Wochenthema

Wenn wir nicht schlauer in Kinder investieren, riskieren wir ein Vermögen

Bildung | 15.09.2011 08:00 | Felix Berth

Geld oder Leben

Wer weniger Kriminelle und Arbeitslose will, muss vor allem ­Kindern aus Problem­bezirken gute Kitas bieten. Den Kleinen hilft das nebenbei auch

Im Jahr 1962 begann in der amerikanischen Kleinstadt Ypsilanti, Michigan, ein Experiment. 58 Jungen und Mädchen aus einem armen Stadtviertel durften einen kostenlosen Halbtags-Kindergarten besuchen. Das Projekt war pädagogisch ambitioniert, schien aber nicht unbedingt revolutionär: Besonders gut ausgebildete Lehrer sollten Kindern aus armen Familien einen guten Start ins Schulleben ermöglichen. Nach zwei Jahren war diese „Perry Preschool“ beendet, und die Kinder wechselten in die erste Klasse der benachbarten Grundschule. Scheinbar nichts Spektakuläres.

Doch im Jahr 2011 reist nun ein Nobelpreisträger um die Welt und verkündet, dass das Experiment von Ypsilanti lohnender sei als jede andere Sozialpolitik: „Die Perry Preschool hatte ungeheure Vorteile – sie war hilfreich für die Kinder und extrem lohnend für Staat und Gesellschaft“, sagt James Heckman, Nobelpreisträger für Ökonomie.

Und die Zeitschrift Science, weltweit eine der wichtigen Publikationen für Forschungsergebnisse, stellt das Experiment von Ypsilanti in den Mittelpunkt einer aktuellen Ausgabe: „Das Ergebnis der Preschool von Ypsilanti ist, dass die Gesellschaft für jeden Dollar, der dort investiert wurde, bis zu 16 Dollar gespart hat, weil die Kinder später besser in der Schule abschneiden, bessere Jobs finden und seltener im Gefängnis landen“, so Science im August 2011.

Nun lassen sich die Folgen sozialer Projekte mit Rechentricks schönen. Die Erfolgsbilanz von Ypsilanti aber zählt zum Robustesten, was die Sozialwissenschaft in diesem Bereich liefert. Denn neben den 58 Kindern in der Preschool gab es eine gleich große Gruppe von Kindern, die aus dem gleichen Milieu stammten, aber nicht in der Kita gefördert wurden. Deshalb können die Wissenschaftler heute, Jahrzehnte später, vergleichen: Wie entwickelten sich die Kinder aus der Pre-school? Und was wurde aus der Kontrollgruppe?

In der Schule ist es zu spät

Die Unterschiede sind enorm. Zum Beispiel bei der Kriminalität: ein Drittel weniger Eigentumsdelikte in der Experimentalgruppe, ein Drittel weniger Gewaltverbrechen, halb so viele Morde und 60 Prozent weniger Drogenkriminalität. Entsprechend verteilten sich die Haftstrafen. Die Jungen aus der Perry Preschool waren bis zu ihrem 40. Geburtstag im Schnitt 27 Monate inhaftiert – nicht gerade wenig. Doch diejenigen, die ohne das Kita-Programm ins Leben starteten, kamen auf deutlich höhere Werte. Sie brachten es auf durchschnittlich 45 Gefängnismonate – beinahe doppelt so viele.

Und weil den modernen Staat kaum etwas so teuer kommt wie die Kriminalität seiner Bürger, stellen Ökonomen wie James Heckman ihre Erfolgsbilanzen auf: Jeder männliche Versuchsteilnehmer, der einst als Kind nicht in die Vorschule ging, verursachte bis zu seinem 40. Geburtstag etwa um 150.000 Dollar höhere „Kriminalitätskosten“ als derjenige, der die Perry Preschool besucht hatte.

In einer Zeit der Jugendkrawalle machen diese Zahlen neugierig. Vielleicht, so überlegt man, wären solche Kitas das wichtigste Element einer Aufsteigerrepublik, in der auch Kinder aus armen Familien eine Chance auf Beteiligung und Wohlstand haben? Vielleicht hilft es den 20 Prozent der Kinder, die in Armut leben und an den einfachsten Pisa-Aufgaben scheitern? Doch man fragt sich natürlich auch: Kann ein bisschen Kindergarten solche gigantischen Erfolge haben?

Es kann. In den vergangenen Jahren haben Entwicklungspsychologen und Hirnforscher gezeigt, wie viel sich in den ersten Lebensjahren entscheidet. Menschen beginnen eben nicht erst in der ersten Schulklasse mit dem Lernen. Schon im Alter von fünf Tagen hat ein Baby ein phonetisches Muster seiner Muttersprache begriffen: Wenn es französischsprachige Eltern hat, klingt sein Geschrei eher so, als werde es auf der zweiten Silbe betont („Wää-ÄÄH“), während der Nachwuchs deutscher Eltern eher am Wortanfang betont („WÄÄ-äh“), wie Angela Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften nachweisen konnte.

Im Alter von vier Monaten erkennen Babys einen Unterschied zwischen zwei und drei aufgemalten Punkten; im Alter von neun Monaten verstehen sie beim Film­gucken den Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem, wie Sabina Pauen von der Universität Heidelberg feststellt. Sobald sie 15 Monate alt sind, können Kleinkinder die Absichten anderer Menschen nachvollziehen; sobald sie etwa zwei Jahre alt sind, wissen sie schon etwas darüber, was andere Menschen wissen. „Kinder sind zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung weitaus kompetenter, als wir bisher angenommen haben“, sagt der Göttinger Neurowissenschaftler Gerald Hüther.

Aus diesen Ergebnissen kann man zwei Schlüsse ziehen, einen richtigen und einen falschen. Der richtige ist: Jede Bildungsdebatte, die sich auf die Verbesserung der Schulen konzentriert, greift zu kurz. Weil alle Bildungskarrieren lange vor dem ersten Schultag beginnen, geht es um die rechtzeitige Unterstützung des Lernens. Wer sich auf Zehnjährige oder Achtzehnjährige konzentriert, hat den richtigen Zeitpunkt längst verpasst.

Die falsche Schlussfolgerung allerdings wäre, dass ein Staat nun viel mehr Geld in alle Kindergärten investieren sollte – gemäß dem Prinzip: Was den Kindern von Ypsilanti geholfen hat, wird allen anderen Kindern genauso nützen. Man kann sich schon vorstellen, wie ambitionierte Akademiker in Berlin-Prenzlauer Berg oder in München-Schwabing für ihre dreijährigen Kinder eine Förderung wie in der Perry Preschool verlangen: „Dieses Experiment zeigt doch, dass sich jeder Euro lohnt, den der Staat für unsere Kinder ausgibt“, hört man diese Eltern argumentieren. Bloß: Genau das zeigen diese Experimente nicht.

Die Versuche in den USA – in Ypsilanti wie in einigen anderen Städten – waren Versuche mit Kindern aus miserablen Verhältnissen. Diese Kinder lebten meist bei alleinerziehenden Müttern, die wenig Geld und schlechte Ausbildungen hatten. Die Väter waren oft abgehauen oder im Gefängnis, die Kinder hatten sehr niedrige Intelligenzquotienten, und ihnen fehlte etwas, was viele Kinder in Deutschland von ihren Eltern bekommen: Unterstützung. Für diese Unterstützung sorgten die exzellent ausgebildeten Lehrer der Perry Preschool. Sie hörten den Dreijährigen zu, lasen ihnen Bücher vor, unterstützten ihr Spiel und ihre Ideen und nahmen sie ernst. All das glich Defizite der Eltern aus, die es in einzelnen deutschen Familien auch gibt – aber längst nicht in allen.

Man kann dies mit Blick auf die Mittelschichten noch schärfer formulieren: Ein kleines Kind, das in einer behütenden, fördernden Familie aufwächst, wird von einem ambitionierten Preschool-Programm wenig profitieren. Denn die Defizite dieser Mittelschichts-Eltern sind viel geringer als die Defizite der Eltern von Ypsilanti; deshalb kann der Nutzen nicht so groß ausfallen wie in dem US-Experiment.

Ein anderes US-Experiment mit früher Bildung hat dies – unfreiwillig – gezeigt: Im „Infant Health and Development Program“ gingen Kleinkinder aller Schichten in eine exzellente Kita; die einzige Voraussetzung war: Sie mussten als Frühgeburten zur Welt gekommen sein; diese Preschool sollte typische kognitive und körperliche Entwicklungsrisiken dieser Kinder lindern. Doch der Erfolg des Programms war beinahe null, wie die Forscher feststellten.

Spielen für den Frieden

Offenbar hatten die Eltern dieser Kinder ihren Job ganz gut gemacht: Ihre Kinder hatten gute Lernchancen und wurden selten vernachlässigt. Sicher, auch diese Kinder fanden einen exzellenten Kindergarten toll – bloß war das für sie nicht der scharfe Gegensatz zum Leben zu Hause, sondern eine Ergänzung.

Die Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen also die beste Unterstützung. Wer exzellente Kindergärten wie die Perry Preschool schafft, macht sich verdient um die ganze Gesellschaft. Es dient dem sozialen Frieden, wenn ein Dreijähriger aus dem Berliner Wedding bessere Chancen auf ein Leben hat, das ihn nicht ins Gefängnis führt. Es dient dem Budget des Staates, wenn der gleiche Junge im Alter von 17 Jahren fähig ist, eine normale Stelle anzunehmen, statt in wirkungslosen Trainings von der Arbeitsagentur auf sein Leben als Dauerarbeitsloser „vorbereitet“ zu werden. Es dient der wirtschaftlichen Prosperität, wenn dieser junge Mann für anspruchsvolle Jobs zur Verfügung steht, sobald wegen der demografischen Lücke noch mehr Fachkräfte fehlen. Und es dient der politischen Stabilität der Republik, wenn sich Neukölln (das natürlich auch anders heißen könnte: München-Hasenbergl etwa oder Nürnberg-Südstadt) nicht zu einer Banlieue entwickelt, wo frustrierte Jugendliche leben, die die Autos der vermeintlich Wohlhabenden abfackeln.

Wenn wir die Jüngsten in den schwächsten Stadtvierteln gezielt unterstützen, bekommen jene Kinder eine Chance, die heute keine haben. Dann schaffen wir das, was Deutschland so bitter fehlt: Bildungsgerechtigkeit. Wenn unser Land daran scheitert, wird die neue Klassengesellschaft zementiert. Dann verschleudern wir unseren Wohlstand. Wir haben die Wahl.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Bildungswirt schrieb am 15.09.2011 um 22:25
Ja, ein "Bildungs-und Erziehungsplan 0 bis 10" (z.B. konzeptionell vorzeigbar in Hessen) muss her; je früher gezielte Förderung der Kinder erfolgt, insbesondere aus schwierigen kulturellen Milieus, um so besser. Auf dem Papier ist das alles längst erkannt, es hapert wie immer in der Ausgestaltung der gelingenden sozialen Praxis (Finanzen, Personal, vielfältige Kompetenzen und Engagement). Soweit liegt Herr Berth richtig.

Schwer verdaulich hingegen seine unreflektierte Sprache der Darstellung. Ein verbetriebswirtschaftlichtes Kauderwelsch in der Pädagogik - in Kinder investieren, verschleudern Vermögen und unseren Wohlstand - Kinder als Kapitalrenditeträger?
j-ap schrieb am 15.09.2011 um 22:44
Was Sie hier schreiben, Bildungswirt, ist mir auch aufgefallen: da trabt ein Vokabular daher, das aus genau dem Fundus stammt, den der Autor doch aussortieren wollte.

Mir fällt aber weiter auf, daß eben dieses Vokabular in verkehrter Weise sogar haargenau zu dem paßt, was damit ausgedrückt werden soll; es mithin gar kein Mangel und Irrtum ist: denn wozu, verherter Bildungswirt, dient denn ein "Bildungs- und Erziehungsplan", ob nun von "0 bis 10" oder von 14 bis 18 Uhr?

Er dient ja nicht dazu, kleinen Menschen die Aussicht auf eine ganz andere, bessere Gesellschaft zu eröffnen oder ihnen mal zu zeigen, wie irre die Welt ist, in die sie hineingeboren wurden oder ihnen gar auf den Weg zu geben: sie könnte ganz anders sein, denn wenn euer dermaleinst großer Arm es will, dann steht eben nicht alles still, sondern läuft erst richtig rund.

Nein, alle Pädagogik zielt justament darauf, kleine Menschlein -- i.e. regeneratives Menschenmaterial -- dergestalt instand zu setzen, daß sie eines Tages den Anforderungen einer zeitgemäßen Kapitalverwertung genügen, ansonsten man ihnen schon in der KiTa, die recht eigentlich eine KiKa (Kinderkaserne) ist, die Hölle ausmalt, die in ein Leben einzieht, wenn es sich als samt und sonders unbrauchbar erweisen sollte.

Pädagogik heißt Reproduktion. Und in dem Sinn paßt das betriebswirtschaftliche Vokabular wie kein anderes darauf.
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 23:31
Hallo Bildungswirt,

dich sieht man hier nur noch sehr selten. Ohne deinen Kommentar wäre mir dieser Artikel nicht aufgefallen.

"Kinder als Kapitalrenditeträger?"

Nimm den vorletzen Absatz. Kurz gefasst steht da: "verdient, dient, dient, dient, dient." Deutlicher geht es kaum.
Enibas schrieb am 18.09.2011 um 12:27
Kommentar zum Wochenthema "Geld oder Leben" (nicht speziell zum Artikel von Felix Berth)

"Schlauer in Kinder investieren" - ein wichtiges Thema, doch sind Kinder vor allem eine "Investition" bzw. ein "Vermögen", das es nicht zu "verschleudern" gilt? Wird unser Denken mit derlei Formulierungen in enge ökonomische Bahnen gelenkt, geht leicht der Sinn für Kindererziehung als Menschenrecht, Lebens- und Arbeitschance und gesellschaftliches Gut verloren. Die einzelnen Beiträge über Vorschulerziehung und frühkindliche Bildung enthalten durchaus diese breitere Sicht und lesen sich z.T. als erfreuliches Gegenstück zum Wochenthema!
Pabbo schrieb am 26.09.2011 um 10:39
Es ist beruhigend, dass zumindest der Leserschaft des Freitags auffällt, wenn anstelle der vielen möglichen progressiven Argumentationsweisen betriebswirtschaftlich inspirierte Kosten-Nutzen-Kalküle zur Legitimation einer Bildungsreform und von Bildungsausgaben generell angeführt werden. Erschreckend bleibt es trotzdem, dass im Freitag die instrumentellen Argumentationslinien der inzwischen seit fast zwei Jahrzehnten geführten "social investment state"-Debatte so unverblümt und unkritisch aufgegriffen werden. Ein kurzer Blick in die aktuelle wissenschaftliche Debatte, z.B. im Kontext der Kindheitswissenschaften oder der Wohlfahrtsstaatstheorien, hätte den AutorInnen und InterviewerInnen aufgezeigt, wie problematisch eine Perspektivsetzung ist, die Kinder als Investitionsgüter, als zu verhindernde potentielle zukünftige Kriminelle oder als potentielle zukünftige produktive (im rein ökonomischen Sinne) Mitglieder der Gesellschaft denkt. Im gesamten Themenschwerpunkt findet sich kaum ein Wort über die Interessen der Kinder als gegenwärtige Mitglieder der Gesellschaft, kein Bezug auf egalitäre oder menschenrechtliche Argumentationslinien für eine Verbesserung der Bildungslage - so unverblümt utilitaristisch zu argumentieren trauen sich aktuell sogar nur wenige Wirtschaftsliberale. Dass ausgerechnet der Freitag eine solche Perspektivsetzung betreibt, spricht nicht für ihn.
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