Politik

Arbeitsmarkt | 30.07.2009 12:25 | Berthold Paetz

Atmosphäre des Drucks

Nürnberg meldet steigende Erwerbslosenzahlen – und nun? Krisen und Wahlen haben oft Debatten über angeblichen Sozialmissbrauch befeuert. Die nächste kommt bestimmt

Es gibt eigentlich keinen wirklich wichtigen Grund, jemanden wie Martin Lindner zu kennen. Dass der Berliner FDP-Politiker unlängst zu einer gewissen Berühmtheit gelangte, verdankt er einem Verdacht mit Tradition: Erwerbslose sind faul und missbrauchen die Sozialsysteme. Der daraus gezogene Schluss läuft meist darauf hinaus, die Leistungen zu kürzen. 250 Euro im Monat für jene, die „schlichtweg keine Lust“ hätten zu arbeiten, hält der Hauptstadt-Liberale für ausreichend.

Vorstöße wie dieser sind keine Nebenerscheinung der Agenda-Politik seit 2003. Der Pauschalverdacht des Missbrauchs von Sozialleistungen ist tief und fest in deutschen Gesetzen, Vorschriften und Köpfen verankert.

Schon in der Weimarer Republik war – obgleich schon damals die Erwerbslosenfürsorge nur nach Prüfung der Bedürftigkeit ausbezahlt wurde – der Vorwurf des missbräuchlichen Bezugs allgegenwärtig. Derartige Propaganda von konservativer Politik und großbürgerlichen Medien hatte Erfolg: Schon 1927 beschäftigten sich in einer Reform des Fürsorge allein 28 Paragrafen mit dem Leistungsmissbrauch. Als zwei Jahre später die Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen explodieren ließ, sank das Niveau der Unterstützung zeitweise auf zwölf Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Die Anregung zu diesen drastischen Einschnitten kam von den Arbeitgeberverbänden, die 1929 in ihrer Verbandszeitschrift eine neuerliche „Missbrauchsdiskussion“ gestartet hatten.

Man sollte sich nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen, wenn heute sogar Unionspolitiker über eine Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes nachdenken. Die Zeiten der Kürzung sind keineswegs vorbei. Die Beschneidung der Leistung ist aber auf eine gewisse Art individualisiert.

2008 wurden gegen Erwerbslose so viele Strafmaßnahmen verhängt wie nie zuvor. In über 740.000 Fällen wurde die Auszahlung des Arbeitslosengeldes zeitweise gesperrt. Missbrauch? Mitnichten. Meist handelt es sich um so genannte Meldeversäumnisse, die schon begeht, wer nicht weiß, dass man sich schon arbeitslos melden muss, wenn man dies noch gar nicht ist. Die Nürnberger Bundesagentur schätzt – nach zweifellos großzügiger Auslegung von Tatbeständen – selbst ein, dass der Anteil der Menschen, die missbräuchlich Hartz-IV-Leistungen beziehen, in der Realität bestenfalls zwei Prozent ausmacht. Bei seit Jahren sinkender Tendenz und steigender Aufklärungsquote. Immerhin kommt gegenüber den Betroffenen das Instrument des Datenabgleichs zwischen Behörden zur Anwendung, den man sonst vor allem aus dem Kampf gegen den Terrorismus kennt.

ANZEIGE

Bereitschaft zu Konzessionen

Im Juni dieses Jahres kam das Hallenser Institut für Wirtschaftsforschung, linker Grundhaltung unverdächtig, an der Erkenntnis nicht vorbei, dass viele der verhängten Strafen kaum etwas mit fehlender Arbeitsbereitschaft zu tun hatten, wie es gern unterstellt wird. „Die Hauptwirkung der Sanktionen besteht jedoch vermutlich darin“, so die Wissenschaftler, „eine allgemeine Atmosphäre des Drucks zu erzeugen, in der die Konzessionsbereitschaft von Arbeitslosen gegenüber potenziellen Arbeitgebern erhöht wird.“

Zu diesem Druck tragen auch die regelmäßigen Faulheitsdebatten bei. Das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung hat bei der Analyse solcher Kampagnen ein wiederkehrendes Muster entdeckt: Die Debatten wurden jeweils ein bis anderthalb Jahre vor einer Bundestagswahl initiiert und korrespondierten zumeist mit Rezession und hoher Arbeitslosigkeit. Die erste wurde 1975 unter dem Motto „Wildwüchse beschneiden“ durch den sozialdemokratischen Bundesarbeitsminister Walter Arendt ausgelöst. Die zweite im Sommer 1981 gipfelte in dem Vorwurf des CSU-Bundestagsabgeordneten Erich Riedl, das soziale Netz sei für viele „eine Sänfte“ geworden, in der sich Menschen „von Demonstration zu Demonstration (...) und dann zum Schluss zur Erholung nach Mallorca“ tragen ließen. Auch die Kampagne von 1993, ausgelöst durch das legendäre Wort von Helmut Kohl, Deutschlands Zukunft könne nicht als „kollektiver Freizeitpark“ organisiert werden, lief monatelang. 2001 brach dann schließlich Gerhard Schröder mit dem Satz „Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft“ eine heftige Diskus­sion vom Zaun.

Annäherung an Rekordwert

Die bisher höchste Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik wurde im Februar 2005 gemessen: Knapp 5,3 Millionen Erwerbslose waren seinerzeit registriert. Immer mehr Experten gehen davon aus, dass die Republik sich diesem Rekordwert spätestens dann wieder nähert, wenn der trügerische Schleier der Kurzarbeit mit Blick auf klamme Kassen und absurde Sparvorgaben zur Seite gezogen wird. Die Rezession wird dann noch nicht zu Ende sein.

Prognosen, so spottete Mark Twain, seien schwierig – vor allem wenn sie die Zukunft beträfen. Gleichwohl sei mit Blick auf Erwerbslosenzahl und bevorstehendem Urnengang eine weitere gewagt: Die nächste Runde in der großen deutschen Sozialmissbrauchsdebatte kommt bestimmt.

Liebe Freitag-Community! Kann ein gesetzlicher Mindestlohn von 7,50 Euro neue Jobs schaffen? Eine aktuelle Studie sagt Ja. Was meinen Sie?

 
Senden Bookmarken Drucken
Document Actions
Kommentare
drave11 schrieb am 30.07.2009 um 12:58
Die Missbrauchsdebatten, dienen tatsächlich zur Vorbereitung der von zu akzeptierenden Sozialreformen. In der Wissenschaft rund um die Sozialpolitik, ist der Begriff des "Moral Hazard" bereits fester Bestandteil. Es wird also -beispielsweise im Gesundheitswesen, davon ausgegangen, dass Anreize falsch gesetzt werden könnten, die dass schadhafte Verhalten des Einzelnen gegenüber der Solidargemeinschaft verstärkten.

Diese "soziale Hängematten"-Debatte wird in kontinuierlichen Abständen gerne gebraucht, um den Leistungsträgern das Schmarotzertum zu präsentieren und damit innerhalb einer Klasse zu polarisieren. Die Folgen des Ganzen sind auch heute noch an den Stammtischen zu hören.

Die Begrifflichkeiten, die bei solchen medialen Kampagnien eingesetzt werden, sind moralisch mit suggestion verbunden.

Während der (Sozial-)Staat eine Verschlankungskur erhälten muss,-Kur als positiv gesundheitsherstellender Begriff-, sind Menschen die die Sozialkassen "erdrücken", das Vertrauen der Gemeinschaft ausnutzten -damit werden Arbeislose mit einen Bann der Vertrauensunwürdigen belegt- nicht zu dulden.

So in der Art könnte eine nächste Debatte geführt werden. Sie wird kommen. Die immante Logik des schlanken Staates, wurde ja nicht aufgegeben. Die Schuldenbremse und Verbindung mit dem Nichtantasten der Vermögen, wird diese Konsequenzen nach sich ziehen.

D.h. Wenn diese Forderung aus den Reihen der FDP Einzug in den deren sichtbare Bundespolitik gehalten hat, und sich die Stimmen mehren...dann liegt der Wahltag bereits hinter uns.
Baszlo schrieb am 30.07.2009 um 13:30
Nur mal so nebenbei: Die "Forderung" der FDP das ALG II bei Arbeitsverweigerung - oder der Weigerung Verträge zu unterzeichnen, oder der Weigerung bei Verlangen den Wohnort zu wechseln, oder des "ungepflegtem Auftretens" bei Vorstellungen, oder der Weigerung sich von Jobcenter Mitarbeitern die Wohnung durchsuchen zu lassen, etc. - um 30% zu kürzen (beim 1. mal, beim 2. mal 60%, beim 3. mal alles), ist schon seit 2005 Realität und wurde von Rot/Grün eingeführt. Genauso wie die Ein-Euro-Zwangsarbeit, an der heutzutage so viele, angeblich "gemeinnützige", Firmen viel Geld verdienen.
Wenn schon solche "Missbrauchsdebatten" losgetreten werden - und das werden sie sicherlich wieder - dann könnten sich ja Politiker und Journalisten wenigstens mal über die schon herrschenden Verhältnisse informieren.
Magda schrieb am 30.07.2009 um 19:19
Ihr Lieben, nehmt doch mal das "e" aus der Kriese.
Titta schrieb am 31.07.2009 um 00:34
Danke, Magda.
Ich dachte, ich bin mal wieder die einzige, die bei einer Kriese die Krise kriegt.
Izmir Übül schrieb am 01.08.2009 um 11:48
Mir ist dieser Rechtschreibfehler zwar auch sofort aufgefallen, aber hier geht es um Inhalte, nicht um oberlehrerhafte Klugscheißerei.
Jörn Kabisch schrieb am 01.08.2009 um 12:29
Fehler gefixt. Er stand in der Unterzeile.
Andreas Kemper schrieb am 01.08.2009 um 05:40
Danke, Berthold Paetz, für diesen sehr informativen Artikel!

Ich kann dann schon mal Platz machen in meiner Sammlung "Klassistische Politikersprüche" knol.google.com/k/-/-/8bgikaqot3ts/221

Ihren Artikel habe ich als weiterführende Literatur zum Phänomen der Politikersprüche weiterverlinkt.

Lieben Gruß
Andreas Kemper
leif eriksson schrieb am 19.08.2009 um 19:56
Dieser Lindner ist - abgesehen von seinen vielleicht zwei Jahren Lehre - in seinem Leben noch keiner geregelten Arbeit nachgegangen.

Woher er seine Dreistigkeit nimmt, ist also schwer zu erklären. Aber so etwas ist - gerade bei FDP-Leuten - sehr, sehr oft der Fall.

Also: Was soll's?!


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
MIssbrauchsdebatte

portlet_missbrauch.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Freiwillige vor!

Ausgabe 11/10
18.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen
Linke Mitte

portlet_linkeMitte.png

probeabo260x120.jpg

Buch der Woche

11bdw.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

znet
Chomsky, Avnery und Co. auf Deutsch

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

ruhrbarone
Journalisten bloggen das Revier

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG