Positionen

Iran | 02.07.2009 09:32 | Torsten Wöhlert

Mullah-Dämmerung

Auch wenn die Proteste verstummen: Das Regime hat keine andere Wahl, als sich dem Wandel zu beugen

Glaubenskriege sollten in einem „Gottesstaat“ nicht weiter verwundern. Aber diese sind neu und nicht auf den Iran begrenzt: Hat Ahmadinedschad die Präsidentschaftswahl knapp gewonnen oder klar verloren? Tobt der Kampf jetzt in den Hinterzimmern der Macht? Steht das Land gar vor einem Systemwechsel wie vor 30 Jahren, als ein Volksaufstand den Schah stürzte und die Islamische Republik gebar? Ist Einmischung oder Zurückhaltung das Gebot der Stunde?

Zumindest die letzte Frage lässt sich beantworten. Natürlich bedarf es klarer Worte gegen die Niederschlagung friedlicher Demonstrationen. Jede darüber hinaus gehende politische Einmischung des Westens in diesen internen iranischen Machtkampf aber wäre falsch, weil kontraproduktiv. Sicher, die Vorstellung, vier weitere Jahre mit einem inbrünstigen Hardliner an der Spitze der iranischen Regierung umgehen zu müssen, ist alles andere als angenehm. Aber hüten wir uns davor, nach Saddam Hussein in Ahmadinedschad den nächsten „Hitler des Nahen Ostens“ als Projektionsfläche für wie auch immer geartete, gar „humanitäre“, Interventionen aufzubauen. Auch ein Wahlsieger Mussawi würde um kein Jota vom iranischen Atomprogramm abweichen wollen – und können. Das Problem bleibt in jedem Fall. Und es ist ein ernsthaftes, weil der Griff Teherans nach Nuklearwaffen kein Hirngespinst ideologischer Scharfmacher ist, sondern real existierende Möglichkeit bleibt. Zwangsläufig ist dies jedoch nicht. Und genau darin liegt die Chance für Diplomatie.

Wer sich jedoch auf dieses Feld begibt, betritt moralisch vermintes Gelände und riskiert, von künftigen Geschichtsschreibern an den Pranger gestellt zu werden. Und doch gibt es zum nüchternen Umgang mit machtpolitischen Konstellationen keine vernünftige Alternative. Das gilt auch für einen Iran unter der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad.

„Diplomacy“ steht nicht erst seit Henry Kissinger im fatalen Geruch, nur eine Technik zum kaltherzigen Vollzug von Machtinteressen zu sein. Diplomatie, die den Namen verdient, hat freilich zwei Seiten. Für die eine tragen wir die Verantwortung, indem wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, die der Meinungsstreit um den außenpolitischen Kurs in einer offenen Gesellschaft bietet. Die andere braucht den nüchternen Blick auf die Verhältnisse im Iran. Und der zeigt, dass die manipulierten Präsidentenwahlen ungeachtet aller Proteste und neuer Formen der Mobilisierung zu keiner Götterdämmerung geführt haben. Das System erscheint stabiler als vermutet. Dieser Befund darf vor dem Hintergrund der politischen Geschichte der Islamischen Republik nicht wirklich überraschen.

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Wenn jetzt Ali Hashemi Rafsandschani als letzter Hoffnungsträger der ermattenden Oppositionsbewegung gehandelt wird, klingt das zunächst wie eine Bestätigung der Marx’schen These von der sich als Tragödie und Farce wiederholenden Geschichte. Der enge Chomeini-Vertraute, Ex-Präsident (1989-1997) und heutige Chef des Experten- und Schlichterrates gilt nicht nur als graue Eminenz der Islamischen Republik. Er gehört auch zu den größten Profiteuren der Islamischen Revolution. Rafsandschanis Familienimperium beherrscht große Teile der ex- und importabhängigen Wirtschaft des Landes. Seine Fähigkeit, als Strippenzieher die republikanischen und klerikalen Hebel der dualen Macht in Iran zu bedienen und dabei Gegner in beiden Lagern kalt zu stellen, hat ihm den Beinamen „Hai“ eingebracht. Sein politischer Sündenfall war die Aufkündigung des sozial-egalitären Anspruches der Islamischen Revolution. Unter seiner Präsidentschaft begann die mit wirtschaftlicher Liberalisierung verbundene, schamlose Vetternwirtschaft und Bereicherung von Teilen des Klerus und der politischen Elite. „Fette Katzen“ nennt das Volk diese Clique bis heute. Zu der zählte auch der letzte Reformer im Präsidentenamt, Mohammad Chatami. Sein Versuch, den „Gottesstaat“ nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zu liberalisieren und damit ein notwendiges Korrektiv für system-stabilisierende Konfliktmoderation zu etablieren, ist an Mutlosigkeit und fehlender Unterstützung gescheitert. Chatami hatte die jungen, städtischen Mittel- und Oberschichten auf seiner Seite. Aber keine Basis bei den Verlierern der Liberalisierung auf dem Land und an den Rändern der Großstädte.

Ahmadinedschad war der Gegenentwurf. Er sollte zurückführen zu den sozial-egalitären Wurzeln der Islamischen Revolution. Sein Feldzug gegen die „fetten Katzen“ bleibt populär, ist jedoch als Klientelpolitik gescheitert. Gleichwohl hat sich die soziale Basis der Protestbewegung verbreitert. Auch wenn der politische Schulterschluss unter Mussawi ausblieb.

Selbst wenn die Proteste vorerst verstummen sollten: Der Zug ist innenpolitisch aufs Gleis gesetzt. Wer immer im Iran künftig die Zügel in die Hand nimmt, kann die Lektion der vergangenen Wochen nicht ignorieren, höchstens deren Konsequenzen moderieren. Iran bleibt eine Islamische Republik im Wandel. Dabei hilft dem Regime, dass der äußere Widerstand gegen das iranische Atomprogramm alle Fraktionen eint, wie weiland der Krieg gegen Irak. Folglich müssen sich alle diplomatischen Anstrengungen des Westens auf die zivile Ausrichtung dieses Programms konzentrieren. Das ist der einzige Schlüssel, den es gibt.

 
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Kommentare
schlesinger schrieb am 02.07.2009 um 22:07
Guter Beitrag!
Anmerkungen:
Die Frage nach einer äußeren Einmischung scheint rhetorischer Art, da allem äußeren Anschein nach niemand ernsthaft einen Versuch der Einmischung unternimmt.
A. ist schlicht ein (Halb-)Diktator. Man muss ihn dafür allerdings nicht - wie Sie richtig anmerken - zum Hitler aufbauen. Aber das machen ohnehin die wenigsten.
Kissinger als Paten für eiskalte Diplomatie anzuführen ist zwar beliebt, aber fragwürdig. Nationen haben nun mal Interessen, keine Freunde, weshalb auch Bundespräsident Heinemann recht hatte mir seiner kurz angebundenen Antwort "Ich liebe meine Frau" und nicht die erwartete Antwort lieferte "Ich liebe Deutschland".
Rafsandschani ist zweifellos eine "fette Katze"...
Ahmadinedschad als Gegenentwurf zu den fetten Katzen darzustellen, würde nur dann seine Berechtigung haben, wenn man dazu sagt "aus Sicht der unteren Schichten". A. als Person jedenfalls ist bloß ein harter Ideologe. Ob er sich im Auftritt bescheiden gibt, ist nur Optik. Pol Pot, Stalin und Mao gaben sich ebenfalls nur als schlichte, bescheidene Figuren. Aus Sicht der Eingekerkerten, Füsilierten, Malträtierten, zum Schweigen Gebrachten ist das Outfit wirklich völlig egal.
Das Atomprogramm mag alle Fraktionen einen, aber sicherlich nicht das Volk. Dort wird zumindest in nennenswerten Teilen gefragt, wozu das alles gut sein soll, da es bislang nichts gebracht hat. Moussawi würde zwar ein Atomprogramm weiter verfolgen, aber allem Anschein nach ein transparentes Programm betreiben - was offenkundig einen großen Unterschied ausmacht zur Haltung Ahmadinedschads.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 03.07.2009 um 21:17
"Guter Beitrag!" - Aber erst, nachdem Herr schlesinger gerade gerückt hat.
mh schrieb am 02.07.2009 um 22:37
niemand kann den finger in die wunden des westen so gut legen wie a. das hat nicht nur unterhaltungswert, es ist therapeutisch. wir brauchen den mann, da ist das iran-innenpolitische zweitrangig.

aber auch in der generellen analyse, ist mir in der region ein starker staatsmann, auch gerne dikatator genannt, doch wesentlich lieber als das destabilisierende element des versuchten wandels. dabei ist a. berechenbarer als man meinen könnte. nur muss er jetzt erstmal so richtig den harten raushängen lassen, damit er seine position wieder festigen kann und das ist für keine seite von vorteil.

mfg
mh
Kritische Masse schrieb am 03.07.2009 um 02:25
Die Frage ist doch, was können wir tun? Hier. – Erstmals scheinen die Medien und die Gesellschaft hierzulande wahrgenommen zu haben, dass der Iran ein modernes Land ist. Die Menschen im Iran leben nicht in der Steinzeit, sondern in einem modernen faschistoiden System. Wenn sich der dominante „weiße“ Blick auf die Gesellschaft des Iran hier verändert, dann erfahren orientalische „Bürger“ (des Freitags liebstes Wort) hier vielleicht auch anerkennendere Aufmerksamkeit. Vielleicht wird im modernen Deutschland ja bald mal auch der Protest modern. – Es ist seltsam, wie hier der Iran kommentiert wird, ohne ins eigene Land und auf die eigene Gesellschaft zu schauen. Deutschland gehört zu den weltweit größten Profiteuren von 30 Jahre Klerikal-Faschismus im Iran.

Mit der deutschen Siemens-Technologie wird die Kommunikation im Iran überwacht und kontrolliert. Durch dieses deutsche Profitstreben ist es nun möglich, die Kritiker und Kritikerinnen zu verfolgen und verschwinden zu lassen. Wenn hier ernsthaft eine Veränderung im Iran gewollt wird, dann sollten wir hier ernsthaft gegen die deutschen Nutznießer und Unterstützer autoritärer Regime weltweit protestieren. Säße ich als Blogger im Folterkeller, würde ich mich über jede Unterstützung freuen. Werden Siemens und die anderen Profiteure eine „Opfer“ bringen? Wird Deutschland bei soviel Bewunderung für Proteste in anderen Teilen der Welt bald wieder das Asylrecht einführen? Wir könnten aus unsere eigenen Geschichte einiges besser wissen.
derDonnerstag schrieb am 03.07.2009 um 22:46
Schön, dass mal jemand darauf hinweist. Deutsche Firmen haben mit den Mullahs von jeher super Geschäfte gemacht. Daher dürfte es in ihrem Interesse liegen, wenn der Iran möglichst stabil bleibt. Ahmadinedschad ist denen gerade recht, solange er nicht den Ölhahn zudreht.
Bekanntlich haben die USA ja einstmals sogar die Taliban unterstützt, damit in Afganistan "stabile Verhältnisse" einkehren und westliche Konzerne dort in Ruhe ihre Pipelines verlegen können. Was mir daher nicht in den Kopf geht, ist, warum hier viele Linke unreflektiert "Stabilität" im Iran als Ziel ausgeben. Ok, wenn es instabil wird im Iran, schadet das auch dem gemeinen Bürger bei uns, der dann womöglich höhere Spritpreise berappen muss. Aber sollte das berechtigte Interesse ausländischer "Bürger" nach mehr Freiheit und Demokratie nicht moralisch höher stehen?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 04.07.2009 um 06:43
Genau, schließlich hat sich ja im Irak auch gezeigt, dass ein paar Hunderttausend Zivilopfer ein geringer Preis sind für die Freiheit, die zu gewinnen ist. Saddam hätte die ja sowieso umgebracht...
mh schrieb am 04.07.2009 um 09:36
nur ist dem schon länger nicht mehr so...

USA drängen deutsche Firmen aus Iran
www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/usa-draengen-deutsche-firmen-aus-iran;1202748;0

siemens ist in der gesellschaft übrigens minderheitsgesellschafter ... was ich an dem ding wesentlich bemerkenswerter finde ist, dass es eine ganz normale austattung ist, die einfach mal jeder hat. aber bei uns würde sowas natürlich nie für das böse eingesetzt. sowas machen nur die iraner, die sehen ja auch schon so aus.^^
derDonnerstag schrieb am 04.07.2009 um 12:48
So ähnlich argumentiert auch Nokia-Siemens. "Ist uns doch egal, was die da unten mit unserer Überwachungstechnologie anstellen."
Als die EU 2004 die Handelsbeziehungen mit dem Iran intensivieren und das Regime von der Entwicklung von Atomraketen abhalten wollte, gab es übrigens einen interessanten Deal. Die EU versprach, die Volksmudschahedin, die den Mullahs schon lange ein Dorn im Auge waren, auf die Terrorliste zu setzen. Seit neuestem sind sie da wieder runter. Siehe: www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25188/1.html
Ich kenne die Geschichte ganz gut, da ich damals selbst mit solchen "Terroristen" gesprochen habe, die z.T. seit 20 Jahren und mehr in Deutschland Asylstatus hatten und nun auf einmal nur noch geduldet waren. Leider wollte mir der Verfassungsschutz nicht mitteilen, warum er trotz unveränderter Fakten auf einmal zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen kam.
Was sagt uns das? - Mir sagt es, dass der Westen kein monolithischer Block ist. Die EU verfolgt z.T. andere Interessen als die USA. Die Überlegungen dahinter scheinen mir ganz ähnlich zu sein wie die Ihrigen: Hauptsache stabile Verhältnisse und gute Geschäfte. Ein starker Diktator ist schon ok, das "iran-innenpolitische" ist schnurz, die Orientalen kennen das ja nicht anders. Daher kann der "versuchte Wandel" natürlich nur vom Westen ausgehen. Die Iraner haben ihre tolle "Kultur" gefälligst kritiklos für gut zu befinden.
mh schrieb am 04.07.2009 um 16:33
wie gut das ohne den diktator funktioniert, sehen wir ja im irak. o_O

es gehört zur großen arroganz westlichen denkens, dass die eigene kultur die einzig sinnvolle ist.
derDonnerstag schrieb am 05.07.2009 um 01:00
Was ist denn unsere Kultur? Das Schöne bei uns ist ja, dass es Platz für die verschiedensten Kulturen und Subkulturen gibt. Z.B. darf man bei uns an eine andere als die christliche Religion glauben, homosexuell sein, abstinent sein oder saufen, Sex vor der Ehe haben und seine Meinung sagen, so wie in diesem Forum.
Wirklich arrogant finde ich es daher, "dem Iraner an sich" absprechen zu wollen, ebenfalls gerne die Wahl zu haben, wie er leben möchte. Indem man nämlich unterstellt, so eine kranke Idee, wie Demokratie gut zu finden, könnten sich die bösen Ahmadinedschad-Gegner nur vom Westen abgeguckt haben.
mh schrieb am 05.07.2009 um 10:38
es gab da eine wahl und deren ergebnis war recht eindeutig. uns passt das ergebnis hier nicht in den kram und vorstellen können wir uns das ebenfalls nicht also muss es wahlbetrug sein. so richtig bewiesen ist das aber nicht.

im iran leben 73 mio menschen, davon waren 46,2 mio wahlberechtigt. 1 mio menschen nahmen im hoch an den protesten teil.

allen möglichen verdächtigungen zum trotz, konnte bisher nicht hieb und stichfest ein wahlbetrug nachgewiesen werden. die vermutungen der "armen und vom hitler-ähnlichem regime" unterdrückten iraner werden aber einfach als bare münze genommen. immerhin schreiben sie es ja in blogs und per twitter und sind vor ort. die müssen das ja wissen.

das ist der status.

wenn ich mir anschaue, wie in deutschland die polizei auf fußballfans reagiert oder demonstranten beim G8-treffen, dann bin ich mir jetzt schon sicher, dass wenn hier 1 mio menschen auf die strasse gehen würden um gegen die regierung zu protestieren, ebenfalls 20 oder ähnlich viele sterben.

da ist absolut gar nichts passiert, dass uns hier auch nicht passieren könnte. und wenn das volk sich durchsetzt. toll, wenns von innen heraus kommt, weitermachen. ich sehe da aber, nüchtern betrachtet, eine größere minderheit protestieren, die von ihrem eigenen "führer" nicht vollends unterstützt wird, der im übrigen auch net besser ist als das vorherrschende regime. das ist wie hitler gegen stalin zu ersetzen (nur ein vergleich zur veranschaulichung, keine aussage über deren treiben).

man kann es aber auch einfach geopolitisch betrachten. ein land, neben dem instabilen irak, und einer der größten gas- und ölllieferanten dieser welt, muss stabil bleiben. das liegt in unserem interesse. nicht nur wegen der rohstofflieferungen, sondern auch weil ein konflikt dort schnell zum flächenbrand werden kann und sich das destabilisierende element da unten immer mehr durchsetzen würde.
derDonnerstag schrieb am 05.07.2009 um 17:30
@MH120480
Dass die Wahl definitiv gefälscht sei, habe ich zumindest nicht behauptet. Es spricht aber auch nicht gerade viel dafür, dass sie es nicht ist. Wäre ja normal in so einem Land. Vorstellen kann ich mir jedenfalls durchaus, dass viele Leute, vielleicht die Mehrheit, Ahmadinedschad gewählt haben. In etlichen lateinamerikanischen, den USA genehmen, Scheindemokratien haben die Unterprivilegierten ja auch jahrzehntelang ihre erzkonservativen Schlächter selbst gewählt, nachdem diese vor den Wahlen mit Geldscheinen gewedelt haben.
Mir zumindest geht es darum nicht. Mir geht's darum, dass auch anderswo Leute das Recht haben sollten, ihre Meinung zu sagen. Das ist ein Teil unserer Kultur, den ich tatsächlich weltweit für richtig halte.
So zu tun, als sei der Iran ein Rechtsstaat, vergleichbar mit Deutschland, geht an den Tatsachen ja wohl meilenweit vorbei.
Zitat: "da ist absolut gar nichts passiert, dass uns hier auch nicht passieren könnte." Wirklich? Wann ist denn bei uns das letzte Mal eine Horde Polizisten o.ä. in ein Studentenwohnheim eingedrungen, hat die Leute verprügelt und zwei totgeschlagen? Und wo ist bei uns das Evin-Gefängnis? Wann ist hier schon mal jemand gefoltert worden und anschließend mit seinem erzwungenen Geständnis im Fernsehen vorgeführt worden?
Ich behaupte nicht, dass die Polizei sich bei uns immer korrekt verhält. Und wie überall ist es für Opfer von Polizeigewalt schwierig, dagegen anzukommen. Doch nur weil bei uns auch nicht alles perfekt ist, sollte man noch lange nicht die wesentlich schlimmeren Zustände in anderen Ländern verharmlosen. Auch wenn diese Länder ausgewiesene Feinde der USA sind.
mh schrieb am 05.07.2009 um 17:55
ich bleib dabei. es könnte hier genauso passieren und ich habe dieses könnte in zusammenhang mit einer genauen situation gebracht, bei der es passieren wird.

richtig, wird.

mfg
mh
schlesinger schrieb am 05.07.2009 um 12:05
NYT, 04.07.2009

"The most important group of religious leaders in Iran called the disputed [umstrittene] presidential election and the new government illegitimate [unrechtmäßig] on Saturday, an act of defiance [Widerstand, Herausforderung] against the country’s supreme leader and the most public sign of a major split in the country’s clerical establishment.

A statement by the group, the Association of Researchers and Teachers of Qum, represents a significant, if so far symbolic, setback [Rückschlag] for the government and especially the authority of the supreme leader, Ayatollah Ali Khamenei, whose word is supposed to be final.

The government has tried to paint the opposition and its top presidential candidate, Mir Hussein Moussavi, as criminals and traitors, a strategy that now becomes more difficult — if not impossible.

“This crack in the clerical establishment, and the fact they are siding with the people and Moussavi, in my view is the most historic crack in the 30 years of the Islamic republic,” said Abbas Milani, director of the Iranian Studies Program at Stanford University.

“Remember, they are going against an election verified and sanctified by Khamenei.”"
Streifzug schrieb am 05.07.2009 um 12:20
Hallo schlesinger,

wie wäre es denn mal mit einer ebenso engagierten Berichterstattung über Honduras ?
mh schrieb am 05.07.2009 um 13:10
interessante info, danke. es entbrennt nun also der machtkampf auf höherer ebene.

inwieweit es da dann noch um wahrheiten geht (?), ka.

@streifzug: der mensch ist mensch.

mfg
mh
schlesinger schrieb am 05.07.2009 um 15:01
@Streifzug: Interessiert wäre ich schon, aber mehr als 1 Beitrag pro Woche bekomme ich derzeit kaum hin. Habe aktuell einen Beitrag der SZ zum Thema Armut in Deutschland verarbeitet.

@MH120480: Wahrheit? Mein früherer Soziologie-Prof war auf das Thema "Macht" spezialisiert und vertrat sinngemäß die These, dass es in allen Lebenslagen letztlich nur um macht ginge. Das ging mir damals einigermaßen gegen den Strich. In Sachen Politik würde ich es heute unterschreiben. Was nicht ausschließt, dass Macht und Moral (oder Vernunft) Hand in Hand gehen können. Konkurrieren beide in einer bestimmten Lage, muß die Moral (bzw. Vernunft) der Macht weichen.
mh schrieb am 05.07.2009 um 17:50
dem kann ich unwidersprochen zustimmen.

mfg
mh wer gutes tun will, darf selbiges nicht sein.
Streifzug schrieb am 05.07.2009 um 18:00
Na, das ist auch eine Definitionsfrage. In den beschriebenen Systemen ist Moral oft nur ein Teilbereich der Macht. Der "Souverän" definiert Moral und Menschen halten sie faktisch für richtig. Moral und Vernunft gehen daher nicht Hand in Hand.

Gibt es ein System, in dem Macht ein Teilbereich von Vernunft ist?
tetenal schrieb am 06.07.2009 um 11:21
Sie sagen "Und doch gibt es zum nüchternen Umgang mit machtpolitischen Konstellationen keine vernünftige Alternative. Das gilt auch für einen Iran unter der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedschad." Aber was heisst das, wie sieht ein nüchterner Umgang mit einem Diktator aus?

Und wenn Sie sagen "Folglich müssen sich alle diplomatischen Anstrengungen des Westens auf die zivile Ausrichtung dieses Programms konzentrieren. Das ist der einzige Schlüssel, den es gibt." sind wir doch bloß beim alten Problem, dass nämlich alle Versuche in der Richtung bisher ohne Ergebnis sind. Hab aber selber keine Idee, wie mans anpacken könnte.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.07.2009 um 23:51
Sollten die jetzigen "Neocons" an der Macht bleiben, so wird sich dieses Problem weiter verschärfen, da Ahmadinedschad die Konfrontation mit Israel und dem Westen als Integrationsfaktor braucht, um die Reihen zu schließen, soweit das überhaupt noch geht.
Es ging ja schon bisher nie um echte Verhandlungen (hat das etwa irgendwer ernsthaft gedacht?), sondern immer nur darum, sich am Westen zu reiben. Die (potentielle) Atombombe ist die beste aller Möglichkeiten dazu, da niemand im Westen Israel die Solidarität verweigern kann, wenn es sich in seiner Existenz bedroht sieht - unabhängig davon, ob diese Bedrohung real ist. Israel ist der Schlüssel, denn ohne Israel wäre auch eine iranische Atombombe nicht schlimmer als eine pakistanische (am Rande zum Failed State!) oder eine nordkoreanische (völlig irre Führung, fern jeder Realität).

Alle weiteren Überlegungen sollte man sich für den Fall aufheben, daß im Iran doch noch eines Tages die Reformer an die Macht kommen...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.07.2009 um 23:39
Seltsam, daß es immer noch darum geht, ob diese Wahlergebnisse gefälscht sind oder nicht - als ob das wirklich eine Rolle spielte! Man sollte nicht vergessen, um was für "Wahlen" es sich handelt, wenn überhaupt nur vom Wächterrat handverlesene Kandidaten auf die Liste kommen - echte Opposition kommt in's Gefängnis! Das ist ja gerade so, als ob man diskutierte, ob die Wahlergebnisse im früheren Ostblock oder die in China gefälscht wären oder nicht !!!

Das mit dem Machkampf, der ja inzwischen dramatische Formen angenommen hat, (siehe Schlesinger: NYT) ist ja auch nicht so neu. Bereits unter Chatami gab es diesen, nur etwas versteckter. Dessen ganze Reformversuche wurden so lange von den Konservativen sabotiert, bis sogar die Opposition sich frustriert von Chatami abwandte. Nur einen kleinen Erfolg konnte er verbuchen, indem immerhin über das "Verschwindenlassen" (ca. 80 oppositionelle wurden in den 90-ern umgebracht) ein Prozeß zustande kam, der freilich von externen Beobachtern als Farce betrachtet wurde - nur ein paar niedere Charge wurden verurteilt.


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