Politik

Sankt Precarius | 24.12.2004 00:00 | Mathias Zucchi

Ein neuer Heiliger erobert Italien

Erwerbslose verehren ihn ebenso wie Billigentlohnte, werdende Mütter, Wohnungssuchende und Asylbewerber

Er manifestiert sich in Supermärkten und Nobelrestaurants, erscheint den Gläubigen in öffentlichen Verkehrsmitteln und leerstehenden Mietshäusern. Er prophezeit die Speisung der Armen, kostenlose Personenbeförderung und billigen Wohnraum für alle: San Precario erobert die Herzen der Italiener. Der Hl. Precarius (von italienisch precario gleich vorläufig und ohne Garantie), der Märtyrer der Flexibilität, ist zum Schutzpatron aller Menschen ohne soziale Sicherheiten erhoben worden. Arbeitslose verehren ihn ebenso wie befristet Eingestellte, Billigentlohnte, werdende Mütter, Wohnungssuchende und Asylbewerber.

Kürzlich hat die erste landesweite Wallfahrt stattgefunden, zu der sich mehrere tausend Pilger in Rom zusammenfanden. Das erste Precarius-Wunder dabei: keiner der aus allen Landesteilen per Bahn angereisten Frommen brauchte einen Fahrausweis - zähneknirschend hat TrenItalia sämtliche Bußgelddrohungen gegen die organisierten Freifahrer zurückgezogen. In Rom kam es auf Geheiß des Heiligen hier und da zu "Gratiseinkäufen", die nun allerdings strafrechtlich verfolgt werden. Gegen prominente Vertreter der beteiligten New-Globals und der Arbeitslosenbewegung ist Anzeige erstattet worden.

Doch der Staatsschutz kann die Precario-Gemeinde nicht schrecken. In Berlusconien gewinnt der Kult täglich neue Anhänger, speziell aus der verarmenden Mittelklasse. Denn für einen nicht unbeträchtlichen Teil der italienischen Familien ist der Alltag zu einem nicht sonderlich erfreulichen Existenzkampf geworden. In einem Land mit traditionell niedrigem Lohnniveau (etwa 50-70 Prozent der deutschen Norm - Manager- und Politikergehälter ausgenommen) hat die mit der Einführung des Euro begonnene Angleichung der europäischen Verbraucherpreise doch gewisse Folgen. In Durchschnittshaushalten wird mittlerweile über die Hälfte der Einkünfte für die Kaltmiete verwendet. Bei Genussmitteln, Reisen, Bekleidung und selbst bei Grundnahrungsmitteln ist der Konsum stark rückläufig. Armut ist etwa für die vielen alten Menschen, die mit 600 Euro Rente im Monat auskommen müssen, kein Fremdwort mehr. So registrieren die Armenküchen im ganzen Land regen Zulauf.

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Berlusconis Antwort auf diese Zustände sind Versprechen und immer wieder dieselben Versprechen: "Weniger Steuern für alle", lautete einer seiner erfolgreichen Wahlslogans - er hat ihn genau so wenig eingehalten wie andere Versprechen. Und wenn einmal konkrete Pläne zur Steuerreform vorgelegt werden (die im praktisch bankrotten Italien allerdings stets an der Finanzierbarkeit scheitern), stehen letzten Endes doch nur Besser- und Spitzenverdiener auf der Gewinnerseite, in primis der Regierungschef selbst, der jährlich rund 800.000 Euro sparen würde. Auch das staatliche Hochschulwesen ist durch Einstellungsstopps und Kürzungen heruntergewirtschaftet worden. Nur eine radikale Kehrtwende könnte hier den Kollaps noch abwenden, den die absehbare Pensionierungswelle der nächsten Jahre verursachen wird.

Und bei den jungen Leuten erstickt die systematische Aufweichung der Arbeitnehmerrechte und Tarifabkommen die meisten Zukunftspläne im Keim. Wer hier nicht zum oberen Viertel des neuen und alten Jetset gehört, hat nur noch eine Hoffnung: Er betet zu Sankt Precarius, das soll gegen Liberalismus helfen. Der inoffizielle Heiligenkalender vermerkt ihn übrigens am 29. Februar. Wie könnte es anders auch sein.

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