Alltag

Bequemer Alltag | 21.06.2011 10:50 | Gina Bucher

Ins Trockene gebracht

Der Wäschetrockner frisst Strom, doch wer Ende der 50er Jahre etwas auf sich hielt, beschaffte sich einen. Unsere Autorin mag lieber ein Bett, das nach Sonne riecht

Nein, „einen Tumbler haben wir nicht“, sagte meine Mutter und blickte mich unmissverständlich streng an. Meine Freundin Brigitte hatte mir stolz ein solches Gerät in der überdimensional großen Waschküche ihres Elternhauses vorgeführt.

Das war in den achtziger Jahren, ich war acht Jahre alt und schwer beeindruckt von dem kompakten Gerät. „Warum nicht?“, fragte ich hartnäckig bei meiner Mutter nach, die gerade hektisch unsere Wäsche sortierte. „So etwas brauchen wir nicht“, antwortete sie. Immer, wenn bei uns etwas anders war als bei den anderen, betonte sie das „wir“ besonders stark. „Das ist etwas Neumodisches, das braucht man nur, wenn’s pressiert, und es frisst außerdem viel Strom“, meinte sie knapp. Ich versuchte, sie zu verstehen.

Eigentlich wäre ein Tumbler das perfekte Gerät für uns. Im Gegensatz zu Brigittes Mutter arbeitete die meine nämlich und hatte eigentlich gar keine Zeit – geschweige denn Lust –, die Wäsche zu machen.

Rückblickend betrachtet hatte sie natürlich, wie so oft, recht: Zwar war das Grundprinzip des Wäschetrockners, wie es vermutlich ein Franzose um 1800 erfand, dass er handbetrieben wurde. Die Geräte aber, die in der Nachkriegszeit zuerst in den USA, später in Europa auf den Markt kamen wie der Tumbler, brauchten Strom. Viel Strom. Das passte zum Wohlstand jener Zeit, den man gerne zur Schau gestellt hat. Wer etwas auf sich hielt, ließ Maschinen für sich arbeiten. In Europa entwickelte Miele 1958 einen elektrischen Wäschetrockner.

Traum der Hausfrauen

Was sich die Vorgängergenerationen nicht zu erträumen wagten, wurde zum Traum jeder Hausfrau in den fünfziger Jahren. Ob Front- oder Toploader, die heutigen Wäschetrockner funktionieren noch immer nach dem gleichen Prinzip: Mit warmer Luft wird die Feuchtigkeit in der Wäsche kondensiert. Die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft wird dabei je nach Modell durch Kondensation getrocknet oder ins Freie geblasen. Die heutigen Geräte sind zwar um einiges sparsamer geworden, dennoch sind die meisten in der Energieklasse C zu finden, nur ein paar wenige in der A-Kategorie. Besser schneiden Gastrockner ab, solche gibt es aktuell allerdings nur aus dem Ausland importiert: Miele hat die Produktion des einzigen im Sortiment eingestellt.

Mein Vater antwortete damals auf meine Frage nach dem neumodischen Tumbler mit einem Vortrag zu den physikalischen Gegebenheiten des Wäschetrocknens. Dass Wäsche eben auch in klirrender Kälte trocknen könne, dass es einzig auf die Luftfeuchtigkeit ankomme.

Es geht also nichts darüber, die Wäsche an der Sonne trocknen zu lassen.

ANZEIGE

Das sagte sich wohl auch Susan Taylor, die es 2007 gewagt hatte, in ihrem Garten eines besseren Quartiers im US-Bundesstaat Oregon die Wäsche an der Leine zu trocknen. Vielleicht aus einer romantischen Vorstellung heraus, vielleicht weil das Al Gore mit seinen Tipps, wie das Klima zu retten sei, empfahl. Nein, ihre Maschine sei nicht kaputt, antwortete Taylor ihren verdutzten Nachbarinnen, die Wäsche rieche besser, und sie wolle Strom sparen. Postwendend bekam sie darauf von ihrem Grundstücksverwalter einen Brief, der ihr untersagte, die Wäsche an der Leine zu trocknen.

Tatsächlich ist es noch immer in manchen Bundesstaaten in den USA verboten, die Wäsche im Freien trocknen zu lassen. Denn das passt nicht ins Stadtbild, gilt als ein Zeichen von Armut oder Asozialität. „It looks tacky“, es wirke schäbig und nachteilig für das Viertel, so sahen es Taylors feine Nachbarinnen.

Seither versuchen so genannte Clothesline-Aktivisten gegen solche Verbote vorzugehen. Einer von ihnen ist Alexander Lee, ein 36-jähriger Anwalt. Er gründete 1995 die „Project Laundry List“ (laundrylist.org), eine Art Nachschlagewerk, das zeigt, wie man mit einer Wäscheleine Energie sparen kann. Zudem soll mit Aktionen das Recht erkämpft werden, die Wäsche im Freien trocknen zu dürfen. 1998 gelang das in Vermont, 2008 und 2009 in Connecticut, Oregon, North Carolina, Maryland, Virginia, Nebraska und New Hampshire. Auf einer Karte veröffentlicht die Community der Laundry List stolz Fotos ihrer Wäsche auf allerhand Wäscheständern und Leinen.

Der größte Stromfresser

In den USA ist der Wäschetrockner noch verbreiteter als in Europa. Die Energie-Informationsagentur der US-Regierung hat berechnet, dass Wäschetrockner für sechs Prozent des Stromverbrauchs amerikanischer Privathaushalte verantwortlich sind. Doch auch hierzulande gehören Wäschetrockner nach wie vor zu den größten Stromfressern im Haushalt.

Und doch: Wäsche in einem beheizten Raum zu trocknen, könne unter Umständen mehr Energie verbrauchen als das Benutzen eines guten Wäschetrockners, erklärt Carl-Otto Gensch vom Freiburger Öko-Institut. Er untersuchte in einer Studie den Energieaufwand für Herstellung, Vertrieb und Entsorgung der weißen Ware und berücksichtigte dabei den Umstand, dass in Deutschland nur an der Hälfte aller Tage geheizt werden muss.

Wer keinen Garten hat, die Wäsche also im Raum trocknen muss, verbraucht zu viel Heizungsluft. Denn die Feuchtigkeit muss durch vermehrtes Lüften nach draußen gelassen werden. Und unter ungünstigen Umständen kann sich Schimmel bilden. Es ist also besser, einen guten Wäschetrockner zu haben. Susan Taylor zumindest hat es gerichtlich erreicht, dass sie ihre Wäsche in der Sonne trocknen darf. Und mir ist es noch immer eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen, mich in ein frischbezogenes Bett zu legen, das nach Sonne riecht. Meinen altmodischen Eltern sei dank.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
rheinhold2000 schrieb am 22.06.2011 um 06:17
In dem Haus in dem wir wohnen gibt es einen riesigen Trockenboden.
1890 gebaut, da war das noch üblich.
Der wird natürlich nicht beheizt, trotzdem trocknet die Wäsche Sommer wie Winters ziemlich gut.
Als wir einzogen bin ich der erste gewesen der seit 10 Jahren diesen Dachboden betreten hat und ich musste auch erstmal Wäscheleienen spannen.
Die Nachbarn trocknen alle mit Wäschetrocknern, der Grund der genannt wird ist einfach: Ist bequemer, erspart zwei Gänge zum Dachboden.
Das ist ebenso bizzarr wie die Argmentation: Das Licht der Energiesparlampen ist so hässlich.
Und die Menschen in der dritten Welt bezahlen den Preis....


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.pngportlet_Phoenix-20.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG