bau, in dem heute die Universität residiert, besetzt. Hier hat sich nun der Universitätspräsident Werner Müller-Esterl durchgesetzt. Er rief die Polizei. Der ­Chemiker ließ die Universität von den Studierenden räumen.

Anders als im grünen Tübingen (da sind die Studierenden nach präsidialer Räumungsdrohung einfach davongelaufen), anders als in Wien oder selbst in München, wo die Unileitung den Gesprächsfaden zu den protestierenden Studenten nicht abreißen ließ. Im angeblich liberalen Frankfurt hingegen entschied sich der Unipräsident nicht für die zivile Konfliktlösung, sondern für die rohe Gewalt. Der Grund? Studierende hatten einen Wandschmuck angebracht, der dem Geschmack des Präsidenten nicht entsprach. Denkmalschutz!

Ausgerechnet in Frankfurt am Main! Dort, wo sonst die Behörden gern den Abriss ganzer denkmalgeschützter Hochhäuser durchwinken, wenn diese nicht mehr den Renditeerwartungen einflussreicher Unternehmer entsprechen. Im Fall des IG-Farben-Baus dient nun der Denkmalschutz als Argument, um Studenten zu maßregeln, die sich doch nur gegen etwas wehren, das doch eigentlich auch dem Uni-­Präsidenten wichtig sein sollte: Gegen den drohenden Untergang der Universität samt ihrem hohen Qualitäts­anspruch in der Lehre. Denn Ursache der europaweiten studentischen Kämpfe ist der so ­genannte Bologna-Prozess. Das eigent­liche Ziel war, eine europäische Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse zu schaffen. Doch die Eurokraten haben eine Regelung geschaffen, die genau dies verhindert. Der Bologna-Prozess ist eines der selten Beispiele, wie gutgemeinte Reformen das genaue Gegenteil bewirken.

Obschon die Universitäten formal ­unabhängiger geworden sind, sehen sie sich jetzt einer permanenten Evalu­ierung ihrer Studiengänge durch die Kultusbehörden ausgesetzt, mit der die traditionelle Kontrolle, die doch eigentlich gelockert werden sollte, bei weitem übertroffen wird.

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Der Zugriff der Wirtschaft wie des Staates auf die universitäre Wissenschaft ist inzwischen äußerst robust. Ob die Kultusminister, die Ende der Woche zu ihrer Jahreskonferenz zusammen­gekommen sind, dem entgegensteuern können oder überhaupt wollen, ist mehr als zweifelhaft, auch wenn sich selbst in diesen Kreisen die Einsicht durchgesetzt zu haben scheint, dass hier einiges schiefgelaufen ist. Sie fordern von den Hochschulen nun eine Reform der umstrittenen Studiengänge. Die Hochschulen sollen das Studium als 40-Stunden-Woche für jeden Studenten organisieren. Das zeigt, die Politik will im Prinzip am Bologna-Prozess festhalten.

Es ist nicht leicht, im praktischen Lehrbetrieb jemanden zu finden, der das für gut hält. Mit Ausnahme vielleicht von Werner Müller-Esterl. Die Universität Frankfurt schmückt sich mit der ­Goethe-Sentenz: „Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden schon vor tausend Jahren beantwortet worden sind.“ Ihrem Präsidenten genügte offenbar die nur ein knappes Jahrhundert alte Weisheit eines Hohenzollernprinzen. Der wusste schon 1915, wie nicht nur der Aufstand in Elsass-Lothringen zu liquidieren sei: „Immer feste druff! Wilhelm, Kronprinz“. Wenigstens die Kultusministerkonferenz sollten damit nicht durchkommen.

 

 
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Kommentare
kaltolaf schrieb am 11.12.2009 um 15:16
Vom Redaktionsschreibtisch aus lässt es sich leicht schreiben, die Räumung in Frankfurt sei nicht verhältnismäßig gewesen und das Präsidium habe keine ausreichenden Versuche unternommen, Kontakt mit den Besetzern aufzunehmen. Tatsächlich gab – vor der Räumung – eine Fülle von (dokumentierbaren) Versuchen, mit den Besetzern in ein konstruktives Gespräch über die Zukunft der Universität zu kommen. Diese Gesprächsangebote sind zurückgewiesen worden.

Ist es hinnehmbar, dass an einem aus Steuergeldern aufwändig restaurierten historischen Gebäude in nur zwei Nächten ein Sachschaden von 215.000 Euro entsteht? Ist es „nur“ ein „Sachschaden“, wenn von Besetzern, die gern die linke, antifaschistische Fahne hochhalten und die Goethe-Uni in Norbert Wollheim-Uni umtaufen wollen, die wertvollen Originalgrafiken des Beckmann-Schülers Georg Heck geschändet wurden? Wohlgemerkt, die Werke eines Künstlers, dessen Bilder 1934 auf dem Frankfurter Römerberg von den Nazis verbrannt worden waren. Dies geht dann doch wohl über das Anbringen von „Wandschmuck, der dem Geschmack des Präsidenten nicht entsprach“, hinaus, wie Sie es in Ihrem Beitrag beschönigend formulieren. Die Empörung über diesen Vandalismus teilen übrigens auch viele Angehörige der Goethe-Universität.

Nun könnte man sagen, die Besetzer wussten nicht, was sie da beschädigen. Doch ausgerechnet die Tafel, auf der die Vita Hecks für jeden offen sichtbar angebracht ist, wurde am meisten verunstaltet. Als der Universitätsleitung (übrigens von Journalisten) mitgeteilt wurde, dass auch noch die Bilder des Architekten Hans Poelzig in Mitleidenschaft gezogen worden waren, war allen Verantwortlichen klar, dass es den Besetzern nicht mehr auf einen Dialog ankam, sondern nur um ein Zeichen des Exzesses. Wäre die Besetzung weiter toleriert worden, hätte womöglich ein Millionenschaden gedroht.

Das Präsidium hatte die friedliche Besetzung des Casinos toleriert und dies auch öffentlich (in den Medien) mehrfach kundgetan. An keiner anderen Uni in Deutschland ist es zu einem derart exzessiven Vandalismus gekommen. Die Frankfurter Räumung ist daher nicht vergleichbar mit der an anderen Universitäten.

Bereits am letzten Freitag, zwei Tage nach der Räumung, suchte der Präsident wieder das Gespräch mit dem Protestplenum. Eine dreiviertel Stunde diskutierte er mit etwa 40 Studierenden im Foyer des IG-Farben-Gebäudes. Danach zog sich das Protestplenum in einen Raum zurück, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Der Präsident bot an, sich auch in diesem Rahmen weiteren Fragen und Anmerkungen zu stellen. Dies wurde ihm verweigert. Als Müller-Esterl in die Runde hinein fragte, ob dies die Vorstellung des Protestplenums von Demokratie sei, schallte es ihm von Seiten einer Studentin entgegen: „Ich scheiße auf Demokratie!“

Mit nachdenklichen Grüßen
O. Kaltenborn

P.S. Anbei eine Fotodokumentation des „Wandschmucks“
www.flickr.com/photos/goethe-uni/


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