Alltag

Technik-Nostalgie | 31.08.2011 14:15 | Jan Pfaff

Wie früher

Fotos aus Gaddafis Online-Überwachungszentrum in Tripolis zeigen Floppy-Disks und Videokassetten. Westliche Betrachter sind entzückt. Warum berührt uns veraltete Technik?

Welche Dinge bleiben von einem gestürzten Regime? Meist ein paar zertrampelte Diktatoren-Porträts und Bilder aus den Privaträumen der einstigen Machthaber. Von besonderem Interesse sind die Hinterlassenschaften des Überwachungsapparats. Das Wall Street Journal hat gerade eine Foto-Serie veröffentlicht, die Bilder aus einem Gebäude in Tripolis zeigt, in dem Gaddafis Sicherheitsleute unter anderem E-Mails und Online-Chats ihrer Landsleute überwachten.

Die Bilder zeigen leere Gänge, abgehängte Gaddafi-Bilder, vollgemüllte Konferenztische, viele Aktenordner – und Impressionen veralteter Technik. Da finden sich Computer-Monitore, die noch aus den 90ern stammen, auf den Boden ausgeleerte Kisten voller 3,5''-Disketten und Kartons mit klobigen Videokassetten.

Nichts weggeschmissen

Gaddafis Überwachungstechnik war allerdings nicht so rückständig, wie es auf diesen Bildern wirkt – bis vor kurzem waren die Geschäftskontakte des Regimes zu westlichen Firmen ja noch ausgezeichnet und Geld kein Problem, deswegen dürfte vieles up to date gewesen sein. Neue Technik ist nur das Erste, was Leute mitnehmen, die nach dem Regime-Sturz durch ein solches Gebäude laufen. Die aufbewahrten Disketten und Videos erzählen daher nicht so sehr von technischer Rückständigkeit, sondern eher von der Sammelwut eines Überwachungsapparates. Es wird nichts weggeschmissen.

Bemerkenswert sind aber auch die Kommentare, die sich unter einem Post der Foto-Serie auf dem technikaffinen Blog Boing Boing sammeln. Von Schadenfreude über veraltete Technik findet sich bei den westlichen Betrachtern keine Spur. Stattdessen geben sich viele beim Anblick der Disketten und Videokassetten hemmungslos der Technik-Nostalgie hin. "Oh wow, das flasht mich direkt zurück in meine High-School-Zeit", schreibt etwa ein Kommentator, der sich an sein eigenes 3,5''-Disketten-Laufwerk erinnert sieht – und an die Zeit, als er es benutzte.

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Überschaubare Zeitspanne

Aber warum wirken Bilder von Disketten aus Tripolis am anderen Ende des Globus als Erinnerungsmotor? Technische Produkte funktionieren so gut als Nostalgie-Medium, weil ihre Verwendung eine überschaubare Zeitspanne umfasst, bevor sie von der nächsten Innovation abgelöst werden. Beginn und Ende der Benutzung mögen dabei individuell variieren (es soll ja auch noch Menschen mit monochromen Handy-Displays geben), aber meist nur um wenige Jahre. Oder mal versucht, heute noch eine VHS-Kassette in einer "Videothek" auszuleihen? Eben. Genau deswegen hat man sofort eine bestimmte Zeit und die Menschen, mit denen man sie verbrachte, vor Augen, wenn man das Foto einer Box voller Videokassetten sieht.

 
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Kommentare
weinsztein schrieb am 01.09.2011 um 03:51
Warum Bilder von Disketten "aus Tripolis am anderen Ende des Globus" als Erinnerungsmotor wirken?

Damit wirft der Autor eine uns alle beschäftigende Frage auf, nach einer Betrachtung der Fotos von nostalgisch anmutenden Videokassetten und Disketten, geschossen auf des Globus' Rückseite, nach dem Blutbad und vor dem Blutbad. Nach allen bisherigen modernen Bombardements und Einsätzen von innovativen Marschflugkörpern mit nachrückenden Rebellen samt Königsflagge von vor 42 Jahren.
Jan Pfaff schrieb am 01.09.2011 um 11:00
Ach, darüber wurde doch schon an anderer Stelle so dies und das geschrieben, wenn ich mich recht entsinne.


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