Acht Minuten, 30 Sekunden: Mehr braucht es nicht, um die Wucht zu begreifen, mit der die Repression der DDR-Staatssicherheit in ein Menschenleben einschlagen konnte. Acht Minuten, 30 Sekunden, in denen Mario Röllig erzählt von seiner Liebe zu einem westdeutschen Mann, von Treffen im Hotel, von Bespitzelung, gescheiterter Republikflucht, von Schüssen, die ihn knapp verfehlen, von monatelanger Isolationshaft, der Ausreise in den Westen. Dann begegnet er zufällig seinem Peiniger in einem Kaufhaus – und bricht zusammen:
„Nach einigen Wochen habe ich eine Überdosis Schlaftabletten genommen, weil ich das Gefühl hatte: Jetzt haben sie mich gefunden. Das war ja der letzte Satz im Gefängnis: ‚Denken Sie dran, Sie werden uns nicht vergessen. Wir finden Sie überall!“
Es ist ein warmer Sommertag. Vor dem Radisson-Hotel in Berlin-Mitte, wo früher das West-Touristen vorbehaltene Palasthotel stand, ist Mario Rölligs Stimme so dicht am Ohr, dass man fast glaubt, er stehe neben einem. Der Lärm der viel befahrenen Karl-Liebknecht-Straße mischt sich mit dem Klang einer Geschichte, die noch nicht wirklich vorbei ist.
Es sind solche Hörszenen, aus denen das Theaterkollektiv Rimini Protokoll sein Stück „50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel“ zusammengesetzt hat. Anderthalb Jahre lang haben die Macher Zeitzeugen befragt und Archivmaterial der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen gesichtet. 120 „akustische Blasen“ verteilten sie im östlichen Teil der Innenstadt.
Wie es Erinnerungen eigen ist, aktivieren sich auch die Audiodateien quasi von selbst. Per GPS auf einem Smartphone wird der Standort des Spaziergängers geortet – sobald er in eine akustische Blase eintritt, wird eine Hörszene über Kopfhörer abgespielt. Über die Reihenfolge der Szenen, die Dramaturgie des Stückes entscheidet der Weg des Fußgängers.
Auf dem Alexanderplatz erklingt ein Originalmitschnitt eines Telefonats zweier Stasi-Mitarbeiter über die Aufschriften von Demonstrationsplakaten:
„Kannst ma’ uffschreim.“ „Ja.“ „Wer so viel log, dem glaubt man nicht.“ „Aha“. „Wahlbetrüger vors Volksgericht.“ „Aha. Oje.“
Eine ordnende „Übererzählung“ lehnen die Macher von Rimini Protokoll bewusst ab. Daniel Wetzel – ernster Blick unter Strohhut – ist einer der drei Regisseure des Stücks. „Unser Anliegen ist, die Vielfalt der Stimmen, diesen Zusammenklang von Tätern und Opfern wie ein offenes Archiv anzulegen“, erklärt er. Wetzel sitzt in der Galerie des Fernsehturms, dem Startpunkt der Audiotour. Von hier aus beginnen die Teilnehmer ihren Spaziergang. Zehn Stunden Hörmaterial stehen ihnen zur Verfügung.
Vom Zuhörer zum Mitwisser
Die mitgegebene Karte lenkt die Schritte vorbei an sozialistischer Architektur in den stillen Hinterhof eines Wohnhauses. Kinder spielen auf einem Klettergerüst, eine Frau blättert im Schatten der Bäume in einer Zeitung.
„Setzen Sie sich auf eine der Bänke. Haben Sie alles im Blick? Sehen Sie die Wohnungen? Suchen Sie sich eine der Wohnungen aus.“
Der Blick schweift die Hausfassade entlang, bleibt an einem der Fenster hängen. Plötzlich wird man zum Mitwisser einer heimlichen Wohnungsdurchsuchung.
„Der Spezialist öffnete mittels Nachschlüssel das Buntbartschloss um 9 Uhr 10. Da das obere Sicherheitsschloss nicht verschlossen war, verlief der Schließprozess schnell und ohne Komplikationen.“
Der Off-Text eines Schulungsfilms des Ministeriums für Staatssicherheit benötigt keine Bilder: Jedes Detail der Beschattung und des staatlich genehmigten Einbruchs ist akribisch protokolliert.
„Die Wohnung bestand aus zwei kleinen Räumen, Wohn- und Schlafzimmer, sowie aus Küche, Bad, Abstellkammer und Flur. Es war nicht zu übersehen, dass sie von einem Junggesellen bewohnt wurde. Ordnung und Sauberkeit ließen zu wünschen übrig.“
So etwas wie Scham überkommt einen über das Anmaßende solcher Sätze. Es sind Urteile von Eindringlingen, ohne die Möglichkeit des Widerspruchs, festgehalten über Jahrzehnte, auf Karteikarten, in Akten, auf Film- und Tonbändern. Jede Bewegung des Alltags, sei sie noch so banal, wurde registriert, dokumentiert, interpretiert, weitergeleitet, abgeheftet – inklusive aller Irrtümer und Verleumdungen.
Ein Beweggrund für das Audioprojekt, erzählt Regisseur Wetzel im Fernsehturm am Alexanderplatz, war, die Akten der Stasi den Betroffenen zurück in die Hand zu geben, ihnen ihre eigene souveräne Stimme über das Festgehaltene zukommen zu lassen. Wetzel weiß um die Grenzen eines solchen Unterfangens: Die Akte wird weiterhin bewahrt werden, unabhängig von demjenigen, über den sie berichtet. „Es ist eine Ablösung vom eigenen Leben. Es konterkariert die Möglichkeit, selbst zu entscheiden: Welche Masche in meinem Leben hebe ich auf, welche lasse ich fallen?“
„ ,Im Elternhaus des Hans Mergel gab es in der Zeit, da er hier aufwuchs, unbefriedigende Familienverhältnisse, die sich darin ausdrückten, dass der Vater bereits zum vierten Mal verheiratet ist.‘ “ Man hört Hans Mergels Stimme gepresst lachen, als er diesen Abschnitt seiner Stasi-Akte vorliest. Dann fährt er fort: „Ja: Das waren so die familiären Situationen, die man dann hervorholte, um zu zeigen, dass ich durch meine schlechte Erziehung eben zu dem geworden bin, was ich bin: nämlich ein Republikflüchtling.“
Die – zumindest teilweise – Wiederaneignung der eigenen Geschichte: Sie funktioniert darüber, dass die Bespitzelten aus ihren Akten lesen, selbst entscheiden, welche Teile hörbar werden und welche nicht. Sie kommentieren die Berichte, korrigieren sie, ergänzen sie, erzählen ihr Leben selbst, bestehen auf der eigenen Deutung.
Ein Stück Oral History
Dies alles gehört zum dokumentarischen Ansatz der Theaterstücke von Rimini Protokoll. Zugleich erinnert es stark an Oral-History-Zugänge in der Gedenkstättenarbeit. Und so drängt sich die Ähnlichkeit zu Formen des Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus auf, wie sie zuletzt mit dem „Audioweg Gusen“ in Österreich von Christian Mayer oder den „Memory Loops“ von Michaela Melián in München entwickelt wurden. Auch sie machen an den jeweiligen Orten eine unsichtbare Geschichte hörbar, rekonstruieren sie durch Dokumente und Zeitzeugen-Erzählungen.
Rimini Protokoll geht bewusst über das streng Dokumentarische hinaus und inszeniert Erzählungen immer wieder mit Klangelementen. So entstehen Hörminiaturen, die den Film im Kopf verstärken, ohne aber die Grenze zur Fiktion zu verwischen. Aus der Stadtführung wird ein Hörspiel und schließlich so etwas wie eine Performance, die den Zuhörer in ein Rollenspiel verwickelt. Die Stadt wird zur Bühne, der Spaziergänger wird erst zum Ohrenzeugen, dann über Regieanweisungen ins Spiel integriert.
„Schauen Sie sich unauffällig um. Wem würden Sie etwas anvertrauen?“
Es gibt Stellen, an denen die Anweisungen etwas plump daherkommen, das Angebot des Einfühlens übergriffig erscheint. Nicht immer wirkt die Verspieltheit angemessen im Kontrast zur Eindringlichkeit der authentischen Schicksale.
Abenddämmerung, unweit des Checkpoint Charlie. Die Szenerie ist fast menschenleer. Der Kopfhörer berichtet von verwanzten Botschaftsgebäuden und Katzen mit implantierten Mikrofonen. Die Geheimdienste der Welt nutzen die Abhörtechniken des MfS, heute potenziert durch den technischen Fortschritt. Das Smartphone zeigt eine neue SMS an: „Hier bist Du sicher.“ Die nächste Klangblase ertönt mit großem Orchester und Marschmusik: „Du Kämpfer an der unsichtbaren Front/den Menschen bist du unbekannt/jedoch es dankt dir für all dein Tun/für dein stilles Heldentum/dein Vaterland.“ Ein Tschekistenchor, wie Erich Mielke ihn liebte, besingt den Kampf gegen die Konterrevolution.
Das Wissen, permanent beobachtet zu werden
Das Wissen, permanent beobachtet zu werden, nimmt mit jeder SMS zu, die man während des Spaziergangs erhält. Im „Kontrollzentrum“, in dem die Tour-Handys ausgegeben werden, können die Mitarbeiter den Routen der einzelnen Teilnehmer folgen. Gezielt gibt es Kurznachrichten. Wechselt jemand mehrfach die Straßenseite, heißt es: „Entscheid’ dich mal!“ Das unangenehme Gefühl von Herrschaftswissen, wie ein Mitarbeiter gesteht: Informationen zu besitzen, die andere möglicherweise nicht haben sollen. Jeder Teilnehmer kann auf dem Display des Smartphones genau verfolgen, wo andere Spaziergänger gerade unterwegs sind.
Die Konfrontation mit eigenen Datenspuren, die die Bewegung durch die Stadt hinterlässt, erregt bei vielen Teilnehmern Schrecken. Das macht sensibel für das Ausmaß der Stasi-Bespitzelung – und wirkt wie ein Warnruf vor neuer Technik. „Es geht auch darum, das Bewusstsein für den Umstand wachzuhalten, dass wir unsere eigene Stasi sind“, sagt Daniel Wetzel. „Die Überwachung schleicht sich in unser Privatleben über Kanäle, mit denen wir nicht gerechnet hätten.“ Dennoch ist es natürlich ein Unterschied, ob Daten von Unternehmen gesammelt werden – oder von einem Staat, dem sie zur Aufrechterhaltung eines undemokratischen Systems dienen.
„50 Aktenkilometer“ zeigt eines deutlich: Dass die Stasi sich, trotz aller technischen Finessen ihrer Zeit, vor allem auf die Bereitschaft von Menschen verlassen konnte, andere zu bespitzeln – aus welchen Überzeugungen oder Nöten auch immer.
Das Projekt "50 Aktenkilometer" wurde von Rimini Protokoll gemeinsam mit Deutschlandradio Kultur entwickelt. Mehr Infos unter: dradio-ortung.de.
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Im Land der stillenden Väter ist die für jeden Menschen mit eigenem Verstand offensichtliche, dumme Geheimdienstmasche der Stasi möglicherweise etwas, was emotional beeindruckt. Und mancher weint da vor Rührung. Allerdings sehe ich den Grund für Betroffenheit an ganz anderer Stelle. Es ist ein eher sehr dörflich und unbedarfter, nicht richtig doll geheimer Dienst, vor dem sich der eine oder andere gefürchtet haben mag. Hatte man dienstlich als Direktor eines Unternehmens mit den sogenannten" heissen Jungs" vom MfS zu tun, bekam man das Grinsen nicht aus dem Gesicht.
Der alberne Verein " MfS" als getreues Abbild der GESTAPO des III. Reiches ist, historisch betrachtet, der deutlichste Beweis für die Fortsetzung des repressiven Terrors der Nationalsozialisten gegenüber der eigenen Bevölkerung durch deren Nachfolger im Amt schon ab 1949. Nicht nur der 1. Mai, die Autobahn und die Kassenärztliche Vereinigung sind Geschenke des III. Reiches, die DDR übernahm gern die Grundstruktur des Denunziantentums und sie brauchte diesen Apparat nicht zu erfinden. Was mich bedenklich stimmt, ist eher die Tatsache, dass dieselben Daten über die Aktivitäten von Leuten, also, was die gerade so machen, was sie sich sms-en, welche Bilder sie sich angucken und wen sie kennen, praktisch die Daten, die ein Geheimdienst teuer zusammentragen müsste, die heutige Bevölkerung freiwillig jederzeit ins Netz und an die Kasse des Supermarktes abgibt und dazu braucht man wirklich ein sehr blödes Volk. Hat man aber gefunden, wenn man so sieht und hört, auf was für Betrügereien manche Leute schon hereingefallen sind. Insofern waren die " heissen Jungs" schon arge Amateure, technisch den heutigen Fachkräften weit unterlegen und was sie stark machte, war einzig und allein der Wille zur Denunziation des Kollegen oder Nachbarn durch die Masse der DDR- Bevölkerung selbst. Spätestens beim Gebrauch der ausgeteilten Smartphones ist vielleicht dem einen oder anderen aufgefallen, dass die jetzige Überwachung lückenloser und perfekt ist. Sie wird dadurch nicht humaner, weil die jetzigen " heissen Jungs" netter sind. Schnüffelei gehörte noch nie zu den Dingen, auf die die Menschheit besonders stolz sein konnte, erst recht nicht, wenn es gelungen scheint, deren negativen Geruch in das III. Reich und in der DDR zu verbannen. Maxi Scharfenberg |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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