Kultur

Rhetorik | 09.01.2012 08:00 | Peter Kruschwitz

Die einen nennen es Krieg …

Die anderen sprechen lieber vom Rettungsschirm. Der öffentliche Diskurs über die Wirtschaftsprobleme der Eurozone bedient sich einer nicht sehr friedlichen Metaphorik

Man könnte sich gut „Rettungsschirm” vorstellen, wenn demnächst das Unwort des Jahres gewählt wird. Allerdings wurde der „Euro-Rettungsschirm“ in Österreich schon zum Wort des Jahres gewählt. In der Begründung war zu lesen, dass so ein Schirm zentral sei für „unsere Währung und für alles andere, was in der Wirtschaft und in der Gesellschaft passiere“. Kurzum: ein „äußerst würdiges Wort des Jahres“. Als würde allein das Wort die Probleme lösen. Dabei sind Sprachbilder primär verführerisch einfache Vehikel komplexer Verhältnisse.

Wissen Sie, was ein Schirm ist? Ein Schirm ist ein großflächiger, meist dünner Gegenstand, dessen Hauptfunktion darin besteht, Räume in zwei Teile zu teilen. Ein Regenschirm teilt den Raum in einen trockenen und in einen feuchten Teil, ein Sonnenschirm teilt den Raum in einen hellen und in einen dunklen. Was aber teilt ein Rettungsschirm?

Die Eurozone befindet sich in freiem Fall. Was für einen Schirm benötigt man im Falle des Fallens? Einen Fallschirm? Ein Fallschirm ist dazu da, den Fall zu verlangsamen und eine unbeschadete Landung auf dem harten Boden der Tatsachen zu ermöglichen. Ist das der Sinn des Euro-Rettungsschirms? Soll der Euro sanft zu Boden segeln? Kann man einen Fallschirm aufspannen, den man noch gar nicht bei sich hatte, als man ins Fallen geriet? Oder ist der Euro-Rettungsschirm vielleicht doch kein Fallschirm, sondern eine Art militärischer Schutzschirm? Ein Schirm zu dem Zwecke, sich voller Angst unter oder hinter ihm zu verkriechen, bis die Krise vorüber ist? Soll der Schirm, wie in Sci-Fi-Filmen, dazu dienen, feindliche Kräfte abzuwehren, gleichsam als Schutz vor den Laserkanonen der bösen Ratingagenturen? Warum dann nicht lieber einen Euro-Schutzbunker errichten, oder gar einen eisernen Euro-Vorhang?

Derzeit sind kriegerische Metaphern unbestreitbar auf dem – pardon – Vormarsch. Immer wieder wird Angela Merkel in EU-Ländern als Hitler dargestellt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht der Frieden in Europa an den Erfolg des Euros geknüpft wird. Der Euro ist unter Beschuss geraten. Spekulanten führen Krieg gegen den Euro. Ist die letzte Schlacht bereits geschlagen? Camerons Veto gegen die deutsch-französische Allianz hat wie eine Bombe eingeschlagen. Die Fronten sind verhärtet. Occupy!

Aus dem Bild der Krise ist im öffentlichen Diskurs in den letzten Monaten mehr oder weniger unbemerkt das Bild des Krieges erwachsen. Dies mag ein Anzeichen dafür sein, wie dramatisch die Lage ist. Die Metaphorik wird in den Medien jedoch nicht nur aufgegriffen, sondern zugleich spielerisch fortgesetzt.

ANZEIGE

Dies alles wäre belanglose Sprachspielerei, wenn es nicht einen entscheidenden Haken gäbe: Man pflegt zu über­sehen, in welchem Maße der politische Diskurs den gesellschaftlichen Kurs bestimmt – und wie sehr es da an alternativem Denken mangelt. Die Macht der Bilder lässt sich rasch illustrieren, wenn man sie durch andere ersetzt: Wäre es nicht viel beruhigender, wenn man den Rettungsschirm durch einen Euro-Schutzdeich ersetzte, um den europäischen Binnenmarkt vor den windgepeitschten Wogen auf dem Meer der ­Rating-Piraten zu bewahren, mit Brüssel als Leuchtturm der Korruptionsbekämpfung? Wer sich die kriegerischen Sprachbilder zu eigen macht, geht denjenigen auf den Leim, die meinen, die vor­geschlagenen Lösungen seien ohne zivile Alternative, und er bleibt gefangen im starren Korsett der Metaphern.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
L.Berit schrieb am 09.01.2012 um 12:04
Dazu passt, dass Greichenland jetzt massenweise Waffen von Deutschland kaufen soll - und das nennt sich dann "Sparprogramm" :

www.zeit.de/2012/02/Ruestung-Griechenland
Red Bavarian schrieb am 09.01.2012 um 12:47
"Die einen nennen es Krieg …"

Ich nenne es auch einen Krieg, weil es ein Krieg ist. Nicht umsonst umfasst das Linkssein antikapitalistische, antifaschistische und antimilitaristische Grundeinstellungen, weil der Kapitalismus, der Faschismus und der Militarismus sozialdarwinistische Bruderideologien sind, wie die Geschichte der Menschheit seit eh und je davon zeugt.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG