Politik

Finanzkrise | 15.09.2009 13:00 | Jens Berger

Choreografie der Krise

Vor einem Jahr musste Lehman sterben, damit das System leben kann. Seit dem „Sündenfall“ kann sich jede andere größere Bank auf staatliche Garantien verlassen

Politiker, Banker und viele Kommentatoren sind sich bei der Analyse der Finanzkrise in einem Punkte einig – der größte Fehler sei es gewesen, Lehman Brothers nicht mit Steuergeldern vor dem Untergang zu retten. Durch den Kollaps der Investmentbank sei das System weltweit in Schieflage geraten – ohne ihn wären die billionenschweren Rettungspakete für die Geldbranche erst gar nicht nötig gewesen. Das klingt auf den ersten Blick vertraut, ist aber nichtsdestotrotz falsch.

Im September 2008 waren nahezu alle Finanzinstitute der USA in einer prekären Lage. Jedes von ihnen hatte intransparente Risiken in unbekannter, aber gigantischer Größenordnung in seinen Büchern. Eine Neubewertung dieser Papiere hätte das ganze Kartenhaus zusammenbrechen lassen. Bereits im März des Jahres musste die Investmentbank Bear Stearns unter die Fittiche der Großbank JPMorgan schlüpfen – die FED unterstützte diese „Fusion“ nach besten Kräften. Im September lautete die Frage nicht, ob ein weiteres großes Institut stürzen würde, sondern nur welches Institut dies sein würde.

Um das Finanzsystem zu stabilisieren und den großen Zusammenbruch abzuwenden, benötigte Finanzminister Paulson in jenen Septemberwochen nicht nur Carte Blanche aus Washington, er brauchte auch noch Geld, sehr viel Geld. Wenige Wochen später sollte er die nötigen Mittel bekommen, um dem Finanzsystem seine „toxischen Papiere“ abzukaufen.

Groß genug – aber kein Systemrisiko

Lehman war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Investmentbank war groß genug, um der Politik die Ernsthaftigkeit der Lage vor Auge zu führen. So groß, dass ein Zusammenbruch das gesamte System mit sich ziehen würde, war Lehman aber nicht. Ohne Lehman wäre womöglich die Citigroup oder die Bank of America das erste Opfer der Krise geworden. Auch die AIG, die nur zwei Tage nach Lehman mit Hilfe von Steuergeldern in Höhe von 182 Milliarden Dollar gerettet wurde, stand zum Zeitpunkt der Lehman-Pleite kurz vor dem Exitus. Eine AIG-Pleite wäre zweifelsohne das Ende des Finanzsystems gewesen, so weit vernetzt war der Versicherungsgigant.

Vernetzt war auch die Investmentbank Merrill Lynch, die zeitgleich mit dem Konkurrenten Lehman am Abgrund stand. Merrill Lynch war jedoch nicht nur mit der Wallstreet, sondern auch mit der Mainstreet vernetzt, während Lehman-Papiere hautsächlich von ausländischen Großinvestoren gehalten wurden. Merrill Lynch wurde mit tat- und finanzkräftiger Unterstützung der US-Regierung an die Bank of America vermittelt, während Lehman und seinen potentiellen Rettern jede Hilfe kategorisch verweigert wurde.

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Fuld gegen Paulson

Manchmal können wirtschaftspolitische Entscheidungen von großer Tragweite aber auch ganz profane Gründe haben. Chef von Lehman Brothers war in diesen stürmischen Tagen Richard Fuld, ein Alphatier mit Größenwahn, dem man in Bankerkreisen den Spitznamen „Gorilla“ verpasst hatte. Fuld galt als Intimfeind von Henry Paulson, der, vor seinem Amt als Finanzminister, den Chefposten bei Goldman Sachs bekleidete – dem Branchenprimus mit besten Netzwerken in die Regierungen der Welt. University of Colorado gegen Harvard, Außenseiter gegen Establishment, neureich gegen Finanzadel, Lehman gegen Goldman Sachs, Fuld gegen Paulson – letzterer saß am längeren Hebel und ließ Fulds Imperium sehenden Auges zusammenbrechen.

Was wäre passiert, wenn die US-Regierung Lehman gerettet hätte? Ohne die Lehman-Pleite hätten Finanzminister Paulson und FED-Chef Bernanke nie ihr billionenschweres Rettungsprogramm durch Senat und Repräsentantenhaus bekommen. Lehman war die Schock-Strategie, mit der das Finanzsystem vor sich selbst gerettet werden konnte. Lehman musste sterben, damit das System leben und überleben kann.

Weichen gestellt

Auch diesseits des Atlantiks hätte es ohne einen Lehman-Kollaps durchaus schlimmer kommen können. Die Hypo Real Estate wäre auch ohne Lehman in die Insolvenz geschlittert – die Agonie hätte sich lediglich ein paar Monate verzögert. Was aber wäre passiert, wenn anstatt Lehman Brothers eine wirklich große Bank oder gar der Versicherungsgigant AIG das erste Opfer des Turbokapitalismus geworden wäre? Im Falle einer AIG-Pleite wäre wohl auch die Deutsche Bank nicht mehr zu halten gewesen – zu eng und in einem zu großen Volumen kooperierten die Ackermänner mit den Pleiteversicherern aus Übersee. Vor einem Jahr wurden die Weichen für die Choreographie der Finanzkrise gestellt. Gelernt hat man aus der Krise nichts. Im Gegenteil – seit dem „Sündenfall“ Lehman gilt eine implizite staatliche Garantie für jedes größere Finanzinstitut, Nebenwirkungen inklusive.

 
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Kommentare
mh schrieb am 15.09.2009 um 13:33
das hätteste wohl gerne, dass die märkte sich so steuern lassen... ^^

es ist aber nicht so.

jede absicht wird durch mehrere zufälle konkterkariert und am ende gewinnt immer nur der, der weniger unmittelbarem zwang unterliegt als seine konkurrenten.

in diesem fall wären alle gerettet worden, außer eben lehman, da sie nicht systemrelevant waren.

die pleite belastetet nur das system. so war es dann auch, nicht mehr. der große fehler, der da stattgefunden haben soll, ist ein medienereignis. dass zeitlich so vieles zusammenfällt, ist weniger zufall es ist der zwang .. wer vermisst lehman?

wirklich pressierend war eines, in bezug auf lehman, ihr status als counterpart und da hats einige zersemmelt. das hätte man besser regeln können.

mfg
mh


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