11.09.2009, Frankfurt
Liebe Frau Oberbürgermeisterin,
lieber Friedrich Kittler,
liebe Anwesende!
Sie können sich denken, dass dieser nach T. W. Adorno benannte Preis bei mir eine starke Emotion auslöst. Ich habe Adorno in Frankfurt als junger Jurist kennengelernt, als ich 24 Jahre alt war. Auch die früheren Träger dieses Preises Jürgen Habermas, Michael Gielen, György Ligeti, Jacques Derrida - und für mich als Filmemacher der Meister – Jean Luc Godard, spiegeln mir Stücke meines eigenen Lebens und meiner Arbeit wieder.
Am Anfang meines gemeinsam mit Oskar Negt geschriebenen Buches Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) steht, etwas verklausuliert, eine Widmung: 11. September 1903, 6. August 1969. Das ist der Geburtstag von Theodor W. Adorno, den wir heute feiern, und sein Todestag. Adorno wäre heute 106 Jahre alt geworden. Sein Tod liegt 40 Jahre zurück. Weil er aber in seinen Schriften und Kompositionen und im Herzen von uns, die wir ihn kannten, nicht gestorben ist, will ich versuchen, ihn hier in der Paulskirche herbeizurufen, ich will einige Worte zur Aktualität Adornos sagen, indem ich einige seiner Gedanken und die Art seiner Verknüpfungsnetze nachahme.
Dass das Datum seines Geburtstags im öffentlichen Bewusstsein mit der Nachricht von einem großen Unglück in New York verbunden ist, hätte Adorno verblüfft.
Wie würde er mit dieser Wahrnehmung umgehen? In Unheil ist er nicht verliebt. Vielmehr spricht er von einem Anti-Realismus des Gefühls, mit dem wir Menschen ausgestattet sind, das sich gegen die Wahrnehmung eines Verhängnisses zunächst wehrt. Die Phantasie ist ein Fluchtwesen. Nur ideologisiert, also gezwungen, so Adorno, sucht die Phantasie die Sensation. In der Fülle der Nachrichten wäre ihm, vermute ich, eine Einzelheit aufgefallen: die Handys. Unter der Ruine der Türme soll es Kavernen, Höhlen, gegeben haben, ähnlich wie in Herculaneum und Pompeji und dort sollen noch Menschen kurze Zeit überlebt und Funkkontakt nach draußen gesucht haben. Die Frage taucht auf: Hätte es Auswege, Rettung, geben können? Mitten in der Katastrophe? Bagger und Kräne, die rasch zur Verfügung standen, konnten nicht auf den Trümmerberg hinauffahren. Sie konnten nicht nach den Verschütteten graben. Ihr Gewicht hätte mögliche Höhlen zerdrückt.
Es gab aber – ich versuche Adornos vermutlicher Assoziation zu folgen – eine große Stahlfirma in den USA, die Bechtel International Instruments Inc., in San Francisco. Sie hatte eine Art überwölbender Metallbrücke vorrätig, die groß genug war, das Trümmerfeld zu überbrücken. Von ihr aus hätte man graben können. Diese Hilfe wurde angeboten, aber kein Zuständiger war da, darüber zu entscheiden. Heute ist diese Konstruktion verkauft worden an die Ukraine, mit Spendenmitteln bezahlt, und sie überdeckt den sogenannten Sarkophag von Tschernobyl, ein brüchiges Betongrab, errichtet in der ersten Stunde der dortigen schrecklichen Havarie.
Adorno hätte aufgrund seiner Verknüpfung, motiviert durch den Eindruck des Schreckens (bei der Wahrnehmung eines Datums, das den eigenen Geburtstag, den eines Glückskinds, völlig verändert) zwei verschiedene Unglücke miteinander assoziativ vernetzt und er würde nicht zögern, wiederum die Havarie von Tschernobyl und die in diesem Jahr, 2009, uns beschäftigende Finanzkrise als Ereignisse ähnlicher Besonderheit miteinander zu verbinden. Sie sehen, wie er die Einzelheit, die Besonderheit und das Allgemeine immer aber auch die Korrektur durch das subjektive Gefühl zueinander fügt. Das Allgemeine, das Tschernobyl, die Finanzkrise und vermutlich sogar den Terror vom 11.09. miteinander verknüpft liegt darin, dass zuvor Wirklichkeit abgewählt wurde. Etwas unbeachtet blieb. Es handelt sich um den sog. Ausgrenzungsmechanismus.
Etwas bleibt, wie die 13. Fee im Märchen der Brüder Grimm, draußen und kommt als Rächer wieder. Daher, so würde Adorno fortfahren, ist es richtiger, den Unfall der Finanzkrise nicht bloß mit dem Crash von 1929, sondern mit der Havarie eines Kernkraftwerks wie Tschernobyl zu vergleichen. In beiden Fällen geht es um Unglücke, die viele für unwahrscheinlich hielten und die extrem hohe Folgen auslösen. Wenn man ein Verhängnis wahrnimmt, ist für Adorno die erste Frage, was zuvor unbeachtet blieb. So arbeitet Adornos Kopf, der auf seine Sinnlichkeit vertraut und während er wahrnimmt, sogleich mit der Philosophie beginnt. So arbeitet ein Seismograph. Ein solcher Mensch, das würde Adorno behaupten und ich folge ihm getreu, verhält sich in seiner Beobachtung praktisch.
Es zeigt sich, dass eine Theorie, die von der Dialektik der Aufklärung spricht und eine Erkrankung der Vernunft von altersher und in der Moderne diagnostiziert, kein System der Schwarzmalerei darstellt und ein solches auch nicht vorschlägt. Bei genauer Beobachtung sind immer auch Elemente der Rettung – entweder bevor das Verhängnis stattfindet oder während es stattfindet oder durch Lernen und Umkehr nach dem Unglück – festzustellen. Aber diese Elemente liegen verstreut auseinander. Unsere geschichtliche Erfahrung besagt, dass sie selten oder nie bisher rechtzeitig zueinander finden.
Es ist Verknüpfungsarbeit (und wenn eine Weberin vernetzt, nennt man das Text) notwendig, um das Nebeneinander von Rettung und Verhängnis, die Heterotopie, wahrzunehmen. Man muss das Allgemeine, das Besondere und die tückische Einzelheit drehen und wenden, wie es die Spinnerin Arachne bei Ovid mit ihren Netzen tut. Mann muss die Fakten zu einer Erzählung zusammenfügen. Erlöst die Fakten von der menschlichen Gleichgültigkeit! Arachne textet nämlich in die Gewänder von Menschen und Göttern, deren zweite Haut, eine Verdopplung der Realität: die Einfühlung und die Auswege, hinein.
Das Stahlgerüst von Bechtel gehört in dieser Hinsicht in kein System. Es ist unerwartet vorhanden. Ein Reparaturgerät, ein Fragment der Wirklichkeit. Man muss die Hoffnung, dass es Überlebende geben möge, dass wenigstens ein Stück des Unglücks ungeschehen bliebe, in sich zuspitzen, damit rettende Elemente zueinander finden. Kritik ist deshalb nach T.W. Adorno kein bloßes Schriftgut, kein Rechthaben in Form von Büchern gegenüber anderen Büchern, sondern konsequente aktive Reparaturarbeit. Kritik setzt Gegenproduktion gegen falsche Produktion voraus und findet nicht nur in den Akten der Geistesgeschichte statt.
Wie sieht Adorno aus? Ich saß 1956 in der Antrittsvorlesung des Altphilologen Prof. Patzer (Sie können diesen Gelehrten in meinem Film Abscheid von Gestern sehen). In der Reihe vor mir sitzt ein keineswegs großgewachsener Mann, wenig Haare, von intensiver Aufmerksamkeit, ungewöhnlich große Augen. Ich kannte ihn nicht. Ich habe ihn wohl angestarrt, sodass er zurückblickte und mich fragte, wer ich sei. Ich antwortete: Sie sind wohl Adorno. Ich kannte von ihm nur das, was Thomas Mann über ihn geschrieben hatte.
Ein freundlicher, kommunikativer Mensch der Gegenwart: T. W. Adorno. Zugleich aber von hoher Unbestechlichkeit und auch einem strengen Ernst, wenn es um seine Arbeit geht. Sie müssen versuchen sich vorzustellen, wie ruhig seine Hände bleiben, wenn er spricht und vorträgt. In einem zweistündigen Vortrag hat er die Hände nicht einmal bewegt, um sie als Ausdruckshilfe zu verwenden. Sie liegen ruhig da, während die Gedanken sein Hirn durchstreifen und sich uns, den Zuhörern, zuwenden. Auch die Gesichtszüge sind vollkommen ruhig. Nur die Augen sprechen. Keine überflüssige Nutzung der mehr als 200 Gesichtsmuskeln, über die ein Mensch verfügt. Ich kenne Abbildungen von Babyloniern, bürgerlichen Menschen von vor
4 000 Jahren. Sie sind ihm ähnlich. Er kommt von weither zu uns.
Um ihn näher zu beschreiben möchte ich einen Kernpunkt seines Denkens anführen. Sie kennen den Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant: jeder moralische Mensch soll seine Taten so einrichten, dass sie Maxime einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnten. Friedrich Nietzsche hat dieses Prinzip radikalisiert: handle stets so, dass du selber dein Verhalten ertragen könntest, wüsstest du, dass du deine Taten auf ewig wiederholen müsstest. Das ist äußerst praktisch gemeint. Sigmund Freud hat den gleichen Gedanken variiert: gegen das Verhängnis, die Fortsetzung des Fluchs in uns, das Böse, hilft nichts als die Allergie, der Kritik der Haut, nicht bloß der des moralischen Kopfes können wir vertrauen.
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Im Winter seines Lebens wird Alexander Kluge immer klüger, ja Weisheit keimt auf wie schon in der "Chronik der Gefühle" oder auch in "Geschichte und Eigensinn". Adorno schaut da meist lächelnd über die Schulter. Mit der "Frankfurter Klassik" konnte es nichts werden, Barrikaden, Hohohochi.. und Klassenkampf vertragen sich nicht mit "Liebe als Passion"(eines Systemtheoretikers) oder der "Ästhetichen Theorie"(eines Ästheten im Herzen).
"Um damit umzugehen und um in diesen Labyrinthen zu orientieren, braucht man nicht einen einzelnen roten Faden, sondern man braucht die radikale Ausdrucksvielfalt, die Adorno voraussetzt." Ob das mit dem neuen Leitmedium Internet gelingen kann? Zweifel sind angebracht. Doch gibt es eine Alternative, es zu versuchen? Der würdige Preisträger wird uns sicher noch die ein oder andere Spur zeigen, aufrecht gehen müssen wir schon selbst. |
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Alexander Kluges Filme, Werke wie Worte machen klug.
Ich weiss, wovon ich in der Zirkuskuppel meiner Gedanken Verknüpfungen, zärtlich hier ratlos da, rede. Ob Alexander Kluge selber immer so klug sortiert ist, wie sein Name Omen, bleibt hier und da im Dunkeln. Sein verknüpfender Vergleich der Ereignisse des GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 und Nine Eleven 2001 am Grund Zero kündet gleichermaßen von seiner Kühnheit wie Eigensinn beim alltäglichen Verknüpfen von Gedankflügen aus den durchfurchten Universen des Sinns wie Unsinns, von Unglück, das als mörderische Absicht dahergekommen, sich im Anflug als heller Wahn Bahn bricht, wie heillose Tendenzen überdimensionierter Großtechnologie, dem GAU zur ewigen Unzeit eine Chance zu hinterlegen? JP |
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Der 11. September 2001 und Tschernobyl. Das also wären nach Kluge Adornos Assoziationen zu seinem eigenen Geburtstag, dem 11. September 1903. Würde er nicht auch an den 11. September 1973 denken, und an das "große Unglück", das damals über Chile hereinbrach?
Kaum ein großer Denker des 20. Jahrhunderts scheint so tot zu sein wie Adorno. |
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nicht zu vergessen,die Insolvenz der Gloabal Bank Lehman Brothers am 11. September 2008 an der Wallstreet.
JP |
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"Würde er nicht auch an den 11. September 1973 denken, und an das "große Unglück", das damals über Chile hereinbrach?"
Steht doch außer Frage! "Kaum ein großer Denker des 20. Jahrhunderts scheint so tot zu sein wie Adorno." Ja, scheint so, ist er aber nicht. Allerdings sehr sperrig für die meisten heutigen "LeserInnen". Im direkten Anhub klappt das i.d.R. nicht - vielleicht bei Minima Moralia. Ausprobieren. |
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schrieb am
15.09.2009 um 21:09
@Bildungswirt: "...an den 11. September 1973 denken..." - Adorno schon, Kluge aber nicht.
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