Alltag

Eventkritik | 27.10.2009 15:00 | Mark Stöhr

Bis der Kaiser endlich Ja sagt

In Hechingen trafen sich Monarchisten zu einer Tagung, um der Demokratie die Krone aufzusetzen und eine konservative Revolution anzuzetteln. Besonders nobel ging es dabei nicht zu

So sehen also Monarchisten aus. Die Alten sind rüstige Rentner mit Pullunder und Krawatte, essen Schwarzbrot und stehen früh auf. Die Mittelalten haben Mittelstandsbäuche und rote Adern im Gesicht. Und die Jungen sind käsig vom vielen Bücherlesen. Verpickelte und verdruckste Stubenhocker die einen, nassforsche Burschenschaftler-Burschen die anderen. Die Monarchisten sehen aus wie viele, aber sie wollen nur das eine: ihren Kaiser zurück. Der soll Deutschland wieder Glanz verleihen in der Welt und die Nation nach innen einen. Bloß: Das will außer ihnen keiner – nicht einmal der Kaiser selbst. Die Monarchisten sind nicht zu beneiden.

Ihr Kandidat heißt Georg Friedrich Prinz von Preußen und ist 33 Jahre alt. Er ist der Ur-Urenkel von Wilhelm II. und seit dem Tod seines Vaters Louis Ferdinand von Preußen Chef des Hauses Hohenzollern. Er macht zur Zeit seinen Master an der Universität in Frankfurt/Oder und denkt überhaupt nicht daran, sich eine Krone aufzusetzen. Die Monarchisten nehmen das zähneknirschend zur Kenntnis. Die Monarchie, sagen sie, muss von unten kommen. Wenn das Volk will, wird der Kaiser schon auch wollen. Aber erst einmal müssen sie sich untereinander einig werden. Deswegen sind sie in Hechingen zusammengekommen, zum „2. Monarchieforum“. Das Motto: „Heute wiederentdecken und bewahren, was morgen gebraucht wird“.

Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Über dem kleinen süddeutschen Städtchen unweit von Tübingen thront die Burg Hohenzollern, Stammsitz der preußischen Linie des Fürstengeschlechts. Dessen schwäbischer Ast residiert in Sigmaringen, eine knappe Autostunde entfernt, in einem Schloss. Dorthin war Ende des Zweiten Weltkriegs das hitlertreue Vichy-Regime geflüchtet. Doch mit den Schwaben haben die Monarchisten nichts zu tun. Sie stehen im Burghof und recken die Köpfe hoch zu den vier Türmen. Wenn der Preußenadler gehisst ist, ist der Prinz da. Keine Fahne in Sicht – niemand zuhause. Der Prinz hätte seine Getreuen ohnehin nicht empfangen.

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Wir haben nur den Beckenbauer

Dafür ist ein Team vom NDR gekommen. Die Augen von Thomas Gross flackern nervös. Gross, Mitte vierzig, ist Pressesprecher der Monarchisten. Er macht den Job mehr ehrenamtlich und kommt selbst aus einem christlichen Kontext. Die Presse stemple sie meistens als rechtsradikale und republikfeindliche Spinner ab, sagt er. Da sei Vorsicht geboten. Die Hamburger Fernsehmenschen wollen vor allem Freaks mit König-Ludwig-Bärten sehen – und sind sichtlich enttäuscht, als ihnen das versprengte Grüppchen von zwanzig, dreißig Durchschnittsgesichtern gegenübertritt. Der immergleichen Frage folgen die immergleichen Antworten. Warum ein Monarch? Weil er das Land besser repräsentieren kann als der Bundespräsident und billiger ist; weil er von Geburt an auf sein Amt vorbereitet wird; weil er von niemandem gewählt wird und über dem Parteiengezänk steht; weil er finanziell unabhängig ist und dadurch unbestechlich. Man hätte genauso gut „Monarchie in Germany“ von den Prinzen abspielen können: „Holland hat die Beatrix /Doch wir Deutschen haben nix / Selbst die Japaner sind da schlauer / Wir haben nur den Beckenbauer.“

Aber dann weicht doch einer von der verabredeten Rhetorik ab, ein Mediziner, einer von den Mittelalten. Er wettert gegen „Unpünktlichkeit“, „Sozialschmarotzer“ und „Abtreibungsbefürworter“. Die heutige Jugend habe nur noch Idole, aber keine Ideale mehr. Die NDR-Reporter schnalzen mit der Zunge, endlich mal eine klare Ansage. Pressesprecher Gross kriegt davon nichts mit. Er ist schon in der „Burgschänke“. Mittagspause.

Nachhilfeunterricht in Geschichte

Von einer monarchistischen Bewegung zu sprechen, wäre eine Übertreibung Ein paar hundert aktive Anhänger werden es wohl bundesweit sein. Sie sind in viele kleine Gruppierungen zersplittert. Die Hardcore-Traditionalisten, die seit der Abdankung Kaiser Wilhelms 1917 keine Zeitung mehr gelesen haben, sind im Verein „Tradition und Leben“ alt und grau geworden. Henning von Normann, Initiator des Forums und einer der wenigen echten Blaublüter, hat sich vor zwei Jahren davon abgespalten und die „Deutsche Monarchistische Gesellschaft“ gegründet. Sie versteht sich als Dachverband und Wegbereiter einer künftigen konstitutionellen Monarchie in Deutschland. Die „Kaisertreue Jugend“ ist ihr schon beigetreten. In ihr hat sich der Nachwuchs organisiert. Als „Kronjuwel“ oder „Hofmeister“ geben sie sich im Webforum gegenseitig Geschichtsunterricht. Aus dem Militaristen Wilhelm II. wird der Friedensstifter und mögliche Hitler-Verhinderer, aus dem Stauffenberg-Attentat eine moralische Handlung des Monarchismus.

Wie tief der Zweifel der Monarchisten an Wertepluralismus und sitzt, zeigt der theoretische Teil der Veranstaltung. Runter vom Berg, rein in die Stadthalle von Hechingen. Das Fernsehen sei weg, sagt Herr Gross, nun sei man wieder ganz unter sich. Zumindest fast, signalisiert sein Zwinkern in Richtung des Reporters. Den Freitag kennt hier keiner. Es wird ungemütlich.

Keime einer konservativen Revolution

Prof. Julius Schoeps, Vorsitzender der „Gesellschaft für Geistesgeschichte“ in Potsdam, referiert über das Preußentum, das innere wie das äußere. Er ist der Sohn von Hans-Joachim Schoeps, einer Ikone der Anti-68er. Die 68er sind für die Anwesenden ein rotes Tuch, Sinnbild für einen rapiden Werte-Niedergang, der bei der Französischen Revolution seinen Ausgang nahm. Schoeps jun. preist die preußischen Tugenden als Universalwerte, die preußische Verwaltung als unbestechlich und perfekt im Gegensatz zur heutigen Bürokratie mit ihrer „Selbstbedienungsmentalität“. Immerhin räumt er ein, dass die Militarisierung des zivilen Lebens in Preußen dem Weltkrieg und den Nazis den Boden bereitet habe. Das sehen hier nicht alle so.

Dann tritt Günther G.A. Märklein auf, Direktor des Bismarck-Museums in Jever. Er fordert eine „Regeneration der Geschichtskenntnis“ und eine „Rückkehr zu einem Menschenbild, wie es ist und nicht wie es sein soll“. Märklein ist gegen vieles: Gegen die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen, gegen eine „staatenlose Weltgemeinschaft“, gegen die Ostpolitik der SPD, gegen den „Einheitsbrei eines Coca-Cola- und-McDonald‘s-Paradieses“. Die Stimmung im Saal wird schwitzig und johlend, aus überwiegend freundlichen und friedlichen Zeitgenossen sind polternde Eiferer einer neuen konservativen Revolution geworden. An die jungen Monarchisten gerichtet, sagt Märklein: „Das sind Keime, die ich hier reinschmeiße, auf dass sie irgendwann aufgehen.“ Thomas Gross schaut noch einmal rüber, fast entschuldigend, dann beginnt auch er zu klatschen, laut und lärmend, als hätte der Kaiser endlich Ja gesagt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Ludwig Hasselberg schrieb am 27.10.2009 um 16:39
Interessanter Beitrag, und so unerwartet. Wer rechnet schon damit, dass noch über Leute berichtet wird, die ihre Lebenskraft darauf vergeuden auf einen Zug zu warten, der 1918 endgültig abgefahren ist. Und das verursacht durch die unverzeihliche Blödheit des letzten Repräsentanten eben jenes Systems, für das die Leute da eintreten.

Nee, das wird nix mehr - so vielversprechend das "Was-wäre-wenn" auch sein mag. Denn wofür sich viele nicht interessieren: man kann sich doch glücklich schätzen, wenn man Bürger einer der zahlreichen konstitutionellen Monarchien in Europa ist. Gibt es z. B. eine schönere Vorstellung, als Niederländer oder Däne zu sein? Diese Länder sind doch gut gefahren mit ihren Monarchen und über jeden Zweifel erhaben. Und man stelle sich vor, welche politischen Trümmerhaufen Spanien, Belgien oder Großbritannien heute wohl ohne ihre Monarchie wären. Und dann sehe man sich die Staaten an, deren Bürger sich womöglich für ihre republikanische Tradition feiern. Die Windhunde an Präsidenten, die die USA (Bush) und Frankreich (Sarkozy) hervorgebracht haben. Und das öffentliche Elend, das in so durchparlamentarisierten Staaten wie der BRD und Italien entstehen konnte.
Von daher könnte man auf Ideen kommen. Und dann aber gleich wieder vergessen.
zelotti schrieb am 28.10.2009 um 01:30
Sehr interessant. Schade nur, dass die anti-preussische Propaganda bedient wird. "Immerhin räumt er ein, dass die Militarisierung des zivilen Lebens in Preußen dem Weltkrieg und den Nazis den Boden bereitet habe." Viel zu wenig ist über die Progressivität Preussens und die Tradition des Freistaates Preussen bekannt. Die anti-preussische Propaganda, gerade der Engländer, war in der Bundesrepublik nicht zuletzt dienlich dem Herrschaftsanspruch des rheinischen Katholizismus. Preussen dagegen steht auch nach 45 für den liberalen Wertdiskurs.

Monarchie ist eigentlich eine seltsame Sache, denn dieser Mumpitz funktioniert ja tatsächlich. Wie schön, dass wir in einer Republik leben und die hat bekanntlich keinen Monarchen. Ich wäre dann aber mit den Prinzen für was anderes: Warum kann denn nicht mal ein Fussballer Bundespräsident werden? Oder wie wäre es statt dem Barroso einen Monarchen zu haben? Das wäre bestimmt spannender als der portugiesische autoritäre Herrschaftsstil und würde die EU mal vermenscheln.

Zum Herrn aus Jever sei angemerkt, dass das Fräulein auch ihre Untertanen ans Ausland verkaufte. Für Jever ist es kulturell bestimmend nicht Teil Ostfrieslands zu sein, darum diese Liebe der Bevölkerung zur Monarchin. Denn der Friese, der sagt doch: Lever dod as slaav. Und natürlich ist in Wahrheit alles zwischen Ems und Jade "Ost-Friesland".
h.yuren schrieb am 28.10.2009 um 12:36
hyde park corner ist überall.
donda schrieb am 28.10.2009 um 13:17
Preußisch-protestantischer Schnickschnack. Ich plädiere für eine Wiedergeburt der Monarchie aus dem Geist des Katholizismus. Der Niedergang der Werte fing mit der französischen Revolution an? Kaum! Spätestens mit Martin Luther gings los. Wie wäre es denn mit einem heiligen römischen Reich Europa? Wilhelm II, jämmerliches Bürschchen. Karl der Große, das war noch ein Kaiser!
Spamperrien schrieb am 29.10.2009 um 13:19
Georg Friedrich folgte 1995 nicht seinem Vater, sondern seinem Großvater als Chef des Hauses Hohenzollern. Sein Vater Louis Ferdinand ("Lulu") starb bereits 1977 an den Folgen der Verletzungen, die er während einer Bundeswehrübung erlitten hatte. Da war Georg Friedrich gerade mal ein Jahr alt. Die Nachfolge seines Großvaters konnte er nur antreten, weil die beiden älteren Brüder seines Vaters bürgerlich heirateten und sie sowie ihre Nachkommen von der Erbfolge ausgeschlossen wurden.


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