Kultur

Exil | 29.01.1999 00:00 | Mirjana Wittmann

Suchen und Sammeln

Dubravka Ugresic´s Buch »Das Museum der bedingungslosen Kapitulation«

Wir alle sind Museumsstücke.« Dieser Satz, der in Variationen immer wiederkehrt, ist zugleich das Motto und die auf ihre Quintessenz reduzierte Inhaltsangabe des jüngsten Werks von Dubravka Ugresic´, in dem um eine phantastische Geschichte herum fetzenweise Beobachtungen, Zitate, Dialoge, Anekdoten, Tagebuchaufzeichnungen gruppiert sind. Realistische, aus dem Leben gegriffene Versatzstücke, die nach einem musikalischen Prinzip, mitunter mit Wiederholungen ganzer Passagen, um ein Grundthema kreisen.

Das Grundthema ist das Exil. Das Exil, das ist die Arbeit an der eigenen Biographie, das Exil ist die Geschichte der Dinge, die man zurückgelassen hat, das ist ein permanenter Wechsel von Wohnungen und Bekanntschaften, es ist etwas wie ein Traum, es ist wie ein Alptraum, es ist eine Art Paranoia...

Das Exil der aus Zagreb stammenden Dubravka Ugresic´ heißt Berlin, Amsterdam, Amerika. Seitdem ihre Heimat Jugoslawien auf ihre engere Heimat Kroatien reduziert wurde, ist dort kein Platz mehr für die Star-Autorin von einst, die sich immer als jugoslawische Schriftstellerin begriffen hat. Als »den Menschen nur noch einsilbige Wörter über die Lippen kamen wie Blut, Krieg, Dolch, Angst« änderte sich über Nacht alles: das Land, die Menschen, die Ansichten, die Wahrheiten. Fortan galt es zu vergessen, was einem an nationalen Gemeinsamkeiten in der Schule nahegebracht worden war. Gegen dieses aufgezwungene Vergessen, gegen den Verlust der eigenen Biographie kämpft Dubravka Ugresic´.

Seit dem Ausbruch des Krieges schreibt sie nur noch Essays. Sie, die 1989 als erste Frau den renommierten jugoslawischen NIN-Preis für den besten Roman (Der goldene Finger) bekommen hat, begreift nicht, wie heute, nach all dem, was sich ereignet hat, jemand noch ein unpolitischer Autor sein kann.

Ihre Essaybände wie My american fictionary mit witzigen und bissigen Vergleichen zwischen der amerikanischen Art zu leben und der jugoslawischen Art zu sterben oder wie die in der Schweiz preisgekrönte Kultur der Lüge, ein scharfsinniges und entlarvendes Buch über die Hintergründe der Manipulationen, die zum Krieg geführt haben, erschienen zunächst in Holland und Deutschland, bevor sich ein privater Verlag zu Hause traute, sie in einer Kleinstauflage zu veröffentlichen.

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Dennoch blieb es nicht aus, daß die neue kroatische Obrigkeit, deren kitschig-nationalistisches Gebaren diese intelligente und schonungslose Beobachterin genauso aufs Korn nimmt wie die nationalistisch-aggressive Haltung des serbischen Regimes, gegen sie zum Schlag ausholte. In einer bösen Verleumdungskampagne wurde Dubravka Ugresic´ als Nestbeschmutzerin, Salon-Internationalistin, Hexe, Vaterlandsverräterin und Jugo-Nostalgikerin verfolgt, sie verlor ihre Stelle an der Zagreber Universität und vagabundiert seitdem durch Amerika und Europa. Aus dieser Situation heraus entstand ihr zweiter, jüngster Roman.

Sein Titel weist auf das »Museum der bedingungslosen Kapitulation« (heute: Deutsch-Russisches Museum) hin, das 1949 im sowjetisch besetzten Teil Berlins errichtet wurde und während des Krieges auf dem Balkan Treffpunkt vieler Flüchtlinge aus dieser Region war. Sein Thema: Suchen und Sammeln, Erinnern und Vergessen als Lebensnotwendigkeiten der Entwurzelten. »Es gibt zwei Sorten Flüchtlinge: solche mit Fotos und solche ohne Fotos«, heißt es im Buch. Fotos und Souvenirs, Alben und Tagebücher - das macht die Biographie der Menschen aus, die dem Krieg entkommen sind und jetzt in einer fremden Welt taumelnd nach geeigneten Adaptern suchen.

Genauso fragmentarisch, wie sich die Zerrissenheit des Lebens im Exil darstellt, ist auch der Roman komponiert. Eine Lesehilfe wird gleich zu Anfang mitgeliefert. Zeilenlang zählt da die Autorin die verschiedensten Gegenstände auf, die im Magen eines im Berliner Zoo verendeten See-Elefanten gefunden wurden. Mit der Zeit habe sich zwischen diesen Ungereimtheiten eine subtile Beziehung herausgebildet, und die möge der Leser auch zwischen den Kapiteln und Fragmenten ihres Buches finden.

Dort wird wahrlich allerlei angeboten: eine Liebesaffäre in Lissabon mit traurigem Ausgang, witzige Parallelen zwischen den Zoo-Bewohnern und den schillernden Figuren auf den Straßen Berlins, die reizvolle Vermengung tiefsinniger Gedanken bekannter Dichter mit scheinbar belanglosen Alltagserlebnissen, Sinnliches über duftende Käsesoufflés, orientsüße Baklavas und sonstige Leckereien sowie das übersinnliche Hereinplatzen des Babelschen Engels Alfred in Gestalt eines bildschönen Jünglings mit einem Skateboard in der Hand, mitten in ein Kränzchen reiferer Damen im heutigen Zagreb.

Dennoch stimmt dieses phantasievolle und sensible, geistreiche und selbstironische Buch traurig. Vielleicht, weil es uns klar macht, daß wir alle, die wir große Umwälzungen, den Zusammenbruch der Blöcke, das Verschwinden ganzer Staaten, den Untergang von Systemen erlebt haben und daher, obwohl noch nicht alt, schon mehrere Biographien in uns vereinen, in der Tat zu Museumsstücken geworden sind.

Dubravka Ugresic´: Das Museum der bedingungslosen Kapitulation. Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, 302 Seiten, 39,80 DM

 
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