Kultur

Ton und Text | 10.02.2010 14:00 | Jörg Augsburg

Raven auf dem Schuldenberg

Der Ruhrpott soll tanzen. Aber wer braucht die Loveparade überhaupt noch? Und vor allem: Wer soll sie bezahlen?

Spendenkonten gibts für alles Mögliche, für Erdbebenopfer, Antifa-Initiativen, Amalia-Bibliotheken, Frauenkirchen, Loveparade … äh, Moment, „Loveparade“? Ja, man kann jetzt auch dafür spenden, dass die Loveparade in diesem Jahr stattfindet. Das wünscht sich zumindest das Stadtmarketing von Duisburg. Denn das Rave-Großevent steht wieder mal auf der Kippe angesichts notleidender Ruhrpott-Kommunen. Und dass die statthaltende Kommune kräftig draufzahlen muss, um sich eine geschätzte Million Raver auf die Straße zu holen, ist seit Jahr und Tag Usus.

Zurück auf Anfang: 1989 zog erstmals ein Häufchen Berliner Technoheads mit einer mobilen Soundanlage über den Kudammm, der Techno-Rausch der ersten Generation hatte gerade begonnen und breitete sich in den Kellern der Industriebrachen-Stadt schnell aus. Sechs Jahre später war die Siegessäule das Zentrum der Loveparade, die sich zur weltweit bekanntesten und größten Raveparty gemausert hatte. Damit gings in die Krise, die Sinnkrise zuvörderst. Denn ganz offensichtlich hatte das enthemmte Treiben rund um die nicht eben billigen und deshalb meist auffälligst besponsorten Lautsprecherwagen nur noch wenig mit dem zu tun, was der ersten Technogeneration an „Love, Peace, Unity“ vorschweben mochte.

Techno war Massenkultur geworden und Großraumdisco-Beschallung, die Loveparade zur Spielwiese für Suburbia-Prolls oder gar Pornodrehs. Im schlechtesten Sinne legendär wurde obendrein der Ruf des Tiergartens als alljährlich größtes Urinal der Welt. Außerdem ließen sich die Kosten für das eintrittsfreie Spektakel kaum noch stemmen, dazumal das Rathaus zunehmend mit den Zähnen knirschte angesichts des Massenansturms, der enormen Flurschäden und kommunalen Kosten.

Jetzt ist Duisburg dran

Ein grundlegender, weil enorm kostendämpfender Trick der Veranstalter, nämlich die Loveparade als politische Demonstration anzumelden, wurde überdies unterbunden. Schnurstracks gings in die Pleite und die feindliche Übernahme: Der Betreiber einer Billig-Fitnesskette sprang 2005 in die Finanzierungslücke und versuchte nach zwei Jahren Ausfall und einem kurzlebigen Endspiel in Berlin die Wiederbelebung.

Im Ruhrpott, für den das von Berlin nur noch mit spitzen Fingern angefasste Megaevent immer noch gut genug schien. Beginnend 2007 in Essen sollten die einschlägigen Ruhr-Metropolen reihum die Kulisse abgeben. Schon 2009 war vorerst Schluss, die Bochumer Infrastruktur konnte die Loveparade nicht stemmen. 2010 ist Duisburg an der Reihe. Ob im Juli allerdings eine Million tanzen, steht derzeit wieder mal in den Sternen.

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„Es besteht Planungssicherheit für die nächsten fünf Jahre und die Politik steht hinter der Loveparade“, heißt es immer noch sehr optimistisch auf der Duisburger Homepage. Das stimmt so nicht ganz. Das Hauptproblem: Geld. Mindestens 840.000 Euro (viele meinen, es könnte leicht das Doppelte werden) müsste die Stadt zubuttern. Aber Duisburg ist pleite, arbeitet mit einem Nothaushalt unter Kommunalaufsicht. Einen Kredit für die Loveparade aufzunehmen, scheint der schwer zu vermitteln. Die Verhandlungen sind vorerst gescheitert, die Front der Gegner wächst und auch die ersten Lokalpolitiker setzen sich ab. Denn wer glaubt denn wirklich noch, man bekäme für sein Geld ein international vorzeigefähiges Kulturgroßereignis? (Also außer Dieter Gorny, bekannt als Totengräber der Popkomm und offizieller Piratenfresser der Musikindustrie sowie eine Art NRW-Popkulturschattenminister mit Irgendwie-auch-offiziell-bei-der-Kulturhauptstadt-2010-dabei-Status. Dieser Mann meint heute noch, dass „absolute Weltstars“ den Ruf des Potts „weit über Europa hinaus“ tragen würden. Womit er nicht zum ersten Mal ziemlich einsam dasteht.)

Dass deutscher Techno derzeit tatsächlich wieder für Renommee sorgen kann, stimmt sogar, der zweite Frühling der Clubkultur ist gerade in voller Blüte – eben in den Clubs, wahrgenommen vorzugsweise in – sic! – Berlin, wo das Berghain umfassende Feuilleton-Hegemonie ausstrahlt. Sonnenbank-gebräunte Proll-Divisionen und werbegespickte Lautsprecherwagen zählen indes nicht mehr zum allgemeinen Kulturkanon der „Szene“. Die Loveparade ist halt kein Kultur- sondern ein – wie es so schön passgenau neudeutsch heißt – Event-Event.

So gesehen ist es nur logisch, die Teilnehmer zur Kasse zu bitten. Ob die erhoffte Finanzspritze auf freiwilliger Basis allerdings in relevanten Größenordnungen eintritt, darf bezweifelt werden. Was wiederum eigentlich schade ist. Denn falls die Loveparade doch noch einmal stattfindet, kann man sich überall anders über ein weitgehend Idioten-freies Clubwochenende freuen. Das hat ja auch was. Dafür könnte man fast spenden.
 

 
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