Alltag

Eventkritik | 15.06.2010 12:20 | Kathrin Zinkant

Die Wissenschaft des runden Leders

Anlässlich der WM ist sich keine Kunst zu schade, unkonventionell über Fußball zu debattieren: Zu Gast bei einem Science-Slam in Kreuzberg zum Thema Fußball

Es ist Donnerstag, der Tag vor Tag X, und bestimmt hatten alle Kinder hitzefrei heute. Aber ich nicht, weshalb ich jetzt mit verschwitzten Händen mein Fahrrad an ein Straßenschild vor dem SO36 in der Oranienstraße ankette, oder es zumindest versuche. Der bärtige Mann auf der anderen Seite des Schilds trägt beige Shorts und sagt: „Da ist besetzt“. Ok. Es ist zu heiß für Diskussionen, ich finde ein anderes Schild, alles klebt, ich habe mein Geld vergessen und wahnsinnigen Durst.

Morgen beginnt die Fußballweltmeisterschaft. Es wird der letzte Abend ohne Fußball und auch ohne Fußballfans sein. Die Leute, die sich vor und in der dunklen Höhle sammeln, kühle Erfrischungsgetränke in der Hand halten und gesellig tun, sehen nicht wie Fußballfans aus und benehmen sich auch nicht so. Frauen mit winzigen Handtaschen, noch mehr bärtige Männer in beigen Shorts, Jugendliche mit Mama und Papa, Studenten der Informatik. Und nein, keiner hat es eilig.

Bühne statt Rasen

Dabei geht es heute doch um das Spiel. Auf der leeren Bühne liegt ein Fußball, das materialisierte Motto des Abends, hier soll gleich eine Schlacht um die Wissenschaft des runden Leders geschlagen werden. „Slams“ sind seit ein paar Jahren der selbsternannte Knüller, meistens geht es da um Kunst, um Kurzfilme, Gesang oder Dichtung. Man tritt gegeneinander an, mit Song, Essay oder Leinwandprojektion, am Ende entscheidet das Publikum, wer gewonnen hat. Der Slam ist die Castingshow der Bildungsbürger, zumindest war er das, bis Lena nach Oslo ging. Doch es gibt noch unbesetzte Nischen, und eine davon ist der Wissenschaftsslam, zu deutsch Science-Slam, ein Quarks & Co. zum Anfassen und Mitmachen. Und wenn es dabei noch um Fußball geht, kann das nur einen dreifacher Hit werden – fehlt bloß noch Bildungsministerin Annette Schavan.

Es wird 20 Uhr, viertel nach, fast halb Neun, bevor anstelle von Frau Schavan der Moderator auf der Bühne erscheint und ins Mikro bellt, dass es jetzt losgeht. Aber bevor es ganz in echt losgeht, stellt er drei soziale Projekte mit Fußball vor: Jugendliche in Kreuzberg, Kinder in Südafrika, das Publikum nickt wohlwollend, ach, schön, dass es so engagierte Leute gibt, die sich um diese anderen Leute kümmern. Dann ist erstmal wieder Pause. Vorne trinken sich die Kombattanten mit Mineralwasser Mut an, eine dünne Frau mit Hornbrille sagt ungefähr fünfzehnmal, dass sie ja erst ganz kurzfristig dazugekommen sei.

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Irgendwann – wie spät ist es eigentlich? – kommt der Moderator zurück und sagt, dass es losgeht, aber bevor es in echt losgeht, stellt er die Jury vor, denn heute gibt es eine. Und selbst wenn keine Fußballfans anwesend sind, dann wenigstens ein paar Anhänger von Hertha, die „Zecke“ Neuendorf ganz laut begrüßen, Viola Odebrecht von Champions-League-SiegerIn Turbine Potsdam auch, und Sven-Ole Knuth vom WM-Studio-Mitte – den aber keiner kennt.

Viel Aufwand für fehlende Erklärungen

Und damit hat der Abend seinen Zenit auch schon überschritten, denn jetzt geht es wirklich los, der erste Slammer wirft sich ins Gefecht, ein Pfarrer und Dr. phil. aus Tutzing, der gefühlte zwanzig Minuten lang in fränkischem Dialekt zum Thema „Fußball als Transzendenz seitwärts“ vom Blatt referiert und sich dabei komisch findet. Sein Glück ist, dass er der Erste, die Stimmung bierselig, und die Jury noch nicht abgelenkt ist. Er kriegt viele Punkte für etwas, das weder komisch ist noch wissenschaftlich, abgesehen von dem Satz, dass man Fußball gar nicht wissenschaftlich erklären kann, und damit hat er ja wohl sowas von Recht.

Der nächste Teilnehmer aus Tübingen versucht es trotzdem, indem er Berechnungen über die Folgen von roten Karten vorstellt. Dafür hat er sogar eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, die zeigen soll, dass ein Platzverweis nach der 70. Minute Vorteile bringen kann – allerdings nicht für die Heimmannschaft. Arme Südafrikaner. Nach dem dritten Vortrag ist erstmal wieder Pause, Zecke gibt ein Fernsehinterview und flirtet mit Viola, aus zehn Minuten Pause werden 30. Dann kommt die Frau mit den dunklen Haaren und stellt ihre Fußballwebsite vor, auf der man sehen kann, wie sie besoffene Fußballfans befragt. Und damit ist der Zeitpunkt für den Abpfiff gekommen, das Spiel ist aus, aus, aus, wer gewonnen hat, ist mir egal. Es ist noch immer vor der WM und morgen geht es endlich los. Ohne Wissenschaft. Mit Fußball.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
GeroSteiner schrieb am 15.06.2010 um 23:31
Ganz witzig geschrieben und gut zu lesen.
Aber eines muss von vornherein klar sein: Wer den Fußball liebt und schlechte Augen hat, sollte keine Karriere als Torwart anstreben.
Der sollte Schiedsrichter werden.


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