Politik

Welches Geheimnis hütet die Landesregierung in Schleswig-Holstein? | 12.11.2004 00:00 | Sebastian Pflugbeil

Wo Erkenntnis an Grenzen stößt

Die Kommission, die zwölf Jahre lang die Ursachen für die häufigen Leukämiefälle bei Kindern in Geesthacht untersucht hat, ist nun unter Protest zurückgetreten

Schärfer können Wissenschaftler der Obrigkeit ihren Protest und ihre Verachtung nicht ins Stammbuch schreiben - als aus eigenem Entschluss und nach reiflicher Überlegung ihr Amt niederzulegen. Das haben die Professoren Otmar Wassermann, Inge Schmitz-Feuerhake, Edmund Lengfelder, Horst Kuni und Roland Scholz sowie die Ärztin Helga Dieckmann am 1. November öffentlich mitgeteilt, nachdem die Schleswig-Holsteinische Landesregierung sechs Wochen lang auf ihre Rücktrittserklärung in keiner Weise reagiert hatte.

Die Ereignisse, die zu diesem Rücktritt führten, könnten die Story zu einem Kriminalroman liefern, sind aber bittere Realität: In der Elbmarsch bei Geesthacht gibt es die weltweit auffälligste Häufung von Leukämiefällen bei Kindern. Die Gegend wird vom Kernkraftwerk Krümmel und dem Kernforschungszentrum GKSS beherrscht. Erst auf massiven Druck der Bürger wurde 1992 eine Leukämiekommission berufen, die sich um die Aufklärung der Ursachen kümmern sollte. Die nun zurückgetretenen Mitglieder dieser Kommission haben dabei unerfreuliche Erkenntnisse gewonnen: Sie kennen heute das Sündenregister des Kernkraftwerks Krümmel wie ihre Westentasche; sie haben die GKSS in ihre Recherchen einbezogen, weil eine Gutachtergruppe unter dem angesehenen Physikprofessor Arthur Scharmann kernbrennstoff- und spaltprodukthaltige Kügelchen in den Gärten der Leukämiekinder gefunden hatte, die zweifellos kerntechnischen Ursprungs waren und nicht zum Kernkraftwerk, wohl aber zur GKSS passten. (Im Freitag 50/2002 wurde darüber und über einen vermuteten Störfall mit militärischem Hintergrund berichtet.) Sie sind auf die originelle Idee gekommen, den Staub auf Dachböden zu untersuchen - und wurden fündig. Ein angesehenes polnisches Laboratorium bestätigte ihre Ergebnisse. Sie brachten die Untersuchung von Chromosomenaberrationen (Veränderungen von Chromosomen) ins Spiel, wurden ebenfalls fündig. Nebenbei konnten sie ein notorisch nichts findendes Labor des Bundesgesundheitsamtes in Berlin der Unfähigkeit überführen.

Die Erkenntnisse der Kommissionsmitglieder beschränkten sich aber nicht auf ihr Fachgebiet. Sie mussten erfahren, dass die Schleswig-Holsteinische Landesregierung weder Willens noch in der Lage war, ihnen auf der Suche nach Fakten und Hintergründen für ihre Analysen zu helfen, sie lernten, dass die Landesregierung ihre Arbeit behinderte, wo sie nur konnte: Beamte fälschten ungestraft Messwerte und durften abstruse Lügenmärchen zur Erklärung beunruhigender Messergebnisse verbreiten. Die Kommission lernte, dass die Feuerwehr zwar in der Lage ist, einen komplizierten Brand zu löschen, nicht aber, den eigenen Aktenschrank (mit dem Protokoll eines Brandes am Rande der GKSS) vor dem Verbrennen zu bewahren. Die Liste ließe sich fortführen.

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Auf jedes belastende Gutachten im Auftrag der Kommission ließ die Landesregierung ein Gegengutachten von einem der Kooperationspartner der GKSS anfertigen, das nicht fand, was es nicht finden sollte. Der Gipfel der Dreistigkeit bestand darin, dass der für die Durchführung der Atomaufsicht in Schleswig-Holstein verantwortliche Fachbeamte Wolter plötzlich aus dem Ministerium verschwand und umgehend als Autor eines "unabhängigen" Gutachtens wieder auftauchte, das sich zu den belastenden Ergebnissen äußerte, die er selbst in der Atomaufsicht übersehen hatte. Das Ergebnis kann man sich denken.

Als Reaktion auf die Veröffentlichung des Rücktritts der Kommission gab es endlich eine Stellungnahme der Landesregierung Schleswig Holsteins. Auf die harsche Kritik der Kommissionsmitglieder geht sie nicht ein. Alle aufgefundenen Phänomene werden einfach abgestritten. Am frechsten ist die Erklärung von auffälligen Messwerten, die Strahlenmesstrupps in Schutzanzügen am 12. 9. 1986 (Tschernobyljahr) ermittelten. Im Kernkraftwerk hatte es wegen erhöhter Aerosolmesswerte im Abluftkamin Alarm gegeben und der Messtrupp war ausgerückt. Die Erklärung: Man führte den Alarm auf außerhalb des Kernkraftwerks am Boden aufgestautes Radon, also natürliche Radioaktivität, zurück - wertete den Vorfall somit als harmlos. Doch der Atommeiler saugt seine Luft in 44 Metern Höhe an. Radon ist aber schwerer als Luft, es lässt sich leicht ausrechnen, dass am Boden 14 Millionen Mal höhere Werte hätten vorhanden sein müssen, als im Kernkraftwerk zum Alarm führten. Solch hohe Werte sind in Norddeutschland völlig unmöglich. Geologen wie Meteorologen, die über Radon Bescheid wissen, schütteln nur den Kopf. Die Radongeschichte ist eine glatte Lüge, das hat die Professorin Schmitz-Feuerhake in einer physikalischen Fachzeitschrift unwidersprochen publiziert. Dass die Landesregierung in ihrer Antwort auf den Rücktritt diese Lüge wiederholt, ist symptomatisch für den Verlauf des gesamten Geschehens.

Der Zustand der Wissenschaften in derart brisanten Bereichen lässt verzweifeln. Politiker, die Fehler nicht einräumen und drohende milliardenschwere Entschädigungszahlungen und Sanierungen mehr fürchten als Leukämiefälle bei ihren Bürgern, sollten zurücktreten. Die stattdessen zurückgetretenen Kommissionsmitglieder waren - wenn man ihnen das zum Vorwurf machen will - "voreingenommen": Sie standen mit Herz und Verstand auf der Seite der Leukämiekinder. Für diese Kinder haben sie die Lügen, Verleumdungen und den Rufmord der politisch Involvierten weggesteckt - auch wenn es oft kaum noch erträglich erschien. Die Professoren haben ihrer Standesbezeichnung Ehre gemacht - sie haben wörtlich "bekannt", was sie nach harter Arbeit herausgefunden haben, ohne Rücksicht auf Verluste, mit wissenschaftlichen Methoden und detektivischem Spürsinn, aber letztlich angetrieben von ihrer Verantwortung für die Wahrheit, für das Leben, für die Kontrolle der gewaltigen Krake mit den Armen Kernenergie und Politik. Respekt.

Sebastian Pflugbeil ist Physiker und Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz.

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