Dies ist eine wahre Geschichte. Sie handelt von zwei jungen Frauen aus Berlin, die noch vor kurzem Mädchen waren. Jetzt, da sie das Abitur gemacht haben, fangen sie ein anderes Leben an. Es beginnt mit einem Jahr freiwilliger Arbeit. Die soll Orientierung geben, denen, die noch nicht wissen, wie es weitergehen kann. Man darf sich kulturell, sozial oder ökologisch betätigen und bekommt dafür etwas Geld. Vielleicht wissen die Staatstragenden ja, dass nichts so schwer ist, wie Orientierung zu finden nach dreizehn Jahren, in denen fast alles festen Regeln folgte. Schule ist nur selten der Ort, an dem man lernt, sich im Leben zu behaupten. Lilith und Anouk wissen das. Sie sind schulmüde und nicht gut zu sprechen auf das Bildungssystem. „Scheißsystem“, sagt Anouk manchmal. „Da wirst du einsortiert, und einmal in der Schublade, kommst du nicht mehr raus.“
Die Geschichte der beiden Frauen hat einen Anfang, aber kein Ende. Das Ende liegt in der Zukunft, da passt es mit seiner Ungewissheit gut hin.
Lilith und Anouk reden über die Zukunft, aber sie lassen sich nicht gern fragen, was sie mit ihr vorhaben. Ihnen ist die Frage nicht geheuer. Die will suggerieren, dass man es schon genau wissen könnte. Als sie in der elften Klasse war, hat Anouk eine Mail geschrieben an die, die sie hin und wieder fragen, was sie später einmal machen möchte. In den Augen der meisten ist das, was man einmal machen möchte, identisch mit dem, was man werden will. Anouk ist sich da nicht sicher. In ihrer Mail stand die Bitte, nicht mehr gefragt zu werden. Und das Versprechen, zu sagen, was einmal werden soll, wenn sie es selbst weiß.
Scheitern geht schnell
Einmal saß Anouk in einer Straßenbahn und neben ihr unterhielt sich ein Großvater mit seinem Enkelsohn. Irgendwann rief der seinem Großvater aufgeregt zu: „Opa, hier waren wir doch morgen schon.“ Morgen schon irgendwo gewesen zu sein, das gefiel Anouk. Es klang, als könne man doch herausbekommen, was die Zukunft bringt.
Lilith möchte auch nicht gefragt werden. Trotz ihrer Jugend kennt sie schon so viele, die in den Augen anderer „gescheiterte Existenzen“ sind. Und fast alle von ihnen konnten irgendwann einmal sagen, was sie später machen möchten. Und dann haben sie es, aus verschiedenen Gründen, nicht so gemacht. So viele Striche durch so viele Rechnungen. „Scheitern geht schnell, und schuld sind nicht unbedingt die Gescheiterten.“ Lilith klingt, als sei sie zehn Jahre älter.
In der gemeinsamen Wohnung der beiden, die in einer Gegend liegt, der man die Großstadt nicht anmerkt, sammeln sich Dinge, die man vielleicht für diese Zukunft brauchen könnte. Bücher, Musik, Klamotten, die länger halten als eine H, Küchengeräte, die man lange benutzen kann, Geschirr und Handtücher für vielleicht irgendwann einmal zwei Haushalte. Die Wohnung gibt es seit zwei Jahren. Die Vormieter, ein junges Paar, dessen Beziehung irgendwann scheiterte, hatten sie bunt bemalt, blau und rot und grün.
Die Sache mit dem Kämpfen
Lilith und Anouk gefiel das, auch wenn es etwas dunkel wirkte. Später fingen sie dann doch an, die Wände weiß zu streichen. Im Winter ist es kalt in der Wohnung. Die alte Gasheizung heizt zwar, wenn sie hochgedreht wird, aber die Mädchen rechnen mit ihren Cents. Sie führen ein strenges Finanzregime, das sich im Chaos der Wohnung nicht widerspiegelt. Jede weiß zu jeder Zeit, über wieviel Geld sie verfügt und wann die nächste Stromrate überwiesen werden muss. Wo die schwarze dicke Strumpfhose liegt oder wer zuletzt die geliehene DVD in der Hand hatte, wissen sie oft nicht. Aber sie haben gelernt, zu suchen.
Als sie sich kennen lernten, gingen beide in die zehnte Klasse. Anouk hatte das Gymnasium wechseln müssen, weil ihres geschlossen worden war. Eine gute Schule, an der es tatsächlich eine Idee gab von dem, was man gemeinsam machen möchte. Die Schüler hatten lange gegen den Beschluss, die Schule zu schließen, gekämpft. Anouk lernte, dass es gut sein kann, zu kämpfen und dass man dafür eine Menge Kompromisse eingehen muss. Und sie lernte, dass man trotz aller guten Argumente verlieren kann. Manchmal saß sie abends heulend zu Hause und redete über das Gefühl der Ohnmacht, das eine überkommt, wenn nicht zugehört und auf Beschlüsse gepocht wird. „Scheißpolitiker“, sagte sie, als sei dies das passende Wort zum „Scheißsystem“. Aber irgendwie machte ihr die Sache auch Spaß. Die mit dem Kämpfen. Und die mit den „Scheißpolitikern“ auch, denn Anouk stellte fest, dass man als Politikerin Beschlüsse fassen kann, an die sich andere halten müssen. Nur Mehrheiten braucht man.
An der neuen Schule wurde Anouk dann Sprecherin, vertrat die Interessen ihrer Mitschüler und legte sich dafür hin und wieder mit den Lehrern an. Sie übte, wie man Mehrheiten bekommt und lernte, wie wacklig die sein können. Außerdem stellte sie fest, dass ihre eigenen Interessen oft nicht mit denen der Mehrheit übereinstimmten.
Als Anouk nach dem ersten Schultag an der neuen Schule nach Hause kam, erzählte sie, dass neben ihr ein Mädchen sitzt, das sähe zwar aus, wie eine echte Frutte, scheine aber ziemlich nett zu sein. Dies war der Beginn einer Freundschaft. Ob sie wunderbar werden würde, wagte keine von beiden zu sagen.
Lilith, das Mädchen mit den damals blond gefärbten Haaren, Piercings, pinkfarbenen Klamotten und dunkel geschminkten Augen, kam in die gleiche Klasse wie Anouk, weil sie zuvor eine Ehrenrunde gedreht hatte. Dafür gab es viele Gründe. Einer davon war, dass Liliths Mutter trank, Lilith flüchtete, wieder nach Hause kam, wieder flüchtete. Sie lebte mal hier und mal da und hatte beste Chancen, in die Fußtapfen ihrer Mutter zu treten. Verwundert hätte es niemanden. Verwundert hat eher, dass Lilith beschloss, nicht Alkoholikerin zu werden, das Abitur zu machen, von der Straße runterzukommen und später mal was mit Tieren zu machen. Oder Biologie zu studieren, was am Ende auf das Gleiche hinauslaufen könnte.
Lilith schaffte es, von zu Hause wegzukommen. Sie ging zur Jugendfürsorge und redete dort mit einer Mitarbeiterin, während Anouk draußen im Warteraum saß und hoffte, dass es eine Lösung gibt. Die manifestierte sich in einem Platz in einer Einrichtung für betreutes Wohnen. Für mindestens ein Jahr, bis zur Volljährigkeit, konnte Lilith dort leben, gemeinsam mit anderen Mädchen, denen es ähnlich oder anders ergangen war. Aber nie gut. Danach würde man sehen, ob sie selbstständig genug für eine eigene Wohnung ist.
In dieser Zeit des betreuten Wohnens entstand bei beiden Mädchen die Idee, später unbetreut und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauend zusammenzuziehen. Wie das funktionieren würde, davon konnten sie sich noch keine Vorstellung machen. So behütet die eine aufgewachsen war, so wenig war es die andere. Dazwischen lagen Welten. Die hatten nicht nur etwas mit Geld zu tun. Aber auch. Lilith würde Hartz IV bekommen und vielleicht etwas Unterhalt von einem Vater, mit dem sie nie etwas zu tun gehabt hatte. Anouk war das Kindergeld versprochen und ein bisschen Unterhalt von einem Vater, mit dem der Kontakt nie abgebrochen war. Dazu das Geld aus kleinen Jobs, die sie sich selbst würde suchen müssen.
Das Ding mit den Anträgen
Die nahe Zukunft bestand also zunächst darin, hin- und herzurechnen, ob das so funktionieren würde. Und Anträge zu stellen. Sie brachten Stunde um Stunde zu mit dem Studium der Anträge auf ALG II, wie es offiziell heißt. Lilith lernte, dass das Eintreiben des Unterhaltsgeldes bei ihrem Vater ihre Angelegenheit war. Und dass dieses Geld auf Hartz IV angerechnet würde, wie es so schön heißt. Also setzte sie sich mit einem Mann ins Benehmen, der von ihr nichts wissen wollte.
Anouk begann, vermeintliche oder wirkliche Ungerechtigkeiten zu sammeln und sich darüber aufzuregen. Wieso wird Kindergeld auf Hartz IV angerechnet und warum muss Lilith Briefe an einen Typen schreiben, der sich nie um sie gekümmert hat? Sie fand einen Job in einem Callcenter und stellte wildfremden Leuten Fragen über ihr Kauf- oder Wahlverhalten. Dadurch lernte sie, wer Frau Ypsilanti ist und warum es Sonntagsfrage heißt, auch wenn man sie am Montag stellt.
„Mal sehen“, sagt Lilith, nun da sie das Abi in der Tasche hat, „ob ich später vielleicht Forstwirtschaft mache.“ – „Könnte sein“, sagt Anouk, „dass ich mich für Politik entscheide.“ Ob sie das so oder anders sagen, hängt von der Tagesform ab, davon, was gestern passiert ist und was morgen auf sie zukommt. Oft bleiben sie auch lieber beim Ich-weiß-nicht und fühlen sich damit sicherer. Dem Wort Zukunft ist die Größe abhanden gekommen. Es setzt sich aus lauter Fragezeichen zusammen.
„Nicht schlimm“, sagt Anouk, „das wussten wir morgen schon.“
Kathrin Gerlof ist freie Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Im September 2009 erscheint im Aufbau-Verlag ihr Buch Alle Zeit