Alltag

Drogen | 04.01.2011 17:35 | Giles Tremlett

Für den Privatgebrauch

Dank einer Lücke im Betäubungsmittelgesetz sind in Spanien Cannabis-Clubs legal: Im Privaten ist Kiffen nicht verboten. Ein Besuch im "Private Cannabis Club"

Das Schild an der Tür sagt eigentlich schon alles, aber der beißende Geruch der Rauchschwaden, die durch den Private Cannabis Club in der Madrider Schlafstadt Paraceullos de Jamara wehen, beweisen, dass es hält, was es verspricht. „Hier ist der Ort, an dem wir in Frieden rauchen können“, sagt ein Typ an der Bar, der gerade Tabak und getrocknete und geschredderte Hanfblätter in ein langes Zigarettenpapier wickelt. Der Private Cannabis Club mit seinen an die Wand gemalten handförmigen grünen Hanfblättern und dem in die getönten Fensterscheiben gearbeiteten Clublogo steht an der Spitze einer neuen Pro-Cannabis-Kampagne in Spanien. Die Mitglieder der Bewegung entdeckten eine Lücke im spanischen Betäubungsmittelgesetz, wonach Aktivitäten privater Clubs wie diese vollständig legal sind.

Der geräumige Club in Paracuellos de Jamara ist in einem ehemaligen Restaurant untergebracht. Man hat freie Sicht auf den Madrider Flughafen Barajas. Es gibt eine Bar, eine Küche, Billardtische und Fernsehmonitore. Er hat von den 40 mittlerweile existierenden Clubs die wohl beste Ausstattung. Im ganzen Land sind sie in Garagen und Hinterzimmern entstanden, seitdem die Aktivisten begriffen haben, dass die Gesetze, die den Hanfkonsum in der Öffentlichkeit verbieten, auf private Clubs, die nur Mitgliedern offen stehen, keine Anwendung finden.

„Wir haben jetzt seit zwei Monaten geöffnet und bereits 125 Mitglieder“, erzählt Club-Präsident Pedro Alvaro Zamora. Die Mitglieder zahlen 120 Euro Beitrag im Jahr für ihre Zugehörigkeit und befolgen Regeln, die denjenigen der exklusiven Myfair Clubs nicht unähnlich sind. Ein Schild neben der Klingel warnt, dass nur Mitgliedern Einlass gewährt wird und ein Ausschuss entscheidet darüber, wer aufgenommen wird. „Bewerber werden zu einem Gespräch eingeladen. Wir nehmen nicht jeden an. Unsere Mitglieder müssen verantwortungsvolle Leute sein, die zu uns passen“, erläutert Alicia Méndez. „Wir sind hier nicht in Amsterdam, das hier ist kein Coffee-Shop, sondern das Clubhaus unserer Vereinigung. Nicht jeder darf hier rein.“

Privatkonsum erlaubt

Es gibt in Spanien kein Gesetz, das den privaten Konsum von Cannabis verbietet, und die Clubber sind der Ansicht, es sei sicherer, sich im Club zu treffen als öffentlich im Park zu kiffen. „Der Club ist sich darüber bewusst, dass Cannabis nicht jedem gut tut. Wir raten den Leuten zu einem verantwortungsvollen Konsum. Nicht jeder sollte rauchen. Wir sind uns der Risiken bewusst.“ Die Clubmitglieder können ihr eigenes Gras mitbringen oder sich an den Vorräten des Clubs bedienen. Sie können sogar etwas mit nach Hause nehmen, sie müssen lediglich unterschreiben, dass es für ihren persönlichen Konsum bestimmt ist.

ANZEIGE

Auch wenn das Clubhaus von der Polizei in Ruhe gelassen wird, können die Mitglieder in Schwierigkeiten kommen, wenn sie mit Haschisch oder Marihuana erwischt werden. „Kauf und Transport sind illegal, wenn man erwischt wird, kann man dafür belangt werden“, so der Präsident. In solchen Fällen bietet der Club seinen Mitgliedern juristische Hilfe an.

Da auch der Handel strafbar ist, stellt ein weiteres Problem die Versorgung dar. „Wir kämpfen für das Recht, unser eigenes Gras anzubauen“, sagt Zamora. Der Club beantragte eine Genehmigung, wurde aber abgewiesen. Dann führte die Polizei eine Razzia auf der Geheimplantage durch und zerstörte die Pflanzen. Laut Zamora wollen er und seine Mitstreiter vor Gericht ziehen und klären lassen, ob die Zerstörung von Pflanzen, die für einen privaten Club bestimmt sind, rechtens ist: „Wir sind Leute, die arbeiten und Steuern zahlen. Wir sind keine Straftäter.“

Einige Richter haben die Polizei angewiesen, den Clubs das konfiszierte Dope zurückzugeben. „Sie wurde angewiesen, es zurückzugeben, da es keine Gefahr für öffentliche Gesundheit darstelle.“ Der Club beziehe seinen Nachschub nicht aus der Unterwelt, so Zamora: „Wir kaufen nicht auf dem Schwarzmarkt. Wir kennen Bauern, die Hanf anbauen und uns versorgen.“ Der Club engagiert sich auch für die Abschaffung der Prohibition: „Verbote funktionieren nicht. Cannabis wurde über Jahrhunderte hinweg konsumiert und wird dies auch noch Jahrhunderte lang werden. Die Prohibition schafft einen illegalen Markt mit all den negativen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Es ist besser, die Leute zu erziehen als Geld für die Durchsetzung der Illegalisierung zum Fenster rauszuschmeißen, die eh nicht funktioniert.“

Übersetzung: Holger Hutt
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
nil schrieb am 05.01.2011 um 23:22
Ja.
Sehr gut!
Ganz genau, Vernünftiger Umgang, Verbote funktionieren nicht. Der Wowereit sollte diesen Ansatz für Berlin zur Diskussion stellen. Die Grünen hätte er jedenfalls schon einmal auf seiner Seite.
Ferner sollte mehr Hanf als Alternative zu Baumwolle oder Holz genutzt werden, da es ein sehr widerstandsfähiger und schnell nachwachsender Rohstoff ist, zudem auch noch pflegeleicht.
Ich begreife nicht wie die Holzindustrie immer noch ganze Wälder abholzen kann, wo alle ganz genau wissen, was man mit Hanf alles erreichen kann, weltweit!!
Aber da müssten eine Handvoll beschissener krimineller Familienunternehmen ihre Plätze auf den Weltmärkten räumen müssen. Z. B. H&M, IKEA, u.s.w.
Ach ja, die sehen ja aus wie der nette Nachbar von neben an und dürfen nicht eingesperrt werden, egal was weit sie es noch treiben mit den Menschen und der Natur!


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG