Politik

Netzpolitik | 02.09.2010 14:35 | Jonas Jansen

Erfolgloser Kampf gegen Kinderpornografie

Internes BKA-Papier enthüllt: Bislang wurde unzureichend mit Jugendschutzpartnern kooperiert. Die wollen jetzt sogar ohne das Bundeskriminalamt auskommen

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat bis vor kurzem offenbar ineffizient gegen Kinderpornografie gekämpft. Das geht aus einem internen Papier vor, das dem AK Zensur vorliegt - einem Arbeitskreis, der sich dafür einsetzt, Kinderpornoseiten zu löschen statt sie zu sperren. Nun will das BKA intensiver mit den deutschen Beschwerdestellen zusammenarbeiten, um Kinderpornoseiten schneller löschen zu lassen.

Das sogenannte „Harmonisierungspapier zum zukünftigen Umgang mit Hinweisen auf kinderpornografische Webseiten“ zeigt, dass es tatsächlich Nachholbedarf gibt. Denn mit den Partnern, der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM), dem Verband der deutschen Internetwirtschaft eco und jugendschutz.net hat sich das BKA bisher unterschiedlich abgestimmt. Das hat laut dem Papier vor allem den jeweiligen „Zeitpunkt der Übermittlung“ beeinflusst, also die Zeit, die vergeht, bis die Internetprovider im Ausland darauf hingewiesen werden, dass sich auf ihren Seiten Kinderpornografie befindet. Diese Provider löschen die Seiten, BKA und Co. leiten Beschwerden von Nutzern nur weiter.

Nun soll die Zusammenarbeit also vereinheitlicht werden. Alvar Freude vom AK Zensur begrüßt das. Aber: „Was jetzt beschlossen wird, ist gut und richtig, kommt aber viel zu spät.“ Freude sagt, dass es doch eigentlich bereits seit dem Jahr 2007 Standard sein müsste, als die Zusammenarbeit zwischen BKA und den Beschwerdestellen beschlossen wurde.
Auf Anfrage des Freitag lehnt Barbara Hübner, Pressesprecherin vom BKA, jeglichen Kommentar zu dem Papier ab: Zu einem internen Dokument gebe man keine Auskunft. Der Präsident des BKA, Jörg Ziercke, sagte jedoch im Gespräch mit der Welt, dass die Kooperationsvereinbarung mit den Partnern erweitert und erneuert werde.

ANZEIGE

Und Ziercke wiederholte darin auch eine Forderung, für die das BKA zuletzt viel kritisiert wurde, unter anderem von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): Das BKA will Internetseiten mit Kinderpornografie sperren lassen – um sie dann später zu löschen. Zu viele Kinderpornoseiten seien eine Woche nach Meldung noch online, bemängelt Ziercke. Stoppschilder im Netz hingegen würden die Erreichbarkeit von Webseiten stören. Denn schließlich gelänge es selbst dem internationalen Dachverband der Beschwerdestellen, Inhope, nicht, eine höhere Löschungsquote bei den Providern zu erreichen. Eine gewagte These, legt man die Verbesserungsmöglichkeiten in der eigenen Behörde zu Grunde, die das Harmonisierungspapier zeigt. Hätte man nicht vielleicht schneller löschen können, wenn BKA und die Beschwerdestellen zusammengearbeitet hätten? Die Pressestelle schweigt dazu.

Und jetzt wird auch noch der Kooperationspartner eco aufmüpfig: „Wir sind schneller als das BKA“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Oliver Süme am Mittwoch. Und forderte gleich im Anschluss, die Beschwerden bei eco zu bündeln, ohne den langen Dienstweg über das BKA zu nehmen. Dem Branchenverband sei es im letzten Halbjahr gelungen, den Großteil der bei ihnen gemeldeten Seiten binnen einer Woche zu löschen.

Dem Freitag gegenüber kündigte das BKA eine Pressemitteilung mit einer Stellungnahme zu den Vorwürfen von eco an. Bisher ist diese jedoch noch nicht erschienen, offenbar besteht noch Klärungsbedarf zwischen den Partnern. Dass sie sich zusammensetzen, ist schon ein gutes Zeichen. Trotzdem müssen bestehende Probleme ehrlich kommuniziert werden. Ohne Ausreden.
 

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 15:23
Man muss sich auch mal fragen, was der Kampf ueberhaupt soll. Kinder sind wehrlos und Erwachsene wird es immer geben, die solche Photos zeigen wollen. Wie jeden Schweinkram. Die Verfuegbarkeit wehrloser Kinder wird immer groesser sein als jeder Aufwand. Der Kampf muss ein Kampf gegen die Akteure sein. Und der geht uns jedenfalls grundsatzlich nichts weiter an. Muss ein Arbeitgeber einen Angestellten anzeigen, wenn der mit der Firmenkamera solche Filme aufnimmt? Vielleicht ja, sonst eher nein. Es muss nicht einmal Hilfe geleistet werden.
Jonas Jansen schrieb am 02.09.2010 um 15:59
Lieber Fritz,

macht man sich es nicht vielleicht etwas zu einfach, wenn man sagt, der Kampf ist sinnlos, denn sowas wird es immer geben?

Zustimmung dafür, dass es ein Kampf gegen die Akteure sein muss. Das ist ja auch etwas, was das BKA macht: Täter verfolgen. Das muss man ihnen zugute halten.

Problematisch sind dann die Angaben, dass Löschen zu lange dauere, obwohl man sich - flapsig gesagt - noch gar nicht richtig angestrengt hat. Und dann im Eifer einfach mal sperren möchte.
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 20:46
<<
macht man sich es nicht vielleicht etwas zu einfach, wenn man sagt, der Kampf ist sinnlos, denn sowas wird es immer geben?
>>

Das denke ich trifft es nicht vollstaendig.

Die Verhinderung von Kindesmisbrauch durch das Verbot der Kinderpornographie ist IMHO nicht nur schwierig, wie die Verhinderung von Mord und Diebstahl, den es trotzdem gibt, mit relativ ueberschaubarer Dunkelziffer, sondern von vorneherein auch im Hinblick auf die allenfalls minimale Verringerung des Risikos, dass solche Bilder gezeigt und vielleicht, wenn es immer neue Bilder waeren, neue Taten vollbracht werden, so zwecklos, dass man es nicht machen muss.

Das Verbot der Kinderpornographie ist eine rein symbolische Handlung, durch die wir unser Gewissen beruhigen koennen, ohne dass bei praktischer Sicht auch nur eine minimale Chance darauf besteht, dass sich beim Angebot und dem Kindesmisbrauch etwas aendert.

Man sollte die Kinderpornoszene beobachten und weiteren Ehrgeiz aufgeben.

Darueber hinaus faellt zwar noch der Tierschutz ein.

So wie dabei nicht Tiere geschuetzt werden, bekanntlich Sachen, sondern der Verrohung des Menschen entgegengewirkt wird, so koennte es auch beim Kampf gegen die Kinderpornographie nicht wirklich um die Kinder, moegen sie auch keine Sache sein, sondern nur um einen Kampf gegen die Verrohung gehen.

Ob da das Strafrecht das richtige Mittel ist?

Kuehlschrankbabies etc sind ohnehin noch deutlich haerter als selbst allerdrastischster Kindesmisbrauch und auch das Betrachten eines Bildchens undurchsichtigster Quelle ist etwas anderes als monatelange Verursachung von Pferdekolik.

So ein Bildchen ist garnichts. Kevins Leiden als Film...

Ueber eine Verrohung sagt das Betrachten auch nichts, eher ueber Neugier, den Wunsch das Alltaegliche zu ueberwinden. Sowas guckt man sich einmal an und dann nie wieder, wenn man keine lange Leitung hat. Geht es um einen Mangel an Mitgefuehl mit Eltern? Was wenn Eltern selber surfen?

Vielleicht ist es so aehnlich wie beim Verbot der Inzucht. Irgendwas ist es, aber man weiss nicht was.
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 20:48
<<
Das muss man ihnen zugute halten.
>>

Das ist einfach ihre Pflicht.
Jonas Jansen schrieb am 02.09.2010 um 21:19
Ich habe mich vielleicht mißverständlich ausgedrückt.
Sie haben Recht, es mag ihre Pflicht sein. Ich hatte es so formuliert, weil das BKA in dem Text schließlich nicht grade eine rühmliche Rolle einnimmt.

Im Sinne von: Das leisten sie schon.
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 21:42
Wobei mir nicht ganz klar ist, welche Taeter Du meint:

<<
Täter verfolgen
>>

In dem Artikel geht es nicht um Kindesmisbrauch, sondern nur um Anbieter und Betrachter von Bildern.

Nochmal: Kinderpornos und Kindesmisbrauch sind nicht das gleiche. Kindesmisbrauch ist schlimmer.

Taeter ist im Fall der Kinderpornos auch der Betrachter

Der Betrachter steht dem Kindesmisbrauch lediglich etwas ferner als der Anbieter. Eine Glied in der Kette mehr.

Wie nah der Anbieter dem Kindesmisbrauch steht ist ueberdies unbekannt.

Dem Betrachter die Taetereigenschaft zu nehmen liefe auf eine Art Verbraucherschutz hinaus. Muss der Betrachter als Verbraucher vor der strafrechtlichen Sanktion geschutzt werden?

Man muss ueber alles einmal inhaltlich diskutieren und nichts als selbstverstaendlich nehmen.
Jonas Jansen schrieb am 02.09.2010 um 23:24
Mit Tätern meinte ich Menschen, die Kinder mißbrauchen, sei es explizit sexuell, oder dadurch, dass sie die Kinder dazu zwingen, solche Fotos von sich machen zu lassen. (Was in dem Text aber ja gar nicht auftaucht)

In Bezug auf die Rechtslage zum Thema Betrachten machen sich freilich auch die Betrachter strafbar, sofern sie sich illegale Inhalte anschauen.
Jonas Jansen schrieb am 02.09.2010 um 15:51
Udo Vetter vom Lawblog hat mal aufgeschrieben, was an Zierckes Argumentation noch gefährlich sein könnte.

www.lawblog.de/index.php/archives/2010/09/01/das-bka-die-zugriffs-entzugs-behorde/
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 22:59
Soo berauschend wars nicht, Angst vor Zensur, viele Kommentare.

Sollen sie doch Zensieren. Wie soll das funktionieren? Welcher Erfolg wird erreicht? Albernst.
Fritz Teich schrieb am 02.09.2010 um 23:01
Nehmen wir doch mal den Fall "radikal". Ein gif auf einem anderen server oder was auch immer. Wenn es um Ideen geht, sind Kaempfe gegen URLs ganz idiotisch.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 03.09.2010 um 15:11
Vor AK Zensur und anderen privaten Organisationen sollte genauso Vorsicht geboten sein wie vor jeden anderen Scharfmachern. Das ist wie mit diesem Typ der kürzlich über Gene und Intelligenz fabulierte, was er bekanntlich schon jahrelang tat und alle wussten es. Jedenfalls, je mehr Aufmerksamkeit durch Tamtam in den Massenmedien zirkuliert desto mehr interessieren sich ganz auf ihre eigne Art und Weise mit dem Kram. Mir persönlich fehlt einfach die Vorstellung das es so viel Deppen geben soll die an Kinderpornographie interessiert sind. Das ist doch vollkommen krank. Es wohl erst viel mehr geworden nachdem andauernd in den Medien davon geschwatzt wird.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Carta
Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie

Lobby Control
Blog von lobbycontrol.de

annalist
Anne Roth verfolgt den "Krieg gegen den Terror"

Nachdenkseiten
Das kritische Tagebuch von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb

Reporterwelt.Blog
Blog des Korrespondenten von Weltreporter.net

Latinomedia
Toni Keppeler berichtet aus Lateinamerika

politik.de
Portal für Politik und Demokratie

Sprengsatz
Der Politikblog von Michael Spreng

Lafontaines Linke
Tom Strohschneider und Co. bloggen über die Linkspartei

Bangemachen gilt nicht
Das Blog von Jürgen Link

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG