Wochenthema

Deutsche haben es nicht gerne, wenn sich kulturelle Identitäten vermischen

Muslimischer Lifestyle

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Linton Chiswick, The Guardian
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Angst | 19.02.2009 01:00 | Navid Kermani

Wenn der Ausweis zum Fetisch wird

In Deutschland fühlt man sich unwohl, wenn sich kulturelle Identitäten vermischen – das ist absurd, findet der Autor und Orientalist Navid Kermani

Wir nehmen den Fundamentalismus und überhaupt die Rückkehr der Religionen in der Regel nur dann wahr, wenn sie mit politischen Forderungen auftreten oder gar mit physischer Gewalt. In der Breite ist der Fundamentalismus seit seinen Anfängen im frühen 20. Jahrhundert bis heute überall – sei es im Nahen Osten, in Südasien oder den Vereinigten Staaten – eine Bewegung, die den Einzelnen einbindet in die klar umrissene Ordnung eines Kollektivs, das streng unterschieden ist von anderen Kollektiven. Das muss keine aggressive Unterscheidung sein. Fundamentalistische Lebensentwürfe sind attraktiv, weil sie die Menschen mit dem versorgen, was ihnen in der modernen, globalisierten Welt am meisten fehlt: Eindeutigkeit, verbindliche Regeln, feste Zugehörigkeiten – eine Identität.

Sie sind ja gar nicht echt!

Identität ist per se etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition. Es ist eine Festlegung dessen, was in der Wirklichkeit vielfältiger, ambivalenter, durchlässiger ist. Das ist zunächst nicht schlimm, sondern ein ganz normaler Vorgang. Ich sage von mir: Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können – ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität. Das ist ein Widerspruch. Der Islam lehnt die Homosexualität ab, und Erzählungen über Sex legt der Koran auch nicht eben nahe. Wahrscheinlich ließe sich eine Interpretation konstruieren, welche die Homosexualität oder die Schilderung sexueller Handlungen islamisch legitimiert. Aber das beschäftigt mich nicht.

Nicht alles, was ich tue, steht in Bezug zu meiner Religion. Für mich selbst bin ich durch solche Handlungen und Bekenntnisse in meinem Muslimsein überhaupt nicht eingeschränkt. Das mag sich paradox anhören, aber mit dieser Religiosität bin ich aufgewachsen, mit all diesen Ambivalenzen, Brüchen, Widersprüchen. Gut, keiner meiner Vorfahren hat, soweit ich weiß, Erzählungen über Sex geschrieben, aber dafür hatten sie andere Angewohnheiten, die nun auch nicht sämtlich im Einklang mit der reinen Lehre standen. Manche meiner älteren Verwandten hielten zum Beispiel streng ihr Ritualgebet ein, verzichteten deswegen aber nicht auf den abendlichen Wodka. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einem Muslim, der auch Alkohol trinkt, die Zugehörigkeit zum Islam streitig zu machen. Genausowenig hätte jemand den Alkoholkonsum islamisch begründet. Wenn etwas fehlte, war es Eindeutigkeit.

Der Fundamentalist würde sagen: Das darf nicht sein, der Muslim ist so oder so, alle anderen sind keine Muslime. Und der deutsche Fernseh-Experte sagt mir: Sie sind ja gar kein „echter“, sondern zum Glück nur ein „gemäßigter“ Muslim, denn ein echter Muslim lehnt die Demokratie ab, will die Einheit von Staat und Religion und nimmt den Koran als Gottes unverrückbares Gesetz. Dem würde ich erstens entgegnen, dass ich meinen Glauben sehr wohl als „echt“ empfinde. Zweitens würde ich den Fundamentalisten und seinen deutschen Experten bitten, sich einmal in einem islamischen Land umzuschauen (es muss nicht gerade Saudi-Arabien sein). Man könnte die islamische Kultur, die Poesie, die Architektur, die Mystik gerade durch den Widerspruch definieren, den sie zur so genannten reinen Lehre darstellt – aber auch dadurch, dass dieser Widerspruch möglich ist und ausgehalten wird, genau wie in allen anderen Kulturen, nicht zuletzt die abendländische: Man muss sich nur einmal in der Sixtinischen Kapelle umsehen, um staunend zu bewundern, welche scheinbar unchristliche Sinnenfreude und pralle Lüsternheit der Katholizismus nicht nur hinnimmt, sondern in sein eigenes Zentrum rückt. Genauso wie der Islam ist das Christentum immer auch das Gegenteil von dem, was diese oder jene Gelehrten als christlich definieren.

Ich bin Muslim, ja – aber ich bin auch vieles anderes. Der Satz, „Ich bin Muslim“, wird also in dem Augenblick falsch, ja geradezu ideologisch, wenn ich mich ausschließlich als Muslim definiere – oder definiert werde. Deshalb stört es mich auch, dass die gesamte Integrationsdebatte sich häufig auf ein Für und Wider des Islams reduziert – als ob die Einwanderer nichts anderes seien als Muslime. Damit werden alle anderen Eigenschaften und Faktoren ausgeblendet, die ebenfalls wichtig sind: Woher sie stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden, was sie gelernt haben.

Natürlich neigen wir zu Bestimmungen, Einordnungen, also: Identifikationen. Jemand anders identifiziert mich mit dem Islam oder im Gegenteil dadurch, dass ich aus seiner Sicht doch gar kein echter Muslim bin, da ich dieses oder jenes tue, was aus seiner Sicht dem Islam widerspricht. Den Widerspruch leugne ich auch gar nicht. Ich sage nur: So widersprüchlich sind wir alle. Jede Persönlichkeit setzt sich aus vielen, unterschiedlichen und veränderlichen Identitäten zusammen. Man stelle sich nur einmal vor, man würde in allem, was man tut, denkt, fühlt, Deutscher sein, nur als Deutscher agieren, essen, lieben – das wäre doch ziemlich grauenhaft.

Sich mit diesem oder jenem zu identifizieren, ist also ein normaler Vorgang. Gefährlich wird es, sobald eine einzige Identität bestimmend wird, sobald man nur noch Muslim ist oder Christ oder Deutscher, Iraner oder meinetwegen Anhänger eines bestimmten Fußballclubs oder eines Popstars. Dann wird aus der pragmatischen Einschränkung, die jede Art von Identifizierung bedeutet, eine reale Verstümmelung der Persönlichkeit. Bedenklicher noch: Identitätsfindung funktioniert grundsätzlich über die Abgrenzung von anderen Identitäten. Es gibt das Eigene nur, wo es etwas anderes gibt. Auch das ist zunächst ein normaler Vorgang. Und doch liegt eben hier, in der Konstruktion dessen, was man selbst ist, und der Abgrenzung von dem, was andere sind, ein Gewaltpotenzial.

Dialog mit sich selbst

Wie oft höre ich in Deutschland, dass „Wir“ nichts gegen Muslime hätten. Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können „Wir“ mit den Islam umgehen, müssen „Wir“ Angst haben vor den Muslimen? Dass zu diesem „Wir“ auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinahe undenkbar zu sein. Es ist gar nicht einmal böse gemeint, jedenfalls nicht immer. „Wir“ Deutsche müssen den Dialog mit den Muslimen führen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet das für etwa drei Millionen Menschen in diesem Land, dass sie den Dialog mit sich selbst führen müssten.

Anders als die Vereinigten Staaten von Amerika haben sich die meisten europäischen Nationalstaaten auf der Grundlage von Homogenisierungen entwickelt; historisch liegt ihnen das Ideal einer Einheit von Blut, Kultur, Sprache und Religion zugrunde. Dieser Drang zur Vereinheitlichung war kaum irgendwo stärker als in Deutschland, eben weil es sich erst spät zu einer Nation herausgebildet hat, und das Deutsche niemals ein so natürlicher oder unumstrittener Bezugspunkt war wie England für die Engländer oder Frankreich für die Franzosen. Diese hatten als Kolonialmächte zudem längst den eigenen Nationalbegriff erweitert, etwa in der Definition dessen, was ein Staatsbürger ist.

Das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht hingegen war bis zu seiner Reform durch die rot-grüne Koalition im Jahr 2000 in wesentlichen Teilen noch identisch mit dem Gesetz von 1914, das allein auf dem Abstammungsprinzip beruhte. Und noch immer ist der Enkel von Russlanddeutschen, der nie in Deutschland gelebt hat und kein Wort Deutsch spricht, deutscher als der Enkel türkischer Einwanderer, der keine andere Sprache spricht als Deutsch. Es dürfte kein anderes Land auf der Welt geben, das eine solche Fetischisierung des eigenen Ausweisdokumentes betreibt. Die Hysterie, mit der manche Politiker bis heute auf die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft reagieren, ist andernorts kaum nachvollziehbar. Schließlich muss das Argument, dass jemand mit zwei Pässen einen Identitätskonflikt hat, jedem abstrakt, wenn nicht absurd erscheinen, der tatsächlich mit zwei oder noch mehr Kulturen aufgewachsen ist.

 
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Kommentare
marsborn schrieb am 19.02.2009 um 13:21
Vielen Bewohnern des Abendlandes fällt es immer noch schwer, sich eine Religion vorzustellen, in der kein großer Vorsitzender die Richtung vorgibt, geschweige denn haben sie genügend Wissen, um den heutigen Islam in seiner ungeheuren Vielfalt und Komplexität zu verstehen. Ist ja auch verdammt schwierig. Viele Deutsche glauben aber ernsthaft, wenn sie nur regelmäßig nett mit dem Dönerverkäufer ihre Vertrauens plaudern, wissen sie schon Bescheid über "die" Muslime. Deshalb braucht es dringend solche Leute wie Navid Kermani und seine klugen Beiträge. Mehr davon!
HansMeier555 schrieb am 19.02.2009 um 20:47
Das Problem ist kein spezifisch deutsches, sondern ein allgemein menschliches. In Frankreich, England, überall ist es das gleiche, auch wenn das dortige Staatsbürgerschaftsrecht liberaler ist.
Mit moralischen Vorwürfen kann man dagegen nicht wirksam angehen. Für den Moment genügt die Vorstellung, daß die Anwesenheit anderskultureller Nichtureinwohner die Deutschen beunruhigt und womöglich überfordert.
Zu bedenken gebe möchte ich:
(1)
Die Deutschen sind sich auch untereinander fremd und leben nur nebeneinander her. Schon seit vielen Generationen leben sie nicht mehr in dörflichen Großfamilien, wo man vom ersten Lebenstag an Dutzende Mitmenschen, Verwandte und Nachbarn intim kennenlernt und alle alles übereinander wissen, vom Bürgermeister bis zum Dorftrottel. Anatolischer Dorfbewohner - das klingt in den Ohren der Deutschen einfach nur wie: Beschränkt, analphabetisch, bettelarm, primitiv und brutal patriarchalisch. Dabei hat der anatolische Dorbewohner ihnen viele menschliche Erfahrungen voraus.
(2)
In der Diaspora werden die Fremden selber zu Karikaturen ihrer selbst. Von der Idee des "wahren Islam" sind europäische Moslems vermutlich in weitaus höherem Maße besessen als deutsche Nachbarn oder Fernsehmoderatoren.
(3)
Was uns Europäern wirklich Angst macht: Die eingewanderten Moslems werden nicht so wie wir, im Gegenteil. Kann es denn sein, daß sie unsere Lebensweise nicht für attraktiv halten? Obwohl wir soviel wohlhabender, soviel aufgeklärter, toleranter, humaner, technisch versierter und auch medezinisch besser versorgt sind? Kann es denn sein, daß Muslime sich mit solcher Inbrunst strengen religiösen Regeln unterwerfen, die unsereinem einfach nur lästig wären? Was bringt ihnen denn das? Was haben sie denn davon? Spinnen die? Wir Europäer halten unsere eigene Lebensweise selbstverständlich für weit überlegen. (Ob wir es laut zugeben oder nicht). Wenn die Moslems nicht so leben wie wir, können wir das nur mit archaischer Rückständigkeit erklären oder eben damit, daß "mit denen etwas nicht stimmt", oder daß "der Islam von Natur aus agressiv und totalitär" ist usw. Sie wissen schon. Vor 30 Jahren hätte sich halt keiner vorstellen können, daß Türken trotz aller Voraussetzungen nicht spontan und freiwillig so werden wie wir. Soviel Phantasie hatten wir nicht.

(4)
Wenn Moslems genauer ohne Gereiztheit einmal erklären könnten, warum sich für die Nichtanpassung entschieden haben, könnte das manchen Deutschen vielleicht helfen.
R Stilzchen schrieb am 19.02.2009 um 23:56
Diese Vielfalt gibt es doch auch im Christentum. Es gibt eine große Kirche, die katholische, aber ebenso eine unüberschaubar große Vielfalt an anderen christlichen Kirchen und Sekten. Und in den christlich geprägten westlichen Ländern gibt es vor allem ungeheuer viele halb-, viertel- oder nicht-religiöse "Weltanschauungen".
oca schrieb am 23.02.2009 um 22:36
@HansMeier555: sehr kluge Gedanken, doch etwas spezifisch deutsches mag es schon geben, zumindestens in dieser Schärfe: Viele Menschen kommen nach Deutschland, weil ihre Sicherheit in der ansonsten "geliebten Heimat" bedroht ist, weil sie ihrem Partner folgen, oder weil sie einfach ein paar jahre hier studieren möchten. Kaum jemand kommt hierher, weil er Deutschland für das Paradies hält, und viele vermissen die von Ihnen beschriebenen sozialen Gefüge - Stichwort anatolisches Dorf, auch wenn das vielleicht ein Klischee ist - zutiefts.

Der durchschnittliche Deutsche nimmt das allerdings kaum wahr, aus seiner Sicht kommen Menschen nach Deutschland, weil es nun einmal das beste aller Länder ist, und so sollen sie gefälligts dankbar sein und sich unterordnen.

Und wer nicht gut Deutsch spricht, der will sich wohl nicht integrieren - ob jemand erst seit Kurzem hier ist und wegen Arbeit oder Kinderbetreuung einfach keine Zeit hatte, diese neue Sprache zu lernen, ist irrelevant.

Ich glaube nicht, dass dieses Gefühl der Überlegenheit und des "sei dankbar, dass du hier sein darfst" irgendwo sonst so stark ist wie in Deutschland.
Saltadoros schrieb am 20.02.2009 um 11:07
Keine Frage, der Islam ist nur eine Seite der Identität und Identität ist etwas dynamisches und wird konstruiert. Dennoch stellt sich mir die Frage, warum es vor allem den Menschen aus dem Islamischen Kulturkreis so schwer fällt, sich hier zu integrieren? Es geht mir nicht nur darum, Faktoren auf der Seite der Migranten zu suchen, denn sicherlich gibt es auch Faktoren auf Seite der Mehrheitsgesellschaft, die die Integration erschweren. Ich hatte mir, als ich den Freitag-Titel sah, mit der Überschrift "Ich bin stolz", zu dieser Frage mehr erhofft.
socanalytica schrieb am 20.02.2009 um 12:16
Islam und "Patchwork"-Identität: Affirmative Relativierung
Der Diskurs zu einer muslimischen "Patchwork"-Identität bleibt auf einer wenig zufriedenstellenden Ebene: Nicht, dass der Autor neben seinen religiösen Identitätsanteilen auch über andere verfügt (jeder hat - in mehr oder weniger großem Umfang - auch divergierende Identitätsanteile), ist der Punkt, sondern von Bedeutung wären genaue Positionsbestimmungen und ihre Begründungen: Wo ist er Muslim, wo nicht - und warum jeweils? Warum ist er überhaupt Muslim? Warum definiert er das als Teil seiner Identität? (Und zwar abgesehen von seiner religiösen Sozialisation, sondern als Produkt einer Entscheidung).
Der Anspruch des Islam ist auf theozentrischer Basis holistisch; die eigene Identität als vielfältig zu deklarieren, ist zwar eine Form praktischer Emanzipation von diesem Anspruch, nicht aber seine grundsätzliche Zurückweisung und keine Debatte zentraler, den Anspruch hervorbringender und begründender Inhalte des Islam.
Was bedeutet die Aussage, dass der Autor seinen Glauben als "echt" empfindet? "Echt" ist in der ersten Aussage im Sinn von "richtig", "fundamental(istisch)" gebraucht, in der zweiten wohl im Sinn von "authentisch". Es handelt sich offensichtlich um eine Bekräftigung der muslimischen Grundposition des Autors, die trotz des Beharrens auf der Existenz auch anderer Identitätsanteile Bestand hat, in all den Diversitäten identitätbildend (mit)wirkt und Anspruch auf religiöse Gültigkeit und Anerkennung erhebt.
Islamische Kultur und Kunst verstehen sich als solche und treten nicht intendiert und explizit in Widerspruch zum Islam - dass es entwicklungsinterne Eigendynamiken gibt, ändert nichts an der grundsätzlichen Ausrichtung - was den Autor im Parallelbeispiel auch zur Formulierung "scheinbar (!) unchristliche Sinnesfreude" führt.
Bedenklich sind nicht Totalisierung einer Identität, sondern auch die Inhalte von Identitätsanteilen; auch hier geht es um Stellungnahmen und Gründe. Auch wäre eine Gewichtung der Anteile aufschlußreich.
Also: Der Autor überträgt die These von der "Patchwork"-Identität und ihren spielraumvergrößernden Effekten auf den Islam und will zwar Muslim sein, sich aber nicht darauf beschränken lassen - ohne zu erklären, wo, wie und warum er seine Identität als anteilhaft muslimisch definiert und warum ihn sein sein diversitätsgestütztes Freiheitsbestreben nicht über den Islam hinausführt. Darin besteht die Funktion des "Patchwork"-Identitätstheorems: Es führt den Handelnden dazu, akzidentiell anders zu sein, substantiell - "echt" - konform zu bleiben. Der dargestellte polyidentitätsbasierte Umgang mit dem Islam ist keine Lösung, weil er die Normen zwar relativiert, aber nicht in Gänze außer Kraft setzt und so aufrechterhält - er wirkt letztlich affirmierend.
HansMeier555 schrieb am 20.02.2009 um 20:46
""Der dargestellte polyidentitätsbasierte Umgang mit dem Islam ist keine Lösung, weil er die Normen zwar relativiert, aber nicht in Gänze außer Kraft setzt und so aufrechterhält - er wirkt letztlich affirmierend.""
Wenn ich Sie richtig verstehe, dann könnte eine "Lösung" (für welches Problem eigentlich?) nur so aussehen, daß er sich vom Islam lossagen soll. Daß er sich eben entscheidet zwischen seiner Religion und seiner westlicher Lebensweise, da sich beides doch vermeintlich ausschließen müsste.
Damit sind Sie, fürchte ich, vermutlich genau der Zeitgenosse, der sich laut Kermani "unwohl fühlt, wenn sich Identitäten vermischen."
Letztlich möchten Sie, daß islamische Normen "in Gänze außer Kraft gesetzt", bzw. exorziert werden sollen. Gut, das sagen Sie nicht. Sie wollen aber, daß Karmani Gründe und Anteile genau benennt. Er soll sein Credo vorstellen, seinen Quellcode, das Rezept seiner Identitätsmischung offenlegen und sich "erklären", kurz -- Rede und Antwort stehen soll.
Diese Forderung empfinde ich als inquisitorisch.
In einer pluralistischen Gesellschaft freier Bürger ist niemand verpflichtet, sich für seine Identität (oder Identitätsanteile) zu rechtfertigen. Kermani ist uns keine Erklärung schuldig, warum er sich eigentlich überhaupt noch als Moslem bezeichnet.
Genausowenig wie Ole van Beust uns erklären muß, wie er sein Schwulsein mit der Mitgliedschaft in einer nominell christlichen Partei vereinbaren kann. Genausowenig wie bekennende Marxisten für jedes totalitäre Marx-Zitat haftbar gemacht werden können.

Ich vermute, daß Kermani mit dem Islam auch viele positive Dinge verbindet, auf die er einfach nicht verzichten will. Und daß er davon nicht redet, weil er uns aufgeklärten Toleranzbestien sowieso nicht zutraut, daß wir irgendwas davon begreifen.
socanalytica schrieb am 25.02.2009 um 13:19
@HansMeier555
Es geht nicht um "inquisitorische" Forderungen oder die Preisgabe persönlicher Dinge, die jemand für sich behalten will, sondern um Auseinandersetzung auf argumentativer Basis, die Darlegung, Differenzierung, Erklärung, Begründung der eigenen Position und logische Konsequenz beinhaltet.
Herr Kermani wendet sich gegen eine vorschnelle, unzutreffendeund einschränkende Einordnung und besteht auf einer in größerem Umfang selbstbestimmten Praxis. Er behandelt das auf der Ebene von Identitäten. Dass er einige seiner Handlungen als zum Islam in Widerspruch stehend erkärt, heißt implizit, dass an einigen Punkten Vorbehalte, Divergenzen, andere Orientierungen und Einwände bestehen - das wäre in Form von Positionen und Argumenten besser zu klären und grundsätzlicher, stringenter und folgenreicher zu diskutieren als im Bezug auf Identitätsanteile oder multiple Identitäten und in der Fixierung auf Widersprüchlichkeit und Nicht-Eindeutigkeit als Freiheitsresiduen.
Sie verweisen zu Recht darauf, dass in pluralistischen Gesellschaften kein Rechtfertigungszwang besteht. Aber: Dass allein die Berufung auf Identität jede Begründung überflüssig macht, würde bedeuten, dass an diesem Punkt ein inhaltlicher Diskurs nicht geführt, der Anspruch auf bloße Anerkennung von Positionen erhoben und eine Einigung auf substantieller Ebene nicht angestrebt wird. Es wäre auch keine gute Voraussetzung für einen interkulturellen Dialog, weil so tatsächliches Interesse am Anderen, gegenseitiges Verstehen und Lernen voneinander nicht zustande kämen.
HansMeier555 schrieb am 25.02.2009 um 23:15
Sie haben insofern Recht, als eine Diskussion über die Gebote und Verbote des Islam tatsächlich nicht angestrebt ist.
Eine Argumentation und Positionsbestimmung ist auch gar nicht nötig, denn schließlich will der Autor ja niemanden missionieren oder für den Islam Werbung machen.
socanalytica schrieb am 21.02.2009 um 12:49
Islam und "Patchwork"-Identität: Affirmative Relativierung
Der Diskurs zu einer muslimischen "Patchwork"-Identität bleibt auf einer wenig zufriedenstellenden Ebene: Nicht, dass der Autor neben seinen religiösen Identitätsanteilen als Muslim auch über andere verfügt (jeder hat - in mehr oder weniger großem Umfang - auch divergierende Identitätsanteile), ist der Punkt, sondern von Bedeutung wären genaue Positionsbestimmungen und ihre Begründungen: Wo ist er Muslim, wo nicht - und warum jeweils? Warum ist er überhaupt Muslim? Warum definiert er das als Teil seiner Identität? (Und zwar abgesehen von seiner religiösen Sozialisation, sondern als Produkt einer Entscheidung).
Der Anspruch des Islam ist auf theozentrischer Basis holistisch; die eigene Identität als vielfältig zu deklarieren, ist zwar eine Form praktischer Emanzipation von diesem Anspruch, nicht aber seine grundsätzliche Zurückweisung und keine Debatte zentraler, den Anspruch hervorbringender und begründender Inhalte des Islam.
Was bedeutet die Aussage, dass der Autor seinen Glauben als "echt" empfindet? "Echt" ist in der ersten Aussage im Sinn von "richtig", "fundamental(istisch)" gebrauchr, in der zweiten wohl im Sinn von individuell "authentisch". Es handelt sich offensichtlich um eine Bekräftigung der muslimischen Grundposition des Autors, die trotz des Beharrens auf der Existenz auch anderer Identitätsanteile Bestand hat, in all den Diversitäten identitätsbildend (mit)wirkt und Anspruch auf religiöse Gültigkeit und Anerkennung erhebt.
Islamische Kultur und Kunst verstehen sich als solche und treten nicht intendiert und explizit in Widerspruch zum Islam - dass es entwicklungsinterne Eigendynamiken gibt, ändert nichts an der grundsätzlichen Ausrichtung - was den Autor im Parallelbeispiel auch zur Formulierung "scheinbar (!) unchristliche Sinnenfreude" führt.
Bedenklich sind nicht nur die Totalisierung einer Identität, sondern auch die Inhalte von Identitätsanteilen; auch hier geht es um Stellungnahme und Gründe. Auch wäre eine Gewichtung der Anteile aufschlußreich.
Also: Der Autor überträgt die These von der "Patchwork"-Identität und ihren spielraumvergrößernden Effekten auf den Islam und will zwar Muslim sein, sich aber nicht darauf beschränken lassen - ohne zu erkären, wo, wie und warum er seine Identität als anteilhaft muslimisch definiert und warum ihn sein diversitätsgestütztes Freiheitsbestreben nicht über den Islam hinausführt. Darin besteht eine Funktion des "Patchwork"-Identitätstheorems: Es führt den Handelnden dazu, akzidentiell anders zu sein, substantiell - "echt" - konform zu bleiben. Der dargestellte polyidentitätsbasierte Umgang mit dem Islam ist keine Lösung, weil er Normen zwar relativiert, aber nicht in Gänze außer Kraft setzt und so aufrechterhält - er wirkt letztlich affirmierend.
marsborn schrieb am 21.02.2009 um 18:04
"Der Anspruch des Islam ist auf theozentrischer Basis holistisch." - Schön, wenn man vom Islam praktisch und theologisch absolut keine Ahnung hat und dies dann mit viel akademischem Rhethorik-Budenzauber darzulegen versteht. Eine prima Textvorlage für einen gelungenen Kabarettabend darüber, warum die, ahem, "Integration" von Muslimen in unsere naturgemäß weit überlegene Kultur aus deutscher Soziologensicht a priori nie erreicht werden kann! (Es sei denn als inakzeptables Beispiel des Patchwork-Identitätstheorems.)
merdeister schrieb am 23.02.2009 um 08:13
Wo und wie unterscheidet sich denn der Islam von anderen monotheistschen Religionen.
Wo ist der Unterschied zum Christentum? Könnte man nicht Moslem, Christ und Jude beliebig in Ihren (socanalytica) Kommentar einsetzen?
merdeister schrieb am 22.02.2009 um 21:08
Aus diesem Wochenthema habe ich kaum neues mit herausgenommen. Das Moslems genau dieselben antiquierten Ansichten haben wie alle Anhänger von Religionen (wenn man sich auch nicht zu fein ist, sich wegen Details gegenseitig zu schlachten) ist nicht überraschend. Vielen Dank auch für die Ausssage, Muslime seien ambivalent, alle Menschen sind ambivalent.
Auch dass Moslems eine Zielgruppe für "die Wirtschaft" darstellt und man versucht mit ihnen Profit zu machen ist nicht sehr überraschend. Hier wäre doch aber die Frage viel interessanter, ob stylische Kopftücher von H&M den Fundamentalisten nicht auf Dauer das Wasser abgraben.

Wirklich schlimm ist, das man sich dieser Tage zu dem Thema als kritischer Mensch gar nicht mehr äußern kann, ohne Gefahr zu laufen, von der falschen Seite vereinnahmt zu werden. Kritisiere ich den Islam, applaudieren Konservative und Faschisten. Kritisiere ich die Islamophobie eben derer, muss ich auch gleich für den Moscheebau unterschreiben. Sage ich dann, ich würde auch nicht für einen Kirchenbau unterschreiben, weil ich ein Problem mit Religion an sich habe, bin ich ein Faschist....zumindest bin ich nicht mehr so ein netter Kerl.

Will sagen: Die Doppelseite ist mir zu kuschelig. Wenn der Freitag nett zu allen ist, bemerkt ihn keiner.
HansMeier555 schrieb am 24.02.2009 um 23:19
Einerseits wehren Sie sich gegen die Kultur der Polarisierung, andererseits ist Ihnen alles "zu kuschelig".
Kein Widerspruch?
merdeister schrieb am 25.02.2009 um 10:40
Wehre ich mich gegen die Kultur der Polarisierung? Vielleicht. Allerdings polarisiere ich selber gelegentlich. So gesehen mag da ein Widerspruch stecken. Da ich mich zur Gruppe der Menschen zähle, bin allerdings auch ich ambivalent.

Mir ist jedoch noch nicht ganz klar, welchen Widerspruch sie in meinem Kommentar entdeckt haben...können Sie mir weiterhelfen?

Zugegeben habe ich zu der ganzen Thematik mehr Fragen als Antworten.
HansMeier555 schrieb am 25.02.2009 um 20:30
merdmeister:
Sie beklagen, daß man Sie immer vereinnahmen will. Daß man immer nur wissen will, zu welchem Lager sie gehören: Für Moslems oder Gegen Moslems. Daß sich für Ihre durchdachte, differenzierte Position keiner interessiert. Das nenne ich "Kultur der Polarisierung".

Kann man auf diese Kultur der Polarisierung verzichten, ohne zugleich "kuschelig" zu wirken?

Ich meine, wir kennen das doch: Sie äußern Bedenken gegen willkürliche Inhaftierungen und Folter, und schon nennt man Sie "Terroristensversteher" oder "Kuschelpäadagoge"...
ChristianBerlin schrieb am 24.02.2009 um 00:58
*
Mit "kuschelig" gibt mir merdeister das Stichwort. Vor drei Jahren habe ich im NDR eine Diskussion mit Navid Kermani gehört. Seine Gesprächspartner waren der katholische Schriftsteller Wolfgang Mosebach und der evangelische Theologieprofessor Matthias Kröger (#offttopic: im Studium übrigens einer meiner Lieblingsprofs).

Soweit ich mich erinnere, wurde in dieser Diskussion ausnahmsweise zwischen der theologisch-normativen und der empirisch-deskriptiven Herangehensweise an Religion getrennt. Dabei ergab sich als konfessionsübergreifender Konsens folgender Kontrast: Religion beansprucht (normativ) "das Licht der Welt" zu sein. Was den Menschen aber statt dessen (empirisch) angeboten wird, ist "Wärme" - mit anderen Worten: "Kuschelkirche" statt des tatsächlichen Eintretens für Menschlichkeit und Gerechtigkeit.

Diese Kritik, an der sich Kermani damals beteiligte, war erhellend, den Namensbeitrag ist allenfalls kuschelig. Beim Kuscheln lösen sich alle Probleme im alles betäubenden Gefühl der Nähe auf - zumindest für den Augenblick.
HansMeier555 schrieb am 24.02.2009 um 23:23
In Europa ist der Islam keine Religion, sondern Teil einer ethnischen Zugehörigkeit. So wie Europäer in der islamischen Welt gemeinhin als "Christen" wahrgenommen werden, unabhängig davon, was sie persönlich glauben.
In einer fremden Umgebung kann man sich eben nicht mehr "einfach so" von Identitätsmerkmalen wie Religion lossagen, ohne das Gefühl zu haben, man hätte sich selbst verraten.
Nun leben wir in einer pluralistischen, offenen Gesellschaft. Nur glauben Sie deswegen ja nicht, daß sich irgendjemand für Ihre persönlcihen Differenzierungen und Meinungen interessiert. Für Ihre Mitbürger sind Sie mitsamt ihrer Religionskritik oder Zugehörigkeit immer nur interessant, solange Sie sich vereinnahmen lassen. Siehe Kommentar von merdeister.
Kurz: Was einzelmensch persönlich so glaubt, interessiert ohnehin keinen.
ChristianBerlin schrieb am 25.02.2009 um 12:13
*
Dein Argument trifft zwar zu, aber es lässt sich ganz leicht umdrehen.

[Zitat]Was einzelmensch persönlich so glaubt, interessiert ohnehin keinen.[/Zitatende]Die Bedeutung dieser Feststellung hängt daran, wer sich potenziell hinter ihrem logischen Subjekt verbirgt. Mit anderen Worten: Wer ist mit "Keiner" gemeint?

Sicherlich, das Subjekt der "gemienen Wahrnehmeung", also den hypothetischen Durchschnittbürger, wird nicht interessieren, was seine andersgläubigen Mitbürger konkret glauben. Er glaubt entweder, sie glauben das, was deren Sprecher verkünden, oder was Experten - Sektenexperten zum Beispiel - als wahre Norm hinter der vorgeschobenen offenlegen.

Je nach dem, was sie von wem über sie hören, glauben oder glaubten z.B. Nichtchristen entweder, dass Christen ihren Nächsten lieben, oder dass sie in Brotteig gebackene kleine Kinder töten, deren Blut trinken und Fleisch essen (ein Missverständnis, das der römische Schriftsteller Laktanz über sie verbreitete). Mit solchen Meinungen im Kopf lebt der irgendwie beeinflusste Normalbürger auch heute noch, nun freilich nicht mehr, wie bei den Römern, über die Christen, sondern über andere Andersgläubige. Aber diese Meinungen sind im allgemeinen vollkommen irrelevant.

Ob das, was in seinem Kopf ist, auch wirklich den Tatsachen enspricht, interessiert den "gemeinhin Wahrnehmenden" nicht. Richtig. Aber wen interessiert, was in seinem Kopf ist?

Handeln wird der sowieso nie, jedenfalls nie gestaltend. Er würde zwangsläufig Schiffbruch erleiden. Wen nicht interessiert, wie die Realtität funktioniert, der kann sie auch nicht handlen - jedenfalls nicht in der Wirklichkeit, allenfalls in seinem Kopf.
ChristianBerlin schrieb am 25.02.2009 um 12:22
Sofortige Korrektur: Nicht von Laktanz, sondern bei Laktanz überlieftert, wenn ich mich richtig erinnere.
merdeister schrieb am 25.02.2009 um 16:43
Hieße DAS im Umkehrschluss nicht wiederum nur intelligente Menschen versuchten, die Welt zu ändern?

Schön wärs ;-)
HansMeier555 schrieb am 25.02.2009 um 20:23
@Christian Berlin:
Unterschätzen Sie nicht die Macht des Durchschnittsbürgers ... Lesen Sie die BILD und Sie wissen, was los ist... zumal die Qualitätsmedien manchmal genauso zur Lynchpresse weden.
Die Menschen gehen nicht ins Stadion, um guten Fußball zu sehen, sondern um das Gefühl zu erleben, wenn 50.000 gleichzeitig brüllen.
ChristianBerlin schrieb am 26.02.2009 um 13:40
@HansMeier555
Das ist nur die Macht eines ferngelenkten Bulldozers mit einem gewissen Trägheitsmoment. Der kann nichts getalten, aber viel zerstören - Werte, Freiheiten und Menschen. Dafür bleibt er harmlos, solange er in seinem Horizont gefangen um sich selber kreist und niemand ihn außerhalb beachtet. Ein paar Überschwinger an den linken und rechten Rändern zuweilen, aber sonst immer schön in der Fantasiewelt der eigenen Vorurteile. Zu denen liefert die B-Presse die passenden Fakten, wofür sie zur Belohnung das Who-is-Who bestimmen darf, solange sie die Stereotypen als solche nicht antastet.

Wirklich mächtig werden die so geBILDeten Überzeugungen erst in dem Augenblick, wo sich Politiker oder Juristen für sie zu interessieren beginnen und sich nach ihnen zu richten versuchen. Dann wirken sie über den eigenen Horizont hinaus und können Realität verändern - in aller Regel aber nur gewaltsam und zerstörerisch, selten problemlösend und realtitätsadäquat.

Ich wollte mit meinem Unbeachlichkeits-Appell nicht bestreiten, dass es Populismus gibt. Ein beredtes Beispiel ist die Eskalation der Präventivjustiz in den letzten zehn Jahren (ein Phänomen, dem wir hier noch mehr Aufmerksamkeit widmen könnten, es würde sich lohnen). Nur ohne die Mitwirkung von Populisten blieben die verbreiteten Irrtümer und das willkürliche Desinteresse an der Realität gesellschaftlich irrelevant.

Irrelvanz ist auch das tragische Schicksal der Populisten selbst: Ein Akteur, an den eine brüllversessene Masse ihre Aufmerksamkeit heftet, tut gut daran, den Irrtum zu meiden, er würde noch beliebter, wenn er deren Druck nachgibt. Die Meinung der Masse ist ein Teil des politischen Szenarios, aber nie der allein maßgebliche und nur selten ein guter Ratgeber.
ChristianBerlin schrieb am 28.02.2009 um 10:19
Korrektur:

"einzelne Überschwinger am rechten Rand" war eine leichte Untertreibung. Schaffen die doch tatsächlich, durch "einzelne Überschwinger" ganze Landstriche unbrauchbar zu machen - allerdings auch wieder dadurch, dass andere sie ernst nehmen - nicht als Meinung, aber als Bedrohung.

Am Donnerstag hat mir ein Freund, der Motorrad fährt, von einem anderen Biker erzählt, der als ehemaliger US-Besatzer in Berlin blieb und nach dem Mauerfall machmal ins Brandenburgische fuhr. Das macht er jetzt nicht mehr. Er stammt aus New Mexico und hat die entsprechende Hautfarbe. Er ist wieder eingeschlossen in Berlin - wie zu Mauers Zeiten. Einen ähnlich freiheitsberaubenden Effekt hat (oder hätte) übrigens auch die sukzessive Demontage des Rechtsstaates wegen einzelner Gewalttäter.

Schlussfolgerung:

Wenn wir aus diesen Einengungs-Effekten einen Ausweg suchen, müssen wir drei Dinge logisch trennen: Die berechtigten menschlichen Bedürftnisse dieser Gewalttäter, die ernst genommen werden müssen, ihre irregeleiteten Meinungen und kontraproduktiven Selbsthilferezepte, die nicht ernst genommen werden dürfen, und die Gefahr und Gewalt, die von ihnen ausgehen, die ebenfalls ernst genommen und mit legitimer Gegengewalt beantwortet werden müssen - wobei man legitime Gewalt an deren Willen zur Selbstbegrenzung auf das Maß des Verhältnismäßigen d.h. des unumgänglich Notwendigen erkennt (im Gegensatz z.B. zum Notwehrexzess). Ein simpler Dreisatz, mit dem theoretisch alles gelöst werden könnte, wäre das in der Praxis nicht unendlich schwieriger als in der Theorie.
socanalytica schrieb am 25.02.2009 um 12:56
@merdeister
Ja; auch andere Positionen als religiöse (die jeweils eigene eingeschlossen), wenn in ähnlicher Weise mit multiplen Identitäten und Widersprüchlichkeit argumentiert würde.
target schrieb am 25.02.2009 um 19:15
ich hatte mir wegen des titelthemas zum ersten mal den freitag gekauft.
aber die unterzeile der titelseite hat mich nachdenklich gemacht.
"der islam hat kein problem mit der moderne. aber die moderne mit dem islam".
und der artikel von navid kermani fängt mit dem wort "angst" an - der inländer vor
vermischung mit anderen identitäten.
ich frage mich jedoch, wie viel angst müssen leute haben, die ihre eigenen familien-
mitglieder umbringen - so wie bei den "ehrenmorden" geschehen.
die irritation der "inländer", bewohner eines freiheitlich liberalen landes,
sind hier zu recht irritiert.
und das sich die meisten spätaussiedler schon in der 2. generation integriert haben
(=anpassung an liberale standards und hiesiges bildungsniveau), die türken aber
in der 4. generation noch einen männlich geprägten chauvinismus pflegen ist
leider fakt - von einem inländischen ausweisfetischismus kann hier keine rede sein.
Richard Käse schrieb am 25.02.2009 um 23:49
Ich fand den Text wirklich gelungen, gerade wegen seiner Harmlosigkeit - und nicht etwa wegen der Verharmlosung von "Einzelfällen". Er zeigt, dass ein moderner Islam genauso unspannend sein kann wie alle religiösen Strömungen, die sich mehr oder weniger gut mit der Individualisierung und Enttotalisierung des Glaubens abgefunden haben. Was aber weder von den Kuschlern, noch deren Kritikern, noch der Redaktion des Freitag vergessen werden darf, ist, dass es immer mehr als einen Diskurs gibt. Das gilt auch und insbesondere für "den" Islam.
merdeister schrieb am 26.02.2009 um 09:28
Alles richtig. Nur bin ich der Ansicht, dass es keines "Freitags" bedarf, um zu zeigen, das Moslems genauso langweilig sind wie "wir"...
Richard Käse schrieb am 25.02.2009 um 23:49
Ich fand den Text wirklich gelungen, gerade wegen seiner Harmlosigkeit - und nicht etwa wegen der Verharmlosung von "Einzelfällen". Er zeigt, dass ein moderner Islam genauso unspannend sein kann wie alle religiösen Strömungen, die sich mehr oder weniger gut mit der Individualisierung und Enttotalisierung des Glaubens abgefunden haben. Was aber weder von den Kuschlern, noch deren Kritikern, noch der Redaktion des Freitag vergessen werden darf, ist, dass es immer mehr als einen Diskurs gibt. Das gilt auch und insbesondere für "den" Islam.
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