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Kultur : Was nützt die Liebe in Gedanken?

Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Ungewöhnlich daran ist nur: Daniel hat das Down-Syndrom. Der Film "Me too" ist zugleich Liebesdrama und Dokumentation

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Die Geschichte zwischen Daniel (Pablo Pineda) und Laura (Lola Duenas) beginnt mit einem Vorurteil. Sie – als Mitarbeiterin einer Behörde für behinderte Menschen – fragt ihn an ihrem Arbeitsplatz, wo er seine Eltern gelassen habe. Denn Daniel hat das Down-Syndrom. Für Laura ist Daniel, obwohl er 35 Jahre alt ist, ein Kind. Was sie nicht weiß: Daniel ist ein neuer Mitarbeiter ihrer Behörde mit Universitätsdiplom in der Tasche.

Die Konfrontation ist ein schöner Anfang für eine Liebesgeschichte, die weder auf asexuelle Weise „herzlich“ (Presseheft) noch übertrieben optimistisch erzählt wird. In der täglichen Arbeit haben Daniel und Laura Zeit für Beobachtungen, Zeit für gemeinsames Kopieren, Zeit für Fragen, für Blicke.

Die Skepsis der Arbeitskollegen („Erst macht sie ihn heiß, dann lässt sie ihn fallen“) und die Sorge von Daniels Mutter („Welche normale Frau interessiert sich für jemanden wie Daniel?“) scheinen berechtigt. Aber inmitten aller Nüchternheit erzählt der Film, wie die beiden sich auf dramatisch-widersprüchliche Weise annähern. Der Reiz füreinander wird allmählich nachvollziehbar. So verliebt sich Daniel vielleicht in die Selbstverständlichkeit, mit der Laura ihm die ewig offenen Schnürsenkel bindet; und Laura mag es offenbar, wenn Daniel ihr den Sinn des Getümmels auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch erklärt. Lauras unverblümte Art, Fragen nach seiner Behinderung zu stellen, tut Daniel gut.

46 Chromosomen

Neben der genau erzählten Entwicklung der Liebesgeschichte ist der Film stark in der Beschreibung des sozialen Umfeldes von Daniel, der engen Verbundenheit mit seiner Mutter Angeles und seinem Bruder Santi, weil bei aller Liebe auch Härte und Widersprüchlichkeit nicht ausgespart werden. So verbietet Santi Daniel, ihm ein schlechtes Gewissen für sein Glück mit Frau und Kind zu machen, nur weil er es selbst nicht hat.

Dagegen sprengt Lauras Reise in ihre desolate Herkunftsfamilie und ihr Kindheitstrauma den erzählerischen Rahmen des Films und rutscht zudem ins Melodramatische ab. Die konzeptionelle Absicht ­(Jeder hat sein Säckchen zu tragen) ist zu deutlich. Ähnlich die dramatische Einheit störend wirkt die lang erzählte Eskapade des Down-Syndrom-Paares Luisa und ­Pedro. Deren Geschichte, ursprünglich wohl als Buffopaar angelegt, variiert nur noch einmal die Hauptgeschichte und das politische Credo des Films: das Recht von Menschen mit Down-Syndrom auf Autonomie, Partnerschaft und Sexu­alität.

Interessant, wenn auch nur angedeutet, ist das Drama der Mutter Daniels, deren Ehrgeiz und Liebe den behinderten Sohn einerseits zu akademischen Erfolgen führt, während sie andererseits Probleme damit hat, Daniels Bedürfnis nach einem eigenen Leben anzuerkennen. Daniel ist zwischen die Welten geraten. In eine Frau mit Down-Syndrom kann er sich nicht verlieben und eine mit 46 Chromosomen kann er nicht haben. „Was nützt mir das alles, wenn ich allein bin?“ fragt Daniel – ein Satz, den sein Darsteller Pablo Pineda in einem Interview gesagt hat. Die Geschichte mit dem Uni-Abschluss stammt aus Pinedas Biografie, er ist der erste europäische Absolvent mit Down-Syndrom.

Der Film ist Dokumentation, Liebesdrama, Aufklärungskampagne, Plädoyer in einem. Ein Film ohne falsche Versprechen. Aber gerade dann geschieht manchmal Unerwartetes. Davon erzählt dieser Film. Und darin besteht seine Größe.

Kinostart am 05.08.2010

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