Alltag

Netzgeschichte | 15.01.2010 18:30 | Jan Pfaff

Hinter der chinesischen Mauer

Google will sich in China nicht länger der staatlichen Zensur beugen. Aber wie sieht die eigentlich genau aus? Ein kleines Zusatzprogramm für den Firefox-Browser zeigt es

Es sind nur drei, vier Klicks und man befindet sich virtuell in China. Mit einer kleinen Zusatzfunktion für den Firefox-Browser, einem Add-on, kann man vom heimischen Schreibtisch aus testen, wie Chinesen das Internet erleben. Nachrichtenseiten von der BBC oder Spiegel Online sind zeitweise nicht erreichbar, Google findet auf einmal bei Begriffen wie "Tibet" und "Tiananmen" viele Texte und Bilder nicht mehr und der Browser verhält sich, als ob die Seite von Amnesty International nicht existiert. Das Internet-Projekt China Channel will auf Online-Zensur aufmerksam machen, in dem es sie erlebbar macht.

Hinter China Channel stecken die Medienkünstler Aram Bartholl aus Berlin und Evan Roth aus New York. Der Stuttgarter Informatikstudent Tobias Leingruber hat die Software geschrieben. Ist das Add-on am Browser aktiviert, nimmt der Rechner zum Schein eine chinesische Identität an. Der User kann dann nur noch über chinesische Server auf das Internet zugreifen. Die Umleitung braucht allerdings ihre Zeit. Das Add-on sorgt deshalb nicht nur für zahlreiche blinde Flecken im Netz, sondern macht das Surfen sehr langsam. Dafür erhält man einen Eindruck der chinesischen Zensur in Echtzeit. Damit lässt sich auch nachvollziehen, wie sich die Zensur der Behörden verfeinert hat.

Verfeinerte Zensur

Nach Schätzungen sind in China 30.000 Zensoren jeden Tag damit beschäftigt, Webseiten, Chatrooms und Internetforen nach unliebsamen Einträgen zu durchsuchen. Zu Beginn setzte man auf das Rasenmäher-Prinzip: Seiten, die im Verdacht standen, kritisch über bestimmte Reizthemen zu berichten, wurden einfach komplett blockiert. Seit einigen Jahren sind aber auch Online-Angebote wie die englische Wikipedia meist problemlos aufrufbar. Stattdessen werden nur einzelne Inhalte blockiert. Durchsucht man Wikipedia nach dem Begriff "Tiananmen", erhält man daher auch einen Eintrag über den Platz des Himmlischen Friedens. Nur der Link zu dem Beitrag über die Niederschlagung der Proteste von 1989 ist tot. Er führt in China auf eine weiße Seite.

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Diese verfeinerte Zensur zeigt "China Channel" sehr anschaulich. Das Kunstprojekt wurde bereits im Oktober 2008 online gestellt, damals auch als Protest gegen die Selbstzensur, der sich Google bisher unterwarf, um auf dem chinesischen Markt mit seinen 340 Millionen Nutzern dabei zu sein. Im Oktober 2008 konnten die Medienkünstler ihr Projekt in Hongkong vorstellen. Sie stellten als Installation zwei Computer auf. Einer der Rechner hatte eine freie Internet-Verbindung, der andere eine chinesische Verbindung. Die Resonanz auf die Installation war groß. Die Aufmerksamkeit für das Online-Projekt brachte dann allerdings auch neue Probleme mit sich – in einigen Regionen Chinas wurde die Seite "China Channel" umgehend zensiert. 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
zhude schrieb am 17.01.2010 um 13:14
Ich lese diesen Artikel gerade in Shanghai. Müsste doch eigentlich zensiert sein, oder?
zhude schrieb am 17.01.2010 um 13:54
Die Neugier hat mich jetzt doch getrieben, mal bei Wikipedia nachzusehen. Tiananmen-Massaker (deutsch). Tiananmen-Protests (englisch) erscheint ohne Probleme auf meinem Bildschirm in Shanghai. Es gibt Internet-Zensur in China, z.B. um facebook aufzurufen muss man über einen Proxi-Server gehen, es geht aber und jeder, der will kann solche Wege rausfinden. Zumindest einer Fremdsprache mächtige Internetnutzer können sich sehr umfassend informieren.
Jan Pfaff schrieb am 18.01.2010 um 09:58
@zhude. Okay, klar mit einer Proxy-Server-Umleitung ist so einiges möglich. Aber es will ja nicht jeder immer diesen Aufwand treiben.

Haben Sie gecheckt, ob es beim englischen Tiananmen-Text einen Unterschied gibt zwischen dem Zugriff über einen Proxy-Server und einem direkten Zugriff? Würde mich interessieren.
zhude schrieb am 18.01.2010 um 12:22
Wikipedia habe ich nicht über einen Proxy geladen, sondern ganz direkt, von Tiananmen Square gibt es einen link zu Tiananmen Protests, der auch ganz normal erscheint. Den Proxy für Wikipedia kenne ich nicht. Ich kopiere mal eine Stelle aus Tainanmen Square:
*

The protests of 1989 resulted in the massacre of Chinese protesters in the streets to the west of the square and adjacent areas. Eyewitness accounts of the events on the night of June 3 and the early morning of June 4, 1989 continue to emerge from former student leaders and intellectuals, broadening the scope of the original reporting of the massacre by Western media outlets.
Jan Pfaff schrieb am 18.01.2010 um 12:31
Interessant, also bei mir fehlten da Seiten, aber der Zugriff, auf den ich mich beziehe, ist auch schon eine Weile her. Und dann auch nur mit dieser Umleitung über das Firefox-Addon.

Ich habe aber auch gelesen, dass Zensur regional unterschiedlich gehandhabt wird, so dass es vorkommen kann, dass in bestimmten Teilen Chinas Seiten zugänglich sind, die in anderen gesperrt sind. Wissen Sie darüber etwas? Und mit welchen Seiten außer Facebook haben Sie bisher Probleme erlebt?
zhude schrieb am 18.01.2010 um 13:09
Ich bin ein schlichter User und weiß nicht viel über Internetzugang bzw. Zensur in China, den Proxy für facebook habe ich von meinem Sohn. Vor einigen Jahren war ich in einer MacUser-Group (mehrheitlich Chinesen), dort wußten alle über Proxy-Server Bescheid.
Was mich an dem Artikel stört, ist die Gewissheit, mit der etwas Falsches behauptet wird ("...führt auf eine weiße Seite"). Leider üblich bei Beiträgen zu China.
Jan Pfaff schrieb am 18.01.2010 um 13:22
Wie gesagt: Das war bei mir so.


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