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Seine Autobiografie, ihre Memoiren: Der Schreibwahn im Hause Wulff eröffnet ein weiteres Kapitel in der Serie „hoch dotierte Peinlichkeiten“

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Die gute Hausfrau sorgt vor. Bettina Wulff soll schon zu Beginn der Amtszeit ihres Mannes als Bundespräsident damit begonnen haben, Erlebnis-, Ereignis-, Gesprächs- und Reisenotizen ordentlich zu sammeln, um daraus später einmal eine Biografie zu machen. Der Zeitraum war auf fünf Jahre angelegt. Dass es kürzer, dafür aber auch heißer hergehen würde, konnte sie anfangs noch nicht wissen. Sollte die Mitteilung der Bild am Sonntag nicht doch ein Aprilscherz gewesen sein, dann verhält es sich tatsächlich so, dass sogar beide Ehegatten jeweils eine Autobio­grafie schreiben, er Wulff und sie Wulff. Er schreibt seine politische Biografie, und sie ihre persönliche als seine Gattin. Ein Millionending ist das, der Verlag soll ein siebenstelliges Honorar für Christian Wulffs Buch angeboten haben, während er für Bettinas mit einem noch größerem Interesse bei den Menschen im Lande rechnet.

Die Sache gibt, erstens, ein schönes Bild vom aktuellen Stand des Ehegattenwesens. Früher hätte sie, Bettina, seine, Christians, Notizen gesammelt, damit sie dann gemeinsam das Buch hätten schreiben können, das als seine Autobiografie erschienen wäre. Heute herrscht zumindest weibliche Sichtbarkeit, und Bettina wird klar als Marke inszeniert. Endlos ging ja die Diskussion, dass ohne ihre bunten Kleider seine Krawatten noch viel farbloser ausgesehen hätten. Richtig. Doch umgekehrt wäre ohne seine Karriere ihre Biografie nicht recht verkaufstauglich. Sie kann ihre ­Memoiren nur als seine Biografie ­schreiben. Das ist Teil des Geschäfts, weshalb ihr Verlagsscheck auch etwas schmaler ausfallen dürfte.

Zweitens steht natürlich außer Frage, dass in den anstehenden Publikationen wortreich genau um das herumgeredet werden wird, was man – würde man sich dafür interessieren – erfahren wollen könnte. Etwa, was Christian so sagt, wenn er vom jämmerlichen Berlinale-Empfang nach Hause kommt, ob er vor der Rücktrittsrede frühstücken konnte, ob er heimlich doch Teller zerschmeißt, sich die Haare rauft oder in Bettinas Armen mal weint und so fort.

Die Ehefrau sitzt auf der strategisch günstigsten Position für Voyeurismus und Geschwätz. Das macht die Textsorte der Gatten- oder Gattinnen-Biografie so interessant. Voyeurismus braucht eine Art Dreieck, er mag nicht direkt konfrontiert sein mit dem Gegenstand des Interesses, er spielt über Bande, so wie das Geschwätz, das nicht mit jemandem reden will, sondern nur über ihn. Außerdem mag man sich mit dem Ex-Bundespräsidenten, dem Verlierer Christian Wulff, nicht gerne identifizieren, eher schon mit ihr, Bettina, der Tapferen, und darum ließe sich ihr Wissen um die intimen Details so gut verkaufen. Sie ist nah dran und doch weit genug weg, sie könnte die Maschine in Gang setzen.

Wird sie aber nicht. Und jeder weiß das. Der allgemeine Boulevard und die zugehörige Verkaufsindustrie aber leben nun mal im Kasperltheater eines unterstellten Voyeurismus, von dem gar nicht klar ist, ob es ihn wirklich gibt. Wen interessiert, wie Bettina Wulff wirklich gefühlt und gedacht hat, wie sie die schwere Zeit an der Seite des Bundes­präsidenten überstanden hat? „Kein Mensch will das wissen. Keiner. Kein einziger“, lautet einer der vielen mauligen Kommentare im Internet. Vermutlich ist das geplante Biografie-Duett einfach ein weiteres Kapitel in der Serie namens „hoch dotierte Peinlichkeiten“, deren Darsteller nicht nur Wulff heißen.

Andrea Roedig arbeitet als Publizistin in Wien. Zuletzt schrieb sie über Kopfarbeiter

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