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Kultur : Konzerte auf gut Glück

Was macht man, wenn einen das Bedürfnis nach etwas Unvorhersehbarem überkommt? Man loggt sich bei Chatroulette ein. Mit etwas Glück erwischt man sogar ein Live-Konzert

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Der Zufall fristet in unserer Gesellschaft ein Schattendasein. Eingezwängt in kleinen Kugeln bei der Ziehung der Lottozahlen oder als Shuffle-Funktion des iPod kann er nur selten zeigen, was er wirklich vermag. Auch aus der Netzwelt soll er weitestgehend verbannt werden. Feinjustierte Suchalgorithmen versuchen den Kontakt mit etwas Unvorhergesehenem möglichst auszuschließen. Mit dem „Auf-gut-Glück“-Button bietet Google zwar ein wenig Spielerei und Überraschung. Aber wer sucht bei Google schon auf gut Glück?

Dass es aber trotzdem ein großes Bedürfnis gibt, sich mal überraschen zu lassen, zeigt der Erfolg des Portals Chatroulette.com. Teilnehmer, die sich mit ihrer Webcam in den Video-Chat einloggen, erhalten per Zufallsgenerator einen Gesprächspartner zugeteilt, irgendwo auf der Welt. Gefällt er nicht, genügt ein Klick und schon erscheint der nächste. Tausende Nutzer spielen so täglich mit dem Zufall.

Auch wenn viele Gesichter meist gelangweilt in ihre Webcam schauen oder mit obszönen Gesten auffallen, gibt es auch außergewöhnliche Ideen: Ein Pianist namens „Merton“, ein kauziger Chatrouletter mit Kapuzenpulli und Brille, platziert seine Webcam regelmäßig neben dem Klavier, loggt sich ein und haut für Unbekannte in die Tasten. Immer mit einem neuen Lied, speziell für seinen Chatpartner, spontan und improvisiert. Seitdem er die Mitschnitte seiner Chats vor knapp zwei Wochen bei Youtube online gestellt hat, klickten sich bereits über vier Millionen Besucher durch seine Stücke und machten ihn so zur ersten Chatroulette-Berühmtheit.

Mertons Klavierchat ist sogar so erfolgreich, dass es ihm nun auch bekannte Künstler gleichtun. Ben Folds, seines Zeichens Pianist und Sänger, der schon mit Tori Amos tourte, übertrug kürzlich eines seiner Konzerte live per Stream und nutzte für seine Zuhörerwahl ebenfalls den Zufallsgenerator von Chatroulette. Da klickt man nichtsahnend auf den Button und ist plötzlich mittendrin in der guten Laune hunderter Konzertbesucher. Und statt einem Chatter schaut einen ein großes Publikum auf der Bühnen-Leinwand an. Per Zufall kann man so selbst für ein paar Sekunden zum Star werden.

Eine Idee mit großem Potenzial. Beteiligten sich in Zukunft noch mehr Bands an dieser Zufalls-Community, ließe sich das als Shuffle-Funktion für Live-Konzerte verkaufen. Metallica, Die Ärzte, Britney Spears. Irgendwann ist sicher für jeden was dabei. Wenn man nur lang genug auf den Roulette-Button drückt – und dem Zufall eine Chance gibt.

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