Kultur

Lauschangriff | 06.01.2012 14:00 | Conrad Menzel

Wer ist nur die coole Stimme neben Sido?

Mit "Geboren um frei zu sein" bedient sich Sido vierzig Jahre nach Erscheinen des Albums "Keine Macht für Niemand" bei Ton Steine Scherben. Wie so viele vor ihm

Mit dem Titelsong Geboren um frei zu sein zum Film Blutsbrüdaz gehört nun auch Sido zu den Künstlern, die sich postum an Rio Reiser und Ton Steine Scherben versucht haben. Es gibt derer viele, und wie eine kleine Bestandsaufnahme zeigt, ist der „Mach-doch-mal-was-von-Rio-Reiser!“-Reflex deutscher Musiker mitunter zum fiesen Nachtreten gegen einen Verstorbenen geraten. Braucht es da noch Sido?

Im vergangenen Jahr wurde Rio Reisers Grab in Fresenhagen ausgehoben und nach Berlin umgebettet. Angesichts von mehr als 1.000 Coverversionen seiner Lieder kann man diese Grabumbettung wohl als geringste Störung der Totenruhe bezeichnen. Unangefochten oben auf der Liste der malträtiertesten Rio-Reiser-Songs steht sein zwar erfolgreichstes, aber gewiss nicht bestes Lied König von Deutschland.

So malte sich keine zehn Jahre nach Reisers Tod Bohlen-Derivat Daniel Küblböck aus, was er als König alles täte und hätte es besser gelassen. Roger Cicero verwurstete das Lied ein Jahr später ebenfalls zu einem Hybrid aus Udo Jürgens und Stadiongesang. Wenn Cicero und Küblböck nicht gewesen „wären, wer sie wirklich sind“, hätte man Rio Reiser einige Drehungen im Grab erspart. Zeitgleich lief die König-von-Deutschland-Melodie als Werbekampagne für den Media Markt. Von ähnlichem Schlag ist Junimond von Echt. Der Sänger schluchzt, er habe 2.000 Stunden gewartet, und sofort beginnt man zu rechnen, ob die Bandmitglieder zusammen überhaupt schon so alt sind. Xavier Naidoos Söhne Mannheims kramten einst Mein Name ist Mensch aus der Plattenkiste. Das Ergebnis: allenfalls eine Single-Auskopplung zur Kirchentag-Compilation. Und das ist erst der Anfang einer Liste von Cover-Versionen, die Rio Reiser nicht verdient hat.

Es gibt aber auch positive Befunde unter den Kindeskindern der Rio-Reiser-Generation. Mit den Konzerten Jan Plewka singt Rio Reiser erweist sich der Selig-Sänger als verantwortungsbewusster Nachlassverwalter. Auch der geschundene König von Deutschland hat mit einer Reggae-Version von Mono & Nikitaman (Das Alles) ein wenig Wiedergutmachung erfahren. Eine Punk-Version von C.I.A. mit Bela B. erfreut mit der umgedichteten Zeile „Das Alles, und mal ans Meer, würd‘ ich fahren, wenn ich König von Deutschland wär.“.

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Dann sind da noch die Popmusiker aus linkem Hause, die Reiser-Sozialisierten, die weniger neue Interpretationen liefern als dass sie die Lieder einfach nachsingen: Jan Delays Für immer und dich, Freundeskreis oder Wir sind Helden mit Halt dich an deiner Liebe fest, Cluesos Komm, schlaf bei mir, Fettes Brot mit Ich bin müde sowie Land in Sicht von Dorfdisko und auch B-Seite von Annett Louisan.

Und Sido? Hat mit Geboren um frei zu sein tatsächlich die beste Neuinterpretation eines Scherben-Songs seit langem geliefert. Während seine Kollegen sich meist den unverfänglichen Reiser-Balladen widmen, errichtet Sido seinen Text um das Sample des Originalrefrains von Wir müssen hier raus aus dem Album Keine Macht für Niemand. „Wir sind geboren, um frei zu sein“, singt Rio Reiser in Sidos Lied. Sido antwortet in Verbrüderung mit Reiser: „Wenn du wie wir zwei deine Freiheit willst, dann sag es laut.“ Unter anderem damit unterstreicht der Song einen markanten Unterschied zwischen Bushido und Sido. Beide kommen zwar vom Rap und treffen sich musikalisch bei Peter Maffay, aber trotzdem nähern sie sich aus verschiedenen Richtungen: Bushido von Karel Gott und Sido von Rio Reiser.

Das Beste an Sidos Cover ist übrigens, dass sich jetzt tausende junger Hip-Hop-Fans fragen, wer der Mann mit der heiseren Stimme und dem coolen Text ist, der da mit Sido singt.

 
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Kommentare
miauxx schrieb am 08.01.2012 um 18:43
"Dann sind da noch die Popmusiker aus linkem Hause, die Reiser-Sozialisierten (...) Jan Delay (...) Freundeskreis oder Wir sind Helden (...), Clueso (...) Fettes Brot (...)"

???
horacte schrieb am 13.02.2012 um 20:25
Sehr schöner Artikel genau meine Meinung. Ich hab angefangen Sido zu hören als er berühmt wurde, das war 2003. Kurz danach fing icha uch an Ton Steine Scherben zu hören, daran kommt man einfach schwer vorbei. Und in der zeit bis heute musste ich dem popgeschwängerten Freundeskreis erklären, von wem ihr Lieblingskünstler dies oder jene Lied schon wieder gecovert hat. Und genau das erübrigt sich bei diesem Lied; Sido erwähnt Rio und trägt seine Botschaft weiter.


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