Alltag

Afghanistan | 11.04.2011 16:00 | Nico Schmidt

Ohne Worte

Was tun, wenn man als Soldat im Auslandseinsatz die Sprache nicht kann? Alan Stillmann hat Symbolpläne zum Draufzeigen entwickelt, die auch das US-Militär nutzt

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(Abb.: 2010 Kwikpoint/ Gaia, LLC)

Der Freitag: Herr Stillmann, Sie wollen mit Ihren Point-to-Pictures-Faltplänen sprachliche Barrieren überwinden. Wie sind Sie darauf gekommen?

Alan Stilmann: Mit 24 Jahren machte ich eine Weltreise mit dem Fahrrad. Ich kam durch 28 Länder, und die einzige Sprache, die ich beherrschte, war Englisch. Ich hatte oft Schwierigkeiten, mich zu verständigen, also benutzte ich Phrasen- und Wörterbücher. Mit der Zeit merkte ich, dass ich in den verschiedenen Sprachen – Arabisch, Türkisch, Bulgarisch – immer dieselben Wörter nachschla­gen musste: Apfel, Bett, Toiletten. Ich dachte mir, wenn ich davon ein Bild hätte, könnte man mich überall auf der Welt verstehen. Mit dieser Idee kam ich zurück nach Amerika und begann 1989 mit der Arbeit an den Faltplänen.

Es war zunächst ein Ein-Mann-Betrieb?

Ja, am Anfang bestand die Firma nur aus mir. Der erste Travel Translator erschien 1991. Von da an expandierten wir stetig. Mittlerweile hat Kwikpoint über sieben Millionen Faltpläne verkauft und beschäftigt 15 Angestellte.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Guide machen?

Man kann nicht einfach draufloszeichnen. Das Wichtigste ist, dass man sich einen Plan macht, wie man die Informationen vermittelt. Zunächst tragen wir dafür so viele relevante Informationen wie möglich zusammen. Dann verdichten wir diese, indem wir zum Beispiel immer wiederkehrende Muster herausfiltern.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Bei einem Faltplan für medizinische Hilfe haben wir etwa die Frage, wie man sich fühlt, auf fünf Abstufungen reduziert – von sehr gut bis todtraurig. Erst wenn wir diese Grundtypen identifiziert haben und auch die einzelnen Bildchen im Zusammenspiel aufeinander abgestimmt haben, beginnen wir mit dem Zeichnen der Grafiken.

Passen Sie die Grafiken den einzelnen Ländern an?

Ja, das Stichwort ist Cultural Localization. Es gibt einige Dinge, die sind universell: Eine Banane sieht überall auf der Welt aus wie eine Banane. Andere Gegenstände bedürfen einer gewissen kulturellen Sensibilität. Kleidung oder die Darstellung von Körpern und Gesichtern müssen für jede Region überarbeitet werden – da gibt es in islamischen Ländern andere Konventionen als in westlichen.

Wie viele verschiedene Faltpläne gibt es von Kwikpoint?

Bis jetzt haben wir knapp 100 verschiedene hergestellt.

Sie arbeiten auch für das Militär.

Der Kontakt mit der US-Armee kam 1993 – eher zufällig – zustande. Die Pläne bestellte das Militär für die Familien der im Ausland stationierten Soldaten. Die hatten Schwierigkeiten, sich etwa in Japan oder Korea zu verständigen.

Die Pläne für die US-Streitkräfte sind auch ein Bereich Ihrer Firma, der kontinuierlich wächst.

Das ist eine Entwicklung, die als Folge des 11. Septembers eine besondere Dynamik bekam. Der Großteil unserer Pläne ist mittlerweile für den Einsatz in Afghanistan und im Irak konzipiert.

Welche besonderen An­forderungen gelten dafür?

Die meisten dieser Pläne ent­halten Wort und Bild. Die Wörter sind meist einfache Fragen, auf die mit Hilfe der Bilder geantwortet werden kann. Die Sprache wird dabei an das jeweilige Land angepasst: in Afghanistan Pashto, Dari, Urdu und im Irak Türkisch, Arabisch und Farsi.

Was ist mit den Grafiken?

Die sind größtenteils für Afghanistan und den Irak identisch. Die Grafiken beziehen sich vor allem auf die militärischen Operationen, auf die Suche nach selbst­gebauten Bomben oder auch auf Festnahmen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit fürs Militär sonst?

Der Ablauf ist dem für einen zivilen Plan ähnlich. Wir erstellen zunächst eine Kommunikationsbedarfsanalyse: Welche Informationen sind wichtig für Fragen über selbstgebaute Bomben? Welche Vokabeln braucht man? Will man wissen, wo die Bomben versteckt sind oder wie sie gebaut werden? Basierend darauf erstellen wir dann das Design.

Bekommen Sie Feedback?

Die Soldaten berichten regelmäßig von ihren Alltagserfahrungen im Umgang mit den Plänen. Letztes Jahr schrieb uns ein Soldat, wie er in der Nähe von Falludscha von einem wild gestikulierenden Jugendlichen aufgesucht wurde. Er deutete auf dem Plan auf eine Bombe, die Soldaten folgten ihm und fanden in einem Keller 500 selbstgebastelte Bomben. Häufig geben uns die Streitkräfte auch konstruktive Kritik.

Berücksichtigen Sie diese Kritik bei neuen Produkten?

Für militärische wie auch für zivile Pläne gilt: Wenn uns Leute schreiben, dass es gut wäre, einen speziellen Gegenstand aufzunehmen, prüfen wir es. Und wenn es sinnvoll ist, fügen wir ihn hinzu.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Gold Star For Robot Boy schrieb am 14.04.2011 um 20:18
Ohne Worte

Wie praktisch diese Schilder. Nun wird der Krieg ein voller Erfolg.
Plissee schrieb am 27.04.2011 um 09:48
15 Angestellte - nicht schlecht! Ich hoffe die Zeichnungen helfen eher Leben zu retten!
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