Meine bevorzugte Abendbeschäftigung? Konzerte! Während andere Bürotiere ihren Feierabend auf der Couch mit der nächsten Staffel einer amerikanischen Profiler-Serie verbringen oder Casting-TV glotzen, stehe ich mir die Füße in sämtlichen Clubs Hamburgs in den Bauch. Zugegeben, in den meisten Clubs läuft der Zeitplan präzise ab, aber richtige Rockstars kommen nicht vor 23 Uhr auf die Bühne. Besonders schlimm ist es bei HipHoppern. Von denen weiß man meistens nicht mal, ob sie überhaupt auftauchen.
Um die Wartezeit zu verkürzen, bis es dem Hauptact genehm ist, seine abgewetzten Jeans auf die Bühne zu bewegen, hat man die Vorband erfunden. War diese früher der ignorierbare Hintergrund für die Gesprächskulisse des Publikums, zeigen sie in jüngerer Zeit ungeahnte Qualitäten: Sie rocken den Laden.
Von der großartigen Anna Calvi, die mit ihrem Vorspiel für Grinderman zur Ekstase trieb, war bereits an anderer Stelle die Rede. Als die Engländerin vor einigen Wochen während ihrer Solotour gastierte, lud sie sich einen nicht minder aufregenden Support ein: Dominique Marquee.
Die Deutsch-Kanadierin erinnert mit ihrem dunkel gefärbten Stimmtimbre und den emotional auf und abschnellenden Indie-Rock an PJ Harvey oder Bat for Lashes. Gleichzeitig aber hat sie genügend Rock’n’Roll unter dem Pony, dass ihr sehnsüchtig-wütender Sound jeden amerikanischen Highway pflastern könnte. Die 27-Jährige spielt seit 15 Jahren Gitarre und lässt in ihrer Band den zweiten Gitarristen seine Saiten mit dem Geigenbogen spielen, während der Drummer dumpf schwere Schläge trommelt.
Dominique Marquees selbstbetitelte EP erschien 2010 und ist ein guter Grund, rechtzeitig den Merchandisingstand zu stürmen.
Zu einer anderen Hamburger Szenegröße entwickeln sich Minna von Bahrenfeld. Das punkige Deutschpop-Trio spielte schon im Vorprogramm von Ex-Blumfeld Jochen Distelmeyer und vergangene Woche von Ghost of Tom Joad.
So niedlich knetgummimäßig wie hier anfänglich im Video treten die Hamburger aber nicht auf. Sängerin Minna rotzt lautstark und ohne Furcht vor Verlusten. Beim Reeperbahnfestival vergangenes Jahr hat mich das noch nicht so sehr überzeugt, aber dieses Mal dann doch. Begleitet wird die Kurzhaar-Blondine übrigens von dem Ex-Schrottgrenze Bassisten Kristoffer Pohl. Astreine Wurzeln, sag ich mal und freue mich, was da noch so auf uns zukommt. „Keine lauwarme Milch, bitte“ heißt übrigens ein Song der Bahrenfelder Minnas. Eine Ansage, der auch You’re Only Massive bei ihren Live-Auftritten folgen.
Was von der Publikums-Performance ein wenig an Fatboy Slims Video zu „Praise you“ erinnert, wird von dem Berliner Duo bei jedem ihrer Live-Auftritte generiert: clubtaugliche Atmosphäre, „durchflutet von dem drängenden Bedürfnis, Körper und Geist des Publikums zu stimulieren“. Nach mittlerweile 300 Konzerten bekommt man wohl Übung, die Massen zu begeistern. Mit der charismatischen Maebh am Mikro und David an den Reglern, mixt das Duo R’n’B, HipHop und Rock in ihren technoiden Synthie-Sound. Mir persönlich gefällt ihr Song „Do A Runner“ am besten. Den wird es vielleicht auch beim Auftritt am kommenden Wochenende geben, wenn You’re Only Massive bei meinen Kolleginnen vom Missy Magazine bei deren aktueller Heft-Release Party in Berlin spielen. Natürlich als Vorband!
Eine Musikerin, die es vom Vorprogramm zur Hauptrolle geschafft hat, ist Ira Atari. Damit ist Ira die erste Frau, die von dem Hamburger Label Audiolith unter Vertrag genommen wurde. Audiolith, das ist Frittenbude, Bratze und Egotronic: Volle Pulle deutscher Partyrave. Und nun Ira Atari, die durchaus knallende Beats mag, aber eben auch Klavier studiert hat. Was man sehr wohl auf der folgenden Lo-Fi-Version ihrer ersten Single „Don’t Wann Miss You“ hört.
Zu Iras vergangenen Freitag erschienenen Debütalbum „Shift“ und das dazugehörige Release-Konzert fand das Hamburger Abendblatt Vokabeln wie „herzerfrischend“, „charmant“, und doch „vorlaut“. In-dieser-Goere-wummert-Potenzial.html Nett gemeint das, aber eigentlich keine passende Beschreibung für eine Musikerin, die nicht umsonst Hymnen wie „She’s The One“ für ihre Geschlechtsgenossinnen geschrieben hat.
Zuletzt noch der Hinweis auf eine Künstlerin, dir mir vor einigen Jahren im Vorprogramm von Sarah McLachlan auffiel: Butterfly Boucher. Die Australierin riss mich dankenswerter so sehr vom Stuhl, dass mir die eher lahme Performance von McLachlan im Anschluss nicht so viel anhaben konnte. Ich kaufte die Platte und stellte später fest, dass die 31-Jährige mit David Bowie dessen Song „Changes“ für den Shrek 2 Soundtrack neu aufnahm. Auch eine Art Ritterschlag für jemanden, der sonst das Vorprogramm bestreitet.
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Peter Maffay mit Tomaten zu bewerfen sollte man eigentlich auch auf seinen eigenen Konzerten tun; aber das nur am Rande.
Ich denke ja nicht, dass sich der Vorband-Status irgendwie zum Besseren entwickelt hat, sondern dass es seit Erfindung des Support-Prinzips immer nur darauf ankommt, vor welchem Publikum der "Hauptact" spielt. Also vor Ignoranten oder an Musik Interessierten. Es gibt dabei natürlich einen Bezug zur Größe der Arenen bzw. der Mainstream-Haftigkeit der Band. Im kleinen Club haben Supports natürlich eher die Chance, den Laden zu rocken, es ist dann ja auch meist "offeneres" und sowieso sich besser auskennendes Publikum da als bei Konzerten mit Ticketpreisen zu 80 Euro aufwärts. |
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Lieber Jörg,
bei großen Konzerten ist die Vorband doch meistens kein unbekannter Newcomer, der seine Verstärker eigenhändig auf die Bühne und wieder runter wuchten muss, sondern ein von der Plattenfirma des Hauptacts protegierter Künstler, der oft ein dickes Marketing-Budget im Rücken hat und nicht "um sein Leben" spielt wie kleine Acts... aber natürlich liegt es auch an der Bereitschaft des Publikums, sich darauf einzulassen. Da hast du Recht. Ich muss zugeben, mein letztes Arena-Konzert war Leonard Cohen, aber das zählt hinsichtlich "Mainstream-Haftigkeit" ja wohl eher nicht... an die Vorband kann ich mich nicht erinnern. Gab es überhaupt eine?! |
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Da geb ich Dir recht, Jörg. In allem.
Ausnahmen bestätigen aber auch die Regel. So ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Weil ich den Veranstalter kannte, durfte meine Band vor ein paar Jahren vor Turbostaat spielen. Für uns damals natürlich genial. Das ohnehin noch kaum anwesende Publikum hat nur leider zu großen Teilen den Raum verlassen. Aus heutiger sicht kann ich es ihnen nicht verdenken. Wir waren eben einfach noch schlecht. Und noch eine Erfahrung: Am schönsten ist es doch, wenn es Konzerte sind, bei denen es keinen "Hauptact" gibt, sondern die Bands sich einfach absprechen, wann wer spielt. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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Na, wie war's in der Schule