Kinder rühren Erwachsene an. Ihre Unmittelbarkeit und Offenheit bewegen Erwachsene, weil Kinder kalkulierte Höflichkeit und die Notlügen zu entblößen vermögen. Kinder wecken bei Erwachsenen die Erinnerung an die eigene Jugend, eine Zeit der Sorglosigkeit, aber auch an eine Zeit, in der man äußeren Mächten unterworfen war – Erziehungsberechtigten, Lehrerinnen, Hausmeistern und dem fiesen Nachbarsjungen von nebenan. Und nicht zuletzt gibt es keine so starke Gefühlsbeziehung wie die der Eltern zu ihren Kindern. Vielleicht mag deshalb kaum etwas so heftige Betroffenheit auslösen wie die Verwundbarkeit von Kindern gegenüber Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch. Jedenfalls: Kinderschutz ist unumstritten und populär. Daher ist es kaum verwunderlich, dass kommerzielle, gesellschaftliche und politische Interessen – sofern geeignet – die Nähe zu Kindern suchen. Schon lange verzichtet kaum ein Autowerbefilm auf einen den Innenraum erobernden Lausbuben und fast keine Saftreklame kommt ohne diese beinahe obszön anmutenden Darstellungen fünfjähriger Mädchen im Rüschenrock aus.
Vom "Gedöns" zum Kinderschutz
Die Politik hat den verkaufsfördernden Effekt der tatsächlichen und vermeintlichen Interessenvertretung von Kindern vergleichsweise spät entdeckt. Gerhard Schröder konnte noch 1998 die Kinderpolitik als "Gedöns" abtun. Die Zeiten haben sich geändert. Auch ich gebe zu: Wenn ich als sozialpolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion versuche, die völlig unzulänglichen Regelsätze für Hartz IV-Beziehende zu thematisieren, wähle ich den Weg über die Darstellung der Situation der Kinder. Denn ich weiß, dass eine Skandalisierung der Armut von Erwachsenen nur halb so wirksam wäre.
CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen, die den politischen Marktwert von Kinderpolitik schon mit Amtsantritt weitaus klarer erkannt hat als Schröders Mannen, versucht nun, im Vorwahlkampf mit symbolisch aufgeladener Kinderpolitik zu punkten. Das Gesetz der Bundesregierung zur "Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen" verheißt mit der Indizierung und Sperrung von Internetseiten einen Schlag gegen kriminelle Täter, die mit dem Verkauf von Abbildungen sexueller Gewalt gegen Kinder verdienen wollen. Ich will die Argumente, die für oder gegen die Wirkungslosigkeit einer solchen Internetzensur sprechen, an dieser Stelle nicht bewerten. Fest steht: Eine Onlinepetition vom 22. April diesen Jahres wehrt sich gegen das aus ihrer Sicht undurchdachte und die Netzfreiheit gefährdende Ansinnen. Mehr als 100.000 Menschen haben diese Petition bis heute unterzeichnet.
An diesem Punkt kommt die "Deutsche Kinderhilfe" ins Spiel. Sie kontert die Onlinepetition mit einer Unterschriftenaktion zur Unterstützung der Internetsperrpläne der Bundesregierung. Zwar nimmt es diese Organisation mit der Problembeschreibung nicht so genau: Unterschrieben werden soll "gegen Kinderpornographie" ganz allgemein. Dass es tatsächlich um die Frage der Sperrung von Internetseiten geht, wird eher am Rande erwähnt. Mit diesem Versuch, die Gegner von Internetsperren und Pädophile gleichzusetzen, hat die "Deutsche Kinderhilfe" auch eine gewisse Medienöffentlichkeit gefunden. Und damit hat die Unterschriftenaktion für die "Deutsche Kinderhilfe" ihren Zweck bereits erfüllt – egal wie viele Unterschriften letztlich eingesammelt werden können.
Das Geschäftsmodell der Kinderhilfe
Denn es scheint, dass es der "Deutschen Kinderhilfe" es vor allem um sich selbst geht. Zumindest schloss das Selbstkontrollorgan Deutscher Spendenrat die Kinderhilfe schon 2008 aus seiner Mitte aus. Die Geschäfte der Organisation sind vielgestaltig: Zunächst vermittelt die "Deutsche Kinderhilfe" interessierten Firmen die Möglichkeit, ihr Image zu verbessern. "Nehmen Sie als Unternehmen oder Agentur, die für ihre Kunden Charitypartner sucht, Kontakt zu uns auf", heißt es etwa auf der Homepage und weiter: "Gemeinsam mit Ihnen entwickeln wir PR- und Marketingkonzepte für eine öffentlichkeitswirksame Arbeit unter Einbeziehung unseres hervorragenden Netzwerkes in Politik, Gesellschaft und Medien."
Die so genannten Hilfsprojekte orientieren sich mithin weniger an den Bedürfnissen von Kindern. Sie zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie bei der Bebilderung von Unternehmensprofilen dienlich sind. Die schwedische SCA-Gruppe etwa nutzt die Charitymakler von der "Deutschen Kinderhilfe", um ihrer Marke "Tempo-Taschentücher" mit dem Sponsoring von Klinikclowns auf die Sprünge zu helfen. Auf ihrer Homepage vermeldet die "Deutsche Kinderhilfe" allerlei mehr oder weniger sinnvolle Wohltätigkeiten: Die Bahr-Baumärkte spendeten zum 125. Firmenjubiläum 25 Gartenhäuser für "Einrichtungen für kranke und benachteiligte Kinder" und Accor-Ibis-Hotels verkauften Quietsche-Entchen für das Projekt "Spielplatz Krankenhaus". Ob es um therapeutisches Golfen oder Reiten geht, die "Deutsche Kinderhilfe" bietet laut Selbstauskunft den passenden Rahmen zur Illustration unternehmerischer und gesellschaftlicher Verantwortung: "Unternehmensspezifisch und zielgruppenorientiert bieten wir ausgewählte Projekte zur Förderung an oder konzipieren ein auf das Unternehmen abgestimmtes Projekt neu."
Besonders interessant ist das Produkt myfam, das in Zusammenarbeit mit der Kinderhilfe entwickelt wurde. Nach dem Vorbild des Automobilschutzbriefs konzipiert, bietet dieses so genannte Servicepaket angeblich besondere Vorteilsleistungen für Familien – für 84 Euro im Jahr. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass einige der gepriesenen "Mehrwertleistungen" ganz regulärer Teil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung sind – wie zum Beispiel eine Haushaltshilfe bei längerer Erkrankung. Fast noch interessanter als der Blick auf den Inhalt ist die Vertriebskonstruktion: Das Paket myfam wird von der DKD Service GmbH vertrieben. Diese wirbt damit, dass 12 der 84 Euro an die "Deutsche Kinderhilfe" fließen: "Unter dem Motto 'Geben und Nehmen' erhält jedes myfam-Mitglied das Beste für seine Familie und hilft gleichzeitig kranken und benachteiligten Kindern, die dringend Hilfe benötigen."
Die vermeintlichen Vorteilsleistungen dürften der DKD GmbH ebenso wie der "Deutschen Kinderhilfe" Zusatzeinkünfte bescheren. Einer ist immer mit von der Partie, wie im vergangenen Jahr die Zeitung Die Welt herausfand: Der Rechtsanwalt Georg Ehrmann, der nämlich sowohl Geschäftsführer der DKD GmbH als auch Vorstandsvorsitzender der "Deutschen Kinderhilfe" ist. Mit ihm freuen sich ein paar weitere Geschäftsleute: Frank Hippen und Holger Klinz betreiben die "3 W Membership Marketing GmbH", kurz 3 W GmbH genannt. Das Bielefelder Unternehmen mit Millionenumsatz hat sich laut Eigenauskunft auf Kundenkarten, Bonuspakete und Vorteilsclubs spezialisiert und das myfam-Paket konzipiert.
Wie inzwischen auch auf der Webseite der Kinderhilfe nachzulesen ist, gründeten die beiden Geschäftsführer der 3 W GmbH ihren Vertriebskanal DKD Service GmbH und auch die Vorläuferorganisation der "Deutschen Kinderhilfe" sowie den Landesverband NRW der Kinderhilfe selbst, bevor sie die Geschäftsführung und Vereinsvorsitz Georg Ehrmann übertrugen. Da liegt es nahe anzunehmen, dass auch die 3 W GmbH über Geschäftsbesorgungsverträge oder ähnliche Konstruktionen am Geschäft mit den Kindern beteiligt sein könnte. Jedenfalls räumte Georg Ehrmann gegenüber der Welt "geschäftliche Beziehungen" zur 3 W GmbH ein. Der Verein "Deutsche Kinderhilfe" hat auch nur wenig mit dem gängigen Bild eines offenen Vereins zu tun. Nach Recherchen der Welt sind nur acht Mitglieder stimmberechtigt – und zwar die geschäftlich beteiligten. Ansonsten gibt es nur Fördermitgliedschaften ohne Stimmrecht.
Markus Kurth, Jahrgang 1966, ist seit 2002 Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen und Sprecher für Sozial- und Behindertenpolitik sowie Obmann im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales.