Es war ein schöner, warmer 7. Mai 1989. Die Kommunalwahlen hatten wir uns geklemmt, waren nicht hingegangen und hatten stattdessen mit Freunden den Straussee umrundet. Das einzig Aufregende dieses Tages war das Verschwinden meiner Töchter kurz vor Erreichen der Strausberger Eisdiele, die es im Übrigen heute noch gibt. Die eine neun, die andere sechs Jahre alt, waren sie zu klein, mich unbesorgt über die Stunden kommen zu lassen, während mein Mann abwiegelte, ruhig blieb und auf die Intelligenz der Älteren verwies.
In der Tat fanden wir die beiden Mädchen nach unserer Rückkehr bei den Nachbarn unserer Hellersdorfer Wohnung, einem Flugzeugkonstrukteur und einer Biologin. Die Große hatte sich zur S-Bahn durchgefragt, sie waren eingestiegen und die Stationen von Strausberg Nord bis Kaulsdorf gefahren, hatten den Rest dann zu Fuß zurückgelegt. Mit zur Normalität zurückgekehrtem Puls begab ich mich zur Stimmenauszählung der Wahl, an der ich nicht teilgenommen hatte, in die Schule der Tochter. (Ich habe keine genauen Zahlen mehr im Kopf, aber dass der Anteil der Ja-Stimmen auch in unserem Wohngebiet später bei fast 99% lag, war schlechterdings unmöglich.)
Gewählt hatten der Germanist und die Philosophin, der Sportlehrer und die Verkäuferin, der Eisenbahner und die Reinigungskraft, wie die Putzfrau damals hieß. Auch mit ihnen wohnten wir Tür an Tür. Zwar hatten wir, wenn auch in geringerem Maße als heute, unterschiedlich viel Geld, konnten damit aber alle gleich wenig anfangen.
Unsere Wohnhäuser standen anfangs in Lehmwüsten, die nach Regen zu schmatzendem Schlingmoor mutierten. An einem anderen Sonntag im Mai 1989 hatten wir unseren drei großen Kindern eine Schlammschlacht geschenkt, die sie schreiend und vergnügt auf nahegelegener, zum Bau neuer Blöcke vorbereiteter Brache absolvierten. In Schule und Kindergarten erzählten sie am nächsten Tag davon, Lehrer und Erzieher reagierten mehrheitlich abwertend und kopfschüttelnd, als wir sie von dort abholten. Es passte offenbar zu dem Bild, das man sich von uns zu machen verdammt war.
Unsere Sorge galt unter diesen Umständen den Kindern und der Frage, wie wir sie halbwegs ungebrochen durchkriegen konnten. Wir hatten damals vier davon.
In der DDR bot die Geburt eines Kindes vollbeschäftigen Frauen die Chance, für einige Zeit abgesichert aus dem Laufradgetriebe der Lohnarbeit auszusteigen, in das man später ohnehin zurück musste. Da es außer der Lohnarbeit keine anderen Verdienstmöglichkeiten gab, galt das für die Ärztin in der Poliklinik ebenso wie für die Hilfsarbeiterin am Band – sie bekamen Kinder. Sie alle spielten zusammen im gleichen Kindergarten, gingen in die gleiche Schule. Quoten sorgten dafür, dass bevorzugt Arbeiterkinder ihr Abitur ablegen und studieren konnten. (Sie bedachten dabei nicht, daß ihre eigenen Kinder damit in den Nachteil der intellektuellen Herkunft gerieten.) Es gab in sozialer Hinsicht Aussteiger. Dennoch schien die soziale zugunsten einer ideologischen Schichtung der Bevölkerung beinahe aufgehoben, denn natürlich war der Clan der greisen Männer darauf bedacht gewesen, sich eine Schicht von willfährigen Kadern nachzuziehen. Intelligenz war dabei zweitrangig.
Meist wurden die ideologischen Aussteiger aus dem System schärfer noch als die anderen gegeißelt. Dass die Arbeiterklasse ihres revolutionären Potentials verlustig gegangen war, nicht zuletzt durch das hoffnungslose Nachhängen in produktiv-technischer Hinsicht, und dass nur eine verschwindend kleine Schicht von vornehmlich Intellektuellen darüber nachdachte, wie der Laden zu übernehmen sei und ausgemistet werden könnte, war uns im Mai 1989 klar. Es kam schließlich nicht dazu.
Hellersdorf-Marzahn sieht heute ungleich besser aus als damals. Die sanierten, wärmegedämmten Fassaden stehen hinter inzwischen haushoch gewachsenen Bäumen, vornehmlich Pappeln. Es gibt unzählige Einkaufscenter und Ladenzeilen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den letzten Jahren zu einer rapiden Entmischung der Bevölkerung gekommen ist.
Der Wegzug ins Umland, in die Innenstadt oder die innerstädtischen Siedlungsgebiete war und ist für den, der es sich leisten kann, das Ziel. Unsere Familie zum Beispiel leistete sich ein Haus in Mahlsdorf. Damit sind wir Wendegewinnler – das hätten wir uns vor 1989 nicht einmal träumen lassen.
Hier gibt es Stille, Vogelsang und manchmal eine S-Bahn, die man kaum noch hört. Mein Mann aber, im Marzahn-Hellersdorfer Jugendamt beschäftigt, betritt nach wie vor solche Wohnungen wie unsere damalige – als amtlicher Helfer in desolaten Erziehungssituationen, die mit Armut einhergehen.
In einem Drittel aller Marzahn-Hellersdorfer Haushalte leben Kinder – Spitzenplatz in Berlin. Zur Veranschaulichung sei gesagt, dass der Anteil der Alleinerziehenden sich 2006 ebenfalls auf ein Drittel belief, von denen wiederum ein Drittel Hartz IV bezog. Nicht nur damit verschlechterte sich der Sozialstrukturindex des Bezirkes stärker als im übrigen Berlin.
Auch Hilfe zur Erziehung, eine Jugendamtsleistung, wird hier so oft wie sonst nirgends in Berlin gewährt. Armut potenziert sich offenbar unter (zu 94%) weiblicher Alleinsorge: Wer arm und allein ist, hat oft Kinder am Hals und kann nichts mit ihnen anfangen. Davon erzählt nicht nur der wunderbare Dokumentarfilm Zirkus is nich der Regisseurin Astrid Schult. Davon erzählen die Bilder, die man sieht, wenn man in Hellersdorf einkauft oder Behördengänge zu erledigen hat. Ich behaupte, dass sich die Lebenslage von immer mehr Kindern radikal und komplex verschlechtert, während es real immer weniger Kinder gibt. Das berührt durchaus menschenrechtliche Fragen und verleitet mich zu der Hypothese: Die Mittelschicht schafft sich selbst ab.
Seit das Patriarchat bröckelt, wählen die Frauen der Bundesrepublik zwischen produktivem und reproduktivem Lebensinhalt. Beides ist kaum vereinbar. Da die Anerkennung für das Heranziehen von Kindern begrenzt ist und zudem dessen Nutzen sozialisiert wird, gehen die qualifiziertesten unter den Frauen in profitable Bereiche und suchen ein Unterkommen in Wirtschaft oder gehobener Dienstleistung.
Haben sie das Ziel erreicht, ist das für Schwangerschaften günstigste Alter oft vorbei. Da sozialer Erfolg in den modernen Industriegesellschaften Bildung voraussetzt, kommen natürlich auch eher Partner gleichen Bildungsstandes zusammen. Bekommen sie also keine oder zu wenig Kinder, können die Kompetenzen einer ganzen Generation nicht mehr in ausreichendem Maße weitergegeben werden.
Gleichzeitig kommt es zur Herausbildung einer neuen „Unterschicht“, insbesondere durch die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse unter neoliberalem Paradigma. Die Angst davor bringt qualifizierte Frauen noch mehr in Unlust, ein Kind zu bekommen und verleitet unqualifizierte zur Kinderproduktion. Im heute zusammengefügten Bezirk Marzahn-Hellersdorf kann man das wie unter einem Brennglas sehen.
Kinder sozialer und ideologischer Aussteiger wurden in der DDR nicht selten kassiert und in Heime verfrachtet. Die zur Wendezeit minderjährigen Insassen des großen Marzahner Kinderheimes „Pawlik Morosow“ sind heute im Leistungsalter. Wer aus dieser Generation etwas auf sich hält, ist mobil. Junge gebildete Frauen und Männer müssen Marzahn und Hellersdorf geradezu fliehen, denn dort zu arbeiten, ist schlechterdings unmöglich, und dort zu leben, um anderswo zu arbeiten, ist das Gegenteil von attraktiv. Die Unterschichtler hingegen sind die wahren Marzahn-Hellersdorfer Immobilien oder werden dazu gemacht durch die Aufforderungen der Jobcenter, sich eine billige Wohnung zu suchen.
Den Zirkus um Arbeitssuche und -findung machen insbesondere die jungen alleinstehenden unter den Unterschichtfrauen nicht mehr mit, sondern zeigen Intelligenz: Die Arbeitsplätze, um die sie sich bemühen sollen, gibt es schlicht nicht – also kultivieren sie den Hartz-IV-Status mit Kindern. Die bringen Kindergeld zur Grundsicherung. Der Staat lässt sich mehr Zeit mit dem Kassieren.
Zwar wird im Fall der Fälle eher auf Familienunterbringung gesetzt, aber dass diese Kinder keine weißen, unbeschriebenen Blätter sind, sondern, angefangen von den problematischen ersten Sozialisationserfahrungen, genügend Lasten mit sich herumschleppen, deren Tilgung oft nicht zu bewältigen ist, wird ausgeblendet. Dass die Mittelschicht die Reproduktion meidet, stärkt zudem den Stolz der Unterschichtfrauen.
Die wendebedingte Fehlbilanz scheint mir von großer Wucht. Es wurde nicht nur versäumt, die einsetzende Schichtentflechtung durch geeignete Maßnahmen zu flankieren, die Amtspolitik sträubt sich vielmehr mit allen Mitteln, der Geburtenzahl insbesondere alleinstehender Unterschichtfrauen, auch nur ein geöffnetes Auge zu widmen. Sie übersieht, dass Alleinsorge im Osten schon früher weiter verbreitet war als im Westen und von der Systematik der DDR-Vollbeschäftigung und -Kinderbetreuung soweit aufgefangen wurde, dass es bis zum Knall 1989 irgendwie ging. Der Zelltod des Staates BRD scheint heute ebenso programmiert: Er stellt sich mit der Unterschicht ein Bein, über das er stürzen wird.
Die Tatsache, dass meine Töchter heute, im Mai 2009, Töchter haben, kann nichts daran ändern, dass die Mittelschicht vergreist. Vielleicht wird sie eines Tages aufschrecken, wenn sie sich in Ermangelung eigener von den Kindern der Unterschicht im Falle der Gebrechlichkeit wird versorgen lassen müssen. Ob deren Rache eine ungeheure sein wird, wage ich nicht zu sagen.
Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Soeben erschien von ihr der Roman Du stirbst nicht
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Der Artikel vermittelt mir den Eindruck pöhsen Unnterschiecht und einer im Vergleich dazu geklärteren Mittelschicht.
Tendenziös klingt es dann schon, wenn da auf eine Rache spekuliert wird. Als müßte ein vergreister Mittelschichtler Angst haben, dass seine gepflegte, behäbige und negativitätsunerfahrene Seele in einen Sumpf aus vulgären Unterschichtlern geworfen würde. Eine Schriftstellerin müßte für die sprachlichen (und sozioökonomischen) Verschiebungen sensibler sein und sich nicht auch noch reproduzieren. Im übrigen ist dieses Phänomen nicht auf die Region der Autorin beschränkt. Dagegen brökelt das Patriarchat nur in ganz bestimmten sozialen Regionen. |
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Ich denke mal, dass die Mittelschicht sich nicht durch den Verzicht auf Reproduktion selbst abschafft, sondern das schon viel eher über ihr politisches Wahlverhalten macht.
Wer vorzugsweise Die Hartz-Parteien (SPD/GRÜNE/CDU/FDP) wählt, der darf sich nicht wundern, wenn er letztlich selbst Hartz IV erhält. Dann allerdings kann frau/mann sich wieder der Reproduktion zuwenden.... ;-) |
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No Mittelschicht no Amokläufer - so what?
Weniger polemisch: wenn die empirischen Daten, auf die ich mich berufe, richtig sind, dann kolportiert Kathrin Schmidt drei gängige Mythen. Mythos 1: In der DDR wurden Arbeiterkinder bildungspolitisch bevorzugt. Falsch. In einem sehr schmalen Zeitfenster zu Beginn der 1950er Jahre studierten in der DDR tatsächlich soviele Arbeitskinder wie es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. Aber auch nicht mehr. Dies änderte sich und der relative Anteil der Arbeiterkinder unter den Studierenden nahm kontinuierlich ab. Gegen Ende der 1980er Jahre war der relative Anteil der Arbeiterkinder in der DDR unter den Studierenden fast ebenso gering wie in der BRD. Mythos 2: Gut ausgebildete Frauen bekommen in Deutschland zu wenig Kinder und wir werden von einem "Heer der Unterschichtskinder" überrannt. Falsch. Rainer Hufnagel-Person bestätigte mir in einem Interview, dass auch in einer zweiten Auswertung des Mikrozensus herauskam, dass nicht nur Akademiker überproportional viele Kinder bekommen, sondern in den letzten Jahren auch Akademikerinnen mehr Kinder bekommen als der Durchschnitt. Davon abgesehen führt die Demographisierung sozialer Fragestellungen direkt zu eugenischen Maßnahmen wie dem Elterngeld. Mythos 3: "Unterschicht-Kinder" wachsen mit mehr "problematischen Sozialisationserfahrungen" auf als Mittelschichtskinder, sind im Gegensatz zu ihnen "keine weißen, unbeschriebenen Blätter", schleppten im Gegensatz zu ihnen "Lasten mit sich herum", deren "Tilgung oft nicht zu bewältigen sei". Falsch. Es sind nicht "Unterschichts-Kinder", die Amok laufen, sondern durchgehend "Mittelschichtskinder". Beim Amoklauf von Winnenden wurde diese Tatsache konsequent ausgeblendet, ich weiß nicht, ob neben mir ( klassismus.blogspot.com/2009/03/deklassierung-und-amoklauf.html ) noch jemand darauf hinwies. Sieben Jahre zuvor gab es einen sehr guten Beitrag von Gerhard Haffner - er fand sich hier in der Freitag. Die Gewaltaffinität der Mittelschichtsjugend und ihre Lasten werden in der gleichen Weise ausgeblendet, wie sie der "Unterschichtsjugend" zugeschrieben werden. Vielleicht ist es nicht ganz unpassend darauf zu verweisen, dass es ebenfalls die gar nicht so friedlichen männlichen Mittelschichtsjugendlichen waren, die am intensivsten im Aufbau des Nationalsozialismus involviert gewesen ist. Mich lässt die Deklassierungsangst der Mittelschicht verbunden mit der unkritischen Bereitschaft, an Mythen zu glauben, grausen in Anbetracht der Rezession, in der wir uns befinden und deren Verteilungskämpfe gerade erst beginnen. |
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"No Mittelschicht no Amokläufer - so what?" - Na endlich Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, ist doch klar !
"Empirische Daten" kann man so oder so interpretieren, auch wenn sie "richtig" sind. Ich nehme hier meine real existierenden Erfahrungen aus der DDR zu Hilfe (die Sie, glaube ich, nicht haben, wenn ich Ihren Beitrag richtig "interpretiere". ) So "kolportiert" Kathrin Schmidt keineswegs "Mythen". 1. Arbeiterkinder wurden in der DDR t a t s ä c h l i c h bildungspolitisch bevorzugt. Wieviel Prozent von Studierenden am Ende aus Arbeiterfamilien stammen - diese Zahl ist nicht dazu geeignet, die Bevorzugung oder Benachteiligung zu wiederspiegeln. Daß am Anfang der DDR der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten ihrem Bevölkerungsanteil entsprach, kann nur durch eine Bevorzugung zustande gekommen sein, denn die Bildungsaspiration in gebildeten Schichten ist höher. Bei Ihrer Argumentation gehen Sie davon aus, daß alle Welt sich förmlich nach hoher Bildung verzehrt. Denken Sie, wenn man nur alle ließe, würden 100% studieren ? Benachteiligt kann nur werden, wer auch m ö c h t e ! Meine Eltern gehörten zur ersten in der DDR (oder, besser, Sowjetunion) ausgebildeten Generation - sie waren Arbeiterkinder, und sie wurden sehr genau nach ihrer Herkunft ausgewählt, gemeinsam mit anderen. An ihrer Oberschule gab es nur Arbeiterkinder ! In der späteren DDR gab es für Arbeiterkinder wenig Motivation, ein Studium aufzunehmen. Als Facharbeiter verdiente man oft besser, jedenfalls nicht schlechter und vor allem gleich, man bekam genauso schnell oder eben nicht eine Neubauwohnung oder einen Trabi, man mußte nicht drei Jahre zur Armee, man hatte weniger Streß und Verantwortung, stand nicht unter Druck, in die Partei eintreten zu müssen, mußte den Kontakt zur Westverwandtschaft nicht abbrechen, die einen mit attraktiven Paketen beschickte, man hatte durch Kontakte im Betrieb häufig viel bessere Beziehungen zu Handwerkern etc. Die Bevorzugung der Arbeiterkinder nahm teilweise groteske Züge an. Ich habe es Anfang der 80er Jahre in meiner Klasse erlebt. Zufälligerweise gab es nicht viele Arbeiterkinder bei uns, und sie hatten die schlechtesten Leistungen (tut mir leid, war leider so). Da war es schwer mit der Quote. Als die Plätze für die EOS verteilt wurden, wurden die Arbeiterkinder (die nicht besonders motiviert waren) total unter Druck gesetzt, doch zur EOS zu gehen, und leistungsstarke Intelligenzlerkinder wurden nicht zugelassen, obwohl sie auf die EOS wollten. Eine echte Benachteiligung. |
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2. Akademikerinnen bekommen mehr Kinder als der Durchschnitt ? Mit diesem Thema mußte ich mich leider (da ungewollt kinderlos gebliebene Akademikerin) mehr als mir lieb ist beschäftigen. Das Zahlenmaterial würde mich wirklich interessieren, auf dem diese Erkenntnis beruht. Vielleicht bekommt die zur Fortpflanzung gelangende Akademikerin wirklich mehr Kinder als der Durchschnitt (nämlich zwei, beim Durchschnitt von 1.4) - dafür bleiben auber auch überdurchschnittlich viele Akademikerinnen kinderlos. Sicherlich bekommen Akademikerinnen nicht mehr Kinder als die hier geschilderte Unterschicht. Man beachte außerdem den Unterschied der Fertilitätsraten - wenn die Akademikerin endlich zum Zuge kommt mit ihrem ersten Kind, ist die gleichaltrige Frau aus der Unterschicht schon Großmutter.
3. Kinder aus der Unterschicht haben nicht mehr problematische Sozialisationserfahrungen als Kinder aus der Mittelschicht. Ich zweifle an Ihrem Realitätssinn. Diese Schlußfolgerung ziehen Sie aus der Tatsache, daß Amokläufer in der Regel der Mittelschicht entstammen ? So schrecklich das einzelne Ereignis auch sein mag - aber wieviel Amokläufer gab es denn bisher ? Und wieviel Menschen sitzen dagegen in Gefängnissen ? Wieviel Kinder landen auf Förderschulen ? Und woher stammen diese Kinder und diese Gefängnisinsassen ? Was ist eigentlich dann Ihrer Meinung nach an Schulen in sogenannten "Problemvierteln" los ? Warum macht es einen Unterschied, ob eine Schule in einem Unterschichts- oder einem Mittelschichtswohngebiet ist ? "Demographisierung sozialer Fragestellungen" - soziale Fragestellungen haben auch demographische Aspekte, demographische Fragestellungen (die man Ihrer Meinung nach nicht stellen darf, schon klar) führen zu sozialen Fragestellungen, da beißt die Maus keinen Faden ab. |
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@ Nelly. Die Zahlen sind eindeutig und daran lässt sich auch nicht viel deuten: der relative Anteil der Arbeiterkinder in der DDR sank von 1954 bis 1988 von 54% auf 10%, der relative Anteil der Akademikerkinder in der DDR stieg im gleichen Zeitraum von 14% auf 78% (Lenhardt/Stock: Bildung, Bürger, Arbeitskraft, 1997, S. 115). Man spricht hier von einer Statistischen Diskriminierung. Wo die Benachteiligung der Arbeiterkinder und wo die Privilegierung der Akademikerinder in der DDR genau stattgefunden hat, darüber kann man sich gerne streiten. Jedenfalls darf niemand aufgrund seiner sozialen Herkunft benachteiligt werden. Wenn ein Bildungssystem nicht die höhere Bildungsaspiration einer Akademikerfamilie ausgleicht, kompensiert, dann benachteiligt es die Kinder, die in einer Arbeiterfamilie geboren wurden, wofür sie ja schließlich nichts können. Oder wollen Sie ernsthaft behaupten, ein Akademikerkind hat mehr Recht zu studieren als ein Arbeiterkind, weil seine Eltern eine höhere Bildungsaspiration haben? Sorry, das wäre klassistisch.
Soweit ich weiß, war ein Engagement in der FDJ für eine spätere Karriere einschließlich Studium sehr viel wichtiger als die soziale Herkunft. "Bei Ihrer Argumentation gehen Sie davon aus, daß alle Welt sich förmlich nach hoher Bildung verzehrt." Diese Argumentation kann ich nicht mehr hören! Es sind - verdammt nochmal - nicht Arbeiterkinder, die von ihren Eltern zum Studium gezwungen werden, sondern Mittelschichts- und Akademikerkinder. Es sind Akademiker und Angehörige der Oberen Dienstklasse, die ihre Bälger penetrant in ihren Leistungen überbewerten und die sie auch dann noch aufs Gymnasium zwingen, wenn diese Kinder alles andere als "bildungsaspirativ" sind. Bitte führen Sie sich die jüngste IGLU-Studie zu Gemüte. Die einzige Gruppe, die die Leistungen ihrer Kinder einigermaßen richtig einschätzt, sind Facharbeiter. Es ist durch diverse Studien belegt, dass Arbeiterkinder sehr viel bessere Leistungen erbringen müssen, um von Lehrern eine Gymnasialempfehlung zu bekommen als Akademikerkinder. Aber gesetzt den Fall, Lehrer sprechen sich bei einem Akademikerkind für eine Realschulempfehlung aus oder - um Gottes Willen - für eine Hauptschulempfehlung, dann stehen die Akademiker Gewehr bei Fuß vor der Tür und boxen den gymnasialen Weg durch. |
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@Nelly 2.Teil Zum zweiten Punkt. Ich hatte die Quelle genannt: Prof. Dr. Rainer Hufnagel-Person. Ein Interview, dass ich mit ihm führte, erscheint demnächst in der Zeitschrift für studierende Arbeiterkinder "The Dishwasher". Hier ein älterer kurzer Artikel: www.dghev.de/files/Kinderwunsch_und_Partnerwahl_Hufnagel_kurz.pdf Seit Mitte der 1990er Jahren gilt: Je besser die Humankapitalausstattung einer Frau, desto mehr Kinder werden von ihr geboren. Der Mythos von der Akademikerkinderlosigkeit wurde mit Absicht und unter bewusstem Lancieren falschen Datenmaterials lanciert. Mit Erfolg: das kompensatorische Erziehungsgeld wurde durch das sozialeugenische Elterngeld ersetzt.
Zum dritten Punkt: wer bitte schön entscheidet denn, welche Kinder auf das Gymnasium kommen und welche Kinder auf die Haupt- oder Förderschule? Wer verhindert denn, dass endlich auch das deutsche Bildungssystem den zivilisatorischen Standard erreicht und Gemeinschaftsschulen eingeführt werden? Wie bitte schön kann es denn dazu kommen, dass in Berlin-Plötzensee ein Drittel (!) der Gefängnisinsassen wegen Schwarzfahren eingesperrt sind und wie bitte schön kann es denn dazu kommen, dass jährlich über 100 Milliarden Euro an Steuern hinterzogen werden und bspw. kein einziger der zahlreichen Millionenbetrüger (sie erinnern sich an die Liechtenstein-Affäre?) auch nur einen Tag Haft verbüßte? Alleine schon der Begriff "Unterschichten-Kinder" suggeriert "Untermenschentum". Diese ganze Zuschreibungspraxis ist widerlich. Bitte machen Sie sich den Klassismus klar, der unsere Gesellschaft durchzieht und schließlich die Menschen überhaupt erst erschafft, die er vorher zu sehen glaubt. Wenn man Kinder auf Hauptschulen und "Förderschulen" abschiebt, wenn man Hartz IV Empfänger, die sich eine U-Bahn-Fahrt nicht leisten können, als Verbrecher wegsperrt, dann hat man natürlich am Ende die Menschen, mit man mit seinen Vorurteilen vorher schon zu sehen glaubte - Steuerhinterziehung und eiskaltes Marktdenken tun hingegen der Seriösität einer Person keinen Abbruch. Ich behaupte nirgendwo, dass Kinder aus der sogenannten "Unterschicht" die besseren Menschen sind. Aber ich stelle das Gegenteil ebenso massiv in Frage. Mittelschichtskinder sind nicht bessere Menschen als Kinder aus der sogenannten "Unterschicht". Daher noch einmal die Frage: warum wird nicht untersucht, was in der Mittelschicht schief läuft, wenn Mittelschichtskinder Amok laufen??? |
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schrieb am
12.05.2009 um 15:42
@Andreas Kemper: alles zum ersten Punkt
Fakt ist, dass es in der DDR viel weniger Abitur- und Studienplätze gab, die sehr restriktiv vergeben wurden. Nur ca. 10% eines Jahrgangs (eigene Schätzung) wurden hierfür ausgewählt. Die von Ihnen gelobte Bevorzugung von Arbeiterkindern (wie auch immer die definiert wurden, da waren auch die Polizisten- und Soldatenkinder bei) führte zwangsläufig zu einer Benachteilung der anderen studienwilligen Schüler, von denen es einfach zu viele gab. Da gefällt mir das heutige System deutlich besser. Sicherlich sind die Eltern ein wichtiger Faktor bei der Wahl der weiterführenden Schule und der damit verbundenen Möglichkeiten, aber die Chance zu dieser Wahl haben alle Kinder. Und bitte gehen Sie an eine Hauptschule und zeigen, wem dort der Weg aufs Gymnasium v e r w e h r t wurde. Grundsätzlich kann ich Ihrem Weltbild nicht zustimmen – es ist nicht Aufgabe des Bildungssystems, für ein den Bevölkerungsanteilen entsprechendes Verhältnis von Abiturienten / Studenten zu sorgen. Meiner Meinung nach sollten die Zugangsmöglichkeiten für alle gleich sein. Ergänzend merke ich gerne an, dass wir mit dem gemeinsamen Lernen an der Grundschule und dem Übergang an die weiterführende Schule nach 6 Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Bleibt noch eine Frage meinerseits offen: der Anteil der Arbeiter an der Gesamtbevölkerung ist doch von 1954 - 1988 sicher auch gesunken? Diese Zahlen wären dann denen der studierenden Arbeiterkinder gegenüber zu stellen. |
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@robeson
Mehrere Missverständnisse: Ich habe mich nirgends für eine Bevorzugung von Arbeiterkindern ausgesprochen, sondern gegen eine Benachteiligung. Nicht nur Lenhard/Stock belegten diese Benachteiligung, sondern auch Gustv-Wilhelm Bathke. Obwohl er zu leicht abweichenden Ergebnissen kommt, was auf die Schwierigkeit zurückzuführen ist, Arbeiterschicht zu definieren, kommt auch er zu dem Ergebnis: "Unbestritten bleibt: Arbeiterkinder waren auch in der DDR - wie in der Bundesrepublik - beim Zugang zur Hochschulbildung benachteiligt..." (Bathke, Stichwort "Soziale Herkunft und Hochschulstudium, in: Kritische Empirie, 2004 S. 197f.) Es handelt sich bei den Zahlen (10% Arbeiterkinder (Lenhardt/Stock), 14% Arbeiterkinder (Bathke) vs. 78% Akademikerkinder, die an DDR-Hochschulen 1988 studierten) um relative Zahlen: Aus der Arbeiterschicht studierten nur 10-14%. Natürlich wird Arbeiterkindern / "Unterschichts"kindern der Weg auf das Gymnasium verwehrt und zwar massiv. Nur EINE von vielen Benachteiligungen: Lehrer erwarten von Kindern mit einer niedrigen sozialen Herkunft sehr viel höhere Leistungen als von Akademikerkindern, um ihnen eine Gymnasialempfehlung zuzusprechen (IGLU-Studie I&II, LAU-Studie, AWO-Studie). |
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ups... eine Korrektur: Die Zahlen waren nicht relativ zur Schicht, sondern bezogen sich auf den Anteil an den Hochschulen.
Um es plastisch zu machen: Von 100 Studierenden in der DDR hatten 1988 78 einen Vater und/oder eine Mutter, die studiert hatten, und 10 - 14 hatten ArbeiterInnen als Eltern. Da ich nicht davon ausgehe, dass dies die Sozialstruktur der DDR von 1988 wiedergibt, muss von einer massiven statististischen Diskriminierung gegenüber Arbeiterkindern ausgegangen werden. Interessant sind jedenfalls die Stabilitäten der Mythen, die schon fast religiösen Charakter haben: Akademikerkinder wurden in der DDR benachteiligt. Akademikerinnen bekommen kaum noch Kinder. "Unterschichtskinder" sind gegenüber Mittelschichtskindern defizitär und moralisch defekt. Die Wahrnehmungssperre gegenüber empirischen Material ist es, die mir Angst macht. Man will glauben, was man glauben will und verschließt sich gegenüber einer nüchternen Sichtweise. |
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ich teile die meinung von andreas kemper weitgehend. nicht ohne vorher den ganzen disput zum artikel von kathrin schmidt rezipiert zu haben - dem ich auch verschiedene erhellende aspekte entnommen habe. kempers ansicht pflichte ich insofern bei, als ich während meines studiums der soziologie schon mitte der 90er jahre des letzten jahrhunderts mit diesen zahlen konfrontiert wurde, wonach im laufe der ddr-zeit, vor
allem in den letzten beiden jahrzehnten ihrer existenz, eine vergleichbare starre (brd) bezüglich der bildungsgänge zu beobachten war. kademikerkinder besuchten die eos (heute gymnasium), arbeiterkinder verfolgten eine facharbeiterausbildung - wie das damals hieß. ein kleines, freilich subjektives beispiel. meine bnknachbarin, ihres zeichens mit einem einsernotendurchschnitt gesegnet, wollte trotzdem kein abitur machen, mit der begründung, dass man beim studium (statt bereits bescheiden bezahlter lehre) a: verdienst verpasst und b: später nach studium in etwa gleiches verdient wie der facharbeiter. die motivation zu studieren bei ihr - im geschilderten fall auch elterninduziert - war trotz der herausragenden schulnoten nicht besonders hoch. diese beobachtung machte ich auch in anderen fällen. meine eltern haben mich trotz meiner vergleichsweise schlechten noten nicht an die eos gezwungen, dass kann man nicht sagen - aber aufgrund ihres eigenen akademikerdaseins dahingehend bestärkt und es ist dazu auch gekommen. |
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Teil II (wegen zeichenbeschränkung)
was ich damit sagen will, und da würde ich andreas wahrscheinlich doch widersprechen, ist, dass die bildungsmäßige erstarrung und der geringe durchsatz eher bidungsfernerer schichten hin zur bildungsnähe vor dem hintergrund der ddr-realität anders erklärt werden müssen. sie sind eben hauptsächlich nicht sozial induziert wie heute, sondern eher dadurch, dass "studiert zu sein" in der regel einkommensmäßig kaum einen unterschied machte und auch im sozialen kontext eine eher untergeordnete rolle spielte. Es war einfach nicht so existenziell, einen möglichst hohen bildungsabschluss zu erwerben um sich - zum beispiel - "mal was leisten" zu können. distinktionsgewinn durch höhere bildung als motiv war sicher vorhanden, aber aufgrund der ddr-realen gegebenheiten weniger durchschlagend - was nicht unbedingt das schlechteste war. dahingehend hatte wahrscheinlich der autolackierer, die friseurin oder der fleischermeister bessere aussichten geld zu akkumulieren, als z. b. der angestellte stadt- oder verkehrsplaner. dies wiederum war allerdings ein problem der ddr-gesellschaft an sich, wo dienstleistungen aufgrund des mangels und der damit verbundenen nachfrage sehr, sehr viel wert waren - monetär gesehen - die arbeit des intelligenzlers sich in dieser hinsicht aber kaum zu unterscheiden vermochte. sie standen - mit anderen worten - finanziell und sozial ziemlich nah beieinander. das ist sicher der hauptunterschied zur heutigen situation. die sozialen unterschiede waren zumindest materiell weitgehend nivelliert und alle saßen irgendwie in ähnlichen booten. das hat sich ein wenig geändert ... (durchaus unvollständige meinungsäußerung) |
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Liebe Kathrin Schmidt;
zwei Fragen habe ich zum besseren Verständnis Ihres Textes: Sie erzählen von dem Verschwinden und Wiedersauffinden Ihrer Kinder am Anfang. Abgesehem davon, dass die offensichtlich sehr selbständig und patent waren - wollten Sie darüber hinaus noch etwas damit ausdrücken? "In der DDR bot die Geburt eines Kindes vollbeschäftigen Frauen die Chance, für einige Zeit (...) aus (...) der Lohnarbeit auszusteigen... Da es außer der Lohnarbeit keine anderene Verdienstmöglichkeiten gab.... Was für "andere Verdienstmöglichkeiten meinen Sie denn damit? Mit herzlichem Gruß, Anna |
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@Andreas Kemper:
In Ihrer Erwiderung auf meinen Kommentar gehen Sie mit keinem Wort auf das von mir geschriebene ein. Ihr gesamtes Weltbild und Ihre "Zuschreibungen", was zum Beispiel meine Person betrifft, ist realitätsfern und in seiner Konsequenz menschenverachtend. Ich hatte schon des öfteren das Vergnügen, mit Leuten Ihres Schalges (politisch gesehen) zu debattieren und konnte immer wieder feststellen, wie sich die großen Menschenfreunde selbst entlarven ("Bälger" z.B., wenn es sich um Kinder von Akademikern handelt). Diskussionen sind sinnlos. Halten Sie sich ruhig für den besseren Menschen, während ich mich dafür einsetzen werde, daß es nie ein solches Regime geben wird, wie es Ihnen vorschwebt. |
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@Nelly.
Man kann nicht über subjektive Wahrnehmungen diskutieren. Ich habe die empirischen Daten genannt. Ein aufgeklärter Mensch relativiert seine subjektive Wahrnehmung durch die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen. Und diese wiederhole ich gerne nocheinmal: 1) Studierende Arbeiterkinder waren in der DDR nie überrepräsentiert, sondern Ende der 80er Jahre unterrepräsentiert. 2) Akademiker und Akademikerinnen haben seit Mitte der 1990er Jahre überdurchschnittlich viele Kinder. 3) Amokläufer kommen fast ausschließlich aus der Mittelschicht - dies wird in Deutschland jedoch weder journalistisch noch wissenschaftlich zur Kenntnis genommen. |
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Die 'Mittelschicht' schafft sich ab?! Gibt es das überhaupt, eine Mittelschicht? - Auf jeden Fall kommt einem als Zeitungsleser und Medien-User dieser Begriff immer wieder unter. Mein erster Eindruck ist, dass viele (die meisten?) Autor(inn)en in diesen Medien von sich selber reden, wenn sie den Begriff benutzen. Wenn ich resümiere, was sonst noch an Bestimmungen zu diesem Phänomen herauszulesen ist, komme ich auf folgendes: Mittelschichtler haben eine höhere Bildung, denken komplexer, sind kreativer, haben anspruchs- und verantwortungsvollere Jobs, erziehen ihre Kinder besser, sind gesellschaftskritischer (weswegen sie sich auch nur Mittel- und nicht Oberschicht nennnen), leben gesünder, leben umweltbewusster, haben den besseren Geschmack, subtilere Gefühle, gönnen sich inzwischen nicht nur Wein sondern auch Bier und Fußball (wenn's im Rahmen bleibt)... Hmmm, Mittelschicht?! Ich werde mit dem Begriff nicht warm. Haben wir Synonyme zur verfügung? Bildungsbürgertum - altbacken; Angestellte - zu spießig und unkreativ; Beamte - um Gottes Willen...; Geistesarbeiter (white collar worker) - spielt auf Lohnabhängigkeit an, zu marxistisch. Mittelschicht, da war doch noch was? Die Unterschicht, salt of the earth, sieht man nur von oben, oder gar nicht, weil im Dunkeln. Die Mittelschicht, verachtet die unten, bekrittelt die oben - vielleicht können wir sie, zumindest im nationalen Rahmen, die Dünkel-Deutschen nennen?
Mag die Oberschicht vor einer Unterschicht-Revolte zittern. Die Mittelschichtler haben dadurch nichts zu verlieren als ihre Illusionen. |
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Es ist recht spannend. Die Unterschicht wendet sich historisch von sich aus fast nie gegen die Oberschicht. Im Gegenteil. Oft findet eine Übernahme der von der Oberschicht propagierten Werte statt.
Die Unterschicht wendet sich gegen die Mittelschicht. Die ist in Sichtweite und greifbarer. Die Mittelschicht wird von der Oberschicht als Puffer benutzt. Außerdem wird sie von der Oberschicht ausgepresst hat aber nicht genug Mumm etwas dagegen zu unternehmen. Der erfolgreichen Unternehmer Engels (obere Mittelschicht) wusste um die Ängstlichkeit und Blutleere der Mittelschicht. Zusammen mit Marx versuchte er in einer Kooperation von Unter- und Mittelschicht gegen die Oberschicht anzugehen. Er verband den Mumm der "Unterschicht" mit dem Wissen der Mittelschicht. Aus dem Grund treibt die Oberschicht mit ihren Massenmedien verstärkt einen Keil zwischen Unter- und Mittelschicht. In der Praxis: Besonders der Mittelstand und die Mittelschicht werden durch die "Bankkrise", eine von der Oberschicht verursachte Krise, gebeutelt. Ihnen wird aber eingeredet die "Unterschicht" Hartz IV, Linke und der Sozialstaat seien der Feind. Diese Denkblockade der Mittelschicht hält die Verhältnisse stabil. Politiker, Lobbyisten und Banker können ungestört weiter das tun, wozu sie eingesetzt werden. Die Beherrschung der Mittelschicht wird allerdings immer unsicherer. Daher ist es einfacher den Rest der Bevölkerung mit modernen Massemedien auf Spur zu halten. In den USA und Italien kann man sehen, wie es funktioniert. Dann hat die Mittelschicht ausgedient und muss der Super-Nanni weichen. |
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schrieb am
12.05.2009 um 18:57
Auja, Streifzug, lass uns noch ein bisschen rumblödeln, während Nelly sich weiter in Andreas verbeißt. Zum Beispiel: Bin ich in der Mittelschicht? - Nein, die Mittelschicht ist in mir! Damit meine ich nicht etwa die mittlere Körperregion, das ist ja Bauch, also Unterschicht, Hans Wurst, Sancho Pansa und so. Nein, das Mittelschichtliche ist ein Teil von mir, wie das Unterschichtliche ein anderer Teil von mir ist. Gezeugt vor vielen Jahren von der untersten Unterschicht (Kleinstadtproletariat) und unterer Mittelschicht (Dorfbürgertum), nach diversen Bildungsgängen zunächst in das Facharbeiterproletatriat und dann in die intellektuelle Mittelschicht aufgestiegen (ich lese den 'der Freitag'), kleide ich mich gerne in Schwarz, habe aber immer noch eine leichte Neigung zu den Vergnügungsformen der Unterschicht. Was den Gattungserhalt angeht, habe ich viel zum Fortbestand der Mittelschicht beigetragen (die Unterschicht heckt ja wie die Kaninchen, die entsprechende Schicht in mir musste sich nicht engagieren): Meine Töchter genießen eine excellente Bildung, was natürlich möglicherweise eines Tages dazu führt, dass sie in die Oberschicht aufsteigen. Mal sehen, wie ich das verhindere...
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@ Streifzug.
Das sehe ich weitgehend genauso. In den Bildungsurlaubsseminaren, die ich für den DGB durchführte, gab es vielfältige Differenzen, die zwischen ArbeiterInnen und Angestellen/Beamten (Sesselpupser) ausgefochten wurden. Man sieht die (vermeintlichen) Ungerechtigkeiten zwischen sich und seinen Nachbarn, aber es ist überhaupt nicht bekannt, wie die tatsächliche Einkommens- und Vermögensverteilung aussieht. Ich habe in verschiedenen Settings (Bildungsurlaubsseminar, Vorlesung in den Erziehungswissenschaften, Mitgliederversammlung des "freien zusammenschlusses der studierendenschaften") einen Quiz durchgeführt mit Fragen zur Klassendiskriminierung. In allen Gruppen wurde jede Frage falsch beantwortet, die tatsächliche Klassendiskriminierung immer unterschätzt. Die Reichen und Superreichen in Deutschland sind für einen Durchschnittsbürger gar nicht mehr erfassbar. Es gibt hierzu einen Forschungsansatz: knol.google.com/k/-/-/8bgikaqot3ts/69 Aber in erster Linie ist die akademische Mittelschicht gefragt, sich ihren Ängsten zu stellen. Auch in ihrem eigenen Interesse. Wenn die Klassendiskriminierung nicht endlich ernstgenommen wird, kann sich dies tatsächlich rächen. Die letzte Sinus-Studie ist in diesem Sinne als Warnhinweis zu lesen: klassismus.blogspot.com/2009/04/ohrfeige-fur-aktuelle.html |
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@ Meisterfalk
;-) So oder so ähnlich funktionierts. Transgenerationale Weitergaben, die sich im Körper manifestieren, bzw. diesen erst konstitutieren. Sowohl Bourdieu als auch Foucault sprechen von "Klassenkörpern" und zwar beide in ihren Hauptwerken (Die feinen Unterschiede bzw. Sexualität und Wahrheit 1). Mir ist nicht bekannt, ob diese Ansätze ausgebaut wurden, das wäre jedenfalls lohnenswert. |
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Hans-Jürgen Krysmanski und Power Structure Research passen genau. Die neue Auflage von "Hirten & Wölfe: Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen oder: Einladung zum Power Structure Research" läßt ja leider immer noch auf sich warten.
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@meisterfalk
Die exzellente Bildung ist keine ausreichende Bedingung. Vitamin B ist gefordert. Also rasieren, Schlapphut ab und positive Artikel über das "Königshaus" geschrieben. Verbieg dich als Papa, damit deine Tochter gerade gehen kann ;-) |
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@Andreas Kemper
Bourdieu als auch Foucault in Ehren aber die heutige Generation denkt weniger in "Klassenkörpern" sondern bemüht sich um klasse Körper. |
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@Andreas Kemper:
Ich lasse mal die "Fakten" und I h r e Interpretiation derselben beiseite, denn, wie gesagt, diskutieren ist sinnlos. Mich interessiert eine andere Frage, die zu stellen ich selten Gelegenheit habe, aber hier bietet sie sich. Wie vereinbart sich in Ihrer Person die Empörung über Ungerechtigkeiten im Bildungssystem und das Eintreten für Chancengleichheit (diese Meinung haben Sie von sich, wenn ich Sie richtig verstanden habe) mit der Verachtung für Gebildete ? Stellen wir uns ein konkretes Beispiel vor: Ein Arbeiterkind studiert. An welcher Stelle seines Lebenslaufs verwandelt es sich vom benachteiligten, zu fördernden Menschen in einen zu verachtenden Akademiker oder Angehörigen der Mittelschicht, der von "Deklassierungsangst" besessen, sein "Balg" (ist kein Arbeiterkind !) "penetrant in seinen Leistungen überbewertet" und "Gewehr bei Fuß steht", um "den gymnasialen Weg durchzuboxen" ? Gibt es da einen kritischen Umschlagpunkt, oder ist das mehr so ein schleichender Prozeß ? Hätte ihm da sein Studium menschlich, persönlich, sozial, gesellschaftlich doch sehr geschadet ? Wäre das Arbeiterkind ohne Uni nicht ein besserer Mensch geblieben ? |
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@Nelly
Sie verwechseln da was. Ich verachte keine Akademiker, ich bin ja selber einer. Ich hatte letztens ein Gespräch mit der hiesigen Bücherei-Chefin darüber, dass es in ihrem Umfeld nicht akzeptiert wird, dass ihre Kinder nur zur Realschule gehen. Stellen Sie sich doch einfach der Kritik. Wer verhindert in Deutschland die Einführung der Gemeinschaftsschulen und welche Interessen stecken dahinter? Wer profitiert von der Umwandlung des Erziehungsgeldes in Elterngeld und welche Interessen stecken dahinter? Wer profitiert von der immer rasanter sich öffnenden Einkommens- und Vermögensschere und welche Interessen stecken dahinter? Wer profitiert davon, dass es für Hartz IV Empfänger sehr viel wahrscheinlicher ist, ins Gefängnis eingesperrt zu werden, wenn sie sich eine U-Bahnfahrt "erschleichen", als es für Millionäre ist, wenn sie ihre Millionen illegalerweise nicht versteuern? Wer profitiert von der Medienberichterstattung, die im Fall Muhlis A. ("Mehmed") türkischer Jugendliche ins Kreuzfeuer nahm, im Falle Tim K. aber keineswegs über Probleme in der Mittelschicht sprach? |
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@Andreas Kemper
Hallo Andreas, ich habe einen Kommentar höher etwas zur Mittelschicht geschrieben. Mich interessiert deine Meinung dazu. Hast du Lust ein paar Worte zu schreiben? (Mir gefallen deine Interessen laut deinem Profil) |
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@ Streifzug
Done. Man müsste eigentlich ökonomische von sozialen und politischen Klassen abgrenzen. Das würde hier jedoch den Rahmen sprengen. |
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Ökonomisch wäre es der Mittelstand.
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schrieb am
12.05.2009 um 20:27
Mittelstand, ja, das ist das noch personifizierbare Kapital- und Produktionsmitteleigentum, aber Mittelschicht - das ist eine Chimäre, vielleicht noch eine Subkultur. Das einzige, was die sich selbst ernsthaft so nennenden Mittelschichtsangehörigen eint, sind äußerlich kulturelle Symbole und innerlich Angst und Dünkel.
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---äußerlich kulturelle Symbole und innerlich Angst und Dünkel---
Darum ließen sie sich so gut für den Nationalsozialismus instrumentalisieren. Heute gibt man ihnen Leckerli in Form von "Ordnung, Führung, Disziplin (Bernhard Bueb), Religion, Papst, Null Toleranz, Neoliberalismus ..." Hausmannskost eben :) |
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@Andreas Kemper und @ streifzug
Faktengestützte Argumentation, logische Kombination, dazu treffsichere Metaphorik und ein Schuss Satire - einfach wunderbar. Ein gelungenes Beispiel für eine Freitag-Debatte. Weiter so! |
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@Andreas Kemper
"Ich verachte keine Akademiker, ich bin ja selber einer." Das sagt gar nichts. Selbstverachtung oder gar Selbsthaß sind weitverbreitete Phänomene. Sollten Sie unter unbewußten Schuldgefühlen wegen Ihrer Bildung leiden, kann ich Sie beruhigen. Sie haben niemandem etwas weggelernt. Das Schöne am Wissen ist ja, daß es durch Aneignung nicht weniger wird sondern sich sogar vermehrt ! |
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@Nelly
Noch einmal: es geht nicht darum, ob ich Akademiker verachte. Ich bin ein Arbeiterkind und habe studiert. Ich kenne beide Welten. In den Vereinigten Staaten ist die diesbezügliche Diskussion weiter. Dort gibt es eine sogenannte "Straddler"-Literatur. Straddler (von "to straddle" = spreizen) sind Menschen, die mit einem Bein in der einen, mit dem anderen Bein in der anderen Kultur stehen. Straddler oder "Bildungsaufsteiger" kennen daher beide Kulturen. Und ich kenne die Arbeiterschicht nicht nur deshalb, weil ich in ihr groß geworden bin, sondern weil meine Verwandten noch immer zur Arbeiterschicht zählen. Ich kenne beide Lebensweisen und ich kennen auch die gegenseitigen Vorurteile und sie können mir ruhig glauben, dass die Vorurteile gegen der akademischen Mittelschicht gegenüber den "unteren" Schichten sehr viel größer sind als umgekehrt, womit ich überhaupt nicht ausschließe, dass es auch unfaire Vorbehalte gegenüber der Mittelschicht gibt. Sie und Frau Schmidt scheinen entweder nicht willens oder unfähig zu sein, den eigenen epistemologischen Standort und Klassenstandpunkt zu verlassen. Daher ist Armut auch nicht deswegen bekämpfenswert, weil es keine Armut geben darf, sondern nur deswegen, weil sie die Mittelschicht bedrohen könnte. Ich verachte keine Akademiker - abgesehen von denen, die sich für bessere Menschen halten. |
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Dieser Beitrag hat in den letzten Tagen die meisten Kommentare bekommen.
Interessanterweise beschäftigt sich keiner davon mit den Themen, die im Artikel zur Sprache kommen: soziale Spaltung, Verarmung, Entstehung von Ghettos, wachsende Anzahl von Kindern, die ins Elend hineingeboren werden und ohne Perspektive aufwachsen, auf der anderen Seite Kompetenzen, die verloren gehen, weil sie nicht an die nächste Generation weitergegeben werden können. Die Autorin hat einen Fehler gemacht (jedenfalls offensichtlich einen aus Sicht der "Freitag"-Leserschaft) - sie hat zwei "Bäh-Wörter" gebraucht: Mittelschicht und Unterschicht. Das veranlaßt nun eine Handvoll Angehöriger der Mittelschicht, einander zu beteuern, wie uncool sie die Mittelschicht finden, bzw. daß es diese doch gar nicht gibt. Warum ich selbst zum Inhalt des Artikels noch nichts geschrieben habe ? Nun, weil ich ihn wichtig und (im wesentlichen) richtig finde und Kathrin Schmidt dafür danken möchte, daß sie eine Entwicklung zum Thema gemacht hat, die sich wirklich noch einmal zur Zeitbombe entwickeln könnte. Und zwar nicht nur für die Mittel- und Oberschicht (oder was immer für Begriffe dafür in diesem Forum vorgezogen werden). |
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schrieb am
13.05.2009 um 22:37
Liebe Nelly, so wie die Autorin einst nicht zu der Wahl, aber zur Stimmenauszählung gegangen ist ('ich gebe zwar keine NEIN-Stimme ab, werde mich hinterher aber beklagen, dass zu wenig davon ausgezählt werden), so klagt sie jetzt über das Verschwinden 'ihrer' Mittelschicht aus einem Wohngebiet, aus dem sie selbst bei der nächsten Gelegenheit in was besseres umgezogen ist. So zu handeln war in beiden Fällen ihr gutes Recht (dass Kinder in einem Haus mit Garten besser aufgehoben sein können, als in einem Mietshaus mit Spielplatz in der Nähe, kann man zugestehen). Wenn sie davon öffentlich erzählt und daraus Einschätzungen und Warnungen ableitet, setzt sie sich der Kritik, sei es auch 'nur' in Form flappsiger Sprüche aus. - Man könnte diese Kritik auch harscher formulieren, etwa so: Mittelschicht^Mitmenschen // Unterschicht^...? Jetzt wirst Du wahrscheinlich richtig sauer sein. Aber findest Du nicht, dass in dieser Begrifflichkeit und dem zu beobachtenden Gestus ihrer Verwendung jede Menge soziale Arroganz und Ignoranz steckt? Andreas Kemper nennt das Klassismus. Man kann darüber diskutieren, ob dieser Wortspiel-Begriff als Bezeichnung für die Herabwürdigung von Menschen auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe im Unterschied zur Verachtung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wirklich so gut geignet ist, denn der Klassenbegriff wird verwässert und vor allem besteht die Gefahr, dass die Kritik aus minderprivilegierten Gruppen in Richtung privilegierterer Gruppen diffamiert wird. Aber sachlich ist seine Einschätzung richtig, eine 'klassistische' Attitüde in K. Schmidts Text zu entdecken. Verarmung, Kinder im Elend, das alles geschieht. Aber der Protest dagegen muss mit einem Blick auf die Ursachen einhergehen. Die fangen nicht bei der angeblichen Reproduktionsverweigerung der 'besseren Leute' an, sondern etwa bei der Tatsache, dass ein Teil der neuen Elenden in Marzahn Ex-Prenzlberger sind... Und wer wohnt jetzt in deren Häusern?
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He, Streifzug, ich habe Deinen Rat befolgt, mich (teilweise zumindest) rasiert, ne neue Kopfbedeckung besorgt und ne anständige Jacke angezogen. Fühl mich wie neu geboren. Danke!
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Wow, absolut souverän ;-)
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@Andreas Kemper
"Noch einmal: es geht nicht darum, ob ich Akademiker verachte." Doch, darum geht es. Das durchdringt einfach jeden Ihrer Beiträge. Diese Bevölkerungsgruppe weist bestimmte Verhaltensweisen, Motivationen, Lebensstile etc. auf, die genauso sozial, gesellschaftlich, ökonomisch, politisch, lebensgeschichtlich usw. bestimmt sind wie die Verhaltensweisen und Motivationen in der Unterschicht. Nur daß es bei Akademikern mit einem Mal berechtigt ist, sich abfällig über diese Verhaltensweisen zu äußern und niedrige Motive zu unterstellen (interessanterweise bevorzugt dann, wenn Eltern sich um die Bildung ihrer Kinder bemühen und interessanterweise bevorzugt von Menschen, die glauben, sich für fortschrittliche Bildungspolitik einzusetzen). Da ist es auf einmal legitim (bevorzugt von Sozialwissenschaftlern, die sonst nach "Fakten, Fakten, Fakten" rufen), moralische Urteile zu fällen und Gedanken und Gefühle zu bewerten ("Sie halten sich für die besseren Menschen (???). Sie akzeptieren dieses oder jenes nicht - wie schrecklich). Sie werden an der Mittelschicht bzw. Akademikern nicht vorbeikommen, wenn Sie etwas für Veränderungen im Bildungssystem erreichen wollen. Sie brauchen deren Kinder, also beschimpfen Sie sie nicht. Eine Frage noch: Welchen epistemiologischen Standpunkt und welchen Klassenstandpunkt habe ich ? Klären Sie mich bitte auf. (Ich besitze übrigens weder Kapital noch Produktionsmittel, sondern nur meine Arbeitskraft, die ich zu relativ ungünstigen Bedingungen verkaufen muß). Sie versuchen mit mir über Dinge zu polemisieren, über die ich mich gar nicht geäußert habe. |
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Lieber Meisterfalk,
danke für Ihre Erwiderung. Was genau werfen Sie eigentlich Kathrin Schmidt vor ? Sie sagen, man könnte "diese Kritik" auch "harscher formulieren" - bevor Sie sie überhaupt erst formuliert haben. Kathrin Schmidt hat die Erinnerung an ein 20 Jahre zurückliegendes Ereignis in ihrem Leben zum Anlaß genommen, die damaligen Verhältnisse mit den heutigen zu vergleichen, sie macht Beobachtungen und sich ihre Gedanken darüber und schreibt diese auf. Genau das, was man von einem Blog-Beitrag erwartet. Sie hat diesen Beitrag nicht in einer peer-reviewed sozialwissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht, tritt nicht mit diesem Beitrag als Programm zu einer Wahl an und erklärt ihn auch nicht zum Programm einer politischen Partei. Also, was genau lehnen Sie an diesem B l o g b e i t r a g ab ? Mir scheint, hier wird der Überbringer der schlechten Nachricht geprügelt. "Mittelschicht^Mitmenschen // Unterschicht^...?" - Dieses Wortspiel stammt von Ihnen (oder wen zitieren Sie), was hat es mit Kathrin Schmidt zu tun ? "dass in dieser Begrifflichkeit und dem zu beobachtenden Gestus ihrer Verwendung jede Menge soziale Arroganz und Ignoranz steckt?" - Also in der Begrifflichkeit, wie Sie sie gerade verwendet haben ? Ach so, Sie meinen "Unterschicht". Wird seit Jahrzehnten verwandt, drückt aus, daß es hier um Menschen geht, die in der sozialen Hierarchie unten sind. Oder gibt es gar kein Oben und kein Unten ? Was darf man sonst sagen, wenn es um die Probleme dieser Menschen geht ? Ach, es gibt gar kein Problem ? Na, dann ist ja alles in Butter ! Oder gibt es keine Menschen, die arm und unten sind und deswegen bestimmte Gemeinsamkeiten ihrer Situation, Lebensweise, Ausdrucksmöglichkeiten, Chancen aufweisen ? Weil wir alles ganz individuelle Individuen sind und sich jeder ganz individuell mit den anderen Individuen auseinandersetzt (oder auch nicht) ? Bitte klären Sie mich auf, was eigentlich Ihr Problem ist. "Verarmung, Kinder im Elend, das alles geschieht. Aber der Protest dagegen muss mit einem Blick auf die Ursachen einhergehen." Nun, in Kathrin Schmidts Blogbeitrag werden Ursachen angedeutet, auch wenn er eben keine umfassende wissenschaftliche Analyse oder politisches Programm bietet. Wogegen Kathrin Schmidt tatsächlich protestiert, ist, daß die Gesellschaft sich weigert, sich mit der geschilderten Entwicklung überhaupt zu befassen. Wie recht Sie damit hat, zeigt die Tatsache, wie sie angegriffen wird, nur weil sie dieses Thema angesprochen hat. |
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Okay, Nelly, ich kapituliere! Die unbeirrt von Dir an Andreas Kemper gerichteten Vorwürfe, sie betreffen auch mich. Ich gebe es also zu: Ich mag keine Akademiker (und Akademikerinnen nun auch nicht mehr)!! - Es ist natürlich Selbsthass. Nie werde ich mir verzeihen, mich soweit von Mutti und Vati entfernt zu haben. Aber was soll ich bloß tun?! Die Unterschicht beißt mich auch immer weg. Ich habe den Stallgeruch verloren. Was beleibt mir übrig, als einsam am Computer zu hocken, und mich am Mittelschicht-Bashing im Internet zu beteiligen?
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Zu diesem Thema solltet man sich unbedingt den Film "Ideocrasy" ansehen, danach solltet man sich fragen, ob es nicht sinnvoll ist für eine bessere Bildungspolitik, die oft von allen Politikern gern beschworen wird, nicht auf die Straße gehen sollte, da Bildung für alle auf lange Sicht die Lösung aller sozialen Fragen ist.
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Was soll den dieses konservative Gebrabbel, halten zu Gnaden. Es fängt an mit „Unsere Kinder sind halt anders“, das hat die Umwelt schwer belastet oder so. Aha, sage ich, die schmeißen also mit Lehm und andere, nicht so tolerante Leute fanden das nicht so gut. Hach, was haben wir uns unterschieden.
Na, dann muss man sich nicht wundern, wenn zurückgeschmissen wird. Der ganze Ton hat was von Sozialrassismus. Hilfe, die Unterschicht vermehrt sich und der Mittelstand stirbt aus. Gnädige Frau, der Mittelstand stirbt sicherlich nicht aus. Der Reihe nach: Zitat: Wer arm und allein ist, hat oft Kinder am Hals und kann nichts mit ihnen anfangen. Ende Dass sehr viele Alleinerziehende unter den Hartz IV-Empfängern sind, verleitet die Autorin offensichtlich zu Sarrazin-kompatiblen Statements. Zitat: Kinder sozialer und ideologischer Aussteiger wurden in der DDR nicht selten kassiert und in Heime verfrachtet.Ende Gibt es dafür Zahlen und Statistiken wird das einfach so behauptet? Wissen Sie nebenher, wieviele ehemalige Heimkinder in der Bundesrepublik gerade um Entschädigung kämpfen? Zitat: Den Zirkus um Arbeitssuche und -findung machen insbesondere die jungen alleinstehenden unter den Unterschichtfrauen nicht mehr mit, sondern zeigen Intelligenz: Die Arbeitsplätze, um die sie sich bemühen sollen, gibt es schlicht nicht – also kultivieren sie den Hartz-IV-Status mit Kindern. Die bringen Kindergeld zur Grundsicherung. Der Staat lässt sich mehr Zeit mit dem Kassieren.Ende Unterschichtfrauen, was für ein Ton, was bilden Sie sich eigentlich ein, Frau Schmidt? Es ist ein gängiger Begriff geworden, der mir trotzdem von einer Person, die sprachsensibel ist, seltsam vorkommt. Oder eben ganz bewusst. Und geich noch so ein Korken ... Zitat: Dass die Mittelschicht die Reproduktion meidet, stärkt zudem den Stolz der Unterschichtfrauen. Ende Aha, eine deutsche Frau und Mutter ist Unterschicht, da sollte man mittelschichtsseitig reproduktiv gegenhalten. Zitat: Die wendebedingte Fehlbilanz scheint mir von großer Wucht. Es wurde nicht nur versäumt, die einsetzende Schichtentflechtung durch geeignete Maßnahmen zu flankieren, die Amtspolitik sträubt sich vielmehr mit allen Mitteln, der Geburtenzahl insbesondere alleinstehender Unterschichtfrauen, auch nur ein geöffnetes Auge zu widmen.Ende Was ist denn das für eine merkwürdige Verwaltungslyrik. Ich widme dem ein wachsam geöffnetes Auge und hege den Verdacht der Jugendamtsgatte hat hier –nicht zum Nutzen der Sache – hereingepfuscht. Resümee: Die Mittelschicht – das belegen Ihre alarmistischen Worte - ist längst nicht mehr liberal oder so, sie ist rechtskonservativ bis rechts. Oder ist sie das nur im Osten? Das wäre fatal. Egal, gut, dass mans weiß. Nebenher kenne ich reichlich Leute, die in Marzahn wohnen und das gerne und woanders arbeiten. In Verwunderung und Abneigung verbleibe ich mit Unter-Mittelschichts-Pensionärsgruß Magda (Plattenbau) |
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schrieb am
16.05.2009 um 13:21
@Magda Ein wunderbarer Kommentar! Dem braucht man nichts mehr hinzufügen. In letzter Zeit erscheinen vermehrt Artikel und Blogs in der "Freitag-Community", die mich irritieren. Mal wird die Polemik der Medien gegen angebliche "Sektierer" in der Partei "die Linke", unkritisch und natürlich ganz "neutral" wiedergegeben, ohne auf den Grund der Sache zu gehen. Journalistische Recherche:Fehlanzeige! Dann erscheint ein flammendes Plädoyer für die Studiengebühren und nun zur Krönung ein Artikel mit "sozialrassistischen" Tendenzen.
Gruß Denoc(Arbeiterkind) |
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@ denoc - gern geschehen und schnell geschrieben. Das Unbehagen beschleunigt die Wortfindung. Danke Dir und beste Grüße. Ja, gibt hier sehr merkwürdige Mischungen.
Über einiges staune ich auch. Gruß zurück |
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Na bitte, Thilo Sarrazin, das isser:
Er fordert in einem Stern-Interview; "dass das Sozialsystem so geändert werden müsse, "dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist". Vielmehr müsse die Politik dafür sorgen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die "damit fertig werden"." Na, da ist ja Frau Schmidt wirklich voll auf Linie mit Sarrazin, der schelmisch das sagt, was die angstgeschüttelte Mittelschicht gern sagen würde und was auch in diesem Beitrag zumindest anklingt. |
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schrieb am
04.06.2009 um 15:23
Liebe Magda,
welchen "verbalen Umgang" meinen Sie? Herzlich - Kathrin Schmidt |
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Liebe Diskutanten, ich komme leider als Autorin o. g. Artikels erst heute dazu, mich einzumischen. Zur Zeit bin ich in Wiepersdorf zu einem Stipendienaufenthalt, und da habe ich extreme Internet-Ladezeiten, so daß ich nun einen kurzen Aufenthalt zu Hause dazu nutzen möchte. Mir war eigentlich, leider nur im Vorbewußten, halbwegs klar, daß der Artikel in dieser Form zur Mythenbildung über Mythen anregt. Er lag auch in einer wesentlich zahlenbewehrteren Form vor, die aber von der Redaktion des Freitag als „zu soziologisch“ zurückgewiesen wurde.
Ich möchte hier erst einmal auf die von Andreas Kemper vorgebrachten 3 Mythen eingehen: 1. Die Untersuchung von Hufnagel-Person nimmt meines Wissens die Jahre 1996-2002 unter die Lupe. Ich meine aber aktuellere Entwicklungen. Es gibt unterdessen Studien, die meine Thesen mehr als stützen. Eine davon ist z. Bsp. die der Leipziger Psychologin Kraus aus dem Jahr 2007, die besagt, daß Akademikerinnen nicht nur weniger Kinder bekommen, sondern auch bekommen WOLLEN als Nicht-Akademikerinnen. Außerdem spricht sie davon, daß insbesondere ledige Nicht-Akademikerinnen sich eine Verbesserung ihres sozialen Status durch die Geburt eigener Kinder versprechen. Zahlen im Netz. 2. Daß in der DDR Arbeiterkinder bildungspolitisch bevorzugt wurden, stimmt sicher nur, wenn man das Gewicht auf das Wort –politisch legt. Ich bitte aber zu bedenken, daß die anfängliche tatsächliche Bevorzugung von Arbeiterkindern zur Rekrutierung einer neuen „Elite“ geführt hat. Ich halte es für problematisch und habe es im Text ja auch angedeutet, wenn deren Nachkömmlinge sowohl innerhalb des Systems als auch aus heutiger Sicht einfach den „Intellektuellen“ zugeschlagen werden. Wie das soziologisch zu lösen ist, weiß ich nicht so genau. Aber Enkeln einer Arbeitergeneration zu erzählen, sie entstammten einer Intellektuellenfamilie, finde ich nicht sehr stimmig, zumal die einen mit den anderen auch praktisch noch eine Menge zu tun haben. Ich hatte zum Beispiel einerseits nahezu lumpenproletarische und andererseits mit „Stipendium“ ins Kantorenfach aufgestiegene Großeltern, deren Kinder über Neulehrerstudium bzw. DDR- Unterstufenlehrer-Fachschulstudium zu „Intellektuellen“ wurden, aber meine Wurzeln im intellektuellen Milieu zu suchen und zu sehen, fiele mir nicht im Traum ein. (2. Teil im nächsten Kommentar) |
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3. Sie schreiben von amoklaufenden Mittelschichtkindern. Das stimmt natürlich. Es sind meines Wissen drei Fälle im Deutschland der letzten Jahre. Ich meinte aber auch hier aktuellere Entwicklungen und somit jüngere Mütter mit kleineren Kindern. Ich kenne sie, und hier bin ich einen Moment versucht zu sagen: leider, aus eigener (Marzahn-Hellersdorfer) Anschauung. Es sind ungezählte Fälle von übersehenen, überforderten, unterforderten, emotional und/oder körperlich gedemütigten und geschlagenen, verarmten Kindern. Ihre Herkunft? Einfach gesagt, ist der Anteil an „Unterschicht“kindern überproportional hoch. Zahlen könnte ich nennen. (Vielleicht sollte ich an dieser Stelle doch nochmal den Film „Zirkus ist nich“ von Astrid Schult empfehlen?) Die von mir gemeinten Kinder tragen schwer an ihren Päckchen, und worin diese Überbürdung führen wird, wage ich mir lieber nicht auszumalen. Amok? Wohl eher nicht, denn diese Kinder werden sicher nicht so leicht Zugang zu Schußwaffen finden wie solche, deren Eltern in Schützenvereinen zugange sind, die einen relativ hohen Mitgliedsbeitrag verlangen…
Daß ich des Sarrazinismus bezichtigt werde, führt zu einem Lächeln meinerseits. Wenn Sie mich kennen würden, wüßten Sie, warum, aber das bringt natürlich hier nichts. Im Übrigen stimmt mich die Verwendung des Begriffes „Mittelschicht“ keineswegs glücklich. Hätte ich erklären müssen, warum ich ihn dennoch verwende, hätte ich mir den Artikel gleich klemmen können, denn das wäre einer für sich geworden. Wahrscheinlich hatte ich gehofft auf einen Konsens jenseits der gewählten, natürlich nicht sehr glücklichen, Begrifflichkeiten. Überhaupt möchte ich zu bedenken geben, daß es vielleicht mehr bringt, sich auf die vermittelten Inhalte zu beziehen, als sich im politisch tugendhaften Begrifflichkeitsstreit zu verzetteln. Meine „Wahrheit“ stellt nicht den Anspruch, vollständig oder vollständig richtig zu sein, und sie ist politisch unkorrekt. Das war mir klar. Eine Lehre, die ich aus der Diskussion ziehe: Ich werde in Zukunft stärker überprüfen, inwieweit ich Artikel auf Redaktionswunsch ohne zahlenmäßige Unterlegung im Freitag publizieren kann, es ist vielleicht wirklich nicht das richtige Medium. Das meine ich übrigens so, wie ich es sage und nicht als Rechtfertigung oder gar Angriff. Ich danke für die ausführliche Diskussion, die ich vollständig noch gar nicht überblicke. Daß ich damit in ein druckvolles Faß gestochen habe, scheint aber deutlich, oder? Ich halte das, worüber ich schrieb, auch weiterhin für eine tickende Zeitbombe. |
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Liebe Frau Schmidt,
Die Probleme, von denen Sie schreiben, die streitet überhaupt niemand ab, aber der Ton, der Tenor, in dem Sie diese Dinge aufs Tapet bringen, zeigt mir, dass Ihre Sorgen in dem Zusammenhang andere sind, als meine. Landauf, landab sorgt man sich zu Recht darum, dass die Mittelschicht, die Mitte der Gesellschaft, wegbricht. Das stimmt. Aber Ihr verbaler Umgang mit Frauen, die nicht der Mittelschicht angehören, aber Kinder haben, und damit nicht mehr klarkommen in diesen Zeiten, der gefällt mir nach wie vor nicht. Das ist schon alles. Ob Sie über Kritik und Anwürfe nun mit feinem Lächeln hinweggehen und über sich selbst eine andere Meinung haben, als ich sie hier nach der Lektüre Ihres Beitrages hege, das ist ein Feld für sich. Magda |
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@Magda:
Es würde mich sehr interessieren, an welcher Stelle in dem Artikel genau der Ton von Frau Schmidt Sie besonders gestört hat. Ich bin nach wie vor der Meinung, nicht der Inhalt des Artikels (und auch nicht der "Tenor", in dem er gehalten ist) hat hier zu den verbalen Attacken gegen die Autorin und den Unterstellungen (zu denen ich auch Ihren ersten Kommentar zählen möchte) geführt, sondern ganz allein das Thema, welches nicht berührt werden darf, wenn man sich nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, man rufe zu eugenischen Maßnahmen auf (und in der Tat, das Stichwort fiel prompt). Nun sagen Sie, "Die Probleme ...streitet überhaupt niemand ab", was mich ein bißchen erstaunt hat, denn in der Debatte ist bei mir der Eindruck entstanden, nur die Autorin selbst und ich sähen hier ein Problem. Nach nochmaligem Lesen des Artikels fand ich den "verbalen Umgang" von Kathrin Schmidt "mit Frauen, die nicht der Mittelschicht angehören, aber Kinder haben, und damit nicht mehr klarkommen in diesen Zeiten" eigentlich immer noch untadelig. Ich wüßte wirklich gern, wo genau sich der Ton eingeschlichen hat, der Ihnen nicht gefällt. Möglicherweise mangelt es mir an Sensibilität. Meine Bitte ist völlig ernst gemeint. Gruß, Nelly |
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in der ddr waren abtreibungen eine allgemein akzeptierte form der empfängnis-verhütung. eine schwangerschaft war ein grund für eine vom staat gestellte wohnung. in der ddr hatten alle einen job. das war dem staat wichtig. nicht so wichtig war, dass auch gearbeitet wurde...
vor dem kauf der ddr, gab es in deutschland eine mittelschicht, welche sich aus arbeitnehmern, familienbetrieben und freiberuflern zusammen setzte. diese schicht wurde zerstört. denn die abgaben in form von direkten und indirekten steuern, mit zeitgleicher marktöffnung für billig-arbeier aus ost.europa. die mittelschicht besteht inzwischen aus dem öffentlichen dienst. keine berufsgruppe in deutschland ist seit der wende so gewachsen. keine berufsgruppe verdient so gut und fordert gleichzeitig erfolgreich immer mehr lohn. verdi ist die stärkste gewerkschaft in deutschland. bezahlt wird das staatsdienen von der wirtschaft. der sinn dieser politik besteht darin, das volk mundtot zu machen. zu kaufen. durch diese groteske ungleichbehandlung von arbeitnehmern, wird das volk gespalten und geschwächt. |
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ganz widerlich finde ich auch die einstellung, dass mittelschichtler / staatsdiener mehr begabung zur aufzucht von kindern haben, als hartz4ler.
eine frau mit einem säugling / wickelkind, sollte nicht arbeiten müssen. sondern sich bewusst und ohne druck um das kind kümmern. aufgrund meiner eigenen kindheit kann ich versichern, dass wohlstand kein zeichen für mütterlichkeit ist. und armut durchaus ein anreiz sein kann, sein leben anders zu gestalten als die eltern. für armut muss sich niemand schämen. beschämend ist allerdings die hetze gegen hartz4ler, zu denen ich auch den o. geposteten artikel zähle. im osten werden nuegeborene in pflanzenkübeln und gefriertruhen verscharrt. haben ostdeutsche frauen etwa nie gelernt, dass man vom sex auch schwanger werden kann? sind ossis ihren eigenen kindern gegenüber feindlich eingestellt? weil sie diese nicht mehr in taatlichen erziehungs- und verwahranstalten abgeben können? |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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