Alltag

Frauen & Musik | 02.11.2009 14:00 | Verena Reygers

Unabhängigkeit ist keine Frage der Lautstärke

Wieso auf schmerbäuchige Manager warten, wenn frau auch selber ein Label aufmachen kann? Ani DiFranco hat es vorgemacht, nun trauen sich auch andere an die Eigenvermarktung

Immer stärker entwerfen und entwickeln Musikerinnen ihre Karrieren selbst. Auch Frauen der leisen Töne, wie Singer/Songwriterinnen oder Folkmusikerinnen zupfen oft nicht mehr nur an ihren Instrumenten, sondern auch an den Fäden im Hintergrund. Ob es ums Management und Marketing geht oder darum die eigene Tour zu organisieren, vielleicht sogar ein eigenes Label zu gründen, immer öfter verhilft Do-it-yourself auch Musikerinnen zu kleinen oder größeren Erfolgen.

So wie bei der Österreicherin Clara Luzia. Die Musikerin mit dem Bubikopf steht für melancholische Songs, die mit Gitarre, Cello und Waschbrett dem Trübsinn Tempo machen. Gerade hat sie ihr drittes Album „The Ground Below“ veröffentlicht.

 

 

Clara Luzia ist Allround-Autodidaktin. Sie hat sich das Gitarrespielen selbst beigebracht und fing schon früh an, Songs zu schreiben und ein MusikerInnen-Netzwerk um sich zu scharen. Ihr Erfolg ist kein Raketenstart, mehr ein gleichmäßig aufsteigender Heißluftballon.

Die Eigenregie macht sich auch die Kleingeldprinzessin zunutze. Mittlerweile als Dota und die Stadtpiraten unterwegs, hat die ehemalige Straßenmusikerin und Weltreisende alle ihre Platten beim eigenen Label veröffentlicht.

Denn warum auf den schmerbäuchigen Musikmanager warten, der einer noch den Rock kürzen und das Dekolletee aufpolstern lässt, bevor er sie auf den Ruhm-for-a-Day-Laufsteg schickt. Lieber die Dinge selber in die Hand nehmen und wissen, woher, wofür und wohin.

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Im Interview mit dem Musikexpress erklärte Metric-Frontfrau Emily Haines dieses Jahr, wie entscheidend es auch für eine Musikerin ist, sich für die geschäftlichen Dinge zu interessieren. Haines, die auch als Solosängerin erfolgreich ist, hat zusammen mit ihrer Band ein eigenes Label gegründet und sieht auch bei KollegInnen den Trend zu stärkerer Eigenbeteiligung. Denn, wie sie ganz richtig sagt, ist es nicht als Erfolg zu werten, „nicht zu wissen, was läuft und den Leuten aus dem Business ausgeliefert zu sein.“
Ein Prinzip, das Ani Di Franco schon Mitte der neunziger Jahre umsetzte, indem sie als eine der ersten Musikerinnen ihr eigenes Label gründete. Auf Righteousbabe Records veröffentlichte die Amerikanerin ihre Alben im selbstbestimmten Turnus. Während die großen Plattenfirmen ihren Künstlern alle zwei bis drei Jahre eine Veröffentlichung zugestehen, erschienen DiFrancos Alben nun auch schon mal innerhalb weniger Monate.

Auch Haruko verzichtet auf einen Manager. Weil die Musikerin aus Niedersachsen erst seit 2008 regelmäßig unter diesem Namen auftritt, schafft sie das Organisatorische ganz gut allein. Außerdem sagt sie, fände sie es gut, „ alles Schritt für Schritt zu machen und selber planen zu können.“ Haruko spielt den zarten Akustik-Folk mit Zauberstaub-Patina, wie ihn Alela Diane oder Joanna Newsom populär gemacht haben.

Dass Haruko ihre Zerbrechlichkeit hinter der Bühne nicht einfach gegen eine Lara-Croft-Identität eintauscht, erschwert vielleicht ihre Verhandlungen: „Ich vertraue oft darauf, dass die Leute, mit denen ich verhandeln muss, ehrlich sind und dass die Bezahlung stimmt,“ gibt sie zu. Aber immerhin, Haruko treibt ihre musikalische Karriere Schritt für Schritt mit den eigenen Mitteln und Fähigkeiten voran – so wie viele andere Musikerinnen auch, deren Musik eher leise und unaufdringlich ist. Unabhängigkeit ist eben keine Frage der Lautstärke.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 03.11.2009 um 12:39
Liebe Verena Reygers,

schönes Video mit guter Musik und sehr guter Blog. Danke. Ich denke auch , dass die Frauen, dass können und auf die Manager nicht angewiesen sind. Gerade so kreative Menschen können sich ja durch alles durcharbeiten und gerade die Indi-Musikerinnen haben es ja oft mit den Plattenfirmen schwer, weil sie sich mit ihrer Kunst eben nicht so leicht in ein vorgepreßtes Schema pressen lassen wollen.
Ich habe auch mal so eine Musikerin gekannt, die für ihr eignes Ding sogar einen Rechtsstreit mit einem großen deutschen Privatsender mit all seinen Folgen in Kauf genommen hat. Das erfordert Mut. Diese Frauen haben die Chance solchen Unerfreulichkeiten im Musikgeschäft aus dem Weg zu gehen.

Herzliche Grüße

por
holstebro schrieb am 03.11.2009 um 21:22
Liebe Verena,

künstlerisch gesehen ist das self-made ja immer wünschenswert, besonders für den/die KünstlerIn, insofern ist es in jeder Form zu begrüßen, wenn MusikerInnen sich von keinem Label in ihr Werk reinquatschen lassen. Auch das war mal der Grundgedanke von DIY, des Hardcore, Punk und Metal (weiterhin, leider, männliche Domäne), der in vielen aus der Zeit hervorgegangenen Labels jedoch von Majors geschluckt wurde (rühmliche Ausnahme spontan: Epitaph). Gerade in Zeiten der Vernetzung und der sich kaum lohnenden Produktions- und Aufnahmekosten für viele ein interessanter Weg (siehe zuletzt sogar ein Anbiedermann wie Westernhagen).

BTW: Was ist in diesem Zusammenhang eigentlich von Soap&Skin zu halten?

Weiterhin danke für die Veröffentlichung interessanter Acts und Strömungen,

h.
Verena Reygers schrieb am 04.11.2009 um 14:26
@ holstebro

Soap&Skin in dieser Kategorie einzuordnen, fällt mir schwer - Sie ist eine so außergewöhnliche Künstlerin, die als Person über so gar kein Verkaufstalent der eigenen Marke verfügt. Einfach, weil der Mensch Anja Plaschg unheimlich zurückhaltend und ausweichend ist, und diese Haltung auch nicht "fürs Geschäftliche" aufgibt. Den D.I.Y.-Gedanken vertritt sie natürlich trotzdem, in dem sie ihr Artwork, ihre Fotos und Videos selber macht - das aber wohl vor allem aus der Angst vor Kontrollverlust. Und klar, hätte sie über ihre myspace-Seite nicht Labels kontaktiert, wären die wohl kaum auf das Dorf, in dem sie lebte, gekommen...

Was denken Sie?!
Daniel Bloch schrieb am 05.11.2009 um 00:19
ein guter Artikel. Und ich habe noch was dazu gelernt und bin auf neue Künstlerinnen aufmerksam gemacht worden. Mehr kann mensch nicht verlangen.

Danke.


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