Alltag

Bildungsstreik | 24.11.2009 13:10 | Christoph Bieber

Es ist Bewegung im Netz

Anfangs vernachlässigten Studierende in Deutschland bei den Hochschulprotesten das Internet. Jetzt mobilisieren auch sie sich darüber. Wie wirkungsmächtig kann das sein?

Die Hochschulproteste haben ihre kritische Anfangsphase überstanden und stabilisieren sich – zu Beginn der Woche waren etwa sechzig Hochschulen besetzt und in vielen Fällen war ein Ende nicht abzusehen. Warum auch? Die Öffentlichkeit betrachtet die Blockaden mit Wohlwollen und das wachsende Unbehagen mit den Bologna-Modernisierungen begünstigt das Streik-Klima. Das durch die neue Regierung lauthals ausgerufene Wort von der „Bildungsrepublik Deutschland“ klingt noch in den Ohren – und muss sich nun einem „Reality Check“ unterziehen lassen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten nutzen die Studierenden das Internet nun intensiver – der schnell wachsende Schilderwald auf der Google-Protestlandkarte wurde bereits mehr als eine Million mal angeklickt: die Streikstandorte vernetzen und motivieren sich über das Web 2.0. Unzählige Videos von Hörsaalbesetzungen, Vollversammlungen und Demonstrationen dokumentieren die Aktivitäten besser denn je, über Twitter werden Neuigkeiten rasch verbreitet – die Do-it-yourself-Öffentlichkeit im Netz ist so vielschichtig geworden, dass eine „digitale Wiedervereingung“ der Proteste über Portalseiten wie unsereunis.de und unibrennt.tv, Wikis oder Twitter-Listen wie „Das Thema Bildung brennt“ notwendig wird.

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Auch Hashtags, Erkennungsmarken, wie #unsereuni, #unibrennt oder #bildungsstreik spielen eine große Rolle für den Zusammenhalt der digitalen Proteste. Von Österreich ausgehend haben sich diese Begriffe nachhaltig in Rankings wie Twitter Trends oder Dwitter eingenistet. Neben der Funktion der Erkennungsmarke in der Kurzmitteilungsflut können gut gewählte Hashtags auch zur Pointierung und Unterstützung eines Kampagnenanliegens beitragen – das beste Beispiel in Deutschland ist sicher #zensursula, das gleichermaßen als Erkennungsmerkmal und politische Aussage funktioniert hat.
Reichweite und Qualität der Portalseiten und anderer Integrations-Angebote dürften in den nächsten Tagen und Wochen die Wirkungsmacht der Protest-Kommunikation auch außerhalb des Netzes bestimmen.

Auf eine wesentliche Triebfeder der #zensursula-Kampagne wird der „Bildungsstreik“ dabei verzichten müssen: Eine Verdichtung des Konflikts durch herausragende Protagonisten wie bei der Debatte um die Internetsperren ist nicht in Sicht. Ein zusätzliches Problem ist die Politikverflechtungsfalle – eine Fokussierung der Proteste etwa auf Annette Schavan als zuständige Bundesministerin nimmt andere Akteure wie die Kultusminister oder auch die Hochschulen selbst aus der Schusslinie.

Einen Ansatzpunkt bieten könnte jedoch die Kultusministerkonferenz am 10. Dezember in Bonn: Gerade für flüchtige digitale Bewegungen sind solche Ankertermine wichtig – gut zu beobachten bei der Bundestagsabstimmung über das Zugangserschwerungsgesetz im Juni. Die Orientierung darauf erleichtert die konkrete Protestarbeit und eröffnet Spiel- und Diskussionsräume für neue Impulse: etwa eine digital organisierte Vorauswahl der besten Protestaktionen („Deutschland sucht die Superdemo“) oder eine „Rekrutierungs-Rallye“ – welche Hochschule bringt die meisten Teilnehmer nach Bonn?
Online ist die „Bildungsrepublik Deutschland“ bereits in Bewegung geraten – offline dagegen noch nicht.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
sputnik-suedstern schrieb am 24.11.2009 um 13:47
Ein Kernproblem, das neben den Studierenden ebenso auch andere soziale Proteste in Deutschland haben, ist das Fehlen einer breiten gesellschaftlichen Solidarisierung. Dazu gehört, das Professoren und außerhochschulische Personen des öffentlichen Lebens die Vielschichtigkeit der Forderungen aufgreifen und helfen, den Protest auch auf medialer Ebene zu kanalisieren. Die Komplexität der (erst entstandenen) Probleme hängen mit der formalen "Autonomisierung" der Hochschulen zusammen. Die Präsidenten fungieren als Unternehmensleiter, die demokratische Mitsprache und Entscheidung anderer Hochschulgruppen nimmt immer mehr ab. Auch das Ping-Pong-Spiel zwischen Bundes- und Landesebene trägt zum "Übertönen" der eigentlichen Forderungsrichtlinie mit bei.
Fest steht, das innerhalb der rohstoffarmen Bundesrepublik Bildung das wesentliche (Export)-Gut ist und das die Notstandsäußerungen von Seite der offiziell für Bologna Verantwortlichen zeigen, das auch hier scheinbar der Sozialabbau und die Wirtschaftskonformität an den Hochschulen weiter betrieben werden soll.
Es muss dazu ein deutliches "Nein" erreicht und argumentativ untermauert werden.
Pantalaimon schrieb am 24.11.2009 um 15:39
Fest steht, das innerhalb der rohstoffarmen Bundesrepublik Bildung das wesentliche (Export)-Gut ist und das die Notstandsäußerungen von Seite der offiziell für Bologna Verantwortlichen zeigen, das auch hier scheinbar der Sozialabbau und die Wirtschaftskonformität an den Hochschulen weiter betrieben werden soll.


Richtig, viele Leute in der Forschung versuchen ins Ausland und am besten über den Teich zu kommen, weil die Bedingungen da besser sind, dies gilt auch für die Firmen, die dort auf offenere Arme treffen als in den postkommunistischen Gemeinschaften an deutschen Unis. Braindrain ftw.
gweberbv schrieb am 25.11.2009 um 18:59
Der sogenannte Braindrain hat nun überhaupt nichts mit den Studienbedingungen in Deutschland zu tun. Da wandern in der Regel nicht Studenten ab sondern ausgebildete Forscher - also ab Promotion aufwärts.
Und in den USA werden sie mit offenen Armen empfangen, gerade weil die universitäre Ausbildung hierzulande - zumindest was die Natur- und Ingenieurswissenschaften angeht - einen sehr, sehr guten Ruf geniest. Man kann ja mal in Berkeley über den Campus schlendern und nachschauen, wieviele der dort Studierenden und Lehrenden tatsächlich ein Produkt des US-amerikanischen Bildungswesen sind. Der Großteil ist Importware, nicht selten made in Germany.
zelotti schrieb am 26.11.2009 um 12:51
"Fest steht, das innerhalb der rohstoffarmen Bundesrepublik Bildung das wesentliche (Export)-Gut ist..."

Es ist einfach abscheulich wie Bildung von Ihnen als Wirtschaftsgut begriffen wird und ökonomischen Zwecken untergeordnet wird.

Für mich ist die Hierarchie andersherum.

Der Bologna-Prozess ist ein undemokratisches Kulturengineering über die EU-Ebene, über das Bildung wirtschaftlichen Zwecken untergeordnete wird. Gar nicht mal Bologna selbst, Bologna selbst ist inhaltsleer, es war lediglich der Prozess, der eine Öffnung für vielfältigen Reformen brachte. Ich habe damals den Eifer der Reform geteilt, weil er auf eine ins Larifari verfranzten chaotischen Unilandschaft der Selbstverwaltung stammte, die etwas mehr Orientierung wollte. Nach Bologna muss aber nun wieder Humboldt kommen. Das Vermessen und Knechten der Studenten muss aufhören.
Pantalaimon schrieb am 24.11.2009 um 15:35
Diese Unibrennt-Aktion ist bestenfalls unkoordiniert und die Forderungen und durchdacht.
Aus dem Kasseler Flyer:

[...]Freiheit von Forschung ohne Einflussnahme der Industrie und Wirtschaft[...]
Großes Kino, wie soll so an Deutschen Unis noch geforscht werden wenn das Geld der Firmen fehlt? Mit dieser ideologischen Einstellungen werden auch weiterhin die Amis die Platzhirsche bleiben.

Oder hier: [...] Gegen Studiengebühr und sonstige Abgaben.

In Kassel haben wir "nur" sonstige Abgaben, darüber werden Rabatte in der Mensa und das NVV-Tarifgebietweite Semesterticket und vieles mehr finanziert. Ich glaube zu viele nehmen das als Selbstverständlich hin.
Apropos, viele Arbeiten an den Gebäden sind angelaufen, weil Geld durch viele Studenten von anderen Bundesländern angespült kommt. Dies ist bei den 50er Plattenbauten auch nötig geworden.

Toll sind auch die vielen Buzzwörter wie "prekäre Beschäftigunsverhältnisse", keiner weis genau was das ist aber alle sind dagegen... *augenroll*.

Da Kassel eine sozialistische Hochburg ist (4 von 5 Asta-Fraktionen sind linksalternativ, die andere ist CDU), fühle ich mich einsam und nicht vertreten durch die Proteste.
nosferatu schrieb am 25.11.2009 um 17:02
Es geht, soweit ich das bisher verstanden habe und auch vertrete (siehe mein Blog), geht es beim Bildungsstreik um mehr als um Standortverbesserung, frei nach dem Motto: gemeinsam ziehen wir den Standort aus dem Dreck....NEIN!! es geht um mehr und das fängt mehr fängt bei einer gebührenfreien Bildung (von der KiTa bis zur Hochschule) an - und dass in Kassel Gebührenfreiheit gefordert wird, zeigt doch nur, das sie sich -zu Recht! - mit den Aktivistas in den anderen Bundesländern solidarisch zeigen. Darüber hinaus wurden Studiengebühren in Hessen auch nur durch studentische Proteste gekippt!

Zu den konkreten Kritikpunkten:
Keine Forschung ohne Firmengeld? Nun, wenn sich der Staat aus der Finanzierung peu a peu zurückzieht, wird es tatsächlich problematisch. Immer noch liegt der Anteil der Bildungsausgaben in ...tschland weit unter dem OECD-Durchschnitt. Aus meiner Sicht wäre eine finanzielle Unterstützung von privater Seite auch weniger problematisch, wenn es eine ausreichende gesicherte Finanzierung und stabile gelebte demokratische Strukturen gäbe....gibt es nun aber leider im Moment (noch!!) nicht.

Keiner wisse was prekäre Beschäftigungsverhältnisse seien? Nun, frag doch einfach mal die studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräfte, wie lange ihre Verträge laufen, wie gut sie abgesichert sind usw. Oder die Doktorand_innen die teilweise komplett unbezahlt (!!) Seminare geben (müssen). So fielen in Marburg bei einem Streik unbezahlter Seminardozent_innen in der Philosophie Pflichtmodule aus!

soviel dazu, Für Solidarität und Freie Bildung!

P.S. und was die CDU in der Bildungspolitik vorhat und wie sie mit Protesten umgeht, hat man 2006 in Hessen ausreichend mitbekommen
zelotti schrieb am 26.11.2009 um 12:56
Es fehlt den Studentenprotesten ein gutes Feindbild.

Ich verstehe nicht, warum es den Menschen an den Universitäten heute so massiv schlechter gehen soll als vor 20 Jahren. Der Grund ist die Abwesenheit von Interessenvertretung der Studenten - bisher. Protest ist der falsche Begriff und Ineffektiv. Universitäten müssen endlich von den Einmischungen des Staates und der Wirtschaft befreit werden und sich allein um die Bildung kümmern.

Wer sich zum Dienstleister macht, der wird zum Knecht bildungsferner Polit- und Wirtschaftseliten.


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