Alltag

Muslime | 02.09.2009 18:30 | Marcus Engler

"Wir wollen die Sprachlosigkeit überwinden"

In Berlin gibt es seit Mai das erste muslimische Seelsorgetelefon Deutschlands. Im Gespräch erzählt Geschäftsführer Mohammad Sagir, warum ein solches Angebot wichtig ist

Freitag.de: Herr Sagir, Anfang Mai haben Sie Ihre Arbeit aufgenommen, nun feiert das muslimische Seelsorgetelefon offiziell seine Gründung. Wie sieht Ihre erste Bilanz aus?
Mohammad Imran Sagir: Wir haben schon vielen Menschen helfen können. Es gab mehr als 450 Anrufe. Und die Leute haben verstanden, dass dies keine Islam-Infohotline ist, sondern ein echtes Seelsorgeangebot.

Worin unterscheidet sich Ihr Telefon von anderen Hilfsangeboten?
Das Besondere ist der religiöse Rahmen. Unsere Anrufer erwarten, dass wir über muslimisches Hintergrundwissen verfügen und daher bestimmte Dinge besser verstehen, etwa wenn es um religiöse Gewissenskonflikte geht. Wir haben dadurch auch einen Vertrauensvorschuss. Die meisten unserer Anrufer könnten theoretisch auch woanders anrufen. Sie tun es aber nicht, weil sie befürchten, nicht verstanden zu werden.

Können Sie ein Beispiel geben?
Einige Anrufer sind unsicher, ob sie überhaupt mit Nichtmuslimen über ihre Probleme reden dürfen, etwa mit einem Therapeuten. Wir sagen ihnen dann: „Du bist für dein Wertesystem verantwortlich. Du muss schauen, ob das zu dir passt.“ Das sagen wir auch über Moscheen, an die wir die Leute verweisen, wenn sie religiöse Fragen haben. Wichtig ist, dass jeder sich bei uns melden kann. Wir haben Verständnis für jede Situation, auch wenn sie gegen das muslimische Wertesystem verstößt.

Wer ruft bei Ihnen an?
Drei Viertel der Anrufer sind Frauen. Das liegt aber daran, dass Männer – Muslime wie Nichtmuslime – grundsätzlich nicht so gern über ihre Probleme sprechen. Das ist bei anderen Seelsorgetelefonen nicht anders.

Rufen auch Personen ohne muslimischen Hintergrund an?
Eher selten. Manchmal suchen aber nichtmuslimische Menschen rat, die einen muslimischen Ehepartner haben. Bei bi-kulturellen Paaren gibt es manchmal Meinungsunterschiede bei der Kindererziehung. Es rufen aber auch Personen an, die Sorgen haben, aber gar keinen Bezug zum Islam. Selbstverständlich ist bei uns jeder willkommen, nicht nur Muslime.

Warum haben Sie entschieden, den Dienst auf Deutsch anzubieten?
Ich glaube nicht, dass es heute noch große Sprachbarrieren bei der zweiten und dritten Generation von Migranten gibt. Und bei der ersten Generation vermuten wir, dass diese Menschen ohnehin nicht anrufen würden, da sie eine Hemmschwelle haben, am Telefon über persönlichen Probleme zu sprechen. Auf Nachfrage bieten wir aber auch Gespräche auf Türkisch und Arabisch an. Viele unsere Seelsorger sind zweisprachig.

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Was sind die wichtigsten Themen in den Gesprächen?
Es geht ganz überwiegend um Probleme in der Partnerschaft. Aber auch um Beziehungen mit den Kindern oder Eltern. Manchmal rufen aber auch Menschen an, die finanzielle Schwierigkeiten haben.

Sind Sie bei den Gesprächen auch mit Diskriminierungserfahrungen konfrontiert?
Bisher spielt das kaum eine Rolle. Was natürlich nicht heißt, dass es keine Diskriminierungen von Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Unsere Ehrenamtlichen könnten Ihnen da einiges berichten.

Was können Sie konkret für die Anrufer tun?
Wir überlegen gemeinsam mit den Anrufern, wer in der Familie, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft bei den Problemen helfen könnte. Einige brauchen nur jemand, um einen Kaffee zu trinken, andere eine eingehende Familienberatung. Bei Gewalt verweisen wir natürlich an die Polizei. Unser Ziel ist es, die Sprachlosigkeit zu überwinden, den Kokon aufzubrechen, in dem sich die Person befindet.

Gibt es bei der Arbeit auch unmittelbare Erfolgserlebnisse?
Ja, ich habe da ein schönes Beispiel. Eine Frau rief an und berichtete über ihre Eheprobleme. Als ihr Mann nach Hause kam, überredete sie ihn, ebenfalls bei uns anzurufen. Beide haben mit dem gleichen Berater gesprochen. Durch das Gespräch verstand der Mann endlich, was seine Frau ihm seit Monaten sagen wollte.

Das Interview führte Marcus Engler

 
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