Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Viele Opfer aber litten nach 1945 weiter. Nicht wenige Täter setzten ihre Karriere in der jungen Bundesrepublik fort. In Münster haben Historiker die internationale Großausstellung Skulptur. Projekte vor knapp fünf Jahren genutzt, um daran zu erinnern.
Ein Exponat, das im Sommer 2007 die Aufmerksamkeit auch internationaler Medien auf Westfalen lenkte, war die Skulptur „Münsters Geschichte von unten“ von Silke Wagner. Die Frankfurter Künstlerin schuf eine Art Litfaßsäule in Form des 1999 verstorbenen Münsteraners Paul Wulf. Wer war der hagere alte Mann mit dem entschlossenen Gesichtsausdruck, und warum sollte man ihm ein Denkmal setzen?
Paul Wulf war 1928 im Alter von sieben Jahren in ein Kinderheim gekommen und fortan vom Schulunterricht ausgeschlossen – seine mittellosen Eltern konnten den Unterhalt für die drei Kinder nicht aufbringen. Weil er in diesem Heim zusammen mit geistig behinderten Kindern lebte und kaum lesen und schreiben konnte, galt er im Nationalsozialismus als schwachsinnig und wurde im Alter von 16 Jahren zwangssterilisiert – ohne Betäubung, in einem Operationssaal, in den per Rundfunk der Einmarsch der Wehrmacht in Wien übertragen wurde. Eine traumatische Erfahrung, die sein gesamtes weiteres Leben prägen sollte.
Nicht nur Opfer
Nach dem Krieg rang Wulf jahrzehntelang um eine Entschädigung. Er musste beweisen, dass er keineswegs schwachsinnig, durch die Unfruchtbarmachung aber körperlich und auch psychisch schwer beeinträchtigt und somit erwerbsunfähig geworden war – ein Drahtseilakt. Da er zudem als Kommunist galt, gelang es ihm selbst in Zeiten der Vollbeschäftigung nur selten, überhaupt eine Arbeitsstelle zu finden. Somit war er fast sein ganzes Leben lang auf die Fürsorge seiner Schwester Agathe angewiesen. Erst 1979 sprach ihm das Sozialgericht Münster eine Erwerbsunfähigkeitsrente zu.
Dass der Bundestag 1981 allen noch lebenden Opfern der NS-Zwangssterilisierungen eine geringe Entschädigung von 5000 Mark zuerkannte, führt der münstersche Soziologe Bernd Drücke auch auf das Engagement von Paul Wulf zurück – er verweist auf dessen intensiven Briefverkehr mit Bundestagsabgeordneten und anderen Politikern.
Wulf wollte nicht nur Opfer sein. Er war Bewegungsaktivist. Fast alle Zwangssterilisierten verkrochen sich in der Nachkriegszeit aus Scham und Demütigung vor der Gesellschaft, Paul Wulf lieh ihnen sein Gesicht und seine Stimme. Er machte das an ihm begangene Unrecht exemplarisch öffentlich. Er fraß sich durch Archive, kopierte Akten und dokumentierte in Ausstellungen, wer in der NS-Zeit mit seiner Unterschrift das Schicksal von Heimkindern besiegelt hatte und wo diese Täter nach dem Krieg Karriere gemacht hatten.
Paul Wulf enthüllte: Die Opfer des „Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ waren auch nach dem Krieg noch Opfer, viele Täter setzten ihre Karriere dagegen unbeschadet fort.
Ruhestörung
Etwa Otmar von Verschuer: Er war der Doktorvater von Josef Mengele und forschte in Berlin an Organen von Menschen, die Mengele in Auschwitz-Birkenau ermordet hatte. Ab 1951 war von Verschuer Professor für Humangenetik an der Uni Münster – an einem Institut, das eigens für seine Berufung gegründet worden war. Er stieg sogar zum Dekan der Medizinischen Fakultät auf. Ein unerträglicher Affront für Paul Wulf. Er begab sich direkt in Verschuers Vorlesungen und wies auf die Verbrechen hin, die der Wissenschaftler begangen hatte.
Paul Wulf störte die Nachkriegsruhe im beschaulichen Münster. Kein Wunder, dass mitunter Anschläge auf seine Ausstellungen verübt wurden. Durchaus erstaunlich dagegen, mit welcher Initiative und Beharrlichkeit, ja Besessenheit er seine Mission versah, wenn man sich vor Augen hält, dass Wulf über praktisch keinerlei Schulbildung verfügte und sich lesen, schreiben und die Techniken der Archivrecherche selbst beibringen musste.
Obwohl er 1991 in Anerkennung seiner Arbeit das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, wurde er zur öffentlichen Person erst nach seinem Tod im Jahre 1999.
Als eine Figur am Rande des Zentrums, so wie er es zeitlebens gewesen war, stand er nun in Stein an der Promenade, sein Zementmantel beklebt mit wechselnden Plakaten zu politischen Themen, die sein Dasein bestimmt hatten: die Einteilung von Menschen in „lebenswerte“ und „lebensunwerte“, Häuserkampf, Kriminalisierung alternativer Medien und Anti-Atom-Bewegung. Silke Wagner hatte ihr Exponat in Zusammenarbeit mit dem Münsteraner Umweltzentrum-Archiv-Verein als Teil des Projekts „Münsters Geschichte von unten“ konzipiert.
Schirmherr der Ausstellung war der damalige Bundespräsident Horst Köhler, der nach eigener Aussage von Paul Wulfs Skulptur besonders beeindruckt war. Und nicht nur das: Zu Lebzeiten oft als Kauz und Nervensäge geschmäht, war Paul Wulf als Skulptur nun auf der Titelseite der Herald Tribune zu sehen.
Kommunalpolitischer Kleinkrieg
Doch der kommunalpolitische Kleinkrieg um den Anarchisten riss nicht ab: Nach dem Ende der Freiluftschau zählte eine vom Stadtrat dafür eingesetzte Kommission die Paul-Wulf-Skulptur zu jenen, die dauerhaft in der Stadt bleiben sollten. Der von CDU und FDP dominierte Kulturausschuss setzte sich darüber hinweg. Die innenstädtische Bezirksvertretung wiederum überging den Kulturausschuss.
Der kuriose Streit fand in überregionalen Zeitungen Beachtung. Einige der konservativen Lokalpolitiker argumentierten, Paul Wulf sei ein Linksradikaler und Staatsfeind gewesen. Andere führten ins Feld, die Skulptur erinnere eher an eine Karnevalsfigur und werde dem Andenken an ein Nazi-Opfer nicht gerecht. Eine umstrittene Plastik könne niemals ihren eigentlichen Zweck als Mahnmal erfüllen – insofern nachvollziehbar, als die Skulptur immer wieder zur Zielscheibe von Vandalismus wurde. Kopfschüttelnd erinnert sich Bernd Drücke an ein Kulturausschussmitglied, das gesagt haben soll: „Keiner will ständig an die Vergangenheit erinnert werden.“
Doch auch auf Seiten derjenigen, die zu Lebzeiten mit Paul Wulf befreundet waren, gibt es Skeptiker. Ein Weggefährte fürchtet, als Kunstobjekt könne Wulf zu bequem werden: „Es wäre mir viel lieber, es bliebe unerträglich“, sagt er über das an seinem Freund begangene Unrecht.
Auf der anderen Seite standen die münsterschen Lokalzeitungen, deren Leser Paul Wulf zum beliebtesten Exponat der Skulpturenausstellung gewählt hatten. Auch Markus Lewe, selbst Christdemokrat und inzwischen Oberbürgermeister von Münster, hat sich von Anfang an für den Erhalt der Skulptur im öffentlichen Raum ausgesprochen, sah sich aber in seiner eigenen Ratsfraktion damit in der Minderheit. Axel Prahl, Hauptdarsteller des Münster-Tatorts, legte sich ebenfalls für den Erhalt des Denkmals ins Zeug.
Am Ende einigte man sich darauf, dass das Standbild bis Ende 2013 in der Innenstadt bleibt und dann beim Dokumentationszentrum Villa ten Hompel aufgestellt wird, dem Wulf kurz vor seinem Tod bereits sein Archiv überlassen hatte. Paul Wulf kann selbst nicht mehr erzählen, aber die Skulptur hält die Erinnerung an sein Schicksal unter Einwohnern und Touristen wach.
Bürger und Unternehmen kamen mit Kleinstspenden und bis zu fünfstelligen Summen für die Finanzierung auf. Auch bei Kindern war der Anarchist zum Anfassen beliebt, Grundschüler zweigten etwas von ihrem Taschengeld zum Erhalt der Skulptur ab.
Paul Wulf ist bis heute Schlüsselfigur für lebendige Geschichtsvermittlung in unterschiedlichen Altersstufen: Grundschüler erzählen ihm in fiktiven Briefen, was sie ungerecht finden: Wenn Kinder in den Krieg ziehen müssen oder nicht in ihrem Heimatland leben können. Wenn ein Mensch über einen anderen bestimmen darf.
Gewachsene Akzeptanz
Ältere Schüler thematisieren ihn in Geschichtswettbewerben, Studentinnen in Filmprojekten. Bernd Drücke ist überzeugt: „Ein Einzelschicksal eignet sich, um Geschichte bewusst zu machen. Und wir können von Paul Wulf etwas lernen: Selbst wenn er Schlimmstes erfahren hat, hat er seine Würde bewahrt und sich nicht brechen lassen, er hat aktiv weitergelebt und war ein vorbildlicher, großer Menschenfreund.“
Insgesamt sei die Akzeptanz der Skulptur nun auch unter Konservativen gestiegen, resümiert Drücke zufrieden. Ein weiteres Ziel wird der „Freundeskreis Paul Wulf“ vermutlich im Frühjahr erreichen: Der Jöttenweg, benannt nach dem Hygieniker und Eugeniker Karl Wilhelm Jötten, soll in Paul-Wulf-Straße umbenannt werden. Auf einer Tafel sollen die Biographien der beiden Männer dargestellt werden, die in einem historischen Zusammenhang stehen: Beide lebten in Münster, beide trugen das Bundesverdienstkreuz. Jötten sprach sich für die Unfruchtbarmachung von Hilfsschülern aus. Wulf war ein Opfer der Politik, für die Jötten stand.
Bernd Drücke sagt: „Wir hoffen, dass in dieser Straße bald an die beiden Namen so erinnert wird, wie es angemessen ist.“
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Welch ein mutiger Mensch trotz seines erschütternden Schicksals!
Welche Todesängste muss er während der NS-Zeit ausgestanden haben! Am 14.07.1933 wurde von den Nazis das 'Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses' erlassen, was für die SchülerInnen der Hilfsschulen akute Gefahr bedeutete, denn als erbkrank galten nach §1 des Gesetzes Menschen mit angeborenem Schwachsinn (=weiträumige Interpretationsmöglichkeiten, konnte alles sein), Schizophrenie, circuläres Irresein (manisch-depressiv u.a.), erbliche Fallsucht, veitstanz, erbliche Blindheit u. Taubheit, Mißbildungen, Alkoholismus (damit verbundene soziale Verhältnisse, also 'Asoziale') u.a. Es erfolgten zudem Erlasse zur 'Überweisung der Kinder in die Hilfsschule' (6.7.1935) mit konkreter Aussage zur 'Erbgesundheit', wobei die'rassenbiologische und bevölkerungspolitische ' Aufgabe der Hilfsschulen hervorgehoben wurde. Am 12.12.1935 erfolgte der Erlass zur 'Sterilisation von Hilfsschulkindern'. Erschütternd ist, dass viele Hilfsschullehrer diese Grausamkeiten unterstützten: 'Die Sterilisation ist auch keine Strafe, sondern ein Opfer, das der einzelen seinem Volke bringt, wofür er als Geschenk des Volkes seine besondere Ausbildung in der Hilfsschule in Empfang nimmt.' (Karl Tornow, Hilfsschulrektor 1940 in 'Denken Sie nur, unser Fritz soll in die Hilfsschule'.) Ein anderer Auszug aus ' Erbe und Schicksal von geschädigten Menschen. Erbkrankheiten und deren Bekämpfung', 1942: 'Trotz guter Einzelleistungen, wie sie hier und da vorhanden sind, muss immer wieder auf sie Rücksicht genommen werden, so dass auch ihr Leben oft mehr ein Elend als eine Freude ist. Trotz aller Leistungen der ehemaligen Hilfsschüler, die ja nur durch die besondere Hilfe der Volksgemeinschaft vollbringen können, wäre es für das deutsche Volk am besten, wenn es überhaupt keine Hilfsschüler gebe. Dann würde das deutsche Volk viel glücklicher und lebensfroher sein. [...] Wenn nun ein Hilfsschüler schwachsinnig und erblich belastet ist und er will von sich aus auf Kinder verzichten, so wollen wir ihm das besonders hoch anrechnen.' Wie ernst es mit der Absicht war, dass es keine Hilfsschüler mehr geben solte, zeigte auf bestialische Art und Weise 'Aktion T4', getarnt als 'Stiftung Anstaltspflege', die Kinder sollten 'nur zur Pflege verschickt' werden: de.wikipedia.org/wiki/Gedenkst%C3%A4tte_Pirna_Sonnenstein de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Bernburg de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Brandenburg de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Hartheim de.wikipedia.org/wiki/NS-T%C3%B6tungsanstalt_Hadamar de.wikipedia.org/wiki/T%C3%B6tungsanstalt_Schloss_Grafeneck In Bernburg und Hadamer existieren heute noch auf dem gleichen Gelände bzw. im gleichen Gebäude psychiatrische Kliniken! Paul Wulf ist dem Tode nur knapp entkommen. Mit der (knappen ) Darstellung des damaligen Hilfsschulsystems kann man nur erahnen, welchem Horror Wulf und die anderen HilfsschülerInnen ausgesetzt waren. Trotz alldem hat er in seinem späteren Lebneweg nicht gleiches mit gleichem vergolten, nicht Auge um Auge gefordert, sondern ist unerschrocken beständig mutig geblieben. Er hat aufgezeigt, dass es auch anders geht: Mit innerer Größe und Stärke! Wasser ist stärker als Stein. |
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Danke, Caterine Metje, für deinen Bericht.
Ich habe überhaupt keine Ahnung von Kunst. Ich bin Bildungssoziologe und befasse mich mit der Benachteiligung von Arbeiterkindern. Und ich kannte Paul Wulf persönlich. Ich bin überzeugt, dass Paul Wulf eine Sache tierisch gefreut hätte und dass ihn eine andere ungemein verärgert hätte. Wenn er gewusst hätte, dass seine Skulptur durch Zufall seit drei Monaten mitten im lokalen Occupy-Camp steht, dann würde ihm das Grinsen bis über beide Ohren gehen. Allerdings würde er sich über die Diskussionen dort ärgern, ob alle im Occupy-Camp willkommen wären, auch Nazis. Also ich glaube, dass er das nicht wollen würde. Worüber er sich maßlos geärgert hätte, das wäre der Millionen-Erfolg des Eugenikers Thilo Sarrazin. Wie wir in der Publikation Vom Mythos des Niedergangs der Intelligenz zeigen, gibt es eine kontinuierliche Linie von Verschuer zu Sarrazin. Sarrazin hat nicht nur Eugenik-Vorstellungen, sondern er spricht auch von Bildungsunfähigkeit. So sehr ich mich bei der Künsterlin für die Paul Wulf-Skulptur freue, möchte ich hier doch eine Kritik oder vielleicht eher ein künstlerisches Unverständnis anbringen: Warum thematisiert die Wulf-Skulptur nicht die Eugenik, Jötten, Verschuer, Sarrazin, Klassenrassismus? |
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Ein besonders guter Artikel, vielen Dank dafür. Paul Wolf war mir namentlich nicht bekannt, die historischen Tatsachen schon, ebenso der Umgang damit. Bezeichnend, wieviel Widerstand gegen die Erinnerung noch geleistet wird.
In diesem Zusammenhang steht aber nicht nur Sarrazin, sondern auch die Tatsache, dass in Deutschland, trotz Rügen der UN, immer noch Kinder wegen unterschiedlicher Behinderungen ausgegrenzt werden. Auch, wenn es heute nicht mehr "Hilfsschule" heißt, sondern es dafür vornehmere Bezeichnungen gibt, die Aussonderung findet statt. Eltern, die sich dagegen wehren wollen, kämpfen gegen machtvolle Behörden, Kinder, die in dieses "Sonderschulsystem" geraten, leiden darunter meist für den Rest ihres Lebens. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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