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Kultur : Wozu braucht man einen Kräutergarten?

Minze, Melisse, Weißdorn und Weidenröschen: Kräuter mögen gesund sein, unser Gärtner würde sie trotzdem nie anpflanzen. Sein Garten bleibt ein Refugium der Nutzlosigkeit

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Liebe Gartenfreunde, auf dem Weg nach Süden bin ich jüngst in einem anderen Garten gewesen. Hinter dem Haus steht dort links ein Fächer-Ahorn mit leuchtend rotem Laub (ein Acer palmatum also, vermutlich in der Zuchtform eines Atropurpureum oder eines Bloodgood). Im schmalen Schatten des kleinen Baumes liegt am Rande des Gartens ein Kräuterbeet. Der Garten ist ­rosenumwachsen und baum­bestanden und schön, wenn er auch offenbar nicht mehr so gepflegt wird, wie seine Anlage es verdiente. Er fällt steil ab zum steinigen Ufer des Sees und waagerechter, leicht zugänglicher Platz ist hier rar. Die Bewohner des Hauses legen wohl großen Wert auf die Kräuter, da sie ihnen in ihrem Garten, der über so wenig zu bewirtschaftende Fläche verfügt, ein Beet einrichten.

Natürlich gehören Kräutergärten zu den frühesten Formen der Gartenkunst überhaupt. Man wird wohl auch die Anlage von Nutzgärten zur Gartenkunst zählen müssen. Ich selber aber bin ein Gegner der Nutzpflanzen im Garten. Wenn Bäume Äpfel oder Pflaumen tragen, ist es mir recht. Aber ich würde weder Beeren noch Kräuter pflanzen wollen. Und zwar gerade wegen ihrer Nützlichkeit.

Mein Garten ist ein Refugium der Nutzlosigkeit. Eine Lichtung im Wald des Zweckmäßigen. In meinem gärtnerischen Konsequentismus verzichte ich auch auf jene Pflanzen, die nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön sind wie Salbei, Rosmarin oder Lavendel. Ich will vermeiden, jemand könnte denken, ich hätte sie aus Gründen der Brauchbarkeit gepflanzt. Das ist zweifellos unsinnig. Denn es gibt wunderschöne Kräuteranlagen, in geometrischen Formen, begrenzt von sauber geschnittenen Buchsbaumhecken und durchzogen von kleinen Kiespfaden. Man kann aus solchen Kräuterbeeten ganze Barockgärten en miniature nachbilden. Nicht schlecht. Aber nicht meine Sache.

Das Jahr der Minze

Ich habe mir angesehen, was dort im Garten am See wuchs: Minze, Frauenmantel, Rosmarin, Salbei, Zitronenmelisse, Eisenkraut und Brennnesseln. Jeden Morgen geht da ein alter Mann hinaus und sammelt Kräuter. Er trägt dabei einen besonderen Handschuh, wegen der Brennnesseln. Langsam beugt er sich zu den jungen Trieben hinunter und reißt sie ab. Minze und Melisse streiten um die Vorherrschaft im Beet, sagt der Mann. Gerade hat die Minze die Oberhand. Es sei ein Jahr für die Minze – wegen des Wetters, der harte Winter, der späte Frühling, der heiße Sommer. Die Minze sei in diesem Jahr im Vorteil gegenüber der Melisse, die ihre Chance vielleicht nächstes Jahr bekomme.

Der alte Mann geht in die Küche, zerkleinert seine Ernte auf einem Holzbrett und stopft sie in einen Siebbeutel. Im Regal stehen blecherne Dosen mit mehr Kräutern: Weißdorn, Weidenröschen und Fenchel. Auch von denen nimmt er ordentliche Portionen und mischt sie unter die frischen Blätter. Die meisten dieser Kräuter sind pharmazeutisch wirksam, nur beim Eisenkraut konnte das bislang nicht nachgewiesen werden. Die Weidenröschen und die Brennnessel wirken bei Blasenkrankheiten, Minze und Fenchel helfen dem Magen, der Weißdorn – der Strauch mit dem harten Holz, aus dem vielleicht die Dornenkrone Christi gedreht war – hilft dem Herzen.

Es wird nicht viel Geld ausgegeben, die Wirksamkeit solcher Kräuter genau zu untersuchen. Es lohnt sich nicht. Wenn ein Mittel keine Nebenwirkungen hat, ist es nicht verschreibungspflichtig. Das heißt, die Krankenkassen erstatten die Kosten nicht. Und Pflanzen selbst sind kaum patentierbar, wenn auch Saatguthersteller und Pharmakonzerne sich mühen, das zu ändern.

Der Tee schmeckte gut. Aber der Mann hat dafür erstaunlich viel von den Kräutern aus den Dosen im Regal genommen.

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