Alltag

Sparschweine | 02.12.2011 16:00 | Susanne Lang

Was bin ich?

In der Antike sahen sie aus wie Schatzhäuser, später nahmen sie die Gestalt von Schweinen an. Heute sind sie aus transparentem Plastik: Auch Spardosen gehen mit der Zeit

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Sau mit Ferkeln, Sachsen, 18. Jahrhundert (Alle Fotos in dieser Galerie: Sparschweinschutz.de, Deutscher Sparkassenverlag, Presse)

Man darf sich das ungefähr so vorstellen: Ein freundlicher Herr mit akkurat gezogenem Scheitel sagt in feierlichem Ton „Nur in der eigenen Kraft ruht das Schicksal der Nation.“ Dann überreicht er dem kleinen Bürgerchen feierlich das wichtigste Utensil seines Lebens: ein gusseisernes Häuschen des Deutschen Schulvereins, verziert mit Emblem und deutschen Nationalfarben. Das Bürgerchen aus dem 19. Jahrhundert bedankt sich artig für seine Spardose, mit der es an das entscheidende Wirtschaftsprinzip herangeführt werden soll: Sparsamkeit. Tugendhaftigkeit statt Verschwendungssucht, Umsicht im Hauswirtschaften, Maßhalten im Genuss.

Heute hat das Schicksal der Nation zumindest verbal nichts mehr in Kundenräumen von Banken zu suchen. Heute findet das kapitalorientierte Initiationsritual der Sparschwein-Übergabe in offenen Foyers statt, die freundlichen Herren stylen ihr Haar statt es zu scheiteln und sagen „bitte, aber gerne“. Heute sieht die überreichte Gabe nicht aus wie eine Miniatur-Volksschule aus dem 19. Jahrhundert, sondern hat die Form eines Corporate-Design-Objekts. Heute bedanken sich der kleine Erdenbürger und seine kleine Erdenbürgerschwester denn auch artig für ihre Schweine, die gendergemäß wahlweise blau oder lila und – selbstverständlich! – aus transparentem Plastik sind. Nichts spiegelt den Möchtegern-Polit-Zeitgeist unserer Zeit besser als das Ideal und somit auch die Illusion maximaler Transparenz in allen Lebensbereichen. Die Spardose bleibt davon nicht verschont. Kein Wunder, sie war ja schon immer ein sehr guter Spiegel ihrer Zeit.

Wie üblich in der abendländischen Kultur, gilt auch für die Spardose: Schon die Griechen und die Römer kannten sie, was unabhängig von aktuellen Schuldenständen grundsätzlich positiv anzurechnen ist. Der älteste Sparbehälter stammt aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. (Privathaushalt in Kleinasien). Gemäß der antiken Praxis, Münzgeld in Tempeln aufzubewahren, hat er die Form eines Schatzhauses und trägt den bezeichnenden Namen „Thesaurus“. Sparsamkeit, so legte es schon Xenophon in seiner Hauswirtschaftslehre dar, wäre nutzbringend. Zudem eine Form der Besonnenheit, die nach der antiken Tugendlehre als erstrebenswert galt.

Das Konto im Virtuellen

So viel hat sich aus moralischer Sicht an den Maßstäben bis heute nicht verändert. Aktuell steht nicht der Kleinsparbürger am moralischen Pranger, sondern der gierige und verschwendungssüchtige Finanzbranchenmitarbeiter, der so einiges an kollektivem Porzellan zerschlagen hat, auch wenn er dafür kein einziges Schwein mit einem Hammer zertrümmern musste. Als Gegenreaktion wird nicht nur wieder Sparsamkeit und Verzicht eingefordert, ganz im Geiste von Henri Thoreau, Benjamin Franklin und anderen protestantischen Spartheoretikern, sondern auch eine Transparenz des Finanzwesens, die ein Zurück zu einem maßvollen, kontrollierbaren Wirtschaften suggeriert.

Bis zur jüngsten Krise des Geld- und Kapitalmarktes und somit so etwas wie der postmodernen Tugendlehre fand die tatsächliche „Schatzbildung“ (wie sie Marx als Kapitalismus-stützend und Arbeiter-selbstentfremdend kritisiert) hinter blickdichten Fassaden statt, egal ob in einem geschmiedeten Pokal aus den 1840er Jahren, dessen Münzschlitz ein Hund sorgfältig bewacht. Oder im klassischen Sparschwein, das zwar erst im 20. Jahrhundert massentauglich, aber stilprägend wurde. Anfangs töpferten es vor allem Bauern aus Keramik, die mit dem Tier Fruchtbarkeit, Genügsamkeit und schnelles Wachstum verbanden. Daneben fanden schnell auch alltagsgegenständliche Abwandlungen ihren Platz in den Kinderzimmern.

Sowohl in der frühen DDR als auch in der BRD hatte die Konsum- und Nippeskultur auf die Spargefäße ihren Einfluss. Da warf man seine Münzen schon mal in kleine Tresore mit Zahlenschloss, Fußbälle, Schafe und andere Tiere oder Arthouse-Kunstobjekte.

Denn die Spardose hatte sich längst zur Übergangsstation gewandelt. Das Konto im virtuellen Hintergrund ist seit Bismarck und der Einführung der Sparbücher das eigentliche Ziel aller Sparer. Und das Geld damit genau in jenen intransparenten Finanzraum verfrachtet, der den spekulativen Missbrauch des Kleinbürger-Ersparten möglich macht. Aber immerhin, das Schwein ist nun blickdurchlässig!

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Trauringe schrieb am 04.12.2011 um 11:08
Ich hätte nicht gedacht, dass es bereits 1840 Sparschweine gab... Deshalb ist die Nummer 12 mein Favorit!
Jörg Friedrich schrieb am 08.12.2011 um 16:59
Der Artikel könnte mich glatt anregen, eine "Philosophie des Sparschweins" zu schreiben ;-)

Das Sparschwein unterscheidet ja vom Konto, dass der Besitzer beim ersteren damit zufrieden ist, dass der Besitz gleichbleibt, sich nur dadurch vermehrt, dass man etwas hinzutut, während vom Konto erwartet wird, dass das Geld sich vermehrt.

Außerdem wird beim Schwein das Geld nicht nur dem eigenen Konsum entzogen sondern auch überhaupt dem Geldkreislauf.

Aber das wichtigste: Das Sparschwein hat seine Unschuld eigentlich in dem Moment verloren, als es geöffnet werden konnte ohne zerstört zu werden. Dadurch war es einerseits nicht möglich, sich bei ihm "Geld zu borgen" (ich weiß noch, wie ich an meinem Kuststoffsparschwein geschüttelt und gequetscht habe um den Schlitz zu erweitern ohne dauerhafte Spuren zu hinterlassen). Andererseits war das "Schlachten" des Sparschweins immer auch die Zerstörung eines an sich wertvollen Dings - was uns davon abgehalten hat, es zu tun und damit eben auch zur weiteren Enthaltsamkeit gezwungen hat. Deshalb sind manche Sparschweine auch so schön...
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