Alltag

Ritual der Woche | 16.02.2010 15:00 | Mark Stöhr

Kann sie das nicht vorher üben?

Bei den Olympischen Spielen schaut man Sportarten, die einen sonst nicht interessieren. Man wird mit seltsamen Begriffen bombardiert. Und dann schreit noch der Nachbar

"Bleiben Sie dran, wenn Sie noch können", sagt Katrin Müller-Hohenstein, die ZDF-Frau bei den Olympischen Spielen, in ihrem Ausguck hoch über den Dächern von Whistler. In Kanada ist es noch Tag, in Deutschland schon lange dunkel. ARD und ZDF haben sich auf dem Dach des Hilton Ressort Hotels ihren Olympia-Stützpunkt eingerichtet. Das Studio aus feinstem Nussbaumholz ist nun für mehr als zwei Wochen die gute Stube eines ganzen Landes.

Es ist ein weiter Blick, den der gläserne TV-Palast freigibt. Ein paar Schneefetzen sind zu sehen, vor allem aber Bäume mit grünen Zweigen. Während die Zuschauer in Deutschland sich vor dem Permafrost ins gutgeheizte Wohnzimmer retten, ist in Kanada der Frühling im Anmarsch.

Das Wetter ist das große Thema in den ersten Tagen der Winterspiele. Ein Begriff machte wieder und wieder die Runde: „Sulzig“. Im ganzen Satz: „Der Schnee ist sulzig.“ Vor allem in den tiefer gelegenen Regionen, soll das heißen, pappt er und ist feucht vom vielen Regen. Er verhindert, so die Schlussfolgerung, für Magdalena Neuner im Biathlon-Sprint das erhoffte Gold, und die Herren in der deutschen Paradedisziplin bleiben regelrecht im Schneematsch stecken. Ein erster Dämpfer zur besten Sendezeit, die Stimmung ist daher auch dementsprechend: eher sulzig.

Rund 300 Stunden werden aus Kanada übertragen. Bei den letzten Olympischen Spielen in Turin belegte Deutschland im Medaillenspiegel den ersten Rang. Der deutsche Wintersport ist das, was dieses Land so gern auch noch bei seinen Exporten, im Autobau und im Bierkonsum wäre – der deutsche Wintersport ist Weltspitze. Das soll auch so bleiben. Dafür wird eine Menge öffentliches Kapital investiert. Das Fördersystem für die Athleten ist hochsubventioniert. Die Fernsehrechte kosteten über 100 Millionen Euro Gebührengelder. Doch die zahlende Kundschaft scheint den finanziellen Aufwand zu goutieren. Die Quoten haben fast Fußball-WM-Niveau, nur Public Viewing unter Heizpilzen hat bisher noch keiner vorgeschlagen.

Sieben Millionen wollen Biathlon sehen

Geguckt wird, was gerade dran ist. Am ersten Wochenende begleiten sieben Millionen Zuschauer die Biathlon-Herren bei ihrem kollektiven Scheitern, fast viereinhalb Millionen sind es noch weit nach 22 Uhr beim Langlauf der Nordischen Kombinierer. Selbst mitten in der Nacht, als die Freestyle-Skiing-Akrobaten eine Buckelpiste hinunterdonnern, gibt es noch Traumquoten. Bei Olympia ist keine Disziplin zu randständig, keine Zeitverschiebung zu Biorhythmus-feindlich. Die Fernsehnation verabredet sich zum letzten gemeinsamen Nenner: Sport.

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Die deutschen Athleten reüssieren dabei in seltsamen Disziplinen, die das restliche Jahr eigentlich niemanden interessieren. Was bei den Sommerspielen Kugelstoßen oder Diskuswerfen sind, sind im Winter Rodeln oder Bobfahren. Während andere Nationen in den alpinen Disziplinen glänzen und ihre Sportler für elegante Abfahrten und vogelgleiche Flüge lieben, klettern wir auf Hightech-Schlitten. Die Paten des Erfolgs sind Ingenieure, die ihre Rennmaschinen bis zur Perfektion im Windkanal getestet haben. Die Fahrer stecken in Reptilienanzügen und wollen so wenig Körper sein wie möglich. Wenn sie nicht fahren, wachsen und polieren sie die Kufen ihrer Schlitten. Auch so ein Begriff, der in der Berichterstattung immer wieder auftaucht: „das Material“. Der Zuschauer im deutschen Tiefland erfährt viel über das richtige Wachs und die Belastbarkeit der Kufen.

Der Olympia-Marathon vor dem Fernseher verändert dabei die Wahrnehmung. Während die eigene Zeit unwichtig wird, gewinnt die eingeblendete am unteren Bildrand an Bedeutung. Jeder Fehlschuss im Biathlon kostet eine Strafrunde. Und Nerven. Die Konkurrenten schnallen schon wieder ihre Gewehre um und kehren in die Loipe zurück – und der eigene Athlet vertrödelt seine Zeit auf der Strafrunde. Man beginnt, Dinge persönlich zu nehmen: Magdalena Neuner hat wieder einmal beim Stehendschießen versagt. Im Liegen trifft sie alles, doch sobald sie steht, schießt sie daneben. Kann sie das nicht vorher üben?

Schrei aus der Nachbarwohnung

Olympische Winterspiele – das ist auch ein Schrei nachts um zwei aus der Wohnung nebenan. Wenn man es nicht selber gerade gesehen hätte, wäre man besorgt: Felix Loch hat die erste deutsche Goldmedaille geholt. Natürlich im Rodeln. Er fuhr in jedem Lauf einen neuen Bahnrekord. Sein Sieg machte den Tod eines georgischen Rodlers zwei Tage vorher fast vergessen. Er habe den furchtbaren Unfall während der Fahrten ausgeblendet, sagte der frisch gebackene Olympiasieger. Dafür gibt es schließlich Mentaltrainer.

Bei Sportlern, die öfter im Scheinwerferlicht stehen als die Winterolympioniken, wirkt das im Medientraining leistungsoptimierte Sprechen oft seltsam aufgesetzt. Die meisten Winterathleten kommen aus Bayern und Thüringen. Ihre Mundart erdet daher die Sportler-Leerformeln und gibt ihrer Maschinenexistenz etwas Menschlich-Sympathisches. Wenn Magadalena Neuner hoch über den Dächern von Whistler zu Katrin Müller-Hohenstein sagt, "I hob mei Bestes geb’n", verzeiht man ihr sogar den Fehlschuss. Eineinhalb Sekunden fehlten ihr zum Sieg. Am Ende war vielleicht doch einfach der Schnee zu sulzig.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Jan Pfaff schrieb am 17.02.2010 um 09:51
Update: Jetzt hat es doch noch geklappt mit der Goldmedaille für Magdalena Neuner. Im Verfolgungsrennen über zehn Kilometer wurde sie am Dienstag Erste, obwohl sie im Stehen wieder mal vorbei geschossen hat. Allerdings nur zweimal. Da hat vielleicht das Üben am Wochenende doch geholfen...
huepf54 schrieb am 17.02.2010 um 15:29
Ja, das war echt ein schönes Rennen und eine starke Leistung von Magdalena Neuner. Und gerade die Art und Weise des Auftretens und der Kommunikation der Biathleten, macht sie irgendwie so sympatisch. Trotz ihrer Erfolge sind sie auf dem Boden der Tatsachen geblieben.


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