Was habe ich gesehen?
Sin nombre (2009), Laufzeit: 96 min, Regie: Cary Fukunaga.
Warum habe ich es gesehen?
Kennen Sie das: Man will sich etwas Gutes tun, hat einen klaren Plan und echte Vorfreude und dann klingelt das Telefon. Und das kam so: Ich war auf dem Nachhauseweg und freute mich bereits, Videocrazy, den bahnbrechenden dänisch-schwedisch-italienischen Dokumentarfilm über Berlusconi-Italien zu sehen, als mich ein Freund anrief und dazu überredete, ins Kino zu gehen: Sin nombre. Ich dachte, das hieße: ohne Worte. Und für Experimentalfilme bin ich immer zu haben.
Worum geht es?
Süßer Out-of-Bed-Typ mit melancholischem Tränen-Tattoo ist Mitglied der martialischen "Mara Salvatrucha"-Gang in einer Stadt irgendwo in Südmexiko. Er hat eine Freundin im falschen Quartier. Der Boss der Gang versucht sich Kachelmann-artig an ihr zu vergehen, dabei stirbt das Mädchen. Dann passiert das, was halt in solchen Filmen passiert: Tränen-Tattoo kann so etwas nicht auf sich sitzen lassen und rächt sich an dem Boss. Bei der martialischen Aktion rettet er einem süßen Flüchtlingsmädchen, das aus Honduras auf dem Weg Richtung Amerika ist, das Leben. Jetzt sitzen Mörder und Mädchen auf dem Todeszug Richtung Norden, verfolgt von Killern der Mara-Gang. Werden Sie das gelobte Land Amerika erreichen?
An dieser Stelle bin ich eingeschlafen:
Tränen-Tattoo entscheidet sich, den Flüchtlingszug zu verlassen. Grad als ich froh war, dass der wortkarge Schönling fort ist, muss ich feststellen, dass auch die blutjunge Latina vom rettenden Zug herabgestiegen ist. Liebestrieb ist stärker als Lebenstrieb oder so ähnlich.
Erinnert an:
La Vida Loco und Amores Perros.
Was bleibt?
Als ich gerädert in meinem Kino-Stuhl aufwachte, lief bereits der Abspann. In Erinnerung blieben die wunderbaren Bilder des Kamermanns Adriano Goldman: die Flüchtlinge, die auf dem Zugdach ausharren, Kinder, die ihnen bei einer Dorfdurchfahrt Orangen zuwerfen – und im nächsten Dorf mit Steinen bewerfen. Das alles hält die Kamera mit einer beiläufigen Genauigkeit fest, die die klaffenden Lücken in der Narration mit bedrückender Schönheit füllt und den überraschungsfreien Plot in den Hintergrund treten lässt.
Wie war es wirklich?
Zuhause erfuhr ich aus dem Internet die verdrehte Wahrheit über die Mara Salvatrucha, MS-13 genannt: die Gang wurde in den Achtzigern in Los Angeles von Immigranten aus dem Bürgerkriegs-erschütterten El Salvador gegründet. Erst nachdem verhaftete Gangmitglieder in ihr Heimatland abgeschoben worden waren, breitete sich die Mara-Mafia auch in Zentralamerika aus. Nichts von all dem erzählt der Film. Der Regisseur ist viel für seinen Realismus gelobt worden. Leider ist seine Geschichte nicht halb so interessant wie die Wahrheit. Mir wäre ein Dokumentarfilm über die MS-13 lieber gewesen.
Was sehe ich als nächstes?
Videocrazy.
Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an – oder auch mal eine ganze TV-Serie. Vergangene Woche hat er sich den finnischen Film Raja 1918 angesehen.
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Sicherlich ist der Film nicht zu vergleich mit Videocrazy oder wie etwa einem Dokumentarfilm wie La Vida Loca.
Ich fand den Film in dem Sinne nicht schlecht, als dass dem, aus Ihrer Sicht sicherlich anspruchsloses, Publikum, gezeigt wird, das Flüchtlinge auch ein Gesicht haben. Und bedenken Sie, ein Roadmovie ist kein Dokumentarfilm. Ich fand den Film, für ein Roadmovie, recht gut. |
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>Der Boss der Gang versucht sich Kachelmann-artig an ihr zu vergehen, dabei stirbt das Mädchen.<
Bitte erläutern sie uns den Begriff "Kachelmann-artig" doch etwas näher. |
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Verdacht auf Vergewaltigung "in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung". Will heissen: Der Gangsterboss bedrohte das Mädchen mit einer Waffe und wollte sie so zum Geschlechtsakt zwingen.
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Ich verstehe die magere Bewertung des Artikels nicht so ganz.
Sehr gut geschrieben. Gern gelesen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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