Alltag

Steuerpläne | 21.12.2009 14:00 | Katrin Rönicke

Sie schenken das Land kaputt

Statt schöner Bescherung sagt unsere Kolumnistin: Liebe Regierung, deine Geschenke will ich nicht! So eine Krisenpolitik ist gefährlich!

Ab Januar bekommt meine Familie mehr Geld: Mit zwei Kindern sind das 40 Euro Plus pro Monat. Anstatt mich aber höflich und artig zu freuen und zu bedanken, möchte ich am liebsten fragen, wohin ich das Geld zurück überweisen kann – ich will es nicht. Es klebt vielleicht kein Blut daran, wohl aber übergroße Dummheit und die verbauten Zukunftschancen vieler Kinder in diesem Land. Dabei klingt es ja zunächst nett, lieb und für manche vielleicht sogar logisch: Wir wollen den Familien mehr Geld geben, denn Familien sind uns wichtig - so die Botschaft der neuen Regierung. Und: Wir wollen die Leistungsträger dieser Gesellschaft entlasten – natürlich steuerlich. Es klingt so beschaulich schön, vor allem in Krisentagen. Sollte uns nicht warm ums Herz werden bei diesen Segnungen?

Mir wird es eher kalt. All diese Geldgeschenke sind reinste Eliten-Förderungs-Politik. Es wird denen nützen, denen es in der Krise noch immer recht gut geht. Von Steuerersparnissen hat nur etwas, wer überhaupt Steuern zahlt. Vom Mehr an Kindergeld hat die Hartz-IV-Familie überhaupt nichts. Der Ansatz, in Krisenzeiten zu investieren und in „Guten Zeiten“ zu sparen, ist sicherlich ein breiter Konsens. Doch die Frage, worin man in Krisenzeiten investieren sollte, ist stark umstritten. Eine liberale Finanzpolitik investiert am liebsten in die eigene Klientel. Die bürgerliche Mitte freut’s. Die Gegenseite möchte das Geld in den Institutionen des Staates sehen, vor allem denen der Bildung. Auf dieser Seite stehe auch ich.

Geld für Kitas, bitte!

Ich würde gerne das Mehr an Kindergeld zurückgeben, damit es in den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichen investiert wird. Denn dort liegt die Zukunft wirklich. Und ich meine nicht nur den quantitativen Ausbau: Auch die Qualität ist vielerorts verbesserungsbedürftig. Ein Betreuungsschlüssel von 4:1, wie er in finnischen Kindertagesstätten normal ist, ist ja sogar rein wirtschaftlich gesehen eine extrem gute Investition in die Zukunft. Jeder investierte Euro kommt um ein Vielfaches zurück in die Staatskassen. Sozialpolitisch ist es aber noch wichtiger. Projekte der sogenannten"kompensatorischen Erziehung", die es weltweit gibt, zeigen, dass vor allem die Förderung von sozial schwachen Familien und Kindern sich hinterher besonders auszahlt: Die Risiken sozial abgehängt zu werden verringern sich deutlich – was wiederum gut für die gesamte Gesellschaft ist.

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In Deutschland machen wir gerade das Gegenteil. Nicht nur, dass wir an Hartz-IV-Empfänger eine Moral anlegen, die stark in Richtung Arbeitszwang tendiert und sie mit Negativerwartungen überfrachtet (Stichwort „Florida-Rolf“). Von all den Geschenken, die uns von der neuen Regierung beschert werden, kriegen sie nichts. Um hier einen vermeintlichen Ausgleich zu schaffen, wurde eine ganz besonders absurde Diskussion vom Zaun gebrochen: Die „Betreuungsgeld versus Gutscheinmodell“-Diskussion. Man solle doch den Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen (ob nun freiwillig oder aus Mangel an Kindertagesstätten ist ja egal) auch Anerkennung gewähren, sagt die eine Seite. Anerkennung natürlich in Form von Geld. Davon haben wir ja gerade sehr viel übrig – so muss es scheinen. Nein nein! Schimpft die Gegenseite, ohne in Frage zu stellen, dass Geld verschenkt werden sollte: Das Geld muss in Form von Gutscheinen in die Familien, damit die Kinder auch wirklich direkt davon etwas haben (die Eltern sollen es ja nicht für Alkohol verprassen)! Andere fänden es am besten, Hartz-IV-Familien Gutscheine und dem Rest das Betreuungsgeld zu schenken. Einer Bewertung dieses Vorschlags enthalte ich mich lieber gänzlich, denn dafür fehlen mir einfach die Worte.

Eine absurde Geldgeschenk-Debatte jagt also die nächste. Dass nun sogar der Bundesrechnungshof die Verschuldung in scharfen Worten anmahnte; dass die Sozialforschung mit erhobenem Zeigefinger mittels Studien mahnt, dass Nachhaltigkeit wirklich völlig anders aussehen muss und gerade bei jenen ansetzen muss, die in der Gefahr sind, sozial abgehängt zu werden; dass viele Länder jetzt schon Probleme haben, ihre Schulen qualitativ zu erhalten – geschweige denn abzubauen – und nach den Steuergeschenken noch weniger Geld dafür haben werden – all das scheint weder Schwarz noch Gelb zu interessieren. Die Institutionen werden mehr und mehr kaputt gespart und diese Politik dann euphemistisch „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ genannt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Anne Roth schrieb am 21.12.2009 um 15:58
Das kann ich gut nachempfinden. Als die Nachricht vom erhöhten Kindergeld kam, hatte ich die Idee, das Geld an Initiativen weiterzugeben, die konkret Kinder aus Hartz-IV-Familien unterstützen.

Meine Idee, dazu eine Website oder Petition zu machen, bei der viele öffentlich ihren Protest gegen die Förderung derer erklären, die das Geld in der Regel nicht wirklich brauchen, und ihre Bereitschaft erklären, das Geld zu spenden, ist leider noch nicht in die Tat umgesetzt, aber der Ekel bleibt.

Natürlich ändert das mehr oder weniger individuelle Spenden nichts am Problem an sich, deswegen wäre mein Vorschlag, die Ablehnung auch öffentlich zu erklären.

Mir fehlen vorläufig noch Namen und Adressen zu Initiativen, die das Geld gebrauchen könnten.

-> Kindergeld-Erhöhung - für wen?
Susanne Lang schrieb am 22.12.2009 um 11:20
Liebe Anne Roth,

eine sehr gute Idee finde ich! Wir könnten doch hier mal beginnen, mit einem Aufruf - das kann nicht alles sein, aber eben ein Anfang?

Herzlich
Susanne Lang
Katrin Rönicke schrieb am 23.12.2009 um 11:16
Hallo Anne,

das finde ich auch eine sehr gute Idee. Ich wäre sofort dabei! Ich würde die Aktion auch an allen mir zugänglichen Stellen "promoten" und versuchen, möglichst viele UnterstützerInnen zu gewinnen.

Liebe Grüße,
Katrin
Hermanitou schrieb am 23.12.2009 um 14:52
Eine sehr gute Idee. Ich leite eine Kindertagesstätte und weiß, daß die großartig propagierte Bildung und Betreuungsqualität immer dann über den Jordan geht, wenn kein Geld da ist bzw. wie richtig geschildert, an falscher Stelle ausgegeben wird.
Sowohl einen Aufruf unterstütze ich, aber auch die persönliche Weitergabe an sinnvolle Initiativen. Ich würde mich natürlich auch als Mit-Multiplikator zur Verfügung stellen.

Lieben Gruß
Hermann
drikkes schrieb am 21.12.2009 um 16:05
Eine liberale Finanzpolitik investiert am liebsten in die eigene Klientel. Die bürgerliche Mitte freut’s.
Sie wundern sich nicht ernsthaft darüber, daß die Regierung Politik im Sinne derer macht, die sie gewählt hat?
drikkes schrieb am 21.12.2009 um 16:05
Die Zitatkennzeichnung ist leider auf der Strecke geblieben...
Emu schrieb am 21.12.2009 um 16:23
Liebe Katrin,
sprichst mir wie immer aus der Seele!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 22.12.2009 um 15:31
Zum Inhalt gibt's von mir keinen Widerspruch. Nur ein Hinweis: "dass viele Länder jetzt schon Probleme haben, ihre Schulen qualitativ zu erhalten – geschweige denn abzubauen -..."
Sollte sicher "auszubauen" heißen.
Katrin Rönicke schrieb am 23.12.2009 um 11:09
oh - vielen Dank für den Hinweis. Das sollte schnell geändert sein.
Rahab schrieb am 23.12.2009 um 11:35
passend zum thema: www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/sie-muessen-deutsch-koennen/

und ... "sozial schwach" ... wie wär's mit arm?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 16:02
@Rahab
Da stimme ich Dir zu.
Politisch korrekt wäre allerdings: "ökonomisch benachteiligt". :)
Ob man Arme arm nennen darf, war auch schon Gegenstand tiefschürfender Diskussionen.
Siehe hier: forum.thefreedictionary.com/postst821_Is--poor--politically-incorrect-.aspx

Hier haben wir es offensichtlich mit einem der seltenen Fälle zu tun, wo die Sprachregelung in Deutschland noch "fortschrittlicher" ist als in den USA. Zwar hat sich sicher auch Adolf Merckle "ökonomisch benachteiligt" gefühlt, als er sich zwecks Suizid auf die Schienen legte, aber wohl kaum "sozial schwach".
Der letztere Begriff suggeriert eine mangelnde Anpassungsfähigkeit an soziale Gegebenheiten (sprich: gesellschaftliche Anforderungen) und schiebt implizit dem Armen die Schuld dafür zu, arm zu sein.
merdeister schrieb am 23.12.2009 um 11:49
Unfassbar, so eine Ungerechtigkeit lässt die Kanzlerin aller Deutschen zu?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 16:25
Geschenke sind die von Regierenden zu gern Regierten.
Das Kindergeld den Familien, die es gar nicht mehr gibt,
von der Bürgerlichkeit Desozialisierte schneiden nicht nur schlechter ab, sondern sich selbst ins Fleisch.
Das Umlageverfahren legt immer dieselben um, nämlich die, die schon umgelegt wurden.
Das aber gilt als Mehrwert. Niemand steuert um.
MartinReed schrieb am 07.01.2010 um 01:22
Der Staat sollte allen Eltern alle Kinder abnehmen, um diese den Opferländern des 2.WK zu spenden!
Dann würde deutschland endlich verecken und andere hätten billige Arbeiter...
Ach ja das Kindergeld sollte auch gleich mitfließen!


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