Politik

Italien | 06.11.2008 00:00 | Matthias Zucchi

Draufschlagen, bis es blutet

Die Cossiga-Methode - wie die italienische Regierung Gewalt provoziert und die Demokratie-Entwöhnung beschleunigt

Als Premierminister Silvio Berlusconi bei den ersten schüchternen Schülerprotesten gegen den Bildungskahlschlag Mitte Oktober offen mit Polizeigewalt drohte, trat der emeritierte Staatspräsident Francesco Cossiga - er übte das Amt von 1985 bis 1992 aus - mit einer öffentlichen Empfehlung an ihn heran: "Er sollte es lieber so machen wie ich seinerzeit als Innenminister - die Ordnungskräfte von den Straßen und Universitäten abziehen und Provokateure in die Protestbewegung einschleusen, die zu allem bereit sind; dann lässt man die Demonstranten zehn Tage lang Geschäfte zertrümmern und Autos anzünden. Anschließend wird es einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung geben, wenn die Sirenen der Krankenwagen die Sirenen der Polizeiautos übertönen - in dem Sinne, dass die Ordnungskräfte dann kein Pardon mehr zu zeigen brauchen und alle krankenhausreif schlagen können. Sie sollen dann niemanden festnehmen [...], sondern einfach draufschlagen, draufschlagen, bis es blutet, auch auf die Dozenten."

Obwohl Geheimdienst-Fan Cossiga seit langem für Provokationen bekannt ist, hat seine unverhohlene Offenheit selbst im demokratieentwöhnten Italien noch Aufsehen erregt - und an der richtigen Stelle Gehör gefunden, wie die Vorkommnisse aus der vergangenen Woche offenbaren: Am 29. Oktober fährt ein Kleinlaster auf die von demonstrierenden Schülern und Studenten gesäumte Piazza Navona. Nicht irgendwo, sondern im Herzen Roms - nur einen Steinwurf vom italienischen Senatsgebäude entfernt - lädt eine Gruppe von 50 teils vermummten Männern in aller Seelenruhe Eisenstangen, Axt-Stiele und andere Schlagwerkzeuge von der Ladefläche - sie tun es vor den Augen einer Hundertschaft Carabinieri. Die Prügel sind mit grün-weiß-rotem Klebeband umwickelt, neofaschistische Abzeichen prangen an den Revers der eifrigen Männer.

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Als die Waffen verteilt sind, bauen sich die Vermummten bedrohlich vor dem Demonstrationszug auf, dann ertönt das Kommando zur ersten Attacke. Mit militärischer Präzision preschen die Schläger vor und prügeln auf die friedlichen Jugendlichen ein, minutenlang. Die Carabinieri schauen dem Treiben ungerührt zu; nur ein paar Touristen blicken entsetzt von ihren Cappuccinos auf. Mehrfach ziehen sich die Angreifer hinter den Polizeikordon zurück, sammeln sich und schlagen erneut mit geballter Wucht zu. Ein paar Lehrer, biedere Männer und Frauen um die 50, umringen den Einsatzleiter: "Tun Sie doch was, helfen Sie meinen Schülern!" Doch sie ernten nur müdes Schulterzucken. Erst als eine Gruppe Autonomer auftaucht und die Faschisten zurückdrängt, kommt Bewegung in die Ordnungshüter. Ein Journalist der Zeitung Repubblica notiert sich den Wortwechsel zweier Beamter: "Da kommen die Scheiß-Kommunisten." - "Dann gehen wir jetzt wohl besser auf den Platz, um unsere Jungs zu schützen." - "Ja, aber nicht sofort." Sie warten noch, bis zwei Bars verwüstet sind. Dann erst setzen sie sich in Bewegung und schieben sich vor die wütenden, teils blutüberströmten Demonstranten. Ein lauthals protestierender Schüler bekommt einen kräftigen Hieb mit dem Gummiknüppel. So vollenden die Beamten das Werk, während das rechte Rollkommando ungehindert zum Rückzug bläst.

Im italienischen Fernsehen wird später von "Ausschreitungen" die Rede sein, von "Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Studenten". Man zeigt ein paar Bilder von umgeworfenen Stühlen und zertrümmerten Schaufenstern. Die Ziele der Demonstranten sind längst vergessen, der eigenartige Hergang des "Zwischenfalls" wird gar nicht erst erwähnt.

Von den tragischen Ereignissen der siebziger Jahre, als sich der Verdacht nicht von der Hand weisen ließ, dass in Anschläge der "Roten Brigaden" möglicherweise die Geheimdienste verwickelt waren, wissen die Schüler leider kaum etwas. Doch manch einer von ihnen fühlt sich an den G 8-Gipfel in Genua im Juli 2001 erinnert, als mysteriöse paramilitärische Formationen unter den wohlwollenden Blicken der Polizei die Stadt verwüsteten. Das ist die Cossiga-Methode - dass sie in Italien funktioniert wie eh und je, weiß auch Berlusconi. Vorsagen wäre gar nicht nötig gewesen.

 
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