Wissen

Denken | 13.08.2010 12:35 | Sebastian Dörfler

Neuronales Kneten

Das Internet verändere das Gehirn, behauptet nicht nur Frank Schirrmacher, sondern mittlerweile auch Bernd, das Brot. Doch gibt es dafür überhaupt Belege?

Auch Bernd, das Brot, hat sich jetzt in die Diskussion eingeschaltet. Die Sendeleitung vom Kinderkanal hat ihm ein Handy an die Hand geklebt, damit er immer erreichbar ist. „Mist“, ärgert sich Bernd, denn: „Das Internet ist mein Versau-mir-meine-Welt-Otron.“

So wie Bernd, das Brot, fühlen sich viele, und das diesjährige Sommerloch ist deshalb mit der Angst gefüllt, dass es schon bald gar kein Sommerloch mehr geben wird – dass der Strom von Informationen und Themen unbeirrt durch uns hindurch rauscht, während wir im Urlaub versuchen abzuschalten. Geht das überhaupt noch, abschalten? Für Journalisten muss es besonders schwer sein. Alex Rühle, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat ein halbes Jahr auf digitale Hilfsmittel verzichtet. Und musste dafür ein halbes Jahr den Spott seiner Redaktion ertragen: „Kann dem Kollegen das mal jemand auf eine Kuhhaut ritzen?“

Hinter der Sehnsucht nach dem Offline steckt aber nicht nur die Angst vor dem Nicht-mehr-abschalten-Können. Das permanente Informationsfeuer aus allen Netzen soll auch langfristige Veränderungen im Gehirn verursachen. Einen Beleg dafür will der amerikanische Autor und Google-Kritiker Nicholas Carr mit seinem neues Buch liefern. The Shallows – How the internet is changing the way we think, read and remember ist gerade in den USA erschienen. Carr zeigt sich darin überzeugt, dass der Internetkonsum als gehetztes, sprunghaftes ­Lesen in einer großen Ablenkungsmaschinerie nachhaltige Schneisen in unser Denk­organ schlägt. Zwar sei unser Arbeitsgedächtnis permanent gefordert, doch das Lang­zeitgedächtnis, von elementarer Bedeutung für das Verarbeiten und Einordnen von Wissen, bliebe zunehmend ungenutzt. Carrs Buch will fortsetzen, was als eher phänomenologische Kritik der ständigen Beanspruchung begonnen hat. So beklagte Frank Schirrmacher in Payback, dass sein Verstand aufgefressen werde, und die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf hatte in Das lesende Gehirn bereits davor gewarnt, Kinder, die in der digitalen Umgebung aufwüchsen, verlernten das „tiefe Lesen“ – und verlören womöglich die Fähigkeit, sich einzufühlen und kritische Urteile zu fällen.

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Was diesen Thesen aber immer fehlte, war eine wissenschaftliche Grundlage. Mit Carr rückt deshalb das Stichwort Neuroplastitzität in den Mittelpunkt: Das menschliche Hirn, darüber ist sich die Forschung immerhin einig geworden, bleibt auch im Alter noch formbar, und mithin stellt sich die Frage, wie denn nun das Internet die grauen Zellen knetet – wenn es das überhaupt tut. Als notwendiger und hinreichender Beleg dafür, dass digitale Medien tatsächlich messbare Veränderungen im Gehirn bewirken, soll in Carrs Augen eine Publikation gelten, die im vergangenen Jahr unter dem Titel Your Brain on Google: Patterns of Cerebral Activation during Internet Searching in einem psychiatrischen Fachjournal erschienen ist. Für die Studie mussten 24 Probanden Leseaufgaben und Google-Suchanfragen bearbeiten. Während sie das taten, wurde mittels funktioneller Magnet­resonanztomografie (fMRT) der Blutfluss in den verschiedenen Arealen ihrer Gehirne gemessen. Die Durchblutung gilt als Indikator für Aktivität.

Neu programmiert in 5 Tagen

Studienleiter Gary W. Small von der University of California in Los Angeles wollte mit der Untersuchung in erster Linie herausfinden, ob das Googlen andere Hirnareale beansprucht als das Lesen. Von den Teilnehmern hatten zwölf kaum Google-Erfahrung, die anderen zwölf waren erfahrene Nutzer der Suchmaschine. Während der Leseaufgaben zeigten sich die Hirnleistungen noch deckungsgleich. An den Google-erprobten Nutzern beobachteten die Forscher im Zuge der Internetsuche allerdings verstärkte Aktivitäten im Frontallappen – im Arbeitsgedächtnis, das vor allem mit Entscheidungsfindung und Problemlösung zuständig ist. Ihre Messwerte waren doppelt so hoch wie die der Google-Anfänger. Small ließ die Probanden daraufhin weiter googlen und wiederholte den Test nach fünf Tagen. Schließlich wiesen auch die Google-Anfänger im Frontallappen dieselben errechneten Aktivitäten auf wie die Profis. Smalls Fazit: „Nach nur fünf Tagen haben sich ihre Gehirne neu programmiert.“ Das kann, muss aber nicht negativ sein. Die Forscher selbst beurteilen das Resultat ihrer Tests letztlich eher vorsichtig. Carr allerdings schließt aus der Studie, dass das Langzeitgedächtnis kaum mehr genutzt wird. Die Folge: Das Gehirn stärkt die Synapsen in den Kurzzeitspeichern des Arbeitsgedächtnisses.

Was die Studie aber keinesfalls zeigt: dass erfahrene Google-Nutzer bei den Leseaufgaben weniger Hirnaktivitäten aufweisen als die Google-Neulinge. Man könnte aus der Studie deshalb ebenso gut folgern, dass die Internetsuche Menschen schlauer macht, weil die Aktivität in einigen Bereichen ihres Gehirns eben zunimmt. Die Aussagekraft von Aktivitätsmessungen per fMRT ist ohnehin umstritten. Zum einen liegt das daran, dass die gewonnen Daten ganz unterschiedlich ausgewertet werden. Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat im April sogar eine Studie veröffentlicht, die zeigen möchte, dass das Gehirn selbst dem Internet ähnelt; fMRT-Bilder wie die in Your Brain on Google könne man daher mit Google-Algorithmen auswerten.

Bunte Bilder, bunte Deutung

Zum anderen ist die Messgröße ein steter Anlass für Kritik. Im Grunde stellt die funktionelle MRT nur fest, wie sich die Durchblutung und mithin die Sauerstoffversorgung in den untersuchten Hirnregionen verändert. Das wird auf den entsprechenden Bildern dann bunt unterlegt und dient als Hinweis auf die vielzitierte „Hirnaktivität“. Was genau aber unter der Schädeldecke aktiviert wird, darüber lässt sich auf diese Weise nur spekulieren. Sicher ist nur: Das Verfahren liefert quasi immer Effekt, den man dann entsprechend interpretieren kann, sagt der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor des „Zentrums für Adaptives Verhalten und Kognition“ in Berlin. Besser als fMRT-Studien wären fünfjährige Verhaltensuntersuchungen, in denen mit Kindern regelmäßig Tests durchgeführt werden, um nachzuvollziehen, ob und inwiefern sich deren Aufmerksamkeitsspannen und Konzentrationsfähigkeit tatsächlich ändern.

Solange die entsprechenden Studien aber fehlen, bleibt den Kritikern nur das kulturgeschichtliche Argument – und das müsste, um nicht im schlichten Kulturpessimismus zu enden, erst einmal beweisen, dass der Wandel durch das Internet größer ist als durch alle früheren technischer Neuerungen. Bereits Sokrates warnte – vor der Einführung des Buches, das vielen heute als die wahre Grundlage komplexen Denkens erscheint. Sokrates glaubte, es mache den Menschen oberflächlich, wenn er die Worte der Philosophen nicht mehr in seinem Gedächtnis habe, sondern auf dem Papier. Neben dieser oft zitierten Analogie wird auch immer wieder die Kommunikationstheorie Marshall McLuhans aufgegriffen. Der schrieb in den sechziger Jahren in Understanding Media: The Extensions of Man, dass ein neues Medium nie nur eine Ergänzung zu bestehenden Technologien sei, sondern diese transformiere. Ändert sich das Medium, ändert sich auch die Botschaft. Die Technik, die der Mensch nutzt, hat somit immer Rückwirkungen auf den Menschen: Sie beeinflusst ihn nicht nur, sie formt ihn.

Haben wir durch das Internet also eine Kontrolle verloren, die wir uns durch 550 Jahre Bücherlesen erarbeiten durften? Unbestritten ist, dass der Medienwandel immer ein Tauschgeschäft impliziert. Mit der Einführung des Buches nahm das Gedächtnisvermögen ab; als die Schreibmaschine erfunden wurde, starb die Kalligraphie beinahe aus. Heute nimmt man Kurse darin. Schon immer hätten die Menschen im Laufe der technischen Entwicklung gewisse Kompetenzen eingebüßt und dafür neue hinzugewonnen, das sagt auch Gigerenzer. Selbst Ablenkungsreize seien im Zuge jeder technischen Neuerung im Spiel gewesen. Statt sich darüber zu beschweren, müsse man Techniken entwickeln, damit umzugehen. „Wenn man nicht lernt, sich zu konzentrieren, wird man in einer Welt leben, in der man immer unterbrochen wird.“ Die Netzkritik bleibt also in weiten Teilen ein Glaubenskrieg zwischen Technikeuphorikern und -skeptikern. Das gilt auch für Carr, obwohl er sich in der Tradition des Informatikers Joseph Weizenbaum sieht, dessen Grundsatz immer war: „Ich bin kein Computerkritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Nein, ich bin Gesellschaftskritiker.“

 
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Artikelaktionen
Kommentare
weinsztein schrieb am 13.08.2010 um 02:15
Lieber Sebastian Dörfler,

Sie haben ein spannendes Thema aufgegriffen, gut geschrieben, Meinung bezogen. Habe ich mit Gewinn gelesen.

Einige Gedanken:
Sind Internet-Nutzer wegen ihrer angeblich dort gefledderten Hirnfrontallappen den Nicht-Usern unterlegen? Das glaube ich nicht.

Andererseits: leidet User Frank Schirrmacher am Verlust seines Langzeitgedächtnisses, weil ihm vom Internet das Gehirn weggefressen wurde? Und verfasste er aus diesem Grund "Payback", als (zu) späte Warnung an User, denen solches noch bevor steht?

Ob auch Lesekundigen vor 500 Jahren dank der Druckkunst die Gehirne binnen fünf Tagen neu programmiert wurden? Ganz gewiss. Je nach Lektüre eventuell sogar noch ein bisschen flotter.

Eigentlich hatte ich mich nur bedanken wollen, werter Sebastian Dörfler, aber Ihr Beitrag wirkten so anregend.

Beste Grüße
weinsztein
Sebastian Dörfler schrieb am 13.08.2010 um 10:53
Lieber weinsztein,

vielen Dank, das freut mich. Ein paar Ergänzungen:
Internet-Nutzer wären demnach nicht unterlegen, sie nutzen andere Hirnareale und verlernen dadurch jenes „tiefe Lesen“, die top-down-Kontrolle im Hirn – schreibt zumindest Carr. Seine Befürchtung ist, dass diese tiefe Konzentrationsfähigkeit nur eine Ausnahme in der Kulturgeschichte sein könnte und das Netz der reizorientierten Natur des Menschen viel stärker entspricht.

Die top-down-Kontrolle habe der Mensch mit dem Buch erst erlernt: Mit Beginn des zweiten Jahrtausends etablierten sich die ersten Schriftkonventionen, Abstände zwischen den Wörtern, Syntax- und Punktuationsregeln. Durch das neue Schriftbild verringerte sich die visuelle Anstrengung beim Lesen und das Gehirn konnte den Text einfacher dekodieren. „Deep reading“, die individuelle Beziehung zwischen Buch und Leser, das Eintauchen in eine andere Welt, wurde mit Gutenbergs Buchpresse schließlich zur Kulturtechnik. Das Buch, folgert Carr, habe das abstrakte Denken befördert und neue Erfahrungen ermöglicht – damals soll die „Umprogrammierung“ also positiv gewesen sein, heute negativ.

Schirrmachers Bedenken war vor allem, dass der Mensch aufgrund der Informationsflut (Thema vor allem: Multitasking) selbst zu einem statistischen Datensatz verkomme und in Zukunft nur noch das wahrgenommen werde, was durch Algorythmen zu erklären sei – "menschliche" Vermögen, wie „Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart“ jedoch keine Rolle mehr spielen. Die werden von der Maschine „aufgefressen“. Er stilisiert den technischen Wandel zu einem „darwinistischen Überlebenskampf“ zwischen Mensch und Maschine, mit der Aufforderung das „Herr-Knecht-Verhältnis“ wieder umzukehren.

Ich finde, dass dieser Dualismus zu kurz greift und die Netzkritik so in der Luft hängt. Will man die individuelle Überforderung analysieren, müsste man das in ihrem gesellschaftlichen Kontext tun.

Beste Grüße
SD
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.08.2010 um 22:03
Ein hervorragendes Stück.

Häufiger denn je tauchen dieser Art diskutierte Scheinprobleme auf, die andernorts weitergedacht sind. Die jedoch fatalste Art, sich mit dem Streit über NICHTS auseinanderzusetzen, ist die der ständigen Inszenierung gesellschaftspolitischer Relevanz - als sei jemals ein offener und zwang- wie auch machtloser Umgang mit "Evolution" (Das Netz) möglich als auch unerläßlich. Ist er nicht (zwanglos) bzw. ist er (erläßlich).

Terrence Sejnowski stellt in Brockmans aktuellstem "The Edge 2010", Was ist Ihre gefährlichste Idee, sehr deutlich heraus, daß "Soviel wir wissen, müßte das Internet bereits zum Selbstbewusstsein erwacht sein."

Ab da ist es sicher keine Glaubensfrage mehr, sondern, wie man hier eindrucksvoll dargestellt bekommt, eine Wissensfrage (Fachjournale, Impacts, Neuroanalysen). Und hier wiederum lassen sich verschiedene Interpretationen darüber einbringen, wohin das führt. Anders aber als das hier zum Vergleich herangezogene Buchlesen (inzwischen als Kulturtechnik), rast das Netz tatsächlich mit potenzierter Geschwindigkeit der Messtechnologie - und vor allem den aus ihr resultierenden Erkenntnissen und Ergebnissen - voraus. Die seit dem Zeitalter des Buchdruck herangereiften Wissenschaften sind nunmehr einzig in der Lage, den Prozess nicht nur zu untersuchen, sonderen zu steuern und zu kontrollieren. Idealerweise steht ihnen heute, im Gegensatz zur Zeit Gutenbergs, die ganze Menschheit als Labor zur Verfügung. Es ist absehbar, dass die o.a. Thesen eine Bremswirkung entfalten, die zu einer rasanten Spaltung führt (digital gap bspw.). Nur eben wird sich diesmal die Frage stellen, wer die neuen Pharaonen sein werden. Je "wissenschaftlicher" die Diskussion wird, um so gefährlicher wird sie auch. Wie ohnmächtig das abläuft, kann man sich hier vorführen lassen:
dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/009/1700950.pdf , dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/009/1700951.pdf . Der ziemlich holpernde Redner (webtv.bundestag.de/iptv/player/macros/_v_f_514_de/od_player.html?singleton=true&content=518850) , der Kaffeerunden ablehnt und "große Linien" sucht, läutet neben anderen das Versagen der Politik ein. An ihre Stelle aber wird höchstwahrscheinlich nicht die Community treten.
Technixer schrieb am 13.08.2010 um 23:36
Schließe mich den Vorkommentatoren an, ein sehr gut geschriebener Artikel. Neutral gehalten und beide Standpunkte der Kognitionsforschung in Bezug auf das Lernen dargestellt.

Ich persönlich teile die Ansicht von Herrn Carr. In der Natur sind bisher immer Eigenschaften nach dem Grad der Benutzung modifiziert worden. Es hängt einfach mit dem Energieaufwand zusammen. Da die wissenschaftliche Informationsmenge sich alle vier Jahre verdoppelt (wie u.a. der Informatikbereich der TU München sagt), bleibt für Landgzeit-Potenzierung gar keine Zeit mehr. Die Folge könnte durchaus die Schwächung der neuronalen Verknüpfung im Langzeitgedächtnisbereich sein.

Allerdings existieren ja die bezahlbaren DSL Flatrates auch erst seit acht Jahren. Das ist einfach zu kurzfristig um Auswirkungen und deren Ursachen in dem multivariablen System Homo sapiens am Internet festmachen zu können. Auch kann man Menschen nur Minimalinvasiv und weniger häufig untersuchen um direkte neuronale Verknüpfungsmuster sichtbar zu machen. Es fehlen standardisierte Bedingungen und vieles mehr. Ganz andere Möglichkeiten hat man bspw. in der Erforschung von Lernmustern bei Bienen (FU Berlin Randolf Menzel).
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.08.2010 um 04:16
"Es fehlen standardisierte Bedingungen und vieles mehr." Da schwingt etwas Sorge mit, das man es überhaupt vermöge?

Warum benehmen wir uns immer, wenn wir über das Gehirn sprechen, als handle es sich um irgend ein Ding? Wenn es so ist, dann bräuchten wir "unser" Internet auch nicht so wichtig zu nehmen. Wäre es nun aber nicht so, wie dann erklärt sich dieser ständige wissenschaftlich-abstrakte distanzierte Überton?

"die Schwächung der neuronalen Verknüpfung im Langzeitgedächtnisbereich" wäre jetzt genetisch evolutionär?

"Ursachen in dem multivariablen System Homo sapiens am Internet "

Kann man auch "der Mensch" sagen? Oder geht das schon gar nicht mehr?
Technixer schrieb am 14.08.2010 um 12:25
@gill bost:
"Da schwingt etwas Sorge mit, das man es überhaupt vermöge?" Nein, keine Sorge. Einfach nur ein Faktum, welches der Forschung einfach den Rahmen gäbe damit möglichst widerspruchsfreie Ergebnise zustande kämen. Wie man ja an dem Beitrag liest, ist das eben nicht der Fall.

"Warum benehmen wir uns immer, wenn wir über das Gehirn sprechen, als handle es sich um irgend ein Ding?"
Das Gehirn ist ein Organ. Wenn Sie es nach naturwissenschaftlichen Maßstäben untersuchen wollen, ist es wenig hilfreich mit emotionalisierten Begriffen wie 'Geist' einen Kontext zur Gedächtnisbildung herzustellen.

Den folgenden Satz mit dem -"unser" Internet"- habe ich nicht verstanden.

""die Schwächung der neuronalen Verknüpfung im Langzeitgedächtnisbereich" wäre jetzt genetisch evolutionär?"
Hat nichts mit Genetik zu tun und "genetisch evolutionär" sagt mir überhaupt nichts.

Wenn Sie eine Woche im Bett liegen, baut sich ihre Muskulatur ab, weil diese stark Energie verbraucht. Da sie nicht "benötigt" wird, erflogt ein Abbau. So ähnlich verhält es sich mit neuronalen Verknüpfungen (siehe LTP).

"Kann man auch "der Mensch" sagen? Oder geht das schon gar nicht mehr?"
A) für das Säugetier Mensch ist der wissenschaftliche Artname Homo sapiens.
B) außerdem liest sich ein Text einfach besser, wenn nicht ein und dieselben Wörter nacheinander verwendet werden

es grüßt der Technixer
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.08.2010 um 19:15
An Technixer: Natürlich muß ich gemäß der uns zur Verfügung gestellten Formen Danke sagen, weil Sie Fragen beantwortet haben.

Dennoch verblüfft es mich, wei einfach doch solche Fragen heutzutage beantwortet werden. Als sei eine Zauberhand über die letzten 2000 Jahre geflogen und hätte uns dieses Wissen als Wahrheit eingeboren. Die Fragen waren keineswegs rhetorisch - ich weiß keine Antworten.

Etwa diese "Das Gehirn ist ein Organ. Wenn Sie es nach naturwissenschaftlichen Maßstäben untersuchen wollen, ist es wenig hilfreich mit emotionalisierten Begriffen wie 'Geist' einen Kontext zur Gedächtnisbildung herzustellen."

"hilfreich" scheint wohl zu meinen, es mache keinen "Sinn" - hier stoßen wir doch an die Grenzen naturwissenschaftlicher Paradigmata? "Emotionalisierte Begriffe" - wie aber entstehen diese "Emotionalisierungen" denn und wodurch?
Technixer schrieb am 15.08.2010 um 20:17
Oha, Nachtijall ick hör dir trappsen!

Zum dem Thema worauf Sie vermutlich aus sind, gab es schon mal einen sehr angeregten Blog im Freitag. Sie spielen auf die sogenannten nichtwissenschaftlichen "Erklärungen" an, welche die Religionen anbieten?

Ich werde zu gegebener Zeit einen Review über ein Büchlein in meinem Blog verfassen, welches (so vermute ich) genau das aufgreift, aber alles zur gegebenen Zeit ;)

Bis dahin würde ich vorschlagen, das gegebene Thema der Veränderung von Strukturen auf neuronaler Ebene zu diskutieren.

Es grüßt der Technixer
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.08.2010 um 01:02
Technixer:

" Technixer schrieb am 15.08.2010 um 20:17
Oha, Nachtijall ick hör dir trappsen!

Zum dem Thema worauf Sie vermutlich aus sind (...)"

Nein. Ich spiele eben auf gar nichts an, sondern ich habe Fragen, deren kurzatmige Beantwortung für eine folgenschwere Analyse nicht ausreicht. Das bedeutet doch nicht, daß ich das Ergebnis der Analyse vorausnähme.

"Veränderung von Strukturen auf neuronaler Ebene" heißt?

MfG G.B.
Technixer schrieb am 16.08.2010 um 13:13
"Veränderung von Strukturen auf neuronaler Ebene" heißt? --> neuronales kneten :)

Gill Bost, es ist ja nunmal ein Blog mit Kommentarfkt. Analysen bzw. wissenschaftliche Darstellungen/Positionen müssen Sie bitte den gängigen Lehrbüchern entnehmen.

Mit Verlinkungen können Sie sich auch durch Wikipedia klicken, die sind mittlerweile wirklich zu empfehlen. Anfangen könnten Sie mit Longterm Potentiation (LTP. siehe meine Verlinkung oben)
Kaishakunin schrieb am 14.08.2010 um 23:23
Faszinieren was man aus einer fMRT-Studie alles rauslesen kann ...

Die Schlussfolgerungen, die Carr zieht, lassen sich nur in einer Entwicklunspsychologischen Langzeitstudie, idealerweise über mehrere Kohorten hinweg, ziehen.

Außerdem befasst sich unter anderem die Arbeits- und Organisationspsychologie mit derartigen Problemen, hervorzuheben sind hier meiner Meinung nach die Arbeiten von Hacker (psychische Regulation von Arbeit im Bereich "Wissensarbeiter" oder Designer, vgl. mein Zettelkasten unter [1]) und eigentlich auch Handlungsregulationstheorien.

[1] www.bildungswissenschaft.info/karteikarten-nach-stichwoertern.pl?stichwort=Arbeitspsychologie)
merdeister schrieb am 15.08.2010 um 20:31
Wieso muss es denn ein "entweder oder" sein?

Ich meine, im Kopf zu haben, dass irgendeiner der griechischen Philosophen gesagt habe, man solle Kindern erst beibringen, wie sie ihren Geist (oder ihr Hirn) benutzen und erst dann die Fakten. Natürlich ist beides nicht ganz klar voneinander zu trennen.

Ich denke, man sollte beides können. Konzentriert Texte lesen, sie durcharbeiten, ihren Inhalt komplett erfassen und Informationen schnell erfassen, Wichtiges von Unwichtigem trennen. Das sollte man möglichst früh lernen. Auch werden ein Grundstock von Fähigkeiten und eine Basis an Wissen zu neuronalen Autobahnen, die per Langzeitpotenzierung (s.o.) tiefe Spuren in unserem Hirn hinterlassen.
Von diesen Autobahnen können wir immer herunterfahren und über Landstraßen, Schotterpisten und Feldwege überall hin gelangen.
Niemand kann mehr alles und je weiter wir uns von unseren Autobahn bewegen, desto länger brauchen wir, weil die Wege schlechter werden.
Auch das ist nichts Neues.
Uns Hirn und sein Korrelat der Geist sind höchste plastisch und aus einer Studie mit ein paar Teilnehmern deren Frontallappen leuchten den Untergang des Abendlandes vorherzusagen, halte ich für etwas verfrüht.

Es gab die Eingangs erwähnten Philosphen, die sich auch ohne Bücher den einen oder anderen schlauen Gedanken gemacht haben.

Man könnte ja auch die Informationsdichte pro Zeit in einem Opernstück und einem HipHopstück vergleichen und Menschen die den Text hören ins fMRI schieben.
Da kommt bestimmt auch was tolles raus. Das HipHop Publikum ist frontal höchst aktiv, um den Bewegungsdrang zu hemmen und die Hände still zu halten. Bei eben jenen Probanden wird sich, lauschen sie einer Oper der Thalamus langsam verabschieden und aus der Röhre ist nur noch ein leises Schnarchen zu hören.
Technixer schrieb am 16.08.2010 um 13:22
chrislow schrieb am 03.09.2010 um 21:48
Informationsdichte:
Tabed-Brouwsing unterstütz eine Steigerung dieser. Es hat eigendlich den selben Effekt, wie viele Bücherseiten (auch verschiedene) nebeneinander - und es macht kaum Mühe dazwischen umher zu zappen. Mit mehreren Büchern macht das schon mal etwas mehr Aufwand.

Die Erkenntnis durch die fMRT der verstärkten Aktivität im Frontallappen - also wohl Arbeitsgedächtnis ergeben in jedem Fall einen Vorteil. Der befürchtete Nachteil beim Langzeitgedächtniss scheint nicht relevant zu sein - es sei denn, eine Person schaut nur noch auf den Bildschirm. Das aber wird wohl in einem Normalfall nicht stattfinden. Zumindest ist daran ja nicht der PC selbst oder das Arbeitsgedächtnis schuld, sondern eher noch die Anwendung dessen. Wenn eine Tätigkeit nicht eine Mindeststruktur besitzt, dann sind immer Nachteile vorhanden.

Zum Schmunzeln ist es aber, dass sich Herr Schirrmacher beeindruckt sieht... unter Einfluß des Computers. Er bemängelt eine Störung seines Verarbeitungssystems.
Ich kannte mal eine Person, die von einer Schreibmaschine auf einen Computer umsteigen wollte. Eigendlich war dieser Plan auch nach langer Übung und Anwendung unter Hilfestellung gescheitert. Es schien nicht machbar für die Person, eine Handhabbare Struktur in der Ablage zu organisieren. Alle Dokumente aus dem PC kamen weiterhin in doppelter Ausführung in die Leitzordner ins Regal ...

Man möge es also Schirrmacher verzeihen, dass er damit noch nicht zurecht kommt. Er ist nicht alleine damit.

Und möglicherweise steckt hinter solchen Möglichkeiten und Folgen tatsächlich ein Evolutionsdruck für das gehirn. Immerhin kann das Gehirn in solchen geschwindigkeiten denken, allein die Zuführung war bisher ein Problem.
Ausserdem können einige komplexe Denkprozesse in Windeseile und quasi fast unbemerkt erlernt werden. Dazu brauchte es in der vergangenheit Jahrzehnte der Übung.

Mein Resumee aus der Möglichkeiten der Technik: Diese Generation hat wahrscheinlich erstmals die Möglichkeit innerhalb kürzester zeit eine Evolution zumindest in der Denkstruktur zu vollziehen - was allen vorhergegangenen Generationen nicht möglich gewesen war. Die Kehrseite solcher Thesen wäre dann aber auch, das man die alte Generation nun wirklich nicht mehr gebrauchen kann - da sich im Kontrast eine geistige Minderbemittlung auftut.

Ich weiss gar nicht, ob man das so deutlich sagen darf.... oder aber doch muß?


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