Politik

Steinbach-Streit | 23.11.2009 15:54 | Regina General

Faktor der Unversöhnlichkeit

Ginge es der Vertriebenen-Präsidentin bei der Stiftung wirklich um Versöhnung, wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt, sich selbst zurück zu nehmen

An Selbstbewusstsein fehlt es ihr nicht und auch nicht an großen Worten. Erika Steinbach, die Präsidentin der Vertriebenen, findet sich großartig und bestens geeignet für jede Art Amt, vor allem aber dem im Beirat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Dass andere, vor allem in Polen, das ganz anders sehen, ficht sie nicht an. Sie neigt nicht zur Reflexion eigener Worte und Taten. Und fühlte sich von ihrer Partei, der CDU, dazu bislang auch nicht genötigt. Und so erscheint es ihr völlig normal, der Bundesregierung ein Ultimatum zu stellen: Entscheidung bis nach den Weihnachtsfeiertagen, aber noch im alten Jahr. Oder? Lässt Sie die Koalition platzen? Das Verhältnis zu Polen auflaufen? Oder reicht ihr, einen ohnehin noch belächelten Außenminister vorzuführen?

Das Wort von gestern gilt in der Politik in der Regel nicht viel. Reihenweise kippen Kanzlerin und Minister ihre Aussagen aus vergangenen Jahren über den politischen Bordstein und behaupten mit der gleichen Überzeugung das genaue Gegenteil. Ganz nach Adenauers Motto: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern…“ Warum also rechnet man ausgerechnet ihr die Absage an die Oder-Neiße-Grenze von vor zehn Jahren immer wieder vor? Ihre Hausmacht aus Nachkommen der Flüchtlinge aus ehemals deutschen Gebieten, die hartnäckig Vertriebene genannt werden, scheint nach Ausweitung des europäischen Einigungsprozesses auf die osteuropäischen Staaten nicht mehr gewollt. Sie stören den Einigungsprozess mit Erinnerungskitsch, der längst durch subtilere wirtschaftliche Strategien abgelöst wurde. Die aber sollen nicht durch ständige verbale Widerhaken belastet werden.

Frau Steinbach hat sich ausgerechnet auf diesem Gebiet profiliert. Sie hat ihre plakativen Forderungen solange vor sich her getragen, bis noch so kreideweiche Dementis (Weihnachten sei die „Zeit der Versöhnung“, „Mitglieder ihres Verbandes hätten maßgeblich menschliche Beziehungen zu ihren ehemaligen Heimatgemeinden hergestellt“ und sich als „Mittler zwischen den Kulturen“ betätigt) mindestens im polnischen Ausland nichts mehr bewirken. Darüber hinaus versagt die parteipolitische Hausmacht, nur die CSU steht noch hinter den Landsmannschaften und ihren Forderungen.

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Vor allem aber: Frau Steinbach hat nichts als verheißungsvolles Äquivalent anzubieten. Einflussnahme auf die östlichen Nachbarn ist mit entspannten Verhältnissen zwischen europäischen Partnern allemal besser möglich, als mit einem Verband, der eisern daran festhält, dass seine Heimatrechte gewürdigt werden müssten. Die Behauptung, nur Polen verweigere sich dem Steinbachschen Stiftungsplatz ist schlicht falsch, Tschechien und Rumänien beobachten die deutsch-polnische Fehde, um dann einzugreifen, wenn eigene Interessen tangiert sind. Der Streit um die Benes-Dekrete wurde mühsam genug entschärft.

Für den Bund der Vertriebenen aber heißt das auch: Gelingt ihm nicht, die eigene Kandidatin durchzusetzen, schwindet sein Einfluss auf die Ostpolitik weiter. Die Stiftung könnte ganz ohne ihn möglicherweise effektiver arbeiten. „Versöhnung“ rückte dann vom dritten auf den ersten Platz im Wortgefüge „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ und könnte den anvisierten Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1944 und 1946 so verschieben, dass die deutschen Leiden nur noch Teil des durch Deutsche über Europa gebrachten Unrechts wären. Auch deshalb sieht Erika Steinbach die Debatte schon als „eine Frage der Freiheitsrechte“.

Was immer sie gemeint haben mag: Die eigene Freiheit endet immer dann, wenn die Freiheitsrechte der anderen beeinträchtigt sind. Darüber aber entscheiden die, die betroffen sind, nicht die, die agieren. Und das betroffene Polen bewertet Frau Steinbach nun einmal als Faktor der Unversöhnlichkeit. Ginge es ihr bei der Stiftung wirklich um Versöhnung, wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt, sich selbst zurück zu nehmen.

 
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Kommentare
André Rebentisch schrieb am 24.11.2009 um 13:42
Vielleicht liegt es daran, dass eine Weichei-Versöhnung an der Lebenswirklichkeit dieser Menschen vorbei geht, und als eine weitere Demütigung erfahren wird. Auf der einen Seite haben wir die grotesk paranoide Agitation von polnischen Politikkreisen gegen diese Teile der deutschen Gesellschaft, welche die Last geschultert haben, auf der anderen Seite eine Regierung, die realpolitisch nüchtern am liebsten alles historisch-konfliktträchtige loswerden will und die Interessengruppen auf deutscher Seite anhält sich für die Vertreibung zu entschuldigen. Es deutet darauf hin wie schwach und unerwünscht inzwischen die Interessenwahrnehmung ist, und dass Versöhnung vor allem Selbstabwicklung dieser institutionalisierten Interessen meint.
josse schrieb am 24.11.2009 um 14:25
Frau General hat die Beurteilung der Vertreibung aus DDR-Zeiten gut verinnerlicht. Sie geht gar so weit, dass sie die Vertreibung als solche in Frage stellt. Für sie ist es vmtl. bedauerlich, dass sie nicht mehr ihre festgefügte sozialistische Meinung im SONNTAG verlautbaren kann. Die friedliche Revolution war in Teilen doch zu friedlich.
Wie Frau General hier über die Vertriebenen und ihr schweres Schicksal herzieht, die neben der unterdrückten und verformten DDR-Bevölkerung die wahren Verlierer des Krieges waren, zeugt von sehr wenig Einfühlungsvermögen. Wie soll von Vertriebenen Versöhnung gelebt werden, wenn sie als Belästigung der Jetztzeit dargestellt werden.
Jeglicher Versöhnungsversuch beruht jedenfalls auf der historischen Wahrheit. Die Verhinderung der Darstellung derselben ist das eigentliche Ziel - Frau Steinbach ist nur die willkommene Buhfrau. Das Gedächtnis unseres Volkes soll dem Zeitgeist gemäß manipuliert werden, und gegen diesen Manipulationsversuch steht Frau Steinbach und ihr Verband.
bewe28 schrieb am 24.11.2009 um 15:56
Bei allem Respekt, aber Flüchtlinge waren es nicht - man kann es drehen und wenden wie man will: Vertreibung ist ein Verbrechen und Sie, Frau General, sind doch eigentlich viel zu intelligent, um dies nicht zu erkennen. Da ändert auch die nicht bezweifelte Schuld der verantwortlichen Deutschen am 2. WK nichts daran.

Rache ist - auch nach unserem heutigen Rechtsverständnis - ein niederer Beweggrund und entschuldigt kein Verbrechen. Sollten Sie das anders sehen, begeben Sie sich unweigerlich in die moralischen Abgründe von Stammesgesellschaften, die in ständiger Blutfehde leben.

Auch der ständige Hinweis, es gäbe ja kaum noch lebende Vertriebene und die Hoffnung auf die "biologische Lösung" werden nicht zum Erfolg führen. Schließlich kann man nicht einerseits von der "immerwährenden Schuld" der Deutschen ausgehen und ritualisiert Betroffenheitsveranstaltungen durchführen, andererseits aber Unrecht, welches uns wiederfahren ist, einfach zu "historisieren".

Frau General, Sie haben Recht. "Die eigene Freiheit endet immer dann, wenn die Freiheitsrechte der anderen beeinträchtigt sind. Darüber aber entscheiden die, die betroffen sind.

Und betroffen von Flucht und Vertreibung sind nun einmal die Vertriebenen, denen nicht nur Hab und Gut, Würde und Heimat, sondern millionenfach auch das Leben genommen wurde.
Denen gehört auch heute noch unser Respekt und unser Gedenken.
volver schrieb am 27.11.2009 um 16:26
Zuerst einmal bleibt festzuhalten, dass die Vertreibungen nach 1945 das Ergebnis eines verbrecherischen Krieges und der Beschlsse Siegermächte war. Es ist schon seit geraumer Zeit, vor allem seit der „real vermurksten Sozialismus“ besiegt wurde, festzustellen, dass staatstragende Historiker bemüht sind, Deutschland auf die Seite der Sieger zu verschieben. Ganz nach dem Motto, die Anderen waren ja auch „böse Buben“. In Deutschland befanden sich ja nach dem Krieg Millionen Menschen, die nicht dabei waren, von nichts gewusst haben, und gar nicht gewusst haben, dass es eine NSDAP gab. Aber mein Erinnerungsvermögen zeigt mir Bilder, auch in den Gebieten aus denen die Vertriebenen kamen, die ihrem Führer huldigten, ihm zu schrien und vor Glück Tränen in den Augen hatten. Als man das Protektorat Polen germanisierte, waren die Betten der Vertriebenen noch warm und die Tische waren noch gedeckt. Klein Erikas Vater war deutscher Besatzungssoldat und hatte dort nichts zu suchen.
Meine Mutter ist 1960 aus der DDR in die BRD übergesiedelt, nach dem mein Vater 1959 schon flüchten musste, weil er, nicht wie die familieninterne Geschichte kolportierte gegen den Sozialismus war, sondern weil er Lebensmittel verschoben und illegal verkauft hat. Er sollte von der Kriminalpolizei, nicht von der Stasi, verhaftet werden, weil man ihm auf die Spur gekommen ist. Seit ich weiß für was die DDR alles herhalten muss, bin ich etwas vorsichtiger geworden, wen
Vertriebenen- und DDR- Erlebnisse zum besten gegeben werden. Ganz zu schweigen von der Tatsache das die Braune Gründervergangenheit der BRD mittlerweile völlig ausgeklammert wird.
josse schrieb am 28.11.2009 um 18:34
Ach, @volver,
mit ihrer langen Einleitung rennen Sie doch immer weitoffenstehende Türen ein. Das wissen wir alle, die Asche ist auf unseren Häuptern inzwischen wie zementiert. Darum geht es jetzt aber gar nicht.
Das Unrecht einzusehen, was aus diesem Land gekommen ist, braucht nicht immer wieder eingeklagt zu werden.
Hingegen haben die kommenden Generationen der Deutschen auch ein Recht darauf, vor dem Vergessen der anderen Seite des Krieges bewahrt zu werden, das eben eben auch die "dunklen Seiten" der ehemaligen Feinde erhellt.
Bei der Stiftung geht es der Reihenfolge nach zunächst um die wahrheitsgemäße Darstellung von Flucht und Vertreibung, daraus sollte dann Versöhnung erwachsen, nicht aber Vergessen.
Vielleicht fällt es Ihnen leichter auf Bertolt Brecht zu hören.
In seinem Solidaritätslied "Vorwärts und nicht vergessen..." heißt es in der 3. Strophe:
"... Wer im Stich läßt seinesgleichen, läßt ja nur sich selbst im Stich. Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht! Beim Hungern und beim Essen. Vorwärts und nie vergessen: Die Solidarität!"
volver schrieb am 29.11.2009 um 00:50
Ach, @josse,
aber genau darum geht es. Die Unversöhnlichkeit sitzt in den Vertriebenenverbänden, deren Zugehörigkeit an die nächste Generation weitergegeben wird. Ich mißtraue diesen Verbänden, weil sie in ihrer Weltanschauung immer reaktionär waren und sind. Wenn etwas Sinn machen würde, dann wäre das eine "Stiftung gegen den Krieg".
Die Vertriebenenverbände und diese Stiftung sind ein übler Mummenschanz, der offensichtlich kein Ende zu nehmen scheint. Ich habe kein Problem mit Polen, jetzt nicht und früher nicht, weil ich die Ergebnisse der Geschichte anerkenne. Das machen diese Leute nicht.
Die Väter zweier Freunde, beides Sudetendeutsche, haben sich immer geweigert in den Vertriebenenverbänden mitzumachen, weil sie keine Lust hatten sich mit ewig gestrigen auseinander zu setzen. Das ist ein Sammelbecken für CDU und Rechtswähler. Westerwelle bleibt ja gerade deshalb bei seiner Ablehnung, weil er weiß, dass ihn das keine Wählerstimmen kostet. Und was die Wahrheit anbetrifft, habe ich meine Zweifel, dass die bei Frau Steinbach gut aufgehoben ist und in diesem Zusammenhang ist das Solidaritätslied Brechts völlig unpassend.
Isch als Pälzer konn iwwer des Thäma nur sache, kommen all zu uns, bei uns in de Palz is ä am schenschte. Mer hänn jo schun die Hugenotte bei uns uffgenomme, wie´se vun de Franzmänner gemoichelt worre sinn un die sinn all do gebliwwe.
Alla, nix fer ungut.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.11.2009 um 01:11
@ josse
Brecht als Blut-und-Boden-Dichter, das is mal ne originelle Interpretation.

"Die friedliche Revolution war in Teilen doch zu friedlich." - Falls Du daran denken solltest, dies ein wenig zu korrigieren, versuchs, ich bin vorbereitet.
josse schrieb am 30.11.2009 um 21:05
@volver
Die Bewertung der Verbände, die aus der Geschichte der 30/40er Jahre entstanden sind, ist allmählich unerheblich. Ob es nun die Landsmannschften der Flüchtlinge und Vertriebenen einerseits oder der VVN andererseits sind, die biologische Lösung naht unaufhaltsam.
Im Interesse nicht nur der betroffenen Vertriebenen sondern im Interesse des deutschen Volkes ist es, dass die Geschichte unseres Volkes historisch ganzheitlich betrachtet und dargestellt wird.
Die Sicht aus der Perspektive der inneren und äußeren Opfer der Nazizeit ist vielfach dargestellt und von der nachwachsenden Bevölkerung weitestgehend verinnerlicht - die Sicht der Opfer unter der deutschen Bevölkerung, insbesondere derer, die ihre Heimat verloren haben, ist nirgends ausreichend dargestellt.
Die vielen kleinen Heimatstuben und -museen verlieren mit dem Wegsterben der Betroffenen ihre Förderer und ihre Bedeutung.
Um Jahrhunderte deutscher Geschichte östlich der Oder und Neisse, ihren Untergang und ihre Bedeutung für das ganze Deutschland darzustellen, bedarf es dieser Stiftung.
Das Solidaritätslied von Brecht war keineswegs unangebracht (auch an meisterfalk gerichtet).
Brecht mahnt die Solidarität unter Gleichen an, im DDR-Jargon die Solidarität der "Arbeiter- und Bauernklasse". Welcher Bevölkerungsschicht gehörten wohl die meisten Vertriebenen an? Es sind nicht nur die "Junker" enteignet und vertrieben worden sondern jeder, der deutsch war.
Dass Pfälzer von dieser Thematik nicht ganz so viel wissen liegt u.a. auch daran, dass in die Französische Besatzungszone kaum Vertriebene gekommen sind. Und dass die Polen in der Pfalz kein Problem machen, liegt auch daran, dass sie sehr weit weg wohnen. Die Liebe zu Frankreich war nach dem Krieg an Saar, Rhein + Mosel jedenfalls nicht ausgeprägt. Das ist GsD alles besser geworden, aber was würde ein Pfälzer wohl empfinden, wenn die Franzosen alles deutsche Land westlich des Rheins von Deutschen entleert hätten? Wenn Trier, Aachen, Köln und Koblenz heute Frankreich wären? Die Franzosen haben es uns erheblich leichter gemacht, sie nicht mehr als Feinde zu sehen; sie haben sogar die Volksabstimmung an der Saar zugelassen und deren Ergebnis akzeptiert.
Der polnische Staat hat sich nicht in gleichem Maße um Verständnis und Versöhnung bemüht - das verlangt er nur von den Deutschen.


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