Alltag

Frauen & Musik | 25.01.2010 13:10 | Verena Reygers

Die Schwelle zwischen den Welten

Die Songwriter-Familie Wainwright-McGarrigle trug ihre Konflikte gern musikalisch aus. Nun ist Kate McGarrigle gestorben. Sie war das Kraftwerk des Musiker-Clans

Der Januar ist noch nicht ganz rum, da trägt die Musikwelt schon mehrfach den Trauerflor. Nicht nur starben vor wenigen Wochen der Folkmusiker Vic Chesnutt und Soulstimme Teddy Pendergrass, auch zwei Musikerinnen hat die Welt jüngst verloren: Kate McGarrigle und Lhasa de Sala. Die eine über Jahrzehnte maßgeblich für ihr Genre, die andere wandernd zwischen musikalischen und räumlichen Welten.

Kate McGarrigle wurde zusammen mit ihrer Schwester in den 70er Jahren als Folkmusikerin bekannt. Zehn Platten nahmen die McGarrigle Sisters auf und kollaborierten mit Künstlerinnen wie Emmylou Harris und Joan Baez, aber auch Nick Cave. Als Songschreiberin verfasste Anna zum Beispiel „Heart Like A Wheel“, den Titelsong eines der erfolgreichsten Linda-Ronstadt-Alben.

 

 

Die Künstlerfamilie der McGarrigles wuchs durch Kates Ehe mit dem Musiker Loudon Wainwright. Die beiden gemeinsamen Kinder Martha und Rufus Wainwright sind mittlerweile weit über die Nischen der Folkmusik hinaus bekannt: Rufus als operesker Indie-Barde und Martha zuletzt noch mit ihrer Adaption von Edith Piaf.

Folkmusik-Matriarchin nennt der Guardian die Kanadierin deshalb auch, und Laura Barton bezeichnet in ihrem Nachruf das Wurzeln in persönlichsten Welten, in häuslichen Szenen und familiären Schauplätzen, als die Stärke des Songwritings der Musikerin.

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Die Familienbeziehungen der McGarrigles-Wainwrights sind als liebevolle, traurige, wütende und sehnsüchtige Zeugnisse in zahllosen Songs verarbeitet worden. Nicht nur die kakophonische Scheidung des Ehepaars Kate und Loudon schlug sind in Songtexten nieder, auch widmete Martha Wainwright 2005 auf ihrem Debüt dem Vater einen Song, Titel: „Bloddy Mother F***ing A**hole“. Sie und ihr Vater hätten viele Songs über ihre Beziehung zueinander geschrieben“, erklärte sie in einem Interview, „aber wir haben nie über sie gesprochen“.

Für ihre Mutter findet Martha intimere Worte: Schon als Kind gemeinsam auf der Bühne zu stehen war ihre Art beisammen zu sein. Sie sei in einer sehr matriarchalischen Familie aufgewachsen, in der schon die Großmutter anders war, als es von Frauen zu dieser Zeit erwartet wurde .

Noch vor wenigen Wochen stand Kate McGarrigle beim Weihnachtskonzert mit ihrer Familie auf der Bühne der Londoner Royal Albert Hall für einen letzten gemeinsamen Auftritt – Sie starb am 18. Januar 2010 im Alter von 63 Jahren.

 

 

Mehr zu diesem Song und anderen, schreiben Jim Windolf in der Vanity Fair und Johannes Waechter im Musikblog der Süddeutschen Zeitung.

Ein viel geringes Echo in den Medien hat der Tod von Lhasa de Sela ausgelöst, die bereits Neujahr im Alter von nur 37 Jahren starb. Das beklagte auch Stefan Franzen beim Internetradio ByteFM und widmete der Songpoetin eine ganze Sendung unter dem Motto „Über die Straße legt sich Schweigen“, ein Zitat aus einem von Lhasa Songs.

Die in den USA geborene und Mexiko aufgewachsene Musikerin war eine multikulturelle Nomadin, die vor allem dem Genre Weltmusik zugeordnet wurde. Wohl auch, weil sie ihre Songs auf Englisch, Spanisch und Französisch sang und schrieb. Womit Lhasa außerdem beeindruckte war ihre Stimme, die, wie von feinem Sand aufgeraut, brillant genug war, um Glasscheiben zu zerschneiden.

 

 


Drei Alben hat Lhasa veröffentlicht: 1993 ihr Debüt La Llorona, 2003 The Living Road und im vergangenen Jahr das selbstbetitelte Album LHASA. Ein geplantes Werk über die südamerikanischen Prostestmusiker Víctor Jara und Violetta Parra blieb unvollendet. „Mit ihren polyglotten Balladen fügt sich die Sängerin Lhasa in die Reihe berühmter Melancholiker des Planeten“, schrieb die Taz 2004. Aber Lhasa bewegte sich nicht nur auf diesem Planeten, sie habe auch von der „Schwelle zwischen den Welten aus“ gesprochen, wird ein Freund auf ihrer Webseite zitiert. Mit den Tindersticks, diesen anderen großen Melancholikern, nahm sie als Duettpartnerin verschiedene Titel auf, unter anderem das wunderschöne „That Leaving Behind“. In der Nacht des 1. Januar 2010 erlag sie nach zweijährigem Kampf einem Brustkrebsleiden.

 
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Kommentare
Columbus schrieb am 26.01.2010 um 19:39
Liebe Frau Reygers,

„Cats in the cradle“

I
Sie nehmen eine Tradition auf, die in unseren Medien eher eine Seltenheit sind, aber in England und den USA zum guten Ton in Zeitungen dazu gehören, „Orbituaries“.

Auch „Anerkenntnis“- Konzerte, die eigentlich passende Übersetzung für „Tribute to“, kennen wir in Deutschland selten. Individuelle Bezüge zu einem anderen Musiker, Schriftsteller oder Maler werden nur ungern öffentlich eingestanden. So, als ob hier, bei uns, der eigene Status gefährdet ist, wenn man sich auf einen anderen Künstler bezieht und ihn als Quelle der Inspiration betrachtet. In Kanada gehört es zum guten Ton unter Künstlern, die eigenen Tradtionen und Bezüge immer wieder deutlich zu machen. Denke Sie nur an k.d.langs, „The 49th Parallel“ -Album.

Vielleicht liegt es daran, weil dieses große Land bevölkerungsarm ist und einen so großen, manchmal kulturell erdrückenden, Nachbarn hat. Aber Kanada ist auch ein Land mit eingestandenen und freudig angenommenen, globalen Wurzeln, ein Land der Immigration, in dem sich auch eine Lhasa de Sala, ohne ständig anzuecken, musikalisch hätte viel weiter entwickeln können.

Umso mehr freut es mich, wenn Sie nun der Kanadierin Kate McGarrigle und ihre jüngere Kollegin Lhasa de Sela ein Angedenken schenken. Lhasa de Sela starb in Montreal. Von den McGarrigles kannte ich einige Songs, sie wurden ja häufig gecovert, und von ihre Mitarbeit bei Filmprojekten. Von Lhasa de Sela höre ich nun zum ersten Mal.

So mache ich hiermit eine „kleine Anzeige“ für Kate McGarrigle und für Kanada:

www.youtube.com/watch?v=JB6-sH5jozA&feature=related

auf das harte Zeiten niemals wieder kommen:

„Hard times come again no more“, ein Song, der so aufgenommen zeigt, worauf sich alle Musik im weiten und leeren Land bezieht, fast nur Stimmen und Erinnerung:

www.youtube.com/watch?v=4YrfLnlrquo&feature=related

„Gentle Annie“ wird an der richtigen Sache allein weiter machen:

www.youtube.com/watch?v=rcbIjfLYxOY&feature=related

„Talk me of Mendocino“, geschrieben und gesungen in Ann Arbor. Die ebenso schlechte Klangqualität, gehört hier genau so hin, wie die verwirrenden Kamerafahrten des musikbegeisterten Hobbyfilmers:

www.youtube.com/watch?v=-hiUuRpUqs4&feature=related,

und füge noch einen Interviewausschnitt bei, der erklärt, warum man auch ohne Verkleidung ganz gut zurecht kommt im Leben. Vergleichen Sie die Moderatorin und deren Art zu fragen mit den Antworten Annies und Kates:

www.youtube.com/watch?v=8dbYc-w3Kcs&feature=related

Manche Künstler können von ihrem Publikum Abschied nehmen. Dazu gehört Kraft und viel Selbstbewusstsein. Andere reißt das Schicksal aus einer gerade beginnenden, erfolgreichen Karriere.

Kate McGarrigle, singt „Proserpina“ und erinnerte mich an einen Musiker, auf den sich heute noch viele Singer-Songwriter, Folkmusiker aber auch Pop- und Rockmusiker beziehen und dies auch eingestehen. Harry Chapin starb mit 38 Jahren, wohl an einem Herzinfarkt, der ihn am Steuer seines Wagens die Kontrolle verlieren ließ. So stieß er mit einem Lastwagen zusammen. Sicher vor dem Beginn einer Weltkarriere, die sich ganz und gar nicht über die Label- und Vermarktungsschiene einer Plattenfirma ergeben hätte, sondern aus seiner Art, professionell Musik zu machen, umwerfend gute Texte zu schreiben und mit anderen sehr guten Musikern konzentriert zusammen zu arbeiten und sein Publikum zu lieben. - Er war ausnahmsweise kein Kanadier.

„Cats In The Cradle“

www.youtube.com/watch?v=30LJIUdgB0g&feature=related

Selbstverständlich muss der LP-Mitschnitt knacken, schließlich geht es um die „Dance Band on the Titanic“. Harry Chapin singt „Mismatch“:

www.youtube.com/watch?v=FoGkdva7KcM

II
Die belgische Tennisspielerin, -Ist es bei ihr schon sportliche Kunst oder doch nur Training und Professionalität?- , Justine Henin, bekannte sich vor Zeiten dazu, keine Lust mehr zu haben und einfach mehr Dinge zu tun, die einen Menschen, eine Frau, auch ausmachen, z.B. Musik zu hören. - Nun spielt sie wieder Tennis. Die Auszeit hat ihr gut getan.

Sie nannte zwei Künstlerinnen, die in Belgien, Frankreich oder Kanada fast jedes Kind kennt, die aber bei uns relativ unbekannt sind, als ihre Lieblinge. Ich musste bei ihrem Kolumnen Beitrag auch an dieses beiden denken, und gleichzeitig daran, wie engstirnig der eigene Musikgeschmack doch manchmal werden kann, wenn diese andere Art populäre Musik zu machen, so wenig gezeigt und erwähnt wird, für die ja Kate McGarrigle und ihre Schwester Annie ebenso stehen, wie Maurane und Lara Fabian:

„Tu es mon autre“, im Duett: www.youtube.com/watch?v=BBYkgx0pcyQ&feature=related

Vielleicht sind diese beiden Ausnahmesängerinnen so interessant, sie in einer anderen Kolumne einmal ein wenig näher vorzustellen. - Annie und Kate hatten diesen Song zwar nicht im Repertoire, aber ihre Zusammenarbeit beruhte wortwörtlich auf jenem „Tu es mon autre“.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 27.01.2010 um 00:09
Es heißt natürliche Mauranne, mit doppeltem n.
Verena Reygers schrieb am 27.01.2010 um 17:52
Lieber "CC",

vielen Dank, dass für ihren ausführlichen Beitrag. Interessant, das Tribut-, oder Coversongs hierzulande noch ein Schattendasein führen sollen, ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Sicher, vor einigen Jahren hieß es sicherlich, zu covern sei der unoriginelle Versuch, sich fremder Lorbeeren zu bedienen... aber mittlerweile hat sich das doch schon sehr verändert. Übrigens, schön, dass Sie K.d. Lang in dem Zusammenhang erwähnen - eine sehr schöne Platte, auf der mir zum Beispiel die Version von "Case of You" fast besser gefällt als das Joni Mitchell Original.

Auch Lara Fabian ist eine tolle Künstlerin, die ja leider mehr durch ihre Popsongs aufgefallen ist, als durch ihre französischsprachigen Sachen. Einen Song, den ich vor allem wegen des Videos immer sehr mochte:

[youtube]Gm5S43YC2uo[/youtube]

Und was die kanadischen MusikerInnen angeht, da hatten wir uns ja beim letzten Mal schon ausgetauscht...

Eine schöne Restwoche wünscht Ihnen,
Verena Reygers
Verena Reygers schrieb am 27.01.2010 um 17:53
Ah Sorry, der Code fürs Embedden funktioniert wieder nicht, hier der Link:

www.youtube.com/watch?v=Gm5S43YC2uo
Axel Henrici schrieb am 27.01.2010 um 18:02
@Columbus: Und es heißt *obituary*, nicht "orbituary". Obwohl, wer weiß, in welche Umlaufbahn die Deceaseten danach geraten...;-)
Columbus schrieb am 27.01.2010 um 19:33
Axel Henrici schrieb am 27.01.2010 um 18:02:

Danke. Klar, niemand soll in eine Umlaufbahn. Schließlich wissen wir seit Gagarin, dass da zwar die ungewöhnlich schöne blaue Kugel unter einem ist, aber eben keine Engel und Toten, oder gar ein leibhaftiger Gott oder Teufel.

Liebe Grüße
C.Leusch
Columbus schrieb am 28.01.2010 um 12:38
Liebe "VRey",

Das mit den Cover-Versionen hängt natürlich auch an den naturgegebenen Möglichkeiten der Interpreten, oder an deren instrumentalen Fähigkeiten.

Ein Beispiel, das mit sofort wieder einfiel, Bruce Springsteens unendliche Versuche
"Atlantic City" zu singen und dazu das, was Levon Helm und seine Kollegen von "The Band" auf "Jericho" daraus gemacht haben.

Aber, es bleibt der spürbare Respekt für und vor heimlichen Hymnen.

"Tribute to", das meint ja so eine Art Erinnerung, eine Vergewisserung in wessen Fußstapfen man treten möchte, auf wessen Schultern..., wie ein geflügeltes Wort heißt, also
ein in die Gegenwart fortgeschriebenes offenes "Great American Songbook".

Für Kanada haben das
die wirklich Großen Künstlerinnen und Künstler immer gemacht. Zumal ja die Zweisprachigkeit noch ganz andere Eingemeindungen zulässt.

Die McGarrigle und die Wainwrights wissen was sie tun.

Liebe Grüße
und dawei,dawei

C. Leusch


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